Corona-Pandemie, war da nicht noch was? Zu den individuellen und gesellschaftlichen Kosten in der Long Covid-Schattenwelt 

Man muss leider immer wieder an diese Zeit erinnern. An die Corona-Pandemie. Für viele verblasst, ob bewusst oder unbewusst vorangetrieben, der Blick zurück und man hat ja auch genug zu tun mit den Irrungen und Wirrungen der „Polykrisen“, die uns in Beschlag halten. Andere schieben vieles, was sie oder ihr Umfeld an Schicksalsschlägen heute erfahren, wie beispielsweise eine Krebserkrankung oder einen Herzinfarkt, auf die damalige Zeit und mit dem Brustton der unerschütterlichen Überzeugung gesicherten Wissens wird dann die Behauptung vorgetragen, dass das bestimmt mit dieser Impfung zusammenhängt. Eine Impfung gegen eine Erkrankung, die doch gar nicht so schlimm gewesen sei, wie man uns damals hat glauben lassen wollen (vgl. den Kasten „Exkurs: Von angeblichen „Impftoten“, (einigen) Impfschäden und dem Post-Vac-Syndrom“ am Ende dieses Beitrags).

Ein kurzer Blick zurück, wenn es um Long Covid geht

Auch hier wurde immer wieder in den zurückliegenden Jahren über die Diskussion Long- und Post-Covid betreffend berichtet. So beispielsweise im September des Jahres 2022 in dem Beitrag Long Covid in Deutschland auf der Basis von Arbeitsunfähigkeiten: Die Zahl der Betroffenen ist überschaubar, die aber haben lange Ausfallzeiten. Damals wurde hervorgehoben, dass die meisten von Long-COVID- oder Post-COVID betroffenen Beschäftigten in Berufen der Gesundheits- und Krankenpflege sowie in Berufen der Kinderbetreuung und Kindererziehung gearbeitet haben. Und bereits damals wurde in dem Beitrag dafür plädiert: „Auch wenn sich die allgemeine Lage zu normalisieren scheint, sollte man aufmerksam bleiben mit Blick auf die Langzeitfolgen.“

Und im Frühjahr 2023 wurde dann hier dieser Beitrag veröffentlicht: Da war und ist doch noch was? Long Covid bzw. das Post-Covid-Syndrom. Einerseits nicht so viele Fälle, andererseits lange Ausfallzeiten. Ein Befund aus der damaligen Diskussion: »Im bisherigen Verlauf der Pandemie sind nur vergleichsweise wenige Beschäftigte wegen Post-Covid krankgeschrieben worden. Diese relativ wenigen Betroffenen haben aber lange AU-Zeiten von durchschnittlich 30 Tagen. Festzuhalten bleibt, dass sowohl die Zahl der Betroffenen als auch die Schwere der Erkrankung, die aus den Ausfalltagen abgeleitet werden kann, im Verlauf der Pandemie nachgelassen haben.«

Und erneut wurde das Thema im Mai 2025 in diesem Beitrag behandelt: Long Covid, die (Nicht-)Versorgung der Betroffenen und die geschätzten Folgekosten durch den langen Arm des Virus

Zurück in die Gegenwart: Sogar die OECD warnt vor möglichen milliardenschweren Folgekosten durch Long Covid

Vorab muss man darauf hinweisen, dass hinter jedem Long- bzw. Post-Covid-Fall ein Mensch steht, mit seiner oder ihrer Leidensgeschichte. Dieser Hinweis ist nicht trivial vor dem Hintergrund, dass es nunmehr vor allem um große Zahlen geht, um von in Geldeinheiten gegossenes individuelles Leid und (erneut) um Belastungen für die großen Systeme wie die Wirtschaft oder das Gesundheitssystem.

