Menschen aus Indien kommen nach Deutschland – nicht nur in die IT und Pflege. Manche kommen auch zum Studium nach Deutschland. Und landen bei Lieferdiensten und in anderen Branchen

Seit geraumer Zeit wird in der Diskussion über die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften immer stärker auf Indien geschaut – dem mit 1,5 Milliarden Menschen bevölkerungsreichsten Land der Welt. Politiker reisen nicht nur oft auf diesen Subkontinent. 2023 ist das deutsch-indische Abkommen über eine umfassende Migrations- und Mobilitätspartnerschaft in Kraft getreten, das am 5. Dezember 2022 auf Regierungsebene in New Delhi unterzeichnet wurde. Es formuliert das Doppelziel, Arbeitsmigration aus Indien zu vereinfachen – und gleichzeitig Fluchtmigration aus dem Land zu reduzieren. 2024 kam die Fachkräftestrategie Indien der Bundesregierung hinzu, ein weiteres Maßnahmenpaket, um den Zuzug indischer Fachkräfte zu fördern.

Schaut man sich die Zahlen der in Deutschland lebenden indischen Staatsangehörigen an, dann haben wir es in den vergangenen Jahren offensichtlich mit einer echten Erfolgsgeschichte zu tun, wenn man denn Erfolg an den Quantitäten festmacht. Seit den 2010er Jahren gab es ein erhebliches Wachstum der Zahl der Menschen mit indischer Staatsangehörigkeit in Deutschland.

2024 wurden ausweislich der Ausländerstatistik mehr als 277.000 Menschen mit indischer Staatsangehörigkeit in Deutschland gezählt. Nicht (mehr) in diesen Zahlen sind die Menschen enthalten, die zwischenzeitlich eingebürgert worden sind und nun die deutsche Staatsangehörigkeit haben. 2024 gab es nach der Einbürgerungsstatistik des Statistischen Bundesamtes insgesamt 4.705 Einbürgerungen von Indern in Deutschland (2023: 3.405; 2022: 2.775). Das Durchschnittsalter der 2024 eingebürgerten Inder lag bei 29,8 Jahren und deren durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Deutschland bis zur Einbürgerung wird mit 8,6 Jahren ausgewiesen. Das ausgeschöpfte Einbürgerungspotential (aEP) – diese Kennzahl bezieht die Einbürgerungen im Inland auf die seit mindestens 10 Jahre in Deutschland lebende ausländische Bevölkerung des Vorjahres – wird für die (bisherigen) indischen Staatsangehörigen mit 13,7 Prozent angegeben. Zur Einordnung der Zahlen: Im Jahr 2024 haben 291.955 Ausländerinnen und Ausländer die deutsche Staatsbürgerschaft erworben, insofern ist die Teilgruppe der eingebürgerten Inder von einer sehr überschaubaren Größenordnung (1,6 Prozent).1 In einer Studie aus dem Jahr 2024 wird darauf hingewiesen, dass der Großteil der Inderinnen und Inder für immer in Deutschland bleiben möchten und knapp zwei von fünf Menschen indischer Herkunft bereits die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt (vgl. dazu Adunts et al. 2024).

Eine Vervielfachung der Beschäftigten mit indischer Staatsangehörigkeit

Seit mehreren Jahren zählt Indien zu den Staaten mit der höchsten Netto–Zuwanderung nach Deutschland. Beispielsweise war Indien im Jahr 2023 auf Platz 5 der Länder, aus denen mehr Menschen zu- als ausgewandert sind – nach der Ukraine, Syrien, Afghanistan sowie der Türkei.

Indische Staatsbürger kommen vor allem zum Arbeiten oder Studium nach Deutschland. Das hat sich auch in der Entwicklung der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit indischer Staatsbürgerschaft niedergeschlagen. Im August 2014 gab es erst 21.920 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit indischer Staatsangehörigkeit in Deutschland, elf Jahre später, im August 2025, hat sich diese Zahl vervielfacht, nunmehr weist die Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit 172.620 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus – wir sehen also in etwas mehr als zehn Jahren fast eine Verachtfachung der Zahl der Beschäftigten mit einer indischen Staatsangehörigkeit (nochmals sei hier darauf hingewiesen, dass alle diejenigen, die mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit haben, in diesen Zahlen nicht – mehr – enthalten sind).

