Von einem potenziellen „Amazon-Killer“ und einer („chinesischen“) Paketflutwelle, die Paketzusteller am Rennen hält und die zugleich „hier“ Jobs und Steuereinnahmen vernichtet haben soll

Überall wird man auf die besondere Rolle von Amazon in der Welt der Plattformökonomie hingewiesen. Und die Zahlen sind ja auch beeindruckend: 60 Prozent des Onlinehandels wird über Amazon abgewickelt – über den Eigenhandel und über den Amazon Marketplace. Die vielen kleinen Online-Händler kommen an dem Amazon Marketplace nicht vorbei und sind – so die immer wiederkehrende Klage – dem Quasi-Monopolisten Amazon ausgeliefert, der auch selbst über seinen Eigenhandel als Akteur mitmischt und über Big Data-Strategien seine marktbeherrschende Stellung ausbauen kann. Das Bundeskartellamt spricht von einer „überragenden marktübergreifenden Bedeutung“ des Unternehmens.1

Aus einer sozialpolitischen Perspektive war und ist Amazon immer wieder Thema, neben den Arbeitsbedingungen in den Versandzentren und dem seit gefühlt Jahrzehnten andauernden und bislang erfolglosen Kampf der Gewerkschaft ver.di für eine Tarifbindung auch durch die Folgen für die Paketzusteller, denn das online bestellte Zeug muss zu den Kunden gebracht werden (vgl. zu den teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Paketzustellung zuletzt den Beitrag Ausgelieferte Paketzusteller in der „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Schleife von Arbeitsausbeutung, medialer Skandalberichterstattung und was man längst hätte machen können vom 29. Mai 2026). 

Rund zehn Millionen Pakete werden in Deutschland pro Tag zugestellt. Richtig gelesen: täglich. Und viele davon kommen von Amazon.

Aber nicht alle.

Es wird bereits fleißig am Stuhl von Amazon gesägt. Und wieder geht es um China

Kennen oder haben Sie „Temu“? Seit die Shoppingplattform Temu im Frühjahr 2023 in Deutschland aktiv wurde, hat sie viele neue Nutzer gewonnen.

Und manche Handelsexperten sehen in diesem chinesischen Anbieter eine für Amazon bedrohliche Konkurrenz am Horizont. So Gerrit Heinemann, der bereits im April 2024 interviewt wurde unter der Überschrift „Temu ist ein potenzieller Amazon-Killer“. Der wird mit diesen Worten zitiert: 

»Temu versteht es zu vermarkten und betreibt in Kombination mit Künstlicher Intelligenz und Kundendaten Online-Marketing. Wenn ich zum Beispiel ein Produkt im Internet suche, dann werden mir immer automatisch Produkte von Temu angezeigt. Und genau das ist auch im Grunde das Geschäftsmodell von Temu. Denn die Shoppingplattform verdient nicht in erster Linie mit den Transaktionen, sondern mit der Vermarktung der Produkte Geld. Dadurch macht Temu mittlerweile gigantische Umsätze und ist vor allem auch enorm profitabel.« Temu bietet immer wieder Rabattaktionen an. Nutzer können zum Beispiel Glücksräder drehen und sich dadurch zusätzlich Rabatte sichern.

Experten nennen das eine „Multiexperience- Plattform“.

Und dann sind da noch die niedrigen Preise (was für viele Konsumenten mit einem überschaubaren Budget ein gewichtiger Faktor ist). Sogar Produkte wie Waschmaschinen oder Staubsauger werden auf Temu für vergleichsweise wenig Geld angeboten. Wie kann man sich das erklären?  Dazu Heinemann bereits 2024:

»Es ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen, die Temu da praktiziert. Zum einen ist Temu ja eine Plattform für Hersteller, die dann über Temu direkt verkaufen. Es sind überwiegend kleinere oder mittelständische Hersteller aus China. Und dann umgeht Temu Zollgebühren. Angeblich sollen 65 Prozent der Waren falsch deklariert sein. Bestellungen werden beispielsweise immer in Einzelpakete verpackt, sodass diese einen Warenwert von 150 Euro nicht überschreiten und dementsprechend auch nicht zollpflichtig sind. Das macht schon mal eine große Preisdifferenz aus. Dann unterstelle ich Temu auch – gerade den Herstellern und Lieferanten aus China -, dass auch nicht immer Umsatzsteuern abgeführt werden. Und in dieser Kombination darf es nicht verwundern, dass die Artikel mindestens 50 Prozent günstiger sind als woanders.«

Der Mann hatte auch Empfehlungen an die Politik.

»Ich appelliere an den Gesetzgeber, bei den Zollkontrollen genau hinzuschauen. Denn wir haben es hier mit unfairem Wettbewerb zu tun. Das sollte unbedingt und vor allem schnell korrigiert werden.«

Und die Perspektiven?

»Temu wird aktiv bleiben und ähnlich wachsen, wie die chinesische Plattform Pindoudou, die genauso wie Temu dem chinesischen Mutterkonzern PDD Holdings gehört. Beide Plattformen sind erst seit wenigen Jahren aktiv und in kürzester Zeit explosionsartig gewachsen. Das ist das sogenannte chinesische „Leapfrogging“, also das schnelle Vorankommen bei Entwicklungsprozessen. Vergleichbare Wachstumsraten kennen wir bisher nicht.«

Unter Umständen ist Temu nach Einschätzung von Heinemann der potenzielle „Amazon-Killer“. Selbst wenn Temu es nicht schafft, ist die nächste Plattform in China schon unterwegs, nämlich TikTok Shop. Die sind noch aggressiver und wachsen noch schneller. Angesichts der Nutzung und Bedeutung gerade für junge Menschen kann man die Plattform TikTok überhaupt nicht überschätzen. Deshalb ein genauerer Blick auf die neuen Entwicklungen:

➔ Der TikTok Shop ist eine E-Commerce-Funktion innerhalb der TikTok-App, die es Nutzern ermöglicht, Produkte direkt in der App zu kaufen, ohne sie verlassen zu müssen. In Deutschland wurde der TikTok Shop im März 2025 eingeführt und bietet eine „nahtlose Integration von Unterhaltung und Einkaufserlebnis“. Der TikTok Shop kombiniert soziale Medien mit Online-Shopping. Der TikTok Shop muss als ein bedeutsamer Schritt in Richtung “Discovery Commerce” gesehen werden, bei dem Nutzer Produkte durch unterhaltsame Inhalte entdecken und direkt kaufen können. »Ein Video, in dem ein Influencer ein Produkt vorstellt, wird plötzlich zur interaktiven Einkaufsanzeige. Unter dem Video erscheint ein Button, der – bei einem einfachen Doppeltipp – den voll automatischen Kaufprozess startet. Über integrierte Zahlungsdienste wie Google Pay oder Apple Pay werden alle nötigen Daten automatisch übernommen, sodass der Käufer nicht erst lange Formulare ausfüllen muss. Da die App alle Daten hat und der Zahldienst auch die Adresse kennt, sind alle Daten direkt im Formular eingetragen und die Ware bestellt«, so dieser Artikel: TikTok Shop startet: Einkaufen mit Nebenwirkungen). Man sollte das nicht unterschätzen: In China ist diese Art online einzukaufen bereits vorherrschend. Douyin, das chinesische Äquivalent zu TikTok, erzielte im Jahr 2023 ein Umsatzvolumen von etwa 285 Milliarden US-Dollar – in nur einem Jahr. »Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Verbindung zweier bislang getrennter Welten: Unterhaltung und Handel. Früher mussten User gezielt nach Produkten suchen, um sie dann in einem separaten Online-Shop zu erwerben. Heute hingegen „stolpern“ sie beim Durchscrollen der News Feeds über Produkte, die genau zu deren aktuellen Stimmung passen.«

