Aus der Welt der Armutslinderung: Den Tafeln ist nicht wirklich zum Feiern zumute. Tafelarbeit zwischen „Politisierung“ und inneren Problemen des eigenen Erfolgs

Die Tafeln – die waren doch vor kurzem wochenlang im Fokus der Medien. Viele werden sich trotz des zunehmend kürzer werdenden Kurzzeitgedächtnisses daran erinnern. Am 22. Februar wurde von der WAZ dieser Beitrag veröffentlicht, der sogleich ganz hohe Wellen und die bundesweit geschlagen hat: Die Essener Tafel nimmt zurzeit nur noch Deutsche auf: »Weil der Anteil nicht-deutscher Nutzer auf 75 Prozent gestiegen ist, hat die Essener Tafel für sie einen Aufnahmestopp verhängt. Vorübergehend.« Der Verein habe sich dazu gezwungen gesehen, weil Flüchtlinge und Zuwanderer zwischenzeitlich 75 Prozent der insgesamt 6.000 Nutzer ausmachten, wird der Vorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sartor, in dem Artikel zitiert. Und dann sagt der ehemalige Bergmann einen Satz, der eine Menge Reaktionen auslösen wird: „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt.“ Daraufhin wurden Tafeln in ganz Deutschland von Heerscharen an Journalisten geflutet und alle möglichen Politiker warfen sich an die Interviewfront und der normale Bürger konnte und musste den Eindruck bekommen, dass die Tafeln nun von Flüchtlingen und anderen Migranten übernommen worden sind.

Da wird dann so ein Statement seitens des Dachverbandes der Tafeln mit Blick auf die zunehmende Zahl der Flüchtlinge, Asylbewerber und EU-Zuwanderer, die in die Tafeln kommen, nicht überraschen: »Es kann nicht sein, dass die Politik sich darauf verlässt, dass die Tafeln die Not der Geflüchteten und Zugewanderten auffangen. Es ist eine staatliche Aufgabe und eine humanitäre Pflicht, für einen menschenwürdigen Aufenthalt in Deutschland zu sorgen. Die Tafeln können und wollen nur ein ergänzendes Angebot sein, sie sind keine Vollversorger.«

Nur stammt dieses Zitat nicht aus dem Frühjahr 2018 – sondern aus dem Jahr 2014, als der Jahresbericht 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. So viel dazu, dass es nicht vor dem, was heute wie selbstverständlich und unreflektiert als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird, Warnungen und Problemhinweise gegeben hat. Nur hat das damals kaum einen wirklich interessiert. Man findet das Zitat übrigens in dem am 29. Mai 2014 in diesem Blog veröffentlichten Beitrag Von der fortschreitenden „Vertafelung“ der unteren Etagen unserer Gesellschaft

Was ist eigentlich mit bzw. in der Essener Tafel weiter passiert, die es bis in die Talkshows dieses Landes geschafft hat? Essener Tafel nimmt wieder Ausländer auf, so ist einer der vielen Artikel überschrieben, der auf eine Entspannung der Lage hindeutet: Bei einem „runden Tisch“ war vorher eine Lösung gefunden worden: Demnach soll bei Kapazitätsengpässen der Tafel die Herkunft der Bedürftigen künftig kein Kriterium mehr sein. Stattdessen sollen Alleinerziehende, Familien mit minderjährigen Kindern sowie Senioren unabhängig von ihrer Nationalität bevorzugt aufgenommen werden.

In die gleiche Richtung geht die Botschaft dieses Artikels, der am 18.06.2018 veröffentlicht wurde: Wie es bei der Essener Tafel heute aussieht. »Zwei Monate nach Ende des Aufnahmestopps von Ausländern bei der Essener Tafel scheint dort wieder Normalität eingekehrt zu sein«, so Dennis Pesch.

