Ein Dauerthema im Public Health-Bereich ist der Zusammenhang zwischen der sozioökonomischen Lage und der Gesundheit bzw. Krankheit. Dazu gibt es zahlreiche Studien und sogar seit Jahren einen jährlichen Kongress Armut und Gesundheit.
»Ob und inwiefern die ökonomische Situation von Personen eine Auswirkung auf deren Gesundheit hat, ist schon seit Längerem Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. In der Literatur finden sich zahlreiche Arbeiten, die die These stützen, dass die ökonomische Situation einer Person einen Einfluss auf ihre Gesundheit hat.«
So beginnt eine mit Stand Juni 2026 veröffentlichte und aus dem parlamentarischen Raum angeforderte Dokumentation der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages: Zum Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation und dem Zugang zur Gesundheitsversorgung. Studien und andere Publikationen. Darin werden bekannte und immer wieder – auch in Beiträgen in diesem Blog – diskutierte Befunde zitiert. Beispiel:
»So ist die Lebenserwartung in Regionen mit hoher sozioökonomischer Deprivation, verglichen mit Regionen mit niedriger sozioökonomischer Deprivation, für Frauen 4,3 Jahre und für Männer gar 7,2 Jahre geringer. Auch bei der Morbidität, zeigt sich, dass sozioökonomisch benachteiligte Gruppen besonders von chronischen Erkrankungen betroffen sind. Die Verbreitung (Prävalenz) von Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen und Arthrose liegt in niedrigeren Einkommensgruppen deutlich höher als in höheren Einkommensgruppen. Betrachtet man die Mortalität im Alter unter 65 Jahren, lässt sich eine eindeutige Tendenz erkennen, dass Personen aus unteren Einkommensschichten häufiger früher versterben.« (S. 4).
An dieser Stelle ist aber darauf hinzuweisen, dass es bei solchen Thematisierungen um den Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation und der Gesundheit bzw. Krankheit geht.
Damit eng verbunden, zugleich aber auch ein eigenständiges Themenfeld ist der der Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation und der Gesundheitsversorgung, wobei man darunter die Betreuung, Pflege, Diagnose, Nachsorge, Prävention und die Gesundheitsförderung versteht. Und genau um diesen besonderen Aspekt geht es bei der Dokumentation von Studien und anderen Publikationen seitens der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages.
Und die zusammenfassende Beschreibung dessen, was man bei dem Versuch einer Beantwortung der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation und der Gesundheitsversorgung gibt, zu berücksichtigen hat, erlaubt eine Annäherung an das hochgradig komplexe Unterfangen:
»Bei der Analyse der Gesundheitsversorgung werden Aspekte des Zugangs, der Inanspruchnahme und der Qualität der Versorgung unterschieden. Als Indikatoren für den Zugang zu Versorgungsleistungen kommen u.a. Wartezeiten, Zuzahlungen und Gebühren sowie die zur Verfügung stehenden Angebote in Betracht. Bei der Inanspruchnahme spielen Indikatoren wie die Häufigkeit von Kontakten mit Ärzten, Krankenhausaufenthalten, operativen Eingriffen, Rehabilitationsmaßnahmen oder die Teilnahme an Untersuchungen eine Rolle. Bei der Qualität werden die Interaktion zwischen Patienten und Ärzten, die Anwendung bestimmter Verfahren und die Versorgungsergebnisse wie Komplikations- und Überlebensraten, Wiedereinweisungen oder Rezidive betrachtet.« (S. 4).
Im weiteren Gang der Dokumentation wird dann eine überschaubare Menge an Veröffentlichungen aus den vergangenen Jahren in Form einer (unkommentierten) Literaturliste zur Verfügung gestellt.
Zumindest wird eingangs der Dokumentation darauf hingewiesen, dass »der Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation und der Gesundheitsversorgung erst in den letzten Jahren vermehrt in den Blick genommen« wird. Explizit zitiert wird dabei die 2021 veröffentlichte Arbeit von Andreas Mielck und Verina Wild: „Gesundheitliche Ungleichheit – Auf dem Weg von Daten zu Taten“.1 Aber auch in solchen Veröffentlichungen findet man zumeist nur eher abstrakt gehaltene Vorschläge, wie man denn praktische Umsetzungen einer Verringerung der Ungleichheiten beim Zugang und der Leistungen der Gesundheitsversorgung hinbekommen könnte.
Da liegt es nahe, einmal in die Tiefen und Untiefen dessen zu schauen, was tatsächlich schon versucht wird. Das soll hier am Beispiel eines Stadtteils passieren, der vielen Menschen gerade aktuell durchaus präsent ist, wenn auch mehrheitlich wegen anderer „herausforderungsvollen“ Lagen: Berlin-Neukölln.
Was braucht es? Empathie, politische Wille – und einen langen Atem
»Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status leben deutlich ungesünder und sterben früher. Die Ursachen sind tief im System verwurzelt. Wer dagegen ankämpfen will, braucht Empathie, politischen Willen und einen langen Atem.« So beginnt der Beitrag Public Health: Zu arm, um gesund zu sein von Valentin Frimmer, der im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde.
Konkret geht es um eine im Berliner Bezirk Neukölln angesiedelte Einrichtung, die unter dem Label Gesundheitskollektiv (Geko) verhandelt wird: Das Geko Stadtteil-Gesundheits-Zentrum Neukölln, das seit 2016 vom Verein Gesundheitskollektiv Berlin e.V. in Kooperation mit einer allgemeinmedizinischen und einer kindermedizinischen Praxis sowie einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und zwei Erwachsenentherapeuten betrieben wird. Frimmer schreibt dazu:
»Die Einrichtung im Berliner Bezirk Neukölln unterscheidet sich deutlich von einer Arztpraxis oder einem Medizinischen Versorgungszentrum. Fachleute aus Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Psychologie und Sozialer Arbeit wirken hier unter einem Dach. Es gibt Beratungsangebote zum Umgang mit Behörden, Krankenkassen und der eigenen Familie. Im Café im Erdgeschoss hört man Geschirr klappern, zwei Frauen unterhalten sich auf Türkisch und kochen Cappuccino. An einem Schwarzen Brett informieren zahlreiche Aushänge über Workshops und Gruppenveranstaltungen.
Ziel ist es, Menschen niedrigschwellig zu erreichen, die sonst gesundheitlich das Nachsehen hätten. Denn das Einzugsgebiet, in dem rund 10 000 Menschen leben, gilt als sozioökonomisch und strukturell benachteiligte Wohngegend … Ein Erstgespräch dauere hier mindestens 30 Minuten.«
Man ahnt es schon – allein mit einer Regelfinanzierung aus den Töpfen der Gesetzlichen Krankenversicherung lässt sich das nicht bewerkstelligen. Das Geko bekommt verschiedene Fördermittel, auch vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Auch in diesem Beitrag wird die Ambivalenz des Themas Zusammenhang von ungleichen Lebenslagen und Gesundheit bzw. Krankheit angesprochen: Es sind auch, aber eben nicht nur die „schlechten Verhältnisse“, die zu ungleichen Ergebnissen führen, sondern ein Sowohl-als-auch:
Hinsichtlich der möglichen Gründe, warum sozioökomisch benachteiligte Menschen im Schnitt kränker sind: »Sie haben oft körperlich forderndere Berufe, leben häufiger an Orten mit höherer Umweltbelastung oder in schlechteren Wohnungen und nehmen seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch.« Einerseits. Und zugleich: »Eine der Hauptursachen für die gesundheitlichen Unterschiede ist aber auch, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in ihrem Lebensstil deutlich voneinander abweichen. So sind Menschen mit niedrigem Bildungsgrad viel öfter übergewichtig, rauchen signifikant häufiger, essen im Schnitt weniger Obst und Gemüse und erreichen deutlich seltener Zielwerte von Bewegungsempfehlungen.«
Aber bevor man nun vorschnell die Lösung des Problems in der Aufforderung sieht, dann müsse eben ein Lebensstilwechsel vollzogen werden:
»Benachteiligte Menschen sind oft auch psychisch belastet. Sie haben mitunter Geldsorgen, ihre Jobsituation ist unsicher, sie leben womöglich beengt und in Vierteln mit mehr Kriminalität. „Wir haben Leute hier, die ihre Briefe nicht mehr aufmachen, weil sie Panik haben, dass da noch mehr Rechnungen drin sind. Diese Menschen haben keinen Nerv dafür, sich auch noch Gedanken über Yoga und Beckenboden zu machen“, sagt Hänel vom Geko. Hinzu komme, dass Stress auch sehr direkt wirke. „Stress erhöht den Kortisolspiegel. Stress ist suchtgefährdend. Stress führt dazu, dass man nicht zu Ruhe kommt, dass man sich nicht mit gesunden Sachen beschäftigt.“«
Dann wird das Bild aufgemacht und bei allen Versuchen, einen ganzheitlich ausgerichteten Zugang zur Gesundheitsversorgung zu organisieren, wird auf die Einbettung der Menschen in ein weitaus größeres „System“ hingewiesen. Frimmer zitiert in seinem Beitrag Benjamin Schüz, Leiter der Forschungsgruppe Prävention und Gesundheitsförderung an der Universität Bremen:
»Menschen mit niedrigem SES haben es schwerer in einem System, das nicht auf gesundes Verhalten ausgerichtet ist … Er wünscht sich, dass die Politik stärker eingreift: striktere Werbeverbote für Alkohol und Zigaretten, einfacheren Zugang zu Sport- und Gesundheitsangeboten, höhere Steuern auf Alkohol und ungesunde Lebensmittel, eindeutige Kennzeichnungen, die die Entscheidung im Supermarkt erleichtern. Die geplante Zuckerabgabe hält Schüz für einen gute Schritt. „Es geht nicht darum, Dinge zu verbieten. Es geht eher darum, der Manipulation durch die Industrie einen Riegel vorzuschieben und Menschen zu unterstützen, nicht im Übermaß ungesunde Produkte zu konsumieren.“ Werbung vermittele oft ein sehr positives Bild ungesunder Lebensmittel … „Dort lautet die Devise: Glückliche Kinder trinken Limo.“ Hängen bleibe bei den Menschen dann häufig: Wenn das normal ist und es alle so machen, kann es ja nicht so schlimm sein. „Wichtig wäre, diese Wahrnehmung zu ändern“ … Er verweist auf Studien, die zeigen, dass sowohl die Werbung als auch die Platzierung von Lebensmitteln im Supermarkt beeinflussen, was wir als normal wahrnehmen.«
Das geht alles über eine noch so niedrigschwellig ausgerichtete Gesundheitsversorgungseinrichtung hinaus. Was man auch bei diesem Vorschlag erkennen kann: Schütz plädiert für mehr Gesundheitsbildung in der Schule:
„Das ist sicher nicht die alleinige Lösung, aber zumindest ein Baustein.“ Allerdings müsste es im Unterricht um mehr gehen als beispielsweise um die Risiken des Rauchens oder von Fast Food und Fertigprodukten. „Es müssten Fähigkeiten vermittelt werden, wie man sich erfolgreich in einem gesundheitsfeindlichen System bewegt. Was mache ich also, wenn alle meine Freunde rauchen? Wie können wir zu Hause gesund essen, auch wenn wir wenig Geld haben?”
Hier gibt es einen direkten Link zu dem, was seitens des Gesundheitskollektivs angeboten wird (bzw. werden kann). Aus deren Reihen wird das Plädoyer, mehr im Setting Schule zu machen, unterstützt:
»Geko-Koordinatorin Hänel fände es zudem gut, wenn mehr ärztliche Leistungen direkt in den Schulen angeboten werden würden. Das können Zahnuntersuchungen, Impfungen und grundsätzliche Check-ups sein. „Das würde die Versorgung der Kinder ein Stück weit von den Kapazitäten der Eltern entkoppeln“, so Hänel.«
Frimmer bilanziert:
»Werberestriktionen, Bildungsprogramme, mehr soziale Gerechtigkeit: Viele Vorschläge zielen auf das System ab und weniger auf die Patientenversorgung vor Ort. Doch auch hier kann man was tun, wie das Geko in Neukölln zeigt.«
➔ »Eine Möglichkeit sei, gesundheitliche Angebote unter einem Dach zugänglich zu machen.«
➔ »Das Geko hat zudem Angebote, die sehr niedrigschwellig an einen gesünderen und stressfreieren Lebenswandel heranführen sollen. So gibt es beispielsweise „Gemüse auf Rezept“, bei dem sich Patientinnen und Patienten – praktisch auf Anordnung des Arztes oder der Ärztin – an einer Gemüsekiste bedienen dürfen. Bei „Kunst auf Rezept“ begleitet eine Sozialarbeiterin einen Museumsbesuch. „Ernährung, kulturelle und soziale Angebote können genauso heilsam oder präventiv wirken wie klassische Medizin“«, wird die Ärztin Patricia Hänel, die im Geko als Projektkoordinatorin fungiert, zitiert.
Immer wieder wird man mit den systemischen Grenzen solcher „Ausbruchsversuche“ konfrontiert.
„Pauschale Ratschläge sind aber nutzlos“, so Patricia Hänel. Es sei wichtig, auf die Lebensumstände der Menschen einzugehen.
Das sei mit den aktuellen Abrechnungslogiken im bestehenden Krankenversicherungssystem aber zeitlich kaum machbar.
Wie geht es (nicht) weiter mit diesen Versuchen einer anderen Versorgung?
Hoffnung und Skepsis sind hier gleichzeitig vertreten: »Multiprofessionelle Gesundheitszentren wie das Geko könnte es in Zukunft häufiger geben, glaubt Koordinatorin Hänel. Ihre Zahl wachse, allerdings vornehmlich in benachteiligten Stadtvierteln. Das sei zwar grundsätzlich positiv. „Es besteht aber die Gefahr, dass solche Gesundheitszentren dadurch den Anstrich von Armenmedizin bekommen.“«
➔ Man muss allerdings eingestehen, dass die angesprochene Expansion der dem Beispiel aus Berlin-Neukölln folgenden multiprofessionellen Gesundheitseinrichtungen – vorsichtig formuliert – „überschaubar“ daherkommt. Das Gesundheitskollektiv Berlin e.V. in Neukölln betreibt das Stadtteil-Gesundheits-Zentrum seit 2016. Das Gesundheitskollektiv Bonn e.V. arbeitet am Aufbau eines „solidarischen Zentrums für eine faire und nachhaltige Primärversorgung“. Das Gesundheitskollektiv Dresden plant und entwickelt ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum in Dresden-Gorbitz. Ähnliche Bestrebungen werden aus Norddeutschland vom GesundheitsKollektiv Lübeck berichtet. Es gibt lokale Initiativen und Gruppen unter anderem in München (Giesing), Köln (Kalk) und weiteren Regionen.
Weitere Informationen findet man bei dieser „Dachorganisation“: Poliklinik Syndikat, ein Zusammenschluss von Projekten in Deutschland, „die solidarische, interprofessionell arbeitende Gesundheitszentren aufbauen und betreiben“ (wollen): »Was 2019 als lose Netzwerkstruktur begann, entwickelte sich bis 2023 zu einem eingetragenen, gemeinnützigen Verein mit wachsender Mitgliederzahl. Unsere Mitglieder sind Vereine, die entweder bereits ein Gesundheitszentrum betreiben oder sich in der Gründungs-/ Aufbauphase befinden.« Das Poliklinik-Syndikat besteht derzeit aus 15 aktiven Mitgliedsgruppen.
Nun handelt es sich bei den vorgestellten Initiativen und ersten Gehversuchen nicht nur um eine Art „technische Innovation“ im bestehenden, versäulten System der (Nicht-)Gesundheitsversorgung, sondern sie sind alle mehr oder weniger politisch aufgeladen und man übertreibt sicher nicht, wenn man diese Initiativen dem linken politischen Spektrum zuordnet.
Das System schlägt zurück bzw. saugt den Ansatz auf – genauer: Im System wurde das versucht (und vorerst?) gestoppt. Die „Gesundheitskioske“ als Einstiegsversuch
Es gibt viele Argumente (die übrigens seit Jahrzehnten vorgetragen werden) für einen Umbau des nur historisch zu verstehenden extrem versäulten Gesundheitssystems, mit dem zahlreiche mehr oder weniger große Versorgungslöcher einhergehen. Um das zu vertreten muss man nicht „links“ oder gar parteipolitisch gebunden sein. Man kann das auch rein funktional begründen.
Und man kann den objektiven Handlungsbedarf erkennen und darauf mit anderen Gesundheitsversorgungseinrichtungen zu reagieren versuchen, ohne gleich im Gepäck die Menschen auch noch mit anderen politischen Botschaften beglücken zu wollen. Genau das ist in der offiziellen Gesundheitspolitik vor einiger Zeit passiert. Jedenfalls konzeptionell, bis hin zu einem gesetzgeberischen Entwurfsvorstoß, also auf dem Papier.
Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat in der Ampel-Koalition versucht, das Konzept der Gesundheitskioske in das SGB V einzubauen.
Was muss man sich unter „Gesundheitskiosken“ vorstellen?
Das Konzept sollte eine neue, niedrigschwellige Anlaufstelle schaffen, die zwischen Bevölkerung, Arztpraxen, Krankenhäusern und sozialen Beratungsangeboten vermittelt. Vorgesehen waren insbesondere Gesundheitsberatung und Stärkung der Gesundheitskompetenz, Unterstützung bei der Orientierung im Gesundheitssystem, Vermittlung in die medizinische Versorgung, Prävention und Unterstützung bei einem gesundheitsförderlichen Lebensstil, besondere Ausrichtung auf Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf.
➔ Die „Gesundheitskioske“ sind bzw. waren auf der einen Seite ein durchaus ambitionierter und zugleich im Vergleich zu dem Ansatz der multiprofessionellen Gesundheitsversorgungseinrichtungen zugleich ziemlich „gestutzt“ daherkommender Versuch, einige ausgewählte Grundgedanken in das bestehende System zu implementieren:2
»Deutschlandweit sollen neue Beratungsangebote für Patientinnen und Patienten in sozial benachteiligten Regionen aufgebaut werden. Das ist Ziel einer Gesetzesinitiative, die Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach beim Besuch des Gesundheitskiosks Hamburg Billstedt vorgestellt hat. Entsprechende Eckpunkte liegen vor, die gesetzlichen Regelungen sollen zeitnah folgen. Danach sollen langfristig 1.000 Gesundheitskioske bundesweit aufgebaut werden. Initiiert werden sollen die Anlaufstellen von den Kommunen, finanziert mehrheitlich von den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen, die Kommunen beteiligen sich. Hauptaufgabe der Kioske ist es, den Zugang zur Versorgung der Patientinnen und Patienten mit besonderem Unterstützungsbedarf zu verbessern und die Versorgung zu koordinieren«, so das Bundesgesundheitsministerium am 31. August 2022 unter der Überschrift Regierung plant Gesundheitskioske deutschlandweit. Lauterbach präsentiert Eckpunkte für Gesetzesinitiative. Ein zentraler Unterschied zwischen dem, was damals seitens der Politik hier in Deutschland als „Gesundheitskiosken“ verkauft werden sollte zu internationalen Beispielen wurde von den Wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestages 2023 so auf den Punkt gebracht:
»Während Gesundheitskioske in Deutschland eher ein zusätzliches Beratungs- und Unterstützungsangebot für benachteiligte Regionen und Bevölkerungsgruppen anbieten sollen, liegt der Schwerpunkt in Finnland und den USA auf der Durchführung konkreter medizinischer Maßnahmen und Behandlungen. Insofern können die Begriffe nicht synonym verwendet werden.«
Das „1.000-Kioske“-Konzept des damaligen Bundesgesundheitsministers war auch finanzierungsseitig unterfüttert:
Die Finanzierung sollte zu 74,5 % durch die gesetzliche Krankenversicherung, zu 5,5 % durch die private Krankenversicherung und zu 20 % durch die Kommunen erfolgen.
Es verwundert nicht: Die geplante Finanzierung stieß auf Widerstand, insbesondere wegen der finanziellen Belastungen und der Frage, ob diese Aufgaben zum Leistungsbereich der Krankenversicherung gehören sollten.
2024 wurde der Ansatz aufgenommen in die Planungen eines Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetzes (GVSG). Aber: In der späteren Gesetzesfassung waren sie nicht mehr enthalten, sie sind im parlamentarischen Prozess über Bord geworfen worden. Im Januar 2025 wurde dann das GVSG im Bundestag ohne die ursprünglich vorgesehenen Regelungen zu Gesundheitskiosken, kommunalen Gesundheitsregionen und Primärversorgungszentren verabschiedet.
Im Herbst 2026 müssen wir festhalten:
Gesundheitskioske als bundesweit geregelte Leistung der GKV: Die dafür vorgesehenen Regelungen sind im Gesetzgebungsverfahren wieder herausgenommen worden. Eine entsprechende allgemeine gesetzliche Grundlage wurde im GVSG nicht geschaffen.
Wir sind wieder zurückgefallen auf lokale Initiativen und Projekte, die aber zumindest von der Ausrichtung weit über das gescheiterte Kiosk-Konzept hinausgehen.
Die gesundheitspolitische Diskussion hat sich inzwischen teilweise auf die Weiterentwicklung der Primärversorgung verlagert. Die Gesundheitsministerkonferenz der Länder forderte im Juni 2026 unter anderem eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit, Case- und Care-Management sowie bessere Rahmenbedingungen für qualifizierte nichtärztliche Gesundheitsberufe. Das ist inhaltlich mit einzelnen Zielen der Gesundheitskioske verwandt, aber keine Wiedereinführung des bisherigen Kiosk-Konzepts, das ja – wie beschrieben – eine Verengung auf Beratung und Begleitung darstellt.
Fazit: Die Idee einer niedrigschwelligen, sozialräumlich orientierten Versorgung hat vorerst keinen gesetzgeberischen Einstiegspunkt gefunden, sie bleibt aber weiterhin eine offene Frage der Organisation und Finanzierung der Primärversorgung in Deutschland und damit auf der gesundheitspolitischen Tagesordnung.
- Vgl. dazu auch diesen zusammenfassenden Beitrag der beiden Autoren: Andreas Mielck und Verina Wild (2022): Soziale Ungleichheit und Gesundheit – von Daten zu Taten, in: Gesundheit + Gesellschaft Wissenschaft, Heft 1/2022, S. 7–15 ↩︎
- Man muss wissen: Die ersten Gesundheitskioske wurden bereits im Jahr 2017 in Deutschland im Rahmen eines Modellprojekts eingeführt. Sie sollten in benachteiligten Regionen einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratungs-, Informations- und Präventionsangeboten sowie zur Behandlung kleinerer medizinischer Beschwerden bieten. Vgl. dazu und zugleich den Blick über den nationalen Tellerrand richtend: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages (2023): Gesundheitskioske in Deutschland, in den USA und in Finnland, Berlin, Januar 2023. ↩︎