Der eine Blick auf indische Arbeitskräfte: Vor allem IT und hohe Löhne

Am 28. Februar 2024 wurde hier der Beitrag Kinder statt Inder? Lange ist es her. Wie geht es den Indern, die nach Deutschland gekommen sind (auf dem Arbeitsmarkt)? veröffentlicht. Darin wurde aus einem 2022 veröffentlichten Kurzbericht aus dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zitiert: »Im März 2021 arbeiteten 57,6 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Inder in Deutschland in Spezialisten- oder Expertentätigkeiten, die typischerweise ein Hochschulstudium oder einen Fortbildungsabschluss, wie den Meister, voraussetzen. Hingegen betrug der entsprechende Anteil bei allen Ausländern nur 16,5 Prozent und bei den Inländern 28,3 Prozent. Besonders stark vertreten waren sie bei den von Fachkräfteengpässen besonders betroffen Expertentätigkeiten im MINT-Bereich, wo ihr Anteil mit 1,3 Prozent rund siebenmal so hoch lag wie bei der Gesamtbeschäftigung.« Und der IW-Bericht bilanzierte damals: »Dass sich die Zuwanderung aus Indien in den letzten Jahren so positiv entwickelt hat, ist keinesfalls selbstverständlich. Vielmehr steht Deutschland hier in einer starken Konkurrenz mit den angelsächsischen Ländern, die mit der englischen Sprache und starken indischstämmigen Communities zwei große Vorteile haben.«

Adunts et al. (2024) vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben darauf hingewiesen, dass die Arbeitsmarktintegration von indischen Staatsangehörigen gemessen an gängigen Indikatoren insgesamt positiv ist. Die Beschäftigungsquote ist vergleichsweise hoch und die Arbeitslosen- und SGB-II-Hilfequoten sind relativ niedrig. Unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist das Anforderungsniveau der Tätigkeit der indischen Staatsangehörigen überdurchschnittlich hoch, was sich auch in vergleichsweise hohen Arbeitsentgelten widerspiegelt.

➞ Unter den indischen (Vollzeit-) Beschäftigen lag der Medianlohn im Dezember 2022 bei 5.200 Euro. Im Vergleich hierzu lag der Medianlohn der Beschäftigten insgesamt bei 3.600 Euro und bei den ausländischen Beschäftigten bei 2.900 Euro.

Diese hohen Durchschnittsverdienste erklären sich daraus, dass viele Inder in der IT-Branche einen gut dotierten Job gefunden haben. Genauer: Differenziert nach Wirtschaftszweigen sind indische sozialversicherungspflichtig Beschäftigte überdurchschnittlich häufig beschäftigt in den Branchen Information und Kommunikation, freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen – sowie dem Gastgewerbe.

Ein anderer Blick auf indische Arbeitskräfte: Vom Studium hier in Jobs mit hohen Löhnen muss nicht von Dauer sein oder: Von der zunehmenden Verflüssigung der Einstiegspunkte und der bisherigen Karriereleitern in Deutschland

Adunts et al. (2024) haben herausgearbeitet: Die Zuwanderung von indischen Staatsangehörigen ist überdurchschnittlich geprägt durch Erwerbs- und Bildungsmigration. Insbesondere die Einwanderung zur Aufnahme eines Studiums ist seit dem Jahr 2010 vergleichsweise stark gestiegen. Mehr als 35.000 Inder studieren in Deutschland. Nur aus China kamen noch mehr Studierende, so die IAB-Studie, die 2024 veröffentlicht wurde.

Aber das ist bereits veraltet, denn nunmehr stehen die Studierenden aus Indien auf Platz 1 – vor den Chinesen: »Indien hat sich mit knapp 59.000 Studierenden – einem Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr – als größtes Herkunftsland etabliert. Auf Platz zwei folgt China mit rund 38.600 Studierenden, deren Zahl seit dem Wintersemester 2019/20 um sieben Prozent zurückgegangen ist, berichtet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) am 26. November 2025. 

Nun wird es im Angesicht der anschwellenden Debatte über die (möglichen bzw. bereits erkennbaren) Auswirkungen der KI auf die Arbeitsmärkte nicht wirklich überraschen, dass der Einstieg bzw. die Aufnahme gut bezahlter Jobs gerade in der IT-Branche deutlich schwieriger geworden ist und gerade Absolventen von Studiengängen, die noch vor wenigen Jahren mehrere konkurrierende Jobangebote bekommen haben, werden nun mit erheblichen Problemen bei der Jobsuche konfrontiert. Die bisherige Erfolgsgeschichte der Arbeitsmarktintegration indischer Staatsbürger in Deutschland kann nicht bedingungslos fortgeschrieben werden, sondern für eine Teil der indischstämmigen Arbeitskräfte sind deutlich schlechtere Zeiten angebrochen.

Was aber hat das alles mit den Lieferdiensten zu tun?

Die Lieferdienste waren und sind hier seit langem vor allem mit Blick auf die Arbeitsbedingungen immer wieder Thema – zuletzt ausführlich in dem Beitrag Die Lieferdienste rutschen weiter in die Subunternehmer-Kellerwelt. Kein Druckfehler: Bis man es mit „Subsubsubsubunternehmen“ zu tun bekommt bzw. deren Briefkästen, der hier am 13. März 2026 veröffentlicht wurde. Dort wurde die zunehmende Ausbreitung des Subunternehmerunwesens am Beispiel der aktuellen Entwicklungen bei Lieferando problematisiert. Daran kann hier nahtlos angeknüpft werden.

Am 5. März 2026 berichtete Jonas Wahmkow von einer Anhörung im Ausschuss für Arbeit des Berliner Abgeordnetenhauses. Die Anhörung erfolgte infolge der immer offensichtlicher werdenden Missstände bei Essenlieferdiensten wie Lieferando, Wolt und Uber Eats. Gewerkschaften und Fahrer kritisieren, dass die Unternehmen zunehmend auf Subunternehmen setzten, um rechtliche Mindeststandards zu unterwandern.

Wahmkow zitiert Max W. vom Lieferando Workers Collective, der während der Anhörung von einem „kriminogenen Milieu“, das sich in der Lieferbranche gebildet hätte, berichtet hat. „Flotten“ von jeweils rund 250 Kurieren würden über Whatsapp-Gruppen organisiert. Die Fahrer bekämen keinen Arbeitsvertrag und ihren Lohn, wenn überhaupt, Cash auf die Hand. Um überhaupt arbeiten zu dürfen, sei eine Provision von 500 Euro nicht unüblich. Wer sich krankmeldet, werde einfach wieder deaktiviert, berichtet W. „Ich kenne keine Flotte, die gesetzliche Mindeststandards einhält“, sagt der Lieferando-Fahrer.«

Und dann kommt der hier besonders relevante Punkt:

»Besonders häufig betroffen von diesen illegalen Geschäftspraktiken sind internationale Studierende aus Südindien, die nur schlechte Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben.«

Aber wieso landen Studierende aus Indien auf einem der vielen Lieferräder? Wie kann es dazu kommen?

Bereits im Sommer 2025 hat Nina Scholz ihre lesenswerte Reportage Das Geschäft mit den Studis veröffentlicht, aus der hier ausführlicher zitiert werden soll. Die beginnt mit der Geschichte von Ritik Yadav. 

Er »sitzt im Sommer 2022 mit seiner Mutter in Kanpur im Nordosten von Indien vor dem Fernseher. Gemeinsam sehen sie sich einen Werbespot für Universitäten im Ausland an. Seine Mutter fragt ihn: „Wäre das nicht auch etwas für dich?“ Ritik Yadav ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt und hat einen Bachelor-Abschluss in Business Administration, aber er weiß nicht so recht, wie es für ihn weitergeht. Er hat zwar eine eigene kleine Firma aufgebaut, in der er Kurkuma verarbeitet und an Kosmetikhersteller verkauft, aber das läuft nicht so gut.

Die wirtschaftliche Situation in Kanpur ist schwierig. Die Stadt, die einst ein Zentrum für Textilverarbeitung war, sei mittlerweile deindustrialisiert worden, viele gut bezahlte Jobs gebe es dort nicht mehr … An jenem Tag vor drei Jahren rief er zusammen mit seiner Mutter die Telefonnummer aus dem Werbespot an und vereinbarte einen Termin mit einem Berufsberater von Up-Grad, einem erfolgreichen indischen Start-up für Online- und Auslandsstudienvermittlung. „Er hat mir vorgeschlagen, dass ich einen Master in Internationalem Management in Berlin mache“, erzählt Yadav … er und seine Familie hoffen, dass sich so sein Traum von einer Karriere und einem gut bezahlten Job erfüllt. Ein deutscher Masterabschluss könnte seine Chancen auf dem indischen Arbeitsmarkt erhöhen. Yadav wünscht sich aber eigentlich, in Europa leben und arbeiten zu können … bevor es für Ritik Yadav nach Berlin geht, wird es noch ein ganzes Jahr dauern. Die ersten beiden Semester seines Masterstudiums bestehen nur aus Online-Seminaren, die er von der Wohnung seiner Eltern aus besucht. So sieht es das Studienmodell der International University (IU) mit Standort in Berlin vor. Das Studium ist eine große Investition für Yadav und seine Familie. Er hat Indien noch nicht verlassen, da hat er bereits über 22.000 Euro dafür ausgegeben.«

➔ »Rund 3.000 Euro kostet allein das erste Studienjahr, 18 Prozent Vermittlungsgebühr gehen einmalig an Up-Grad. Hinzu kommen 7.268 Euro Studiengebühren für ein weiteres Jahr an der IU und 354 Euro für das Flugticket nach Berlin. Obendrein 11.208 Euro, die er auf ein Sperrkonto überweisen muss. Dies ist im Rahmen eines Visumverfahrens für ausländische Studierende Pflicht, so das Auswärtige Amt auf seiner Website. In Indien hat Yadav deswegen einen Kredit von umgerechnet 17.700 Euro aufgenommen. Den Rest habe ihm sein Vater dazugegeben, erzählt er. „Meine Eltern wollen, dass ich ein gutes Leben habe. In Indien wird das schwer.“ Diese Schulden lasten auf Yadav.«

»Im Oktober 2023 sei es für ihn dann endlich nach Berlin gegangen, berichtet Yadav weiter. Doch seine Studienzeit in der Hauptstadt verläuft anders, als er sich das erhofft hat. Yadav ist enttäuscht, als er das Gebäude seiner Hochschule zum ersten Mal betritt. „Das ist doch keine richtige Uni“, habe er gedacht.«

Exkurs: Die „International University“ (IU) – auf dem Papier die größte „Hochschule“ in Deutschland»Die „International University“ (IU) hat keinen zentralen Campus, keinen alten Namen, und eine echte Universität ist sie auch nicht. Dafür hat sie mehr als 130.000 Studenten und darf sich mit dem Titel „Deutschlands größte Hochschule“ schmücken. Der „Pionier der digitalen Bildung“, wie sich die IU selbst nennt, hat ein sprunghaftes Wachstum hinter sich. Im Jahr 2000 gestartet als Internationale Fachhochschule Bad Honnef mit hundert Studenten, bietet sie heute mehr als 250 Studiengänge an, verfügt über viertausend Angestellte und 750 Professoren und ist damit größer als die beiden größten staatlichen Universitäten Deutschlands zusammen.« So beginnt der Beitrag von Gerald Wagner unter der bezeichnenden Überschrift: Studium zum Schleuderpreis. Man kann seinem Artikel zahlreiche, bereits seit Jahren immer wieder (beispielsweise vom Wissenschaftsrat) vorgetragene Kritikpunkte an der Arbeit der IU entnehmen: die mangelnde bzw. nicht vorhandenen Forschungsaktivitäten, die fehlende bzw. nur in Spurenelementen vorhandene Internationalität oder der „Mangel an physischer Ko-Präsenz“ des Lehrpersonals. Und während man von einem „sehr dynamischen Wachstumskurs“ spricht, legt Wagner den Finger auf die zahlreichen Wunden: »Zu rasch gewachsen, das Personal eher unterqualifiziert, mit der anderswo geleisteten Forschung kaum verbunden und in der wissenschaftlichen Eigenleistung bedeutungslos, wird hier akademische Bildung heute zu Preisen angeboten, die schon jetzt eigentlich nicht kostendeckend sein können.«2 Und Wagner bilanziert zutreffend: »Im Angebot der Privaten finden sich im Übrigen zu viele rasch auf den Markt geworfene Bachelorstudiengänge, die so spezialisiert sind, dass sie keine breite Grundlagenbildung und auch kaum Anschlussfähigkeit für einen Berufseinstieg oder ein weiterführendes Studium vermitteln können.«

Aber wieder zurück zu Ritik Yadav und seinen Erfahrungen mit der IU, nachdem er endlich in Berlin angekommen ist:

»Die Räume des Berliner Standorts befinden sich im Plaza-Gebäude, einer schmucklosen Mall, die Mitte der 1990er in der Frankfurter Allee in Berlin-Friedrichshain eröffnet wurde. Im Plaza hat die IU mehrere Büroetagen gemietet, in denen sich vor allem Seminarräume und Kaffeenischen befinden. Ansonsten gibt es im Gebäude einen asiatischen Imbiss, einen Supermarkt, eine Post, einen Zeitungskiosk und ein paar andere Geschäfte, aber nichts, was wirklich an einen Uni-Campus erinnert … Die Räumlichkeiten der IU bleiben aber nicht die einzige Enttäuschung für Yadav. Die meisten seiner Studienkollegen kämen, genau wie er, aus Südasien, erzählt der junge Mann. Dabei sei er nach Deutschland gekommen, um die Kultur besser kennenzulernen und sich hier ein Leben aufzubauen, so wie die Werbung es versprochen hat … Yadavs Kurse sind in Englisch, ein Deutschkurs sei bislang nicht angeboten worden.«

Am Berliner IU-Standort kommen 40,6 Prozent aller Studierenden aus Indien.

»Es wirkt, als habe sich die IU mit den indischen Studierenden ein neues Geschäftsfeld erschlossen. Ihre Zahl ist am Berliner Standort stark gestiegen: 2020 studierten dort nur 234 Inderinnen und Inder, heute sind es insgesamt 4.842 Inderinnen und Inder, inklusive derer, die die Onlinekurse besuchen und nicht in der Stadt sind.«

Das kann man noch toppen: »Aber auch die Studierenden in Berlin müssen Onlinekurse besuchen, berichtet Ritik Yadav. „Von den 18 Fächern, die ich belegt habe, fanden nur zwei auf dem Campus statt, alle anderen waren online.“ Seine Dozenten würden oft gar nicht in Berlin leben, sagt er. Kurse würden manchmal ausfallen, weil die Internetverbindung schlecht sei. Für einen Kurs habe es nicht mal einen Dozenten gegeben, nur Onlinevideos.«

»Das größte Problem für Ritik Yadav ist aber, dass er, im Gegensatz zu seinem ersten Studienjahr in Indien, keinen Ort hat, an dem er in Ruhe an den Onlinekursen teilnehmen kann. Die IU habe keine richtige Bibliothek und kaum Räumlichkeiten zum Lernen, die sie den Studierenden zur Verfügung stellt.«

Und das ist für einen Menschen aus dem Ausland, der nach Berlin kommt und eine Bleibe suchen und finden muss, ein zusätzliches Problem. Und man ahnt es schon – er gehört zu den bevorzugten Opfern weiterer Ausbeutungsmodelle:

»Er hatte bereits von Indien aus versucht, ein Zimmer oder eine Wohnung zu finden, ohne Erfolg, es gab kaum Auswahl, die Mieten waren zu hoch, erzählt Ritik Yadav. In Berlin angekommen, ist die Situation nicht besser, aber die Zeit drängt. Innerhalb von zwei Wochen braucht er eine Meldeadresse, die er dem Einwohnermeldeamt mitteilen kann. Nur so kann er einen legalen Aufenthaltsstatus bekommen. Die ersten Tage wohnt er in einem Hostel, dann geben ihm andere indische Studierende, die er dort trifft, eine Nummer von jemandem, der ihm ein möbliertes Zimmer vermitteln kann. Dort ruft Ritik Yadav an. „Er hat 1.000 Euro Vermittlungsgebühr, 1.200 Euro Kaution und 1.800 Euro Miete verlangt. Die sollten wir jeden Monat in bar bezahlen.“ Belege gibt es nicht.

Die Wohnung von Bilal – ein Mann, von dem Ritik Yadav bis heute nur den Vornamen weiß – liegt in Moabit. Laut Yadav bietet Bilal in seinem Whatsapp-Status täglich mehrere solcher möblierten Apartments überall in Berlin an. Yadavs erste Wohnung ist klein, 40 Quadratmeter. Gemeinsam mit drei anderen indischen Studierenden mietet er sie an, sie teilen sich die Kosten. Zwei seiner Mitbewohner schlafen in der Wohnküche, Yadav und ein weiterer Mitbewohner teilen sich ein kleines Zimmer.«

Ritik Yadav bekommt aber noch ein weiteres Problem: Ihm geht das Geld aus. Sein monatliches Budget von 700 Euro reicht irgendwann nicht mehr.

Die Spirale dreht sich weiter und schneller und jetzt sind wir bei den Lieferdiensten angekommen:

»Im Dezember 2023 fängt er als Kurierfahrer bei einer Schnellrestaurantkette in Prenzlauer Berg an. Er ist jetzt einer der vielen Kurierfahrer aus Südasien. „Sie machen mittlerweile den Großteil der Beschäftigten der Lieferdienste aus.“«

»Yadav berichtet, dass seine Arbeitstage oft von langen Wartezeiten geprägt gewesen seien. Er habe dann vor dem Laden gesessen und darauf gewartet, dass eine Bestellung reinkommt. Die zusätzlichen Stunden, die er damit auf der Arbeit verbracht hätte, habe er aber nicht entlohnt bekommen. Hinzu kam, dass er länger eingesetzt wurde, als es rechtlich zulässig ist. 20 Stunden darf er wöchentlich arbeiten. Das regelt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Manchmal hätte aber schon ein einziger Arbeitstag 12 Stunden gedauert, sagt Ritik Yadav. Oft habe er Angst gehabt, dass er wegen der langen Schichten die Onlinekurse nicht besuchen kann, dass er sein Visum verliert.«

»Im März 2023 habe er seinen ersten Job aber bereits wieder verloren. „Ich bin im Schnee ausgerutscht und habe mich verletzt“, erzählt Ritik Yadav. Er meldet sich krank – und wird entlassen. Bis heute habe er für die Zeit seiner Krankmeldung kein Gehalt bekommen.«

Die Studierenden aus Indien, Pakistan und Bangladesch müssen, nachdem sie hier angekommen sind, meist schnell Arbeit finden. In Indien kläre sie niemand darüber auf, was für Kosten auf sie zukommen, wie ihre Lebenssituation hier sein wird. Einige Arbeitgeber nutzen aus, dass die internationalen Studierenden unter erheblichen finanziellem Druck stehen.

Das führe zu einer Machtasymmetrie: „Der Arbeitgeber ist in einer viel stärkeren Position als der indische Studierende, der seine Wohnung nicht verlieren darf, weil er dann Visa-Probleme bekommt.“ Mit diesen Worten wird Aju John zitiert, der in Indien als Anwalt tätig war, bevor er 2020 ebenfalls nach Deutschland kam. Derzeit forscht er für seine Doktorarbeit am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin über indische Studierende aus Südasien.

»Die Studierenden aus Südasien würden aber nicht nur bei Lieferdiensten arbeiten, sagt John, sondern auch in Gastroküchen, in Logistikzentren oder als Paketauslieferer. Entscheidend für ihre Anstellung sei meist nur, dass sie Englisch sprechen. Aber gerade diese Sprachbarriere und die Unkenntnis über ihre Arbeitsrechte machten sie anfällig für Ausbeutung.«

Bleiben wir noch einen Moment bei unserem Beispielfall:

»Lange Arbeitszeiten, Wohnungs- und Jobwechsel, kaum Privatsphäre, Onlinekurse, ein fremdes Land – all das hält Ritik Yadav nicht vom Studieren ab. Im Winter 2024 habe er alle notwendigen Kurse abgeschlossen, sagt er, aber im März 2025 in drei Fächern immer noch auf seine Noten gewartet. Er habe mehrfach versucht, die IU zu kontaktieren, sowohl per E-Mail als auch telefonisch, allerdings ohne Erfolg. Es habe dann acht Monate gedauert, bis er in einem Fach seine Noten bekommen habe. Die Studiengebühren habe er zunächst weiterzahlen müssen.«

… und die deutsche Bürokratie darf auch nicht fehlen

Anfang des Jahres 2025 spitzt sich die Lage für viele indische IU-Studierende dann aber noch mal dramatisch zu, als das Berliner Landesamt für Einwanderung (LEA) mehrere Anträge auf Visa-Verlängerung ablehnt. Die Begründung: Aus den Studienbescheinigungen würde nicht ersichtlich, dass ein Präsenzstudium gemacht werde. „Es ist durchaus möglich, dass Sie (…) ein Fernstudium absolvieren“, heißt es dort.

Warum hat das Landesamt für Einwanderung die Visa-Anträge überhaupt überprüft? Warum hat es die Visa erst bewilligt und später widerrufen?

Ein Sprecher des Landesamtes für Einwanderung bestätigt lediglich, „dass das LEA regelmäßig im Zusammenhang mit Anträgen auf Verlängerung von Aufenthaltserlaubnissen (…) prüft, ob die allgemeinen und besonderen gesetzlichen Erteilungsvoraussetzungen“ vorlägen. 

Und formal handelt die Behörde korrekt, so der Migrationsanwalt Stanislaw Stroh: „Sobald ein Studium im Fernstudium absolviert werden kann, gibt es keinen Bedarf für einen langfristigen Aufenthalt in Deutschland.“ Dies sei ein Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz.

Aber warum hat das LEA die Visa-Anträge der indischen Studierenden vor ihrer Einreise nach Deutschland genehmigt und warum sieht es jetzt plötzlich ein Problem darin? Hat das LEA mitbekommen, dass die IU eventuell mehr Kurse online als in Präsenz anbietet? Man weiß es nicht. 

Die IU wiederum sucht im Frühjahr 2025 den Kontakt zum Landesamt für Einwanderung und hat eine neue, mit dem LEA abgestimmte Studienordnung erarbeitet, die ab dem Herbst 2025 Gültigkeit bekommen sollte – das Blended-Learning-Programm der IU mit der Mischung aus Online- und Präsenzlehre wurde auf dem Papier zu einem reinen Präsenzstudium.

Aber die 450 von den Visa-Ablehnungen betroffenen indischen Studierenden standen vor dem Problem, dass diese Änderungen für sie möglicherweise zu spät kommen – sie „müssten sich dann wohl erneut auf ein Studium bewerben, vielleicht auch die Studiengebühren erneut bezahlen.“

Da sind nun alle Elemente enthalten, die einem in den vielen vergleichbaren kafkaesken Geschichten aus der Welt „vor Ort“ immer wieder begegnen.

In so einem Kontext überrascht es dann auch nicht, dass die Sub-Sub-Subunternehmer aus dem Wilden Westen der Lieferdienste bei diesen Menschen „zulangen“ können und dass man jede Illusion von „auf Augenhöhe sich wehren können gegen Missbrauch und Ausbeutung“ als eine solche benennen muss.


Fußnoten

  1. Bei der Interpretation der einen großen Zahl an Einbürgerungen muss man berücksichtigen, dass es 2024 einen Anstieg der Einbürgerungen gegenüber dem Vorjahr (2023) um 46 Prozent auf 291.955 gegeben hat – noch nie seit der Einführung der Statistik im Jahr 2000 gab es mehr Einbürgerungen in Deutschland. Die ganz großen Hausnummern sehen wir nicht mit den 4.705 eingebürgerten Indern, sondern bei anderen Staatsangehörigkeiten: Am häufigsten wurden im Jahr 2024 Syrer eingebürgert. Mehr als jede vierte eingebürgerte Person (83.150 oder 28 Prozent) war im Besitz der syrischen Staatsangehörigkeit. Danach folgten mit großem Abstand Personen mit türkischer (22.525 oder 8 Prozent), irakischer (13.545 oder 5 Prozent), russischer (12.980 oder 4 Prozent) und afghanischer (10.085 oder 3 Prozent) Staatsangehörigkeit. Vgl. dazu ausführlicher Statistisches Bundesamt: 291.955 Einbürgerungen im Jahr 2024 (10.06.2025).
    ↩︎
  2. So verlangt die IU etwa für den Bachelor in Robotics als Fernstudium in Vollzeit nur rund 15.000 Euro für drei Jahre (ein Bachelor an einer Universität kostet die Länderhaushalte im Durchschnitt, bei sehr großen Schwankungen zwischen den einzelnen Fächern, rund 36.000 Euro). Wagner weist an dem konkreten Beispiel noch auf ein anderes Systemproblem hin: »Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie man ein technisches Fach wie etwa „Robotics“ sinnvoll in einem Fernstudium studieren soll, wie es die IU anbietet.« ↩︎