Am 29. Juni 2026 konnte man solche Meldungen lesen: Die »erste gesamtdeutsche Frühsommer-Hitzewelle ist zu Ende. Sie hat in Deutschland noch nie gemessene Temperatur-Rekorde gebracht, Trockenheit, Waldbrände, geplatzte Autobahnen, belastete Notaufnahmen und wohl auch mehr Todesfälle. Und es bleiben Fragen: Wann kommt die nächste Hitzewelle und wie können wir uns in der nächsten Zeit besser darauf vorbereiten?« Der Beitrag bilanzierte für alle unmittelbar nachvollziehbar: »Dabei hat sich … gezeigt, dass Deutschland nicht sonderlich gut auf derart extreme Hitze vorbereitet ist.«
Und dann wurde noch nachgeschoben: Ob es in dieser Hitzewelle mehr Todesfälle gegeben hat, müssen Auswertungen noch zeigen. Naheliegend sei ein Zusammenhang schon.
Zwei extreme Hitze-Wochen haben tausende Tote gekostet?
Kurze Zeit später wurden dann die ersten Auswertungen zu den Folgen einer zweiwöchigen extremen Hitzephase präsentiert – mit solchen erschreckenden Botschaften: »Bis Ende Juni sind in Deutschland rund 5.100 Menschen an den Folgen der extremen Hitze gestorben. Das haben Berechnungen des Robert Koch-Instituts ergeben. Die Zahl übertrifft schon jetzt die Werte ganzer Vorjahre.«Allein in der Woche mit den besonders heißen Tagen vom 22. Bis 28. Juni habe es 4.310 hitzebedingte Todesfälle gegeben – so das Ergebnis einer Analyse des Robert-Koch-Instituts (RKI).1
Man muss sich die Dimension dieser hitzebedingten Todesschneise, die in einer Woche durch das Land geschlagen wurde, vor Augen führen: Im gesamten vergangenen Jahr sind etwa 2.600 Menschen an den Folgen hoher Temperaturen gestorben. 2024 waren es rund 2.900 und 2023 etwa 3.200.2
Wo findet man die Originalquelle solcher Zahlen?
Schaut man beim RKI auf der Seite Hitze und Gesundheit, dann erfährt man dort: »In den Sommermonaten (in der Regel zwischen Juni und September) veröffentlicht das RKI jeweils donnerstags einen Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität in Deutschland. Die Berichterstattung beginnt, sobald die Wochenmitteltemperatur in Deutschland 20° übersteigt. 2026 wurde dieser Wert erstmals in der Kalenderwoche 25 (15.-21.6.2026) überschritten«, kann man beim RKI erfahren. Dort kann man auch ein Archiv der Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität (seit 2023) einsehen.
Das RKI weist selbst darauf hin, dass es gar nicht einfach sei, eine Größenordnung für die „Hitzetoten“ zu ermitteln: »In einigen Fällen, zum Beispiel beim Hitzeschlag, führt die Hitzeeinwirkung unmittelbar zum Tod, während in den meisten Fällen die Kombination aus Hitzeexposition und bereits bestehenden Vorerkrankungen zum Tod führt. Daher wird Hitze auf dem Totenschein normalerweise nicht als die zugrunde liegende Todesursache angegeben. Stattdessen müssen statistische Methoden angewendet werden, um das Ausmaß hitzebedingter Sterbefälle abzuschätzen.«
➞ Es sei hier nur angemerkt: Man sollte sich nicht auf eine „verengte“ Sichtweise beschränken: Neben Todesfällen sollten auch hitzebedingte Erkrankungen, Krankenhauseinweisungen, die Belastung des Gesundheitssystems und die damit verbundenen Kosten in die Debatte einbezogen werden.
Es muss berücksichtigt werden, dass die wenigsten Menschen direkt an der Hitze sterben. Die meisten sterben aufgrund einer Kombination von Faktoren, etwa Vorerkrankungen und Hitze.