Oder was man so Normalität nennt. Dass es in den Tafeln, die in mehrfacher Hinsicht höchst fragil sind, weil sie weitgehend auf dem ehrenamtliche Engagement sowie auf dem Nachschub an gespendeten oder zu entsorgenden Lebensmitteln basieren und an diesen Stellen natürlich auch verwundbar sind (vgl. mit Blick auf die Lieferanten der Tafel schon den Beitrag Wird die „Vertafelung“ unserer Gesellschaft durch eine unaufhaltsame Effizienzsteigerung auf Seiten der Lieferanten erledigt? vom 19. April 2015), angesichts der unvermeidbaren Rationierungsentscheidungen, die dort angesichts der Angebots-Nachfrage-Diskrepanzen getroffen werden müssen, bei dem einen oder anderen auch mehr als diskussionswürdige Selektionsentscheidungen getroffen werden, ist nun übrigens kein Novum, das mit der Essener Tafel und ihrem Ausflug in diese verminten Gefilde über uns gekommen ist. Vgl. dazu nur als ein Beispiel den Beitrag Die Tafeln und die Flüchtlinge. Zwischen „erzieherischer Nicht-Hilfe“ im bayerischen Dachau und der anderen Welt der Tafel-Bewegung, der hier schon am 14. Oktober 2015 veröffentlicht worden ist. Das konnte man alles wissen.

Nun „feiern“ die Tafeln in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag, denn 1993 wurde die erste deutsche Tafel von der Initiativgruppe Berliner Frauen e.V. 1993 in Berlin gegründet (vgl. dazu und der weiteren Entwicklung der Tafeln den Artikel Wo der Staat nicht hilft von Simon Poelchau). Zu solchen Anlässen findet man dann immer wieder gerne entsprechende Berichte in den Medien, so auch in diesen Tagen: Tafeln versorgen seit 25 Jahren BedürftigeMehr Menschen nutzen Tafeln in Rheinland-Pfalz oder der Artikel Konkurrenzdruck nach unten: »Seit 25 Jahren helfen den um ihre Existenzsicherung Strampelnden die Tafeln. Mehr als 940 davon gibt es mittlerweile in der Bundesrepublik.«

Auch der Dachverband der Tafeln – Tafel Deutschland – hat sich anlässlich des Jubiläums zu Wort gemeldet: 25 Jahre Tafeln in Deutschland, so schmucklos-nüchtern ist die Pressemitteilung vom 18.06.2018 überschrieben. Die Zahlen kommen beeindruckend daher: 1,5 Millionen bedürftige Menschen werden von 60.000 ehrenamtlich tätigen Tafel-Engagierten mit Lebensmitteln unterstützend versorgt. Aber es hat sich eine Menge getan in den 25 Jahren – nicht nur muss man eine enorme Expansion der Tafeln seit 1993 zur Kenntnis nehmen (vgl. die Abbildung), sondern auch etwa seit 2012 eine Stabilisierung, die Wachstumsphase ist offensichtlich vorbei. 90 Prozent der Helfer sind ehrenamtlich aktiv. Über 60 Prozent der Ehrenamtlichen sind Frauen; knapp 70 Prozent sind im Seniorenalter. Die Tafel-Aktiven leisten pro Jahr insgesamt 24 Millionen Stunden ehrenamtliche Arbeit. Rechnet man diese Zeitspenden um, hat ihr Einsatz einen Wert von 216 Millionen Euro jährlich (wenn man die Stunden mit einem Mindestlohn von 9 Euro pro Stunde monetisieren würde.