»Die Algorithmen von TikTok spielen hierbei eine zentrale Rolle. Sie kennen ihre User sehr genau und wissen, welche Inhalte am besten ankommen. Mit gezielten Empfehlungen und personalisierten Produktvorschlägen wird jeder Nutzer individuell angesprochen. Und da TikTok als Plattform von einem Geschäftsmodell lebt, das eine Provision von 5 bis 8 Prozent auf jeden Verkauf kassiert, ist der Algorithmus besonders motiviert, die Kauferlebnisse zu intensivieren. Auf diese Weise entsteht eine Dynamik, die den traditionellen Onlinehandel in den Schatten stellt – und TikTok profitiert gleich doppelt, da die User zum Einkaufen die Plattform nicht verlassen müssen und gleich weiter surfen können.«

An dieser Stelle docken dann auch die Kritiker der Entwicklung an – und man kann durchaus eine sozialpolitische Relevanz erkennen, wenn man Verbraucherschutz und die Überschuldungsrisiken hier einordnet: Sie weisen auf die negativen Aspekte der ablaufenden „Kommerzialisierung der Plattform“ hin, auf die Gefahr, dass die nahtlose Integration von Shopping-Funktionen zu unüberlegten Käufen führen könnte („Impulskäufe“) und wie bei anderen Online-Marktplätzen besteht die Gefahr von minderwertigen Produkten oder betrügerischen Angeboten (Produktqualität und Betrugsrisiken). Diese kritischen Hinweise sollte man nicht unterschätzen: Studien aus den USA und China belegen bereits, dass die Verbindung von Influencer-Marketing und direktem E-Commerce den Umsatz massiv steigert. Der spontane Kaufimpuls, der durch unterhaltsame und authentische Präsentationen ausgelöst wird, führt zu einem unmittelbaren Anstieg der Verkaufszahlen. Die andere Seite dieser steigenden Verkaufszahlen kann beispielsweise eine Zunahme der Ver- und Überschuldung gerade bei den für Impulskäufe anfälligen jungen Menschen sein.

Da muss man jetzt erst einmal durchschnaufen. Aber es geht noch weiter.

Aus der virtuellen Online-Welt auf die deutschen Straßen – und einiges mehr an Problemen

Aus dem virtuellen Einkaufen wird in einem nächsten Schritt ganz handfeste Realität:

Rund 400.000 Pakete von chinesischen Billiganbietern wie Temu und Shein kommen jeden Tag in Deutschland an. Jeden Tag! Und müssen dann zugestellt werden.

Das verursacht erhebliche Kosten (und in der Logistik hohe Umsätze und Gewinne, die wiederum auf Kosten vieler Paketzusteller). Hinsichtlich der Kosten muss man genauer hinschauen, wie das beispielsweise in dem Artikel „Wird brutal ausgenutzt“: Diese Temu-Methode kostet Deutschland Millionen gemacht wird: »Gesplittete Sendungen, Warenwerte falsch angeben und den Zoll mit Massen an Paketen fluten, sodass die Kontrollen nicht mehr hinterherkommen. Ein Phänomen, das sich aktuell an europäischen Frachtflughäfen, wie etwa in Lüttich oder Leipzig, abbildet.«

Wie muss man sich das vorstellen? Hier werden wir wie auch in vielen sozialpolitischen Handlungsfeldern bei ganz anderen Tatbeständen mit Freibeträgen und Umgehungsstrategien konfrontiert.

»Von vier Milliarden Paketen, die im vergangenen Jahr in Europa angekommen sind und bei denen der Wert laut Deklarierung unter 150 Euro gelegen habe, sei rund 65 Prozent unterdeklariert gewesen. Kostet eine Heißluftfriseuse etwa 230 Euro, geben Händler an, dass sie nur 149 Euro kostet, um die Zollgebühr zu umgehen. Weil Zollbeamte aber aufgrund der schieren Menge an Paketen nur Stichproben machen können, kann kaum jeder Betrug aufgedeckt werden. Ein weiterer Trick, um unter den 150 Euro zu bleiben, ist Splitting, also das Aufteilen der Lieferungen in mehrere Päckchen. So gilt nur der Wert der einzeln eingepackten Produkte. Dabei geht Geld verloren. Milliarden Euro, die europäischen Ländern wie Deutschland entgehen und die … Billiganbieter wie Temu nachzahlen müssten.«

Hier geht es um richtig viel Geld:

Was da an Einnahmen verloren geht bzw. was man durch eine einfache Änderung theoretisch an Einnahmen generieren könnte, wird in der folgenden Rechnung von einem Steuerexperten dargestellt – die nur eine Änderung zur Bedingung hat:

»Etwa beim Freibetrag von 150 Euro. Auf Produkte, die unter diesem Betrag deklariert sind, fallen aktuell keine Zollgebühren an. Die Regel sei mittlerweile nicht mehr zeitgemäß, sagt der Experte. Natürlich solle sie weiter zwischen Privatpersonen bestehen bleiben, aber sobald ein Unternehmen involviert ist, gehöre sie abgesetzt. Eine „konservative“ Rechnung zeige, dass so auf einen Schlag rund 11,2 Milliarden Euro eingenommen werden könnte. „Wir haben mit einem 8 Prozent-Zollsatz gerechnet, damit sich niemand sagt, dass wir mit der Zahl übertreiben.“«

Man muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das beschriebene „Temu-Problem“ nicht nur in ausfallenden Steuer- und Zolleinnahmen für den Staat besteht, sondern es kommt natürlich auch zu einer krassen Wettbewerbsverzerrung zuungunsten von Anbietern aus Deutschland oder anderen Ländern, die sich an die Regeln halten, denn die müssen höhere Preise aufrufen.

Ein Update zu Temu & Co. im Jahr 2026 – und was das alles mit Verbraucherschutz zu tun hat

»Temu stand lange für Billigware aus China. Doch mittlerweile setzen auch Anbieter aus Deutschland auf die Online-Plattform. Temus Marktanteil wächst – und etablierte Marktplätze können preislich oft nicht mithalten«, so Anke Heinhaus in ihrem Artikel Deutsche Händler entdecken Temu, der am 12. April 2026 veröffentlicht wurde. »Während klassische Online-Händler wie eBay, Zalando oder Otto zuletzt Marktanteile verloren haben, konnte Temu schnell aufholen. Seit Markteintritt wird die Plattform bereits von einem großen Teil der Kunden genutzt – besonders in jüngeren Zielgruppen. Mittlerweile ist Temu auf Platz fünf der Online-Marktplätze, und der Abstand zu den Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten ist gering.«

➔ Wichtig zu wissen: »Ein zentraler Unterschied zu anderen Plattformen: Händler legen zwar ihren Preis fest, doch Temu bestimmt den endgültigen Verkaufspreis selbst. Möglich wird das durch einen Algorithmus, der Wettbewerbsangebote vergleicht und Preise gezielt unterbietet. Die Händler erhalten trotzdem ihren ursprünglich festgelegten Betrag. Zusätzlich übernimmt Temu oft Versandkosten oder beteiligt sich an Marketingaktionen. Das Ergebnis: extrem niedrige Preise für Kunden – finanziert durch Subventionen des chinesischen Unternehmens.«

Und Temu versucht derzeit gezielt, sein Image zu verbessern – etwa durch die Integration deutscher Händler und geprüfter Produkte.Der Hintergrund für die erkennbare Verschiebung des Geschäftsmodells der chinesischen Plattformen: Ab Juli 2026 werden neue Zollregeln greifen – eine Reaktion der EU auf die Importflut aus China und die wie beschrieben schon seit längerem kritisierten Zoll- und Steuerumgehungsstrategien der chinesischen Plattformen. Statt einer pauschalen Gebühr pro Paket wird eine Abgabe pro Warenkategorie fällig. Damit könnten einige der bisherigen Preisvorteile schrumpfen.2

Offiziell liefert Temu viele Produkte weiterhin direkt aus China. Gleichzeitig kommen Bestellungen zunehmend aus Deutschland – oft innerhalb von ein bis zwei Tagen, ähnlich wie bei Amazon. Hinter den Lieferungen stecken offenbar Lagerstandorte in mehreren deutschen Städten, die nahezu unbemerkt aufgebaut werden.

Fazit: Temu wächst schnell, während etablierte Anbieter unter Druck geraten. Mit aggressiven Preisen, Subventionen und wachsender lokaler Infrastruktur baut der Konzern seine Position weiter aus.

Und dann gehen auch noch Jobs und Steuereinnahmen an anderer Stelle flöten

»Temu und Shein schaden der deutschen Wirtschaft erheblich. Laut einer Schätzung des Einzelhandels gingen wegen der Onlinehändler aus China Zehntausende Jobs verloren«, kann man dieser Meldung entnehmen: Mehr als 40.000 Arbeitsplätze wohl wegen Temu und Shein weggefallen. Wie kommt man auf solche Zahlen?

»Dem Einzelhandel entgehen jährlich Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro, weil Konsumenten Produkte bei den chinesischen Plattformen kaufen statt bei Anbietern in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von IW Consult im Auftrag des Handelsverbands Deutschland (HDE).

Der tatsächliche Umsatzausfall für die gesamte Wirtschaft wird doppelt so hoch beziffert. Darin enthalten sind auch Vorleistungen wie Mieten, Energie, Logistik sowie Löhne und daraus entstehende Konsumausgaben. Jeder Euro Umsatz im Einzelhandel führe zu insgesamt etwa zwei Euro Umsatz in der gesamten Wirtschaft, sagte Marco Trenz, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft.

Grundlage der Analyse ist eine repräsentative Umfrage unter 4.000 Verbraucherinnen und Verbrauchern zwischen 16 und 69 Jahren, die im Februar online befragt wurden. 51 Prozent der Nutzer von Temu und Shein hätten demnach die dort erworbenen Produkte zum gleichen Preis woanders gekauft, wenn dies bei den chinesischen Plattformen nicht möglich gewesen wäre. 19 Prozent wären sogar bereit, mehr Geld auszugeben.

Der Analyse zufolge sind in Deutschland wegen Temu und Shein bereits mehr als 40.000 Arbeitsplätze verlorengegangen, die meisten im Einzelhandel

Dahinter steht diese Überlegung: 

Wenn es Temu und Shein nicht gäbe, dann würde ein Großteil der Käufe im deutschen Einzelhandel getätigt. Dafür wären mehr Beschäftigte nötig. Hinzu kämen weitere Jobs in Vorleistungsbranchen.

Zu berücksichtigen wären weitere Nebenwirkungen:

Bund, Ländern und Kommunen entgingen dadurch bis zu 420 Millionen Euro an Steuereinnahmen pro Jahr. Wenn die Käufe nicht bei Temu und Shein, sondern im deutschen Einzelhandel stattfänden, würden dadurch auch Lohn-, Gewerbe- und Körperschaftsteuer gezahlt.

Übrigens: Zwischenzeitlich gewachsen ist auch die Arbeit für die Paketzusteller:

Temu und Shein haben im Jahr 2025 täglich 460.000 Pakete nach Deutschland verschickt.

Temu ist laut Experten auf dem Weg, hinter Amazon Platz zwei der größten Online-Marktplätze in Deutschland zu erreichen. Am Anfang standen Direktversand-Modelle mittlerweile baut Temu seine Logistik in Deutschland aus, um Lieferzeiten zu verkürzen. Seit Juni 2025 arbeitet Temu mit einem deutschen Team und gewinnt erste deutsche Händler als Partner, um das Sortiment zu erweitern. Temu etabliert sich als ernstzunehmender, aber umstrittener Konkurrent für etablierte Plattformen wie Amazon, Otto und Zalando.

Auch in Brüssel ist das Problem angekommen – bereits im vergangenen Jahr. Und langsam setzt sich der Apparat in Bewegung 

»Wer auf Temu einkauft, shoppt nicht nur billig, sondern laut EU-Kommission auch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zugelassene Produkte. Darunter sind auch Babyspielzeug oder Elektronik.« So beginnt der am 28. Juli 2025 veröffentlichte Beitrag Temu droht empfindliche EU-Strafe, mit dem die gelbe Karte aus der Tasche gezogen wurde: »Ein vorläufiger Bericht der EU-Kommission ergibt, dass Menschen, die auf Temu einkaufen, dort sehr wahrscheinlich Angebote finden, die nicht EU-Regeln entsprechen. Damit verstößt Temu gegen europäisches Digitalrecht, und es droht eine hohe Strafe. Laut der EU-Kommission wäre Temu gemäß dem Gesetz über digitale Dienste (DSA) eigentlich dazu verpflichtet, Risiken einer Verbreitung illegaler Produkte auf seinem Marktplatz besser anzugehen. Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen teilte dazu mit: „Die Sicherheit der Verbraucher im Internet ist in der EU nicht verhandelbar.“«

Europäische Verbraucherschützer weisen schon länger auf unsichere Produkte hin, die auf der Plattform vertrieben werden.

Und was ist nun aus der gelben Karte geworden? Eine erste (halb)rote Karte

Am 28. Mai 2026 kann man dann das hier lesen: »Die EU-Kommission verhängt eine Strafe von 200 Millionen Euro gegen die chinesische Online-Plattform Temu. Sie gehe nicht ausreichend gegen illegale Produkte auf der Plattform vor.« Unter der eindeutig daherkommenden Überschrift EU-Kommission verhängt 200-Millionen-Strafe gegen Temu. Laut EU-Kommission bekommen Verbraucher in der Europäischen Union auf Temu viel zu häufig illegale Produkte angeboten. 

»Im Wesentlichen geht es um gefälschte, gefährliche, giftige oder auf andere Weise umweltschädliche Produkte. Die Verantwortlichen in Brüssel beziehen sich dabei auf eigene Ermittlungen, auf Untersuchungen von Verbraucherschutz-Organisationen und Testkäufe.

Die ergeben zum Beispiel, dass ein sehr hoher Anteil von Klein-Elektronik und Ladegeräten grundlegende Sicherheitstests nicht bestanden hat. Oder aber, dass ein hoher Anteil der auf Temu angebotenen Babyspielzeuge hohe Sicherheitsrisiken aufweist – also etwa in einem Maß Chemikalien enthält, so dass sämtliche gesetzlichen Grenzwerte in der EU überschritten werden, oder abnehmbare Teile zum Ersticken der Kinder führen könnten.«

Und auch interessant: »Kritik äußert die EU-Kommission zudem am Geschäftsmodell von Temu: Die teils intransparenten Empfehlungssysteme und die Werbung mit Influencern könnten dazu führen, dass die Verbreitung der illegalen Produkte noch zusätzlich verstärkt wird.«

Jetzt also der 200-Millionen-Strafhammer. Nicht ohne Vorwarnung:

»Die EU-Kommission hatte Temu – bevor nun die 200-Millionen-Euro-Strafe verhängt wurde – bereits mehrfach aufgefordert, gemäß den Europäischen Digitalgesetzen die nötigen Risikobewertungen durchzuführen – das heißt, mögliche Schäden für die Verbraucher durch die Produkte auf der eigenen Plattform zu analysieren und zu minimieren und ganz konkret die entsprechenden Händler von der Plattform zu verbannen.«

»Die chinesische Online-Plattform muss nun bis Ende August einen Plan vorlegen, wie die Mängel behoben werden sollen, um mit den europäischen Digitalgesetzen konform zu gehen. Andernfalls drohen weitere Strafzahlungen.«

Schauen wir mal, ob und was dabei herauskommt.


Fußnoten

  1. Diese Einordnung von Amazon beruht auf der Beobachtung und Analyse des Unternehmens im Rahmen der Anwendung des § 19a GWB (Missbräuchliches Verhalten von Unternehmen mit überragender marktübergreifender Bedeutung für den Wettbewerb), eine Regelung, die seit 2021 gezielt große Digitalkonzerne betrifft. Das Bundeskartellamt begründet die Einstufung von Amazon nach § 19a Abs. 1 GWB mit mehreren Argumenten: Amazon betreibt den größten Online-Marktplatz in Deutschland. Für viele Händler ist Amazon ein unverzichtbarer Vertriebskanal (“Gatekeeper-Funktion”). Eine Nicht-Präsenz auf Amazon bedeutet für viele Unternehmen, potenziell einen großen Teil ihres Online-Umsatzes zu verlieren. Amazon tritt gleichzeitig als Marktplatzbetreiber und als eigener Händler (Amazon Retail) auf. Aus dieser Doppelfunktion entstehen mögliche Interessenkonflikte und strukturelle Vorteile gegenüber Dritthändlern auf der eigenen Plattform. Amazon bekommt so vertikale Macht, da es sowohl den Zugang kontrolliert als auch mit anderen Anbietern konkurriert. Amazon hat durch seine Plattform Zugang zu umfassenden Nutzungs- und Verkaufsdaten, die es nutzen kann, um eigene Produkte zu optimieren und das Verhalten von Drittanbietern zu analysieren. Diese Datenmacht von Amazon kann zu einem ungleichen Wettbewerb führen. Je mehr Kunden und Anbieter Amazon nutzen, desto attraktiver wird die Plattform – ein klassischer Netzwerkeffekt. Gleichzeitig binden etwa der Prime-Service oder spezifische Logistiklösungen Kunden und Händler stark an Amazon (Lock-in-Effekte), was die Wechselmöglichkeiten einschränkt. Amazon verfügt über erhebliche Ressourcen, um schnell auf Marktveränderungen zu reagieren, neue Dienstleistungen zu integrieren oder konkurrierende Geschäftsmodelle zu übernehmen. Das stärkt seine Position gegenüber kleineren Wettbewerbern und potenziellen Neueinsteigern mit der Folge von hohen Markteintrittsbarrieren.
    ↩︎
  2. Die EU hat die bisherige Befreiung abgeschafft und durch eine neue Übergangsregelung ersetzt: Ab dem 1. Juli 2026 wird für E-Commerce-Sendungen unter 150 Euro ein pauschaler Zollsatz von 3 Euro pro Ware (bzw. pro angemeldeter Warenkategorie) erhoben. Die 3-Euro-Pauschale ersetzt nicht die Mehrwertsteuer. Die Einfuhrumsatzsteuer (7 % oder 19 %) fällt unabhängig davon auf den Warenwert an. Beinhaltet ein Paket mehrere unterschiedliche Produkte, können sich die 3-Euro-Pauschalen schnell summieren. Kurierdienste oder die DHL erheben oftmals noch eine eigene Servicepauschale für die Verzollung. Genauere Informationen zum Wegfall der 150-Euro-Zollfreigrenze hat die Zollverwaltung zur Verfügung gestellt. Übrigens: Die 3-Euro-Pauschale soll vorübergehend gelten, bis voraussichtlich 2028 eine neue Plattform an den Start geht und dann alle in die EU importierten Waren ab dem ersten Euro zollpflichtig sind.
    ↩︎