Laut dem RKI machen Menschen im Alter von über 75 Jahren über 80 Prozent der Hitzetoten aus. Außerdem versterben mehr Frauen als Männer. Dies lasse sich aber durch den höheren Frauenanteil in den älteren Gruppen erklären.Seit Anfang des Jahres seien insgesamt schon 5.120 Menschen im Zusammenhang mit Hitze gestorben, schätzt das RKI. Auf der einen Seite sind die vom RKI ausgewiesenen Zahlen zur hitzebedingten Mortalität erschreckend hoch. Manche Experten gehen davon aus, dass die Zahlen tatsächlich noch viel höher sind. Es sei wissenschaftlich gut untersucht, dass sich die Wirkung der Hitze auf das Sterbegeschehen mit Verzögerungen von bis zu einigen Tagen oder sogar Wochen manifestiert.3
Ein kurzer Abstecher: Die lassen nicht lange auf sich warten: „Hitzetote-Leugner“ melden sich zu Wort
Der eine oder andere Leser mag sich bei den bisherigen Ausführungen erinnert gefühlt haben an die Corona-Pandemie vor allem im ersten Pandemie-Jahr 2020 und die damalige Debatte über die (angeblichen oder tatsächlichen) „Corona-Toten“. Daran war doch auch das RKI mit seinen Daten bzw. Zahleninterpretationen beteiligt. Da liegt es nahe, dass die damaligen „Corona-Leugner“ nun ein neues Spielfeld entdecken und das auch aufmachen. So ist es „natürlich“ auch passiert:
„RKI im Hitze-Panik-Modus!“ oder „Hitzetote-Humbug“ – um nur zwei der entsprechenden Botschaften exemplarisch zu zitieren, die seit einiger Zeit durch die sozialen Medien geistern.
Die Zahlen zu den Hitzetoten seien lediglich Schätzungen und nur in den wenigsten Fällen sei die Hitze wirklich die Todesursache.
Zurück in die Realität und die trockenen Schreckenszahlen
Die Zahlenangaben des RKI basieren auf den Sterbefallzahlen, die vom Statistischen Bundesamt geliefert werden (vgl. dazu genauer Statistischer Bericht – Sterbefälle nach Tagen, Wochen und Monaten – 2021 bis 2026).
Und das Statistische Bundesamt hat am 14. Juli 2026 unter der Überschrift Stark erhöhte Sterbefallzahlen während der Hitzewelle Ende des 2. Quartals 2026 diese Botschaft in die Öffentlichkeit getragen: »Sterbefallzahlen in der letzten Juniwoche 32 % über dem Vergleichswert der Vorjahre.«
Der Blick auf die Folgen der beiden vorerst letzten Hitzewochen ist „beeindruckend“ und für sich sprechend:

»Im 2. Quartal 2026 sind in Deutschland nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) rund 243.600 Menschen gestorben. Die Sterbefallzahlen bewegten sich zumeist im Bereich der mittleren Werte der vier Vorjahre oder merklich darunter. Ausnahmen waren erhöhte Sterbefallzahlen in Wochen mit hohen Durchschnittstemperaturen („Hitzewellen“). Besonders deutlich war dieser Effekt in der letzten Juniwoche (22. – 28. Juni), in der die Sterbefallzahlen zeitgleich mit einer historischen Hitzewelle um 32 % über dem mittleren Wert der vier Vorjahre lagen … Auf die einzelnen Monate bezogen betrug die Differenz zum jeweiligen mittleren Wert der Jahre 2022 bis 2025 für den April -5 % und für den Mai -2 %. Der von der Hitzeperiode geprägte Juni verzeichnete Sterbefallzahlen, die um 9 % über dem entsprechenden Vergleichswert lagen.«
Alle schwitzen bzw. haben geschwitzt und viele auch gelitten. Aber auch der „Hitzetod“ ist ungleich verteilt
Laut dem RKI machen Menschen im Alter von über 75 Jahren über 80 Prozent der Hitzetoten aus. Dieser Hinweis legt den Finger auf eine große sozialpolitische Wunde. Es waren und sind besonders vulnerable Gruppen, die unsere besondere Aufmerksamkeit bekommen sollten.
Man denke hier an die vielen alten Menschen, die krank und pflegebedürftig sind und die auf eine gegebene Infrastruktur stoßen, die nicht annähernd vorbereitet war und ist, mit diesen extremen Wetterverhältnissen wenigstens teilweise kompensierend umgehen zu können.
Insofern ist es auch nicht überraschend, wenn man auf solche Berichte aus den Hitzewochen stößt – um nur ein Beispiel zu zitieren:
»So etwas habe er in seiner Notaufnahme zuvor noch nicht erlebt, sagt Oberarzt Markus Günther vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart. „Wir waren letztendlich von Freitag bis Montag früh durchgehend beschäftigt, Patienten mit hitzeassoziierten Erkrankungen zu versorgen“, erzählt er. Am letzten Juni-Wochenende kamen ständig neue Patienten an: Körpertemperatur über 40 Grad und drohendes Multiorganversagen, weil bei über 42 Grad die Eiweißmoleküle im Körper zerfallen. Solche Notfälle müssen schnellstmöglich heruntergekühlt werden.
Günther und sein Team füllten sogenannte Bodybags mit Eiswürfeln und Wasser, legten die überhitzten Patienten hinein und zogen den Reißverschluss zu bis unters Kinn. Aber irgendwann ging das Eis aus. Sie mussten die Vorräte in der Forschungsabteilung plündern. Schließlich waren auch die erschöpft. „Dann haben wir Handtücher nass gemacht, sie auf den Patienten ausgebreitet und mit Ventilatoren Verdunstungskälte erzeugt“, erzählt der Oberarzt.
Die Bilanz des Wochenendes: 160 Menschen mit Hitzebeschwerden, teilweise mussten sie in die Intensivstation, ein Mensch starb. Auch in anderen Bereichen des Krankenhauses machte die Hitze Schwierigkeiten. Denn Klimaanlagen gibt es zwar in der Notaufnahme und einigen anderen Bereichen wie dem OP, der Intensivstation, in Dialyse, Labor und Apotheke. Aber nicht auf den Normalstationen.«
Wier haben Bilder wie aus einem schlechten dystopischen Film präsentiert bekommen: Da werden überhitzte und dehydrierte Menschen aus völlig überhitzten Wohnungen vom Rettungsdienst (dessen Personal in aller Regel in „natürlich“ in nicht klimatisierten Räumlichkeiten arbeiten muss) in Notaufnahmen gebracht, die nicht nur überlaufen, sondern selbst völlig überhitzt sind, weil es in den Krankenhäusern so gut wie keine Klimaanlagen gibt.Und während in den Medien eine teilweise schräge Diskussion entbrannte, wie das hitzebedingt eingeschränkte Leben der „Normalmenschen“ vor allem von wem und möglichst sofort) zu erleichtern sei (beispielsweise wurde ernsthaft diskutiert, ob „die Vermieter“ „natürlich“ auf deren Kosten für eine Klimatisierung der Wohnungen zu sorgen haben, da das Leben ansonsten unzumutbar sei und manche politische Aufmerksamkeitssammler die Chance gewittert haben, hier mit Forderungen nach einem Rechtsanspruch auf ein hitzefreies Leben punkten zu können oder wenigstens einmal auch in den Medien aufzutauchen),4 wurde von anderer Seite deutlich gemacht, dass man sich bei den unmittelbar anstehenden Entscheidungen und Maßnahmen, deren Umsetzung dann auch noch mal eine gehörige Zeit in Anspruch nehmen wird, nachdem man sie überhaupt erstmal auf den Weg bringen muss.
Zielgerichtetes Handeln in Zeiten des Mangels: Krankenhäuser und Pflegeinrichtungen müssten in das Zentrum der politischen und praktischen Aufmerksamkeit
Wenn man (noch und übrigens schon wieder) vor Augen hat, was für eine Tortur diese Hitzewellen für die vielen pflegebedürftigen Menschen beispielsweise in Pflegeheimen gewesen sind bis hin zu einer „Todesfalle“ in nicht-klimatisierten Zimmern und wie viele besonders vulnerable Patienten in den überhitzten Kliniken haben leiden müssen, dann könnte man auf die naheliegende Idee kommen, dass man wenigstens in diesen institutionellen Kernbereichen der Versorgung besonders anfälliger Personengruppen auf der Grundlage einer vor Ort vorhandenen „Hitzeschutzplanung“ gezielt Investitionen einplant und zur Umsetzung bringt, um Leben zu retten (oder zu verlängern).Das setzt aber voraus, dass es vor Ort überhaupt eine „Hitzeschutzplanung“ gibt – was leider aufgrund der nicht vorhandenen Verbindlichkeit in den allermeisten Kommunen schlichtweg nicht der Fall ist.5
Aber es besteht nun im wahrsten Sinne des Wortes angesichts der Ausmaße der Schäden, die klimawandelbedingt auf unsere Leben und unsere Lebenstile prallen, „dringender Handlungsbedarf“.
➔ Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hält es für richtig, einen eigenen Finanztopf zu schaffen, ein Hitzestopp-Investitionsprogramm in Höhe von 30 Milliarden Euro für Kliniken und Pflegeheime bis spätestens 2027.
Womit wir in diesem Fall investitionsbedingt erneut auf dem völlig verminten Spielfeld von Finanzbedarfen für Einrichtungen und Dienste des Gesundheits- und Sozialwesens angekommen sind. Und mit Blick darauf überrascht es dann auch nicht, wenn sofort der Kampf um die Zuständigkeiten an die Oberfläche gespült wird: »Bundesumweltminister Carsten Schneider sieht beim Hitzeschutz in Krankenhäusern vor allem die Länder und Städte in der Verantwortung. Der SPD-Politiker verwies auf die vom Bund im vergangenen Jahr zur Verfügung gestellten 100 Milliarden Euro für Infrastrukturinvestitionen« und die seien »ausreichend«, kann man dieser Meldung entnehmen: Schneider sieht Länder und Kommunen bei Hitzeschutz in der Verantwortung. Aber: Die Länder kämen seit Jahrzehnten ihrer Investitionspflicht nicht ausreichend nach – und da sprechen wir von den ganz allgemeinen Investitionskosten der Kliniken, ohne Berücksichtigung von solchen Sonderposten wir dem Hitzeschutz und den bei seiner Umsetzung anfallenden Baukosten.
➞ »Aus der Leitung des Harzklinikums in Quedlinburg hieß es dazu etwa: „Hitzeschutz ist für uns leider nur eine optionale Aktivität“. Das Krankenhaus kämpfe darum, die Basis aufrecht zu erhalten. Fördermittel habe es für den Ausbau der Notaufnahme gegeben, aber Hitzeschutz: „Das ist Luxus.“«
Vom Bundesgesundheitsministerium gibt es einen Muster-Hitzeschutzplan für Krankenhäuser, sogar mit Kühlzielen für Räume von 26 Grad am Tag und 20 Grad nachts.
Und wo ist der Haken? Verbindlich sind die Hitzeschutzmaßnahmen, anders als in Frankreich, nicht.
➞ Frankreich hat im laufenden Jahr 2026 bereits drei Hitzewellen hinter sich gebracht – und zieht durchaus Konsequenzen. Vgl. hierzu Frankreich verschärft Hitze-Krisenplan: Anfang Juli hat die Regierung verkündet, dass der „Zivilschutzplan für extreme Hitze“ aktiviert werde. Mit einem neuen Maßnahmenbündel: »Im Zentrum des Plans stehen die am stärksten gefährdeten Personen: Alte und hilfsbedürftige Menschen, die alleine zu Hause wohnen, auch Obdachlose auf der Straße. Ende Juni war gerade bei diesen Personen die Sterblichkeit um etwa 90 Prozent angestiegen.« Der Leiter des französischen Zivilschutzes, Julien Marion, wird mit diesen Worten zitiert: „Wir haben vorgesehen, diese Personen aus ihren Wohnungen, in denen sie in Gefahr sind, herauszubringen und sie an gekühlten Orten in den Kommunen in Sicherheit zu bringen. Das Ziel ist es, die empfindlichen Bevölkerungsteile zu schützen.“ Allerdings sollte man generell, auch bei dem, was in Frankreich angekündigt wurde, skeptisch sein und bleiben: »Wer genau sich um die gebrechlichen Personen kümmert und ob die Maßnahme am Ende verpflichtend ist, bleibt unklar. Die französische Regierung demonstriert zumindest, dass sie die Gefahren der Hitze ernst nimmt und handelt.«
Zurück nach Deutschland. Es müsste also vor allem planvoll, gesteuert etwas auf den Weg gebracht werden. Dann aber kommen wir ganz schnell in Bereiche, in denen seit langem das Gegenteil gefordert wird: Weniger Vorgaben, Deregulierung, billiger bauen können durch weniger „teure“ Auflagen, was für sich genommen durchaus seine Berechtigung hat bzw. haben kann.
➔ Dazu ein Beispiel aus Bremen: »Alte Menschen sind stark von Extremhitze betroffen. Bremen vergibt die Chance, Pflegeheimen Vorgaben zu Hitzeschutz in Innenräumen zu machen«, kann man diesem Beitrag entnehmen: Guter Rat statt gute Tat. Diese Tage wurde die Bremer Bauordnung für Pflegeeinrichtungen verabschiedet – ohne den Hitzeschutz für die Risikogruppe näher zu verankern. So die Kritik der Bremer Selbsthilfeinitiative „Heim-Mitwirkung“. Dabei gibt es seit 2024 den Bremer Hitzeaktionsplan, in dem die besonders vulnerablen Personengruppen benannt werden. Dort wird analysiert, welche Ortsteile und welche Menschen besonders betroffen sind – und führt auch Maßnahmen auf, um der Hitze zu begegnen:
»Auf alten Leuten und Pflegebedürftigen liegt ein klarer Fokus: Pflegeheime sollen eigens vor Hitzeereignissen gewarnt werden. Es sind Fortbildungen für Pflegekräfte geplant. Eine Karte zeigt auf, wie die einzelnen Pflegeeinrichtungen in ihrem Außenbereich von Hitze betroffen sind. Und: Die Heime werden verpflichtet, eigene Hitzeschutzpläne anzufertigen.«
Aber man sollte sich von den Worten nicht täuschen lassen:
»Doch hinter diesen Hitzeschutzplänen verbirgt sich in sehr vielen Fällen nur eine Zusammenstellung der üblichen Verhaltenstipps für akute Hitze. Man verwende den „Hitze-Knigge“ des Umweltbundesamtes, heißt es im Bericht der Bremer Wohn- und Betreuungsaufsicht: Fenster verdunkeln, leichtes Essen anbieten, auf ausreichende Wasserzufuhr achten, so etwas. Welche Instrumente eine Einrichtung in ihren Plan schreibt, bleibt ihr selbst überlassen.«
»Es geht also eher darum, wie die Pflegebedürftigen trotz Hitze überleben können – und weniger um konkrete Schritte, um die Temperatur im Innenraum zu senken, wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihren Hitze-Leitzielen vorsieht.«
Dabei enthält der Bremer Hitzeaktionsplan selbst einen vorsichtigen Hinweis darauf, was eigentlich anstehen müsste: „Über die Maßnahme hinaus sind ggf. notwendige baulich-investive Maßnahmen zu bedenken (z. B. Hitzeschutzfenster, kühle Räume zur Medikamentenlagerung)“, heißt es dort.Die Gelegenheit zu echten Regeln, zumindest für neu gegründete Einrichtungen, hat das Land jetzt aber auch verpasst: Vor wenigen Wochen wurde nach langen Diskussionen die neue Bauverordnung zum Bremischen Wohn- und Betreuungsgesetz verabschiedet.6
»Vorgeschrieben ist in dem Gesetz, wie viele zusätzliche Quadratmeter ein Zimmer braucht, wenn dort Beatmungsgeräte stehen, und dass jedes Stockwerk eines Pflegeheims über einen Fäkalienspülraum verfügen muss. Das Wort „Hitzeschutz“ allerdings kommt nicht vor.«
Es ist nicht so, dass das keiner auf dem Schirm hatte:
»Das kritisiert Reinhard Leopold von der Bremer Selbsthilfeinitiative „Heim-Mitwirkung“. Er war bis Mai Bremer Regionalbeauftrager des Pflegeschutzbundes Biva und saß als solcher in den Anhörungen zur Gesetzesnovelle. „Ich fordere seit Jahren vergeblich Hitzeschutz, aber bisher wird das nicht gehört.“«
Es braucht bauliche und technische Veränderungen – gerade für bestehende Pflegeheime, die nicht nach neuesten Standards gedämmt sind. „Man kann alte Gebäude jederzeit mit Außenjalousien oder Klimaanlagen nachrüsten“, so Leopold. „Aber man muss es eben auch wollen.“ Und finanzieren.
Die öffentliche Hand solle dafür zahlen, findet die BPA, die Vereinigung privater Heimbetreiber. Gemeinnützige Anbieter sehen es ähnlich: Die Landesarbeitsgemeinschaft der freien gemeinnützigen Träger in Bremen (LAG) hat im Juli 2025 im Gesetzgebungsprozess für die Bauordnung gefordert, dass das Land die Investitionskosten vollständig übernehme.
Wir ahnen schon, was passiert ist: Eine Einigung zur Übernahme der Kosten hat es nicht gegeben.
»Der Kompromiss: Die „baulichen Maßnahmen“ werden nicht vorgeschrieben, sondern nur empfohlen.«
Und last but not least: Die Last der großen Zahl
Wenn man durchgehalten hat, wird man schnell erkennen, wie schwierig bis unwahrscheinlich es bei dem gegebenen Finanzierungs- und Nicht-Zuständigkeitsdurcheinander ist, dass nur für die infrastrukturellen Kernbereiche wie Krankenhäuser und Pflegeheime in einer halbwegs absehbaren Zeit die erforderlichen Investitionen getätigt werden (können), um die nächsten und wahrscheinlich häufiger auf uns zukommenden extremen Hitzeperioden besser bewältigen zu können.
Aber stellen wir uns einmal rein hypothetisch vor, durch einen nationalen Kraftakt würde es uns gelingen, einen wirklich wirksamen Hitzeschutz den etwas mehr als 700.000 Menschen in der Langzeitpflege (und den Beschäftigten) in den Pflegeheimen zukommen zu lassen.
Wenn man weiß, dass deutlich weniger als 20 Prozent der nach SGB XI pflegebedürftigen Menschen überhaupt vollstationär versorgt werden, die große Mehrheit hingegen zu Hause von An- und Zugehörigen, teilweise unter punktueller Beteiligung ambulanter Pflegedienste oder mit Inanspruchnahme osteuropäischer Betreuungskräfte versorgt werden, dann sprechen wir „in einem zweiten Schritt“ von mehreren Millionen Wohnungen, für die sich die gleiche Aufgabe stellen würde.
Wenn man von der Verletzlichkeit und der damit einhergehenden Schutzbedürftigkeit ausgeht, dann müsste man genau diesen logischen Schritt machen.
Vor diesem Hintergrund ist – auch wenn man sich dringlich eine andere Welt wünschen würde – das zu erwarten, was systembedingt naheliegt: Eine neue Sau an anderer Stelle durch das Dorf der Aufmerksamkeitsökonomie zu treiben in der Hoffnung, dass man etwas Zeit gewinnt bis zur nächsten Hitzewelle und darüber hinaus man sich keine „teuren“ Gedanken machen muss.
Dann doch lieber eine „Pflegeversicherungsreform“ auf den Weg bringen, bei dem das Rückgrat des deutschen Pflege- und Betreuungssystems, also die pflegenden Angehörigen, einen ordentlichen Tritt von hinten bekommt: Denn nach dem Entwurf eines „Pflegeneuordnungsgesetz“ (PNOG) sollen die auch noch einen zusätzlichen „Sparbeitrag“ leisten, in dem ihnen die Rentenansprüche für ihre Sorgearbeit gekürzt werden.
Man könnte das (mindestens) doppelt zynisch nennen.
Fußnoten
- Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass das keineswegs eine „neue Diskussion“ ist, mit der wir uns hier beschäftigen müssen. Bereits in den zurückliegenden Jahren wurde immer wieder auf den Zusammenhang zwischen Hitze und überdurchschnittlich vielen Todesfällen aufmerksam gemacht. Vgl. exemplarisch dazu aus dem August 2024: »Im vergangenen Jahr hat es laut Experten mehr als 47.000 Hitzetote in Europa gegeben. Besonders betroffen war Griechenland. Die Autoren der Studie sehen aber auch Anzeichen, dass sich die Menschen zunehmend an Hitze anpassen.« (Quelle: Studie zählt mehr als 47.000 Hitzetote in Europa vom 13.08.2024). Die damals in der Berichterstattung erwähnte Studie ist unter Leitung des „Barcelona Institute for Global Health“ entstanden und kam zu noch deutlich mehr hitzeassoziierte Todesfälle als das, was wir heute im Umfeld der RKI-Zahlen diskutieren.