Und auch das Selbstverständnis hat sich verschoben, folgt man den Ausführungen von Jochen Brühl, dem Vorsitzendern von Tafel Deutschland:

»Nach 25 Jahren hat sich das Selbstverständnis der Tafeln gewandelt. Der Leitgedanke zielt nicht mehr darauf ab, sich selbst abzuschaffen. Es ist vielmehr Aufgabe von Gesellschaft und Politik, Lebensmittelverschwendung und Armut abzuschaffen. Solange dies nicht geschehen ist, wird es Tafeln weiterhin geben. Die Auflösung der Tafeln in Deutschland wäre vor dem Hintergrund immer größer werdender sozialer Probleme wie Alters- und Kinderarmut, Zuwanderung, Ausgrenzung und Landflucht unverantwortlich.«

Aber es geht nicht nur um eine Rechtfertigung der eigenen Existenz und vor allem der Fortdauer derselben, sondern die Dachorganisation der Tafeln stellt auch politische Forderungen auf, ausgehend von den unterschiedlichen Perspektiven, die sich in der Tafelarbeit ergeben: Zum ein der (ursprüngliche) Ansatz, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und langfristig dazu beizutragen, dass man selbst überflüssig wird, weil immer weniger Lebensmittel nicht konsumiert, sondern weggeschmissen werden. Zum anderen aber auch die Versorgung von Menschen, die auf die in den Tafeln verteilten Lebensmitteln angewiesen sind, weil sie in Einkommensarmut leben müssen.

Zu den einzelnen Forderungen:

➔ Tafel Deutschland weitere Schritte zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung wie die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums bei lang haltbaren Produkten und die Einführung des Faches Lebensmittelkunde in Schulen.

➔ Neben Rentnern stellen Kinder und Jugendliche die größte Gruppe der Tafel-Kunden. Ihr Anteil liegt mittlerweile bei 30%. Bildung ist der beste Schutz vor Armut. Tafel Deutschland fordert die kostenlose, bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Bildung von der Kita bis zur Hochschule.

➔ Das Ehrenamt gerät zunehmend unter Druck. Längere Lebensarbeitszeit und straffere Ausbildungswege erschweren es Bürgerbewegungen, neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Tafel Deutschland fordert deshalb die Schaffung neuer Anreize für das Ehrenamt. Das Ansammeln von Rentenpunkten durch langjähriges Engagement würde das Ehrenamt auch in Zukunft attraktiv machen und stellt eine wichtige Form der Anerkennung dar. Tafel Deutschland hat dazu die Petition „Rentenpunkte für das Ehrenamt“ gestartet.

Und dann weisen die Tafeln auf einen weiteren Aspekt ihrer Arbeit hin:

»Neben der Ausgabe von Lebensmitteln sind soziale (Bildungs-) Projekte der Tafeln vor Ort von zentraler Bedeutung für die dort lebende Bevölkerung, besonders in strukturschwachen Regionen. „Tafeln ermöglichen Begegnung. Dieser soziale Aspekt ist für viele Tafel-Kunden ebenso wichtig wie die Unterstützung mit Lebensmitteln“, so Jochen Brühl. „Dort, wo die Infrastruktur wegbricht, existiert weiterhin eine Tafel. In Zukunft wird eines unserer Hauptaugenmerke auf den ländlichen Regionen liegen. Menschen dürfen nicht länger das Gefühl haben, an den Rand gedrängt zu werden. Weder sozial noch regional.“«

Es ist wichtig, auf diese Punkte hinzuweisen, denn hier manifestiert sich der Versuch einer gewissen „Politisierung“ einer überwiegend vom Ehrenamt getragenen Arbeit, was nicht einfach ist, wenn man sich klar macht, dass es vielen Engagierten gerade nicht um eine politische Aktion geht, sondern um den Akt des unmittelbaren Helfens. Dabei ist die Ausgangslage für die Tafeln bzw. ihre Vertreter nach außen doppelt problematisch:

1.) Zum einen werden sie seit Jahren angegriffen von Kritikern, die in ihnen die Stabilisatoren eines ungerechten Systems sehen, bei dem die „Suppenküche“ den klassischen Sozialstaat mit seinen Leistungen erst ergänzt und dann sukzessive zumindest teilweise ersetzt. Im Jahr 2013 – anlässlich des 20jährigen Bestehens der Tafeln – konstituierte sich ein kritisches Aktionsbündnis „Armgespeist. 20 Jahre Tafeln sind genug!“, um der »vorherrschenden Sicht auf die Ausbreitung und Institutionalisierung der Tafeln in Deutschland unsere fundierte Kritik und unsere Forderungen entgegen zu setzen«, so die Selbstbeschreibung auf der Website www.aktionsbuendnis20.de, die seitdem aber auch nicht mehr aktualisiert wurde. Eine Zeit lang gab es noch die Seite www.tafelforum.de, die allerdings derzeit zum Verkauf steht, also aufgegeben wurde. Eine Person taucht immer wieder auf, wenn es um eine fundamentale Kritik an den Tafeln geht – der Soziologe Stefan Selke. Er veröffentlichte im Jahr 2008 das Buch „Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird“. Und er verantwortete auch die mittlerweile wie erwähnt eingestellte Seite Tafelforum. 2013 veröffentlichte Stefan Selke das Buch „Schamland – Die Armut mitten unter uns“. Auch aktuell hat er sich zu Wort gemeldet – mit einer dreiteiligen Serie unter der Überschrift „Fiktive Autobiografie eines moralischen Unternehmens“ auf Telepolis: Mein Reich komme: 25 Jahre Tafeln in Deutschland (Teil 1), Die Verkitschung des Sozialen (Teil 2) sowie Tafeln und die Kunst (Teil 3). Nun kann man die teilweise rigide Ablehnung der Tafelarbeit in diesem Lager durchaus kritisch sehen.

Sozialpolitisch sicher nicht falsch ist aber der distanzierte Blick auf die mögliche und teilweise bobachtbare faktische Instrumentalisierung der Tafeln ganz unabhängig davon, welches Selbstverständnis die Tafeln haben und vortragen. Das konnte man auch vor wenigen Wochen im Zentrum der aufgeheizten Debatte über den Ausschluss von Nicht-Deutschen in der Essener Tafel und der durch die Berichterstattung aus dieser für viele anderen „Schattenwelt“ aufgeworfene Frage nach „der“ Armut in unserem Land. Vielleicht ist eine differenzierte Position zwischen Tafelenthusiasmus und Tafelablehnung ein lohnenswerter Ansatz. Dazu meine Bewertung in dem Beitrag Verteilungskrämpfe ganz unten in der zunehmend normalisierten Welt der Zusätzlichkeit. Diesseits und jenseits der Essener Tafel vom 26. Februar 2018:

»Das eigentliche Problem besteht nicht in der Existenz der Tafeln an sich, solange man diese als ein ausschließlich zusätzliches Angebot versteht, mit dem ein anderes Problem, nämlich die ansonsten anfallenden Lebensmittelvernichtung, bearbeitet werden soll – sondern wenn sich diese Institution verselbständigt (das kann auch aus den Institutionen selbst kommen, z.B. mit der an sich guten Absicht einer „Professionalisierung“ den widergelagerten Eigensinn einer Expansion im bestehenden System opfernd) und vor allem ihr Grundcharakter eines freiwilligen, zusätzlichen, den Alltag der Bedürftigen möglichst niedrigschwellig erleichternden Angebots faktisch sukzessive zerstört wird im Sinne einer „Normalisierung“ auf Seiten derjenigen, die eigentlich für die Existenzsicherung zuständig sind.
Und es ist eben keine nur anekdotische empirische Evidenz, dass Jobcenter ihre sogenannten „Kunden“ aktiv auf die Inanspruchnahme von Leistungen der Tafeln verweisen, um das Existenzminimum zu sichern, für das doch eigentlich das Grundsicherungssystem zuständig sein sollte. Wenn man das zulässt (und das passiert bei den Tafeln schon seit längerem, was die selbst auch offen beklagen), dann wahrlich ist eine Grenze überschritten, deren Verletzung sozialpolitisch vor allem mittel- und langfristig fatal wirken wird. Weil man Schritt für Schritt aus einer Welt der (grundsätzlich) existenzsichernden Leistungen eines Sozialstaats mit Rechtsanspruch verwiesen wird auf eine Schattenwelt der Subsistenzökonomie, auf die es eben naturgemäß, siehe Tafeln, keinen Rechtsanspruch auf Versorgung geben kann, wo man dem fragilen Angebot ausgeliefert wird.«

2.) Und der Hinweis auf das „fragile Angebot“ ist eine passende Überleitung zu der zweiten problematischen Herausforderungen, denen sich die Tafeln ausgesetzt sehen. Dabei geht es um gleichsam innere Probleme einer Institution, die in den vergangenen 25 Jahren bei Null gestartet ist und mittlerweile eine Quasi-Flächendeckung erreicht hat. Das war verbunden mit einer gewaltigen Angebotsexpansion. Und das bedeutet nicht nur die Rekrutierung von immer mehr Ehrenamtlichen, sondern auch die entsprechenden Räumlichkeiten und die Fahrzeuge für das Einsammeln der Lebensmittel müssen organisiert und die sonstigen anfallenden Kosten, die mit dem Betrieb eines solchen Unternehmens verbunden sind, müssen finanziert werden. Die Frage, wo die dafür notwendigen Mittel herkommen, ist höchst ambivalent und die im ersten Moment nachvollziehbare Bewegung in Richtung auf eine staatliche Mitfinanzierung der Tafelarbeit (vgl. hierzu aus den vielen Beispielen vor Ort die beiden Fälle Landkreis Spree-Neiße will Tafeln stärker fördern sowie für die Stadt Offenbach Stadt will Tafel unterstützen) kann sich mittel- und langfristig als Systembruch herausstellen und die Tafelarbeit wird immer mehr mit entsprechenden offenen oder versteckten Erwartungen seitens der staatlichen Finanziers aufgeladen.

Natürlich steigt die Verwundbarkeit der Tafeln, je größer und teil-professioneller sie werden (wobei auch in der Teil-Professionalisierung eine letztendlich unauflösbare Ambivalenz liegt, denn die Professionellen wollen mit ihren Angeboten gerade den von anderen oftmals kritisierten Zustand einer Reduktion der Tafeln auf die reine Lebensmittelausgabe überwinden und den Betroffenen in und um die Tafel herum weiterführende Hilfestellung wie beispielsweise Sozialberatung anbieten, was aber natürlich verbunden ist mit einer Einbettung in die bekannten Strukturen einer Refinanzierung dieser Arbeit über sozialstaatliche Zuwendungen).

Und dann kommen die Tafeln auch noch betriebswirtschaftlich gesehen unter Druck – und das aufgrund eines Erfolgs beim ursprünglichen Ausgangspunkt der Tafelarbeit, also der Vermeidung von Lebensmittelvernichtung. Anders formuliert: Die Fortschritte in der Logistik vor allem der großen Lieferanten der Tafeln, also der Supermärkte, führt dazu, dass der Nachschub an verteilbaren Lebensmitteln bei gleichzeitig steigender Rahel an „Kunden“ zurückgeht. Darauf wurde hier bereits am 19. April 2015 in dem Beitrag Wird die „Vertafelung“ unserer Gesellschaft durch eine unaufhaltsame Effizienzsteigerung auf Seiten der Lieferanten erledigt? hingewiesen.

Und in diesem Kontext sollten auch neue Anbieter und damit grundsätzlich auch Konkurrenten der „klassischen“ Tafelarbeit zur Kenntnis genommen werden. »Ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen. Lokale Initiativen sagen der Verschwendung in Leipzig den Kampf an.« Das kann man diesem Artikel entnehmen: Die Essensretter. Darin geht es aber gerade nicht um eine „klassische“ Tafel, sondern: „Foodsharing Leipzig“ nennt sich die Initiative, die dahintersteht (hier deren Facebook-Seite). Die gibt es in Leipzig seit Ende 2013. Momentan sind rund 400 Aktive unterwegs, die sich Foodsaver nennen. Das Prinzip ist einfach: Die Foodsaver holen Lebensmittel von Betrieben ab, die diese nicht mehr verkaufen können. Anschließend teilen sie das Essen untereinander auf oder geben es an Freunde, die Familie, Nachbarn oder soziale Einrichtungen weiter. Außerdem wurden noch sieben „Fairteiler“ aufgestellt. Das sind öffentlich zugängliche Regale, Fahrräder mit Kisten oder Kühlschränke, aus denen jeder Lebensmittel herausnehmen oder neue hineinlegen kann. Ist das nicht eine Konkurrenz zur ebenfalls vorhandenen Tafel? Eine solche wird für Leipzig (noch?) verneint: Mit den Tafeln steht Foodsharing Leipzig nicht in Konkurrenz. Ein Kooperationsvertrag besagt: „Wo die Tafeln abholen, gehen wir nicht abholen. Manchmal kommt es aber vor, dass selbst die Tafeln zu viel haben. Dann holen wir auch dort etwas ab“, wird eine Aktivistin zitiert.

Sebastian Kränzle berichtet über neue Player in diesem Artikel: Alle wollen altes Essen: »Neben den Tafeln gibt es auch Initiativen und Start-ups, die Essen verteilen. Sie konkurrieren nicht unbedingt um Lebensmittel, aber um Personal.« Bei der 2012 entstandenen Internetplattform foodsharing steht der ökologische Aspekt im Mittelpunkt. Einzelne Personen holen kleinere Mengen an Lebensmitteln beim Handel ab und bringen sie dann an öffentliche Verteilpunkte – frei für alle zugänglich, nicht nur für Arme. Nach eigenen Angaben vernetzt die nicht-kommerzielle Plattform, die von Ehrenamtlichen betrieben wird, bundesweit angeblich schon 35.000 Freiwillige, die gezielt kleine Läden mit geringen Abgabemengen ansteuern. Allerdings wird das nicht als Konkurrenz verstanden. Seit 2015 gibt es sogar eine offizielle Kooperation mit den Tafeln. Angeblich hat sich eine besondere Arbeitsteilung herausgebildet:
»Die Tafeln holen regelmäßig große Ladungen nicht verkaufter Lebensmittel ab, während die sogenannten Foodsaver von Foodsharing.de spontan Kleinstmengen einsammeln. „Eine super Ergänzung“, findet Sabine Werth von der Berliner Tafel.«

Aber: Inzwischen haben auch kommerzielle Unternehmen den Markt der Lebensmittelrettung entdeckt. Apps wie ResQ (vgl. auch den Artikel Foodsharing: Die App „ResQ Club“ bietet übrig gebliebene Speisen an mit einem Bericht aus Köln) oder Too Good To Go geben Restaurants die Möglichkeit, ihre letzten Mittagstische billiger an User in der Umgebung abzugeben. The Good Food verkauft in Köln Lebensmittel, die es gar nicht erst in die Läden geschafft haben, weil sie für den Handel nicht schön genug waren. Und in Berlin betreibt SirPlus seit 2017 einen eigenen Laden, in dem krumme Gurken und krosses Brot verkauft werden. Wie beim Foodsharing ist auch hier die Kundschaft nicht auf arme Menschen beschränkt.«

Sebastian Kränzle weist bei SirPlus in Berlin auf eine interessante Besonderheit hin: »Das Berliner Start-up kauft die Lebensmittel vorher für einen geringen Betrag auf. Die Waren kommen direkt aus dem Handel – und damit von Unternehmen, die ihre Waren bislang allein an die Tafeln spendeten. Speziell bei der Berliner Tafel stellt sich deshalb die Frage, ob SirPlus bei der Abholung eine Konkurrenz darstellt.« Dazu der Antwortversuch von der anderen Seite: »Raphael Fellmer, Geschäftsführer und Mitgründer von SirPlus, ist überzeugt, dass man sich keine Konkurrenz mache. „Die Verschwendung an weggeworfenen Lebensmitteln ist leider immer noch riesig“, so der 34-Jährige. Tatsächlich kann sein Unternehmen auf Waren zurückