Die Diskussionen über den Zusammenhang von Armut und Krankheit blicken auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück. Wie so oft im komplexen gesellschaftlichen Gefüge erweist sich eine „Entweder-Oder“-Dichotomie hinsichtlich der Verursachung als nicht hilfreich. Also keine Engführung auf die Aussage „Armut macht krank“ versus „Krankheit macht Arm“, sondern wir haben es eher mit einer Gleichzeitigkeit dieser beiden unterschiedlichen Kausalitäten zu tun.
Armut
Der PISA-Schock gehört in den Geschichtsunterricht. Der in der Gegenwart testierte Bildungsabsturz schrumpft von einer gesellschaftlichen Schockwelle zur Eintagsfliege
Der eine oder andere wird sich noch erinnern an den Anfang des neuen Jahrtausends – der PISA-Schock schüttelte das Land ordentlich durch. Es gab heftige Reaktionen auf die Ergebnisse der ersten PISA-Studie im Jahr 2001, aus der deutsche Schüler im internationalen Vergleich mit nur unterdurchschnittlichen Ergebnissen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften rausgekommen sind. Es gab damals durchaus intensive Diskussionen über die Qualität des deutschen Bildungssystems und welche Reformen man auf den Weg bringen müsste. Und es wurde durchaus auch eine Menge (aus)probiert. Zumindest gab es einige Zeit nach den ersten Schockwellen ein Bewusstsein, dass es erhebliche Probleme gibt, die man systematisch(er) angehen müsste.
Arme werden ärmer, so der Paritätische Armutsbericht 2025
Seit 1989 veröffentlicht der Paritätische Gesamtverband regelmäßig seine „Paritätischen Armutsberichte“. In den vergangenen Jahren war die Präsentation der dort aufbereiteten Daten immer verbunden mit den wortgewaltigen Statements von Ulrich Schneider, dem Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, der nun aber – wie viele andere der Boomer-Generation auch – in den Ruhestand gegangen ist. Und zurückblickend kann man sagen, dass sowohl die Präsentation der Armutsberichte wie auch die reflexhafte ablehnenden Reaktionen bei einem Teil der Medien und der Wissenschaft (das sei doch gar keine Armut, die da als solche „skandalisiert“ werde, sondern höchstens Ungleichheit, und der Schneider mache das als wortmächtiger „Soziallobbyist“, um die eigenen Verbandsinteressen zu bedienen) in einem fast schon rituellen Modus gelandet sind.
Wie dem auch sei, der neue Armutsbericht des Paritätischen mit Daten für das Jahr 2024 wurde nun – ohne die Begleitmusik von Ulrich Schneider – der Öffentlichkeit vorgestellt. Die dazu gehörende Pressemitteilung steht unter der Überschrift Paritätischer Armutsbericht: Arme werden ärmer. »Einkommensarme Menschen haben in den vergangenen Jahren an Kaufkraft verloren. Insgesamt ist fast jede sechste Person in Deutschland von Armut betroffen.«
Obadachlose in Berlin und ihre (Nicht-)Gesundheit: Eine Studie der Charité zeigt dringenden Handlungsbedarf bei der medizinischen Versorgung von Menschen ohne Wohnraum
In den zurückliegenden Jahren wurde zumindest in den kalten Wintermonaten immer wieder mal berichtet über die Situation obdachloser Menschen. Der Eindruck aus der gerade vergangenen kalten Jahreszeit geht eher in die Richtung, dass die mediale Aufmerksamkeit tendenziell abgenommen hat – zu viele andere krisenhaften Themen der Mehrheitsgesellschaft beschäftigten Medien und Politik. Dabei ist die Lage der obdachlosen Menschen (und darüber hinaus der weitaus größeren Gruppe der wohnungslosen Menschen, von denen aber viele nicht auf der Straße leben, sondern in Notunterkünften oder in ihren persönlichen Netzwerken mehr oder weniger behelfsmäßig aufgefangen werden)* weiterhin mehr als prekär.
Wohnen macht (mehr) arm. Zur Berücksichtigung der Wohnkosten bei der Bestimmung der Armutsquote
»Viele Menschen müssen … heute mehr als ein Drittel fürs Wohnen ausgeben – manche sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens. Viele können nicht billiger wohnen, weil sie nicht die einzigen sind, die nach einer billigeren Wohnung suchen oder weil es da, wo sie arbeiten, keine billigeren Wohnungen gibt. Infolgedessen müssen sie einfach mit weniger Geld im Monat auskommen. Basierend auf den Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden die Einkommen um die Wohnkosten bereinigt und so eine Wohnarmuts-Grenze ermittelt.«
Durch die Berücksichtigung von Wohnkosten wird eine bislang unsichtbare Gruppe von 5,4 Millionen
Menschen sichtbar, die an und unter der Armutsgrenze lebt. Nicht 12,1 Millionen, sondern 17,5 Millionen Menschen müssen demnach als arm gelten. Die „konventionelle“ Armutsquote wurde für 2023 mit 14,4 Prozent ausgewiesen – die wohnkostenbereinigte Armutsquote hingegen wird nun auf 21,2 Prozent angehoben.