»Long Covid könnte die Wirtschaft in OECD-Ländern jährlich mit bis zu 115 Milliarden Euro belasten«, kann man diesem Artikel entnehmen: Milliardenkosten: Long Covid belastet Wirtschaft und Gesundheitssysteme. »Die Industriestaatenorganisation OECD wirbt für eine bessere Behandlung und berufliche Wiedereingliederung von Long Covid-Patienten. Das könne auch die hohen Kosten durch die Langzeiterkrankung senken. Diese könnten von 2025 bis 2035 den Umfang von 0,1 bis 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreichen.« Um die Größenordnung hervorzuheben: »Für die Wirtschaft in den OECD-Ländern könne dies eine Belastung von bis zu 115 Milliarden Euro jährlich bedeuten, was dem Jahresgesundheitsbudget der Niederlande oder Spaniens entspreche.« 

Und weiter heißt es: »Allein die direkten Gesundheitskosten für die Bewältigung von Long Covid dürften bis 2035 bei jährlich rund 9,4 Milliarden Euro liegen. Da Betroffene das Risiko hätten, chronische Folgeerkrankungen zu entwickeln, könnte das die Kosten für die Gesundheitssysteme in den kommenden Jahren weiter in die Höhe treiben. Weitaus höher aber fielen die indirekten wirtschaftlichen Kosten aus, die sich durch krankheitsbedingte Fehlzeiten und das verfrühte Ausscheiden aus dem Berufsleben ergeben.«

Wie kommen die auf solche Schätzwerte? Grundlage ist diese neue Studie:

➔ OECD (2026): Addressing the Costs and Care for Long COVID. The Long Shadow of the Pandemic, Paris, April 2026

Die ganz großen Zahlen

Der OECD-Studie kann man entnehmen:

Auf dem Höhepunkt der Pandemie im Jahr 2021 waren rund 75 Millionen Menschen von Long COVID betroffen – das entspricht durchschnittlich mehr als 5 % der OECD-Bevölkerung –, wobei die Gesundheitskosten 53 Milliarden US-Dollar erreichten. Die Prävalenz von Long COVID und die damit verbundenen Gesundheitskosten sind seit dem Höhepunkt der Pandemie zurückgegangen, bleiben aber weiterhin erheblich.

Während die Prävalenz von Long COVID von 2025 bis 2035 voraussichtlich unter 1 % bleiben wird (und 0,6–1,0 % der Bevölkerung in der OECD und der EU betrifft), werden die direkten Gesundheitskosten für die Bekämpfung von Long COVID – selbst unter konservativen Annahmen – hoch bleiben: rund 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Zudem dürften die indirekten wirtschaftlichen Kosten von Long COVID die damit verbundenen Gesundheitskosten von 2025 bis 2035 bei weitem übersteigen. Long COVID wird die Erwerbsbeteiligung und Produktivität in einer Zeit moderaten Wirtschaftswachstums und einer alternden Bevölkerung weiterhin beeinträchtigen. Diese Verluste sind auf krankheitsbedingte Fehlzeiten, Präsentismus und den Ausscheiden von Menschen aus dem Erwerbsleben zurückzuführen. Studien deuten darauf hin, dass Long COVID bei etwa jedem fünften betroffenen Arbeitnehmer zu einer Unterbrechung der Erwerbstätigkeit führt. Dies entspricht einem Verlust an Arbeitsleistung von 5–10 % pro betroffener Person im ersten Jahr nach der Infektion.

Insgesamt könnten die prognostizierten Verluste von 0,1–0,2 % des BIP – unter der Annahme einer geringen oder moderaten Restübertragung des Virus, die zu neuen Fällen von Long COVID führt – in den nächsten zehn Jahren eine erhebliche Belastung für die Wirtschaft in Höhe von 135 Milliarden US-Dollar pro Jahr darstellen, was dem gesamten jährlichen Gesundheitsbudget der Niederlande oder Spaniens entspricht.

Aber die OECD jongliert nicht nur mit den Dollar-bzw. Euro-Beträgen auf der (möglichen) Schadensseite

Von entscheidender Bedeutung sei es, die Diagnose, die Behandlung und die Organisation der Gesundheitsversorgung für Patienten mit Long Covid zu stärken. Das ist der zweite Kernbereich der neuen Studie, also gleichsam gesundheitspolitische Empfehlungen.

Was hat die OECD im internationalen Vergleich gefunden und welche Empfehlungen werden ausgesprochen? Es sind vor alle zwei Dimensionen, die hier aufgerufen werden:

Bessere Versorgung und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt

Zunächst einmal ist es von entscheidender Bedeutung, das Bewusstsein, die Diagnose, die Behandlung und die Organisation der Gesundheitsversorgung für Patienten mit Long COVID zu stärken:

Die Erkennung, Diagnose und Versorgung von Long-COVID-Patienten ist in den OECD- und EU-Ländern nach wie vor uneinheitlich, was zu einer suboptimalen Behandlung der Erkrankung führt. Die Fortbildung des medizinischen Fachpersonals hat oberste Priorität. Klinische Leitlinien, die die Erwartungen und Lebenserfahrungen der Patienten widerspiegeln, haben einen entscheidenden Einfluss auf deren Leben und Zukunftsaussichten.

Es mangelt an langfristiger Planung und einer langfristigen Vision für Long COVID. Nur wenige Länder haben eine Strategie oder einen Plan für Long COVID verabschiedet. Am weitesten fortgeschritten sind die nationalen Initiativen in Deutschland und den Niederlanden.

Es besteht Bedarf an der Entwicklung von Versorgungswegen für Patienten mit Long COVID. Nur sechs Länder (Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg und die Niederlande) verfügen über formelle, national festgelegte Versorgungswege. Klarere Überweisungswege und besser integrierte Leitlinien bergen ein erhebliches Potenzial zur Verbesserung der Versorgung und liefern wertvolle Erkenntnisse für die allgemeine Agenda einer patientenzentrierten Versorgung.

Aus Long-COVID lassen sich wertvolle Erkenntnisse ableiten, um die Vorsorge für die nächste Pandemie zu verbessern. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer zeitnahen Überwachung, einer langfristigen Nachsorge der Patienten und der Einbeziehung langfristiger Folgen in die Pandemie-Reaktionsplanung. Kontinuierliche Investitionen in Forschung, Datensysteme und multidisziplinäre Versorgungsmodelle werden die Unterstützung für betroffene Patienten verbessern und die Vorsorge sowie die Widerstandsfähigkeit bei der Bewältigung künftiger Gesundheitskrisen stärken.

Long Covid ist nicht nur ein medizinisches Problem – zur sozialen und ökonomischen Herausforderung

Zweitens ist Long COVID nicht nur ein medizinisches Problem. Es ist gleichermaßen eine soziale und wirtschaftliche Herausforderung. Derzeit beschränkt sich die politische Reaktion auf Long COVID weitgehend auf den Gesundheitssektor. Die sektorübergreifende Koordinierung unter Einbeziehung der Bereiche Beschäftigung, Bildung und Sozialschutz ist begrenzt. Der Spielraum für eine bessere sektorübergreifende Koordinierung ist beträchtlich.

Während die medizinischen Kosten in der Regel durch allgemeine Krankenversicherungssysteme abgedeckt sind, hängen Sozialschutzmaßnahmen für Patienten mit Long COVID – insbesondere für diejenigen mit anhaltenden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit – von formellen Bewertungen der Funktionsfähigkeit des Einzelnen ab. Ein angemessenes Bewusstsein für Behinderungen aufgrund von Long COVID ist daher wichtig, um einen gerechten Zugang zu Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten. Strategische Investitionen und Planungen sind erforderlich, um den Sozialschutz zu stärken, die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu unterstützen und damit verbundene Arbeitskräfteverluste abzumildern.

Drittens ist ein koordinierter und kohärenter Ansatz zur Bewältigung von Long COVID entscheidend, um Patienten bei der Genesung zu helfen. Eine fortgesetzte internationale Zusammenarbeit ist ebenfalls unerlässlich, um evidenzbasierte klinische Leitlinien, Standarddefinitionen und nationale Versorgungspfade zu entwickeln und zu verfeinern, die die soziale und wirtschaftliche Belastung durch Long COVID verringern können.

Insgesamt können eine bessere Versorgung, Koordination, Planung und speziell für und mit von Long-COVID-Betroffenen entwickelte Behandlungspfade die Patienten wieder zu guter Gesundheit und wirtschaftlichen Chancen führen und dazu beitragen, den langen Schatten der Pandemie zu verkürzen.

Vor dem Hintergrund es in der OECD-Studie vorgenommenen internationalen Vergleichs und der ansonsten grassierenden (und oftmals auch berechtigten) Kritik am deutschen Gesundheits- und Sozialwesen, sollte man über die folgenden Hinweise aus einem Artikel von Alexandra Föderl-Schmid, in dem sie sich mit der neuen OECD-Studie auseinandersetzt, zur Kenntnis nehmen:

»In dem Bericht betont die OECD, dass nur sechs Länder – darunter Deutschland – überhaupt definiert haben, wie man mit Long Covid, das sehr viele verschiedene Symptome aufweist, umgehen soll. Nur fünf OECD-Länder (Deutschland, Österreich, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz) haben ein spezielles Gesundheitsbudget vorgesehen. In Deutschland werde Long Covid auch als Berufskrankheit anerkannt.

Als positives Beispiel wird Deutschland – neben den Niederlanden – auch deshalb hervorgehoben, weil zwei Forschungsprojekte über Long Covid vom Bundesgesundheitsministerium unterstützt werden. Dabei geht es in einem Fall um klinische Erscheinungsbilder von Infektionssyndromen wie der chronischen Erschöpfung sowie Symptomen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung. Im zweiten Fall werden vier Pilotprojekte zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Long Covid untersucht. Positiv erwähnt wird weiterhin, dass das Bundesgesundheitsministerium bis 2028 ein Projekt fördert, in dessen Rahmen ein Versorgungsnetzwerk für junge Menschen eingerichtet wurde, die von Long Covid betroffen sind.«

Exkurs: Von angeblichen „Impftoten“, (einigen) Impfschäden und dem Post-Vac-Syndrom
Im Jahr 2026 ist die Diskussion über Corona-Impfschäden von einer zunehmenden juristischen Aufarbeitung, ersten höchstrichterlichen Entscheidungen sowie einer differenzierten wissenschaftlichen Einordnung geprägt. Fünf Jahre nach Beginn der Impfkampagne zeigen Studien, dass schwere Nebenwirkungen sehr selten sind, aber in Einzelfällen zu dauerhaften Schäden führen können.

Ein Blick auf die trockenen Zahlen: Zwischen Dezember 2020 und April 2023 erhielten nach Regierungsangaben 64,9 Millionen Menschen in Deutschland mindestens eine Impfdosis gegen das Coronavirus. Insgesamt wurden laut Bundesgesundheitsministerium 192,2 Millionen Impfdosen verabreicht. Die erste Impfung gegen Covid-19 in Deutschland bekam eine 101-jährige Heimbewohnerin am 26. Dezember 2020, einen Tag später begann offiziell die Impfkampagne. Mehr als 200 Millionen Impfdosen wurden laut dem Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, seitdem hierzulande bis Ende 2025 verimpft.

In Deutschland wurden bis Anfang 2025 über 570 Fälle von dauerhaften Impfschäden offiziell anerkannt. Insgesamt wurden über 1.400 Anträge auf Anerkennung gestellt, wobei das Verfahren oft langwierig ist. Vgl. dazu aus dem April des vergangenen Jahres beispielsweise den Bericht Knapp 600 Fälle von Corona-Impfschäden anerkannt: »Millionen Menschen haben sich gegen das Coronavirus impfen lassen und nur leichte Nebenwirkungen verspürt. Doch einige Patienten trugen bleibende Schäden davon. In knapp 600 Fällen wurden diese … anerkannt.« Man muss zur Einordnung der Zahlen wissen: Insgesamt sind bis zum damaligen Zeitpunkt mehr als 14.000 Anträge auf Anerkennung von Impfschäden eingegangen. Die meisten wurden abgelehnt, die Anerkennungsquote liegt demnach bei 6,2 Prozent, wobei bundesweit noch etwa 2.000 Widerspruchsverfahren anhängig waren. Die Zahlen gehen zurück auf eine damalige Anfrage der FAZ bei den Versorgungsämtern der Bundesländer.

Auch auf der gerichtlichen Ebene gab und gibt es Auseinandersetzungen über die (Nicht-)Schädlichkeit der Corona-Impfstoffe. Nur ein Beispiel: Der Bundesgerichtshof (BGH) befasst sich mit Haftungsklagen gegen Impfstoffhersteller (z.B. AstraZeneca). Im März 2026 gab es einen Teilerfolg für Kläger, der die Hürden für Auskunftsansprüche senkt (vgl. BGH, Urteil vom 9. März 2026 – VI ZR 335/24, dazu die Mitteilung des Gerichts vom 09.03.2026: Mögliche Ansprüche einer gegen das Corona-Virus geimpften Person wegen behaupteter Impfschäden gegen den Hersteller des Impfstoffs

Scheinbar parallel zur Long oder Post Covid-Diskussion gibt es eine Debatte um das sogenannte Post-Vac-Syndrom. Betroffene berichten von mangelnder Anerkennung und Versorgung. Auch hier ein Blick auf die Daten: Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) treten Verdachtsfälle von schwerwiegenden Nebenwirkungen bei etwa 3 von 10.000 Impfungen auf. Ein Verdachtsfall heißt jedoch erstmal nur, dass er in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung auftritt. Ein kausaler Wirkungszusammenhang ist nicht automatisch gegeben. Impfreaktionen wie ein geschwollener oder schmerzender Arm oder Abgeschlagenheit, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden, sind damit nicht gemeint. Insgesamt bewegt sich die Anzahl an schwerwiegenden Nebenwirkungen auf einem Niveau, das bei Impfungen generell zu erwarten ist. Dem PEI wurden bis Ende 2024 rund 3.000 Verdachtsfälle mit Todesfolge gemeldet, von denen laut dem Institut bei 74 ein konsistenter, kausaler Zusammenhang zur Covid-Impfung hergestellt werden konnte. 36 davon gehen laut PEI auf den Impfstoff von AstraZeneca zurück.1 Das zeigt: In extrem wenigen Fällen – gemessen an mehr als 60 Millionen geimpften Deutschen – gab es tödliche Komplikationen infolge der Impfung, so die Darstellung von Max Gilbert in seinem Ende Dezember 2025 erschienenen Artikel Was nach fünf Jahren Covid-Impfung bekannt ist. Er weist in seinem Artikel auf extreme Entgleisungen hin: »Auch fünf Jahre nach Beginn der Impfungen ist auf Social Media zu lesen, die Geimpften seien „belogen“ worden, es gebe „dramatische Risiken“ bei den Impfstoffen, die „nicht sicher“ seien. Der in der Pandemie durch Falschinformationen bekannt gewordene Mediziner Sucharit Bhakdi verglich die Impfkampagne kürzlich mit einem „Genozid“, also mit einem Völkermord – ein besonders extremes Narrativ einiger Impfgegner.«

Mit Blick auf die in weiten Teilen nur als hysterisch zu bezeichnende Debatte wird man – wie so oft in diesen Tagen – mit völlig haltlosen Behauptungen konfrontiert. Dazu ein Beispiel:2

„Ein Insider bei Pfizer, der früher Leiter der Toxikologie in Europa war, schätzt, dass in Deutschland 20.000 bis 60.000 Menschen an den Folgen der Covid-Impfung gestorben sind.“ Das schreibt ein schwedischer Influencer auf der Plattform X. Der Post hat mehr als 60 Millionen Aufrufe und wurde unter anderem von X-Gründer Elon Musk geteilt. Musk schreibt dazu: „Die Impfdosis war offensichtlich zu hoch und wurde zu oft verabreicht.“ Auch das Online-Portal Nius berichtet im April in einem Artikel mit der Überschrift „Pfizer-Insider schätzt zwischen 20.000 und 60.000 Impftote für Deutschland“ über diese Aussage.3 Hierfür gibt es jedoch keine Belege. Todesfälle durch Impfungen sind sehr selten aufgetreten. In beiden Fällen ist der genannte Insider der pensionierte Toxikologe und Tiermediziner Helmut Sterz. Er sprach im März bei einer Sitzung der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages. Dort kommen Experten und Politiker zusammen, um die Maßnahmen während der Corona-Pandemie zu reflektieren und Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen. Sterz wurde von der AfD-Fraktion zu der Sitzung eingeladen. Sterz kommt auf die angeblich 60.000 Toten durch die COVID-19-Impfung, indem er offizielle Zahlen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) mit dem Faktor 30 multipliziert, um „eine hohe Dunkelziffer durch Underreporting“ auszugleichen. Einen so hohen Faktor anzusetzen ist schlichtweg nicht seriös, auch wenn es das Phänomen des Underreporting selbstverständlich und in der Wissenschaft auch anerkannt gibt, aber eben nicht in dieser völlig überdimensionierten Größenordnung. Zu der „schillernden“ Figur des Helmut Sterz und seinen hanebüchenen Zahlenangaben vgl. ausführlicher den Beitrag AfD-Sachverständiger verbreitet haltlose Zahl zu Impftoten. Ein weiterer Aspekt: Linda Sanftenberg, Versorgungsforscherin am LMU-Klinikum in München, wird mit diesen Worten zitiert: „Wenn 60.000 Impftote real wären, müsste man eine massive Übersterblichkeit direkt nach der Impfkampagne sehen, eine Konzentration in bestimmten Altersgruppen oder Chargen sowie deutliche Signale in den internationalen Daten. Solche Signale wurden in großen Datensätzen aus mehreren Ländern nicht gefunden.“


Fußnoten

  1. Weltweite Beobachtungsstudien haben seltene, aber spezifische Sicherheitssignale im Kontext der Corona-Impfungen bestätigt. Dazu zählen: Thromboembolische Ereignisse, insbesondere nach Vektorimpfstoffen (AstraZeneca/J&J) sowie Herzmuskelentzündungen (Myokarditis/Perikarditis), insbesondere nach mRNA-Impfstoffen (Biontech/Moderna), vor allem bei jüngeren Männern.
    Vgl. aus der differenzierten Beobachtung und Berichterstattung über mögliche Impfschäden beispielsweise die ausführliche Darstellung bei Menzer, D. und Kopp, L. (2025): Pharmakovigilanzbericht zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe – Sachstand 31.12.2024, Paul-Ehrlich-Institut, März 2025: »Vom 27.12.2020 bis zum 31.12.2024 wurden mehr als 197.033.944 Impfungen zum Schutz vor COVID­19 durchgeführt … Dem Paul­-Ehrlich­-Institut wurden im selben Zeitraum 350.868 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen gemeldet. Von ihnen wurden 63.909 (18,2%) entsprechend der Kriterien im Deutschen Arzneimittelgesetz (§4 [13] AMG) als schwerwiegend definiert. Die Melderate von Verdachtsfällen einer Nebenwirkung betrug für alle COVID­19­Impfstoffe zusammen 1,78 Meldungen pro 1.000 Impfdosen, für Verdachtsfälle mit schwerwiegenden Nebenwirkungen 0,32 Meldungen pro 1.000 Impfdosen. Eine Auswertung zu Meldungen von chronischem Müdigkeitssyndrom und Long­COVID­-ähnlichen Beschwerden nach Impfung mit COVID­19­-Impfstoffen ans Paul­-Ehrlich­-Institut und ein Vergleich mit internationalen Meldungen in der Nebenwirkungsdatenbank bei der Europäischen Arzneimittelagentur hat bis zum Datum dieser Auswertung kein Risikosignal ergeben.«
    ↩︎
  2. Nachtrag: Das Beispiel ist dem Beitrag Falsche Zahlen zu angeblichen Impf-Toten von Karin König und Carla Reveland entnommen, der am 24.04.2026 veröffentlicht wurde.
    ↩︎
  3. Da wird einfach mal behauptet, ein „Insider“ hat berichtet. Der Blick auf die tatsächliche Person ist dann weitaus weniger beeindruckend: Laut Kurzbiografie für sein impfkritisches Buch ist er seit 2007 pensioniert, auf seinem LinkedIn-Profil gibt er an, seit 2011 in Rente zu sein und von 2001 bis 2009 bei Pfizer gearbeitet zu haben. Nius beschreibt Sterz als „Leiter der Toxikologie bei Pfizer Europa“. Sterz sagt von sich selbst, er sei dort „verantwortlich für alle Tierexperimente“ gewesen, „die der Arzneimittelsicherheit dienen“. Auf ARD-Anfrage stellt der Pharmakonzern Pfizer klar, dass Sterz während der Corona-Pandemie nicht bei Pfizer beschäftigt war und folglich nicht an der Entwicklung des COVID-19-Impfstoffs beteiligt war.
    ↩︎