Wer sich für den europäischen Blick auf Mortalitätsexzesse beispielsweise durch Hitze interessiert, der wird hier fündig: EuroMOMO, dem „European mortality monitoring“-Netzwerk. Im 2. Quartal 2026 wurden dort in mehreren europäischen Ländern ebenfalls während der Hitzewelle Ende Juni größere Abweichungen von den erwartbaren Entwicklungen festgestellt. So wird dort aktuell insbesondere für Frankreich und für Belgien eine sehr hohe Übersterblichkeit („very high excess“) in der letzten Juniwoche ausgewiesen. Auch zahlreiche andere Länder weisen zumindest eine leichte („low excess“) oder moderate Übersterblichkeit („moderate excess“) auf.
Vgl. auch zum Stand der wissenschaftlichen Diskussion und das auf Hitze und Kälte ausgeweitet den einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren abdeckenden Übersichtsbeitrag von Roland Rau et al. (2026): Hitze- und kälteassoziierte Sterblichkeit in Deutschland in den Jahren 2000–2023, in: Deutsches Ärzteblatt, Nr. 13/2026
↩︎ - Vgl. ausführlicher zu den Rechenwegen und Ergebnissen: Matthias an der Heiden (2025): Hitzebedingte Mortalität in Deutschland 2023 und 2024, in: Epidemiologisches Bulletin, Nr. 19/2025, S. 3-9. Für zurückliegende Jahre vgl. beispielsweise Claudia Winklmayr et al. (2022): Hitzebedingte Mortalität in Deutschland zwischen 1992 und 2021, in: Deutsches Ärzteblatt, Nr. 26/2022, S. 451-457.
Wer sich für die methodischen Tiefen und Untiefen der Schätzverfahren interessiert, dem sei diese Studie empfohlen: Mattias an der Heiden et al. (2024): DAS: Weiterentwicklung und Harmonisierung des Indikators zur hitzebedingten Übersterblichkeit in Deutschland, Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt, Oktober 2024.
↩︎ - Um das Bild nach allen Seiten abzurunden: Auf der anderen Seite gibt es auch den Effekt der vorgezogenen Sterbefälle (Mortality Displacement) infolge einer Hitzewelle. Es versterben also Menschen, die normalerweise erst in den nächsten Wochen oder Monaten verstorben wären, zum Beispiel aufgrund hohen Alters oder chronischer Krankheit. Viele Studien haben jedoch gezeigt, dass dies bei Weitem nicht alle Sterbefälle betreffe, in manchen Studien ist sogar kaum oder gar kein „Mortality Displacement“ aufgetreten. Das wurde natürlich auch während der Corona-Pandemie diskutiert und von den Kritikern der Behauptung, es hätte „Corona-Tote“ gegeben, als Argument vorgetragen. Aber: »There have been suggestions that the coronavirus pandemic has led to the deaths of many ‘vulnerable’ people who would have otherwise been expected to die in the following days, weeks or months. “However, today’s analysis shows that while there is some evidence of this so-called ‘mortality displacement’ among older age groups – it does not account for the significant excess mortality seen since the beginning of the pandemic«, so der statistische Kommentar in dem Beitrag Excess mortality and mortality displacement in England and Wales: 2020 to mid-2021 des Office for National Statistics, 15.10.2021.
↩︎ - Man muss sich an dieser Stelle vielleicht einmal die Größenordnung klar machen, über die wir im normalen Wohnbereich sprechen. Schauen wir dazu auf die neuen Wohngebäude, nicht auf den Bestand insgesamt: »Anteil der Wohngebäude mit Klimaanlagen oder anderen Anlagen zur Kühlung binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt«, hat das Statistische Bundesamt am 30. Juni 2026 gemeldet. Das hört sich doch nach einem ordentlichen Fortschritt an, wenn da nicht dieser ewige Kritikaster-Einwurf „Auf die Grundgesamtheit kommt es an“ wäre, denn: »4,3 % der 58.885 im Jahr 2025 fertiggestellten Wohngebäude in Deutschland verfügten über eine Anlage zur Kühlung.«
Nun ja, Klimaanalagen bei 4,3% der neuen Wohngebäude wohlgemerkt, das kommt jetzt doch ziemlich mickrig daher. Ist es auch. Würde man jetzt auch noch die vielen älteren, alten und sehr alten Wohngebäude in Rechnung stellen, dann wird klar, was es für eine Aufgabe wäre, würde man eine flächendeckende Klimatisierung nur eines weiterhin kleineren Teils der Wohngebäude veranlassen wollen.
Und noch ergänzend ein spezifischer Blick auf das Gesundheits- und Sozialwesen, was Neubauten angeht. Das Statistische Bundesamt schreibt dazu mit Blick auf die 2025 fertiggestellten Wohngebäude und der Frage, wie viele von denen ganz oder teilweise eine Klimatisierung mit auf den weiteren Lebensweg bekommen haben: »Bei den 259 neu errichteten Gebäuden des Gesundheitswesens waren es 34,4 % (2015: 24,8 %). Bei den 683 neuen Gebäuden des Sozialwesens waren es dagegen nur 14,5 % (2015: 5,7 %). Hierzu zählen unter anderem Kitas und Pflegeeinrichtungen.«
↩︎ - Schaut man beim Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf der Seite Gesundheitsrisiko Hitze vorbei, dann findet man dort die Überschrift: „Mit Hitzeaktionsplänen auf die Lage vor Ort reagieren“: »Im föderalen System in Deutschland liegt die Verwaltungs- und Finanzierungskompetenz für den Schutz der Gesundheit vor Hitze bei den Ländern. Deshalb sind Länder, Städte und Kommunen zuständig für Hitzemaßnahmen und Hitzeaktionspläne, mit denen sie sich kurz-, mittel- und langfristig besser auf Hitzephasen vorbereiten und damit die Bevölkerung vor Ort schützen können. Umfassende Empfehlungen zur Erstellung kommunaler Hitzeaktionspläne wurden von Bund und den Ländern bereits 2017 erarbeitet.« Das hört sich doch schon mal nach einem Plan an. Lesen wir weiter: »Die konkreten Maßnahmen im Hitzeaktionsplan variieren von Kommune zu Kommune – jeder Plan muss ortsspezifische Gegebenheiten berücksichtigen und entsprechende Lösungen finden. Etwa neue Konzepte der Stadtgestaltung und Bauleitplanung oder Maßnahmen für mehr Stadtgrün, genauso wie kurzfristige Aktionen für mehr Verschattung. Auch spezielle Handlungsabläufe in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen oder Informationskampagnen können Teil des Plans sein; ebenso das Monitoring.« Nicht nur der Berufsskeptiker wird angesichts der Art und Weise der Formulierung ins Grübeln kommen. Da wird in der Regel im Konjunktiv gesprochen, man könnte, man sollte. Und dann kommt zur Sedierung des Publikums diese Formulierung: »Immer mehr Bundesländer, Städte und Kommunen haben sich in der den letzten Jahren auf den Weg gemacht, indem sie bereits eigene Hitzeaktionspläne implementiert haben oder planen dies zu tun.« Und wie viele waren bzw. sind das? Wenn man das so formuliert, dann wird man ahnen, dass die keine belastbaren Zahlen haben oder sie haben sie und wollen sie lieber nicht veröffentlichen. Es gibt aber durchaus viele Papier. Allerdings hätte eine Klimatisierung in einem Pflegeheim eine ganz andere Bedeutung als eine Handvoll Powerpoint-Folien und die Einrichtung eines Klimabeauftragten, der dann auch „das Hitzethema“ mit bearbeiten kann und soll. Nur kann der oder die auch nur viel schreiben und Folien machen.
↩︎ - Die Bauverordung zum Wohn- und Betreuungsgesetz gilt grundsätzlich auch für Bestandseinrichtungen. Die Anforderungen von dort muss ein Pflegeheimbetreiber auf jeden Fall auch dann einhalten, wenn er einen Altbau übernimmt; sonst gibt es keine Genehmigung. Außerdem können in der Bauverordnung Regelungen getroffen werden, in welchem Zeitraum auch Bestandseinrichtungen ihre Infrastruktur ändern müssen.
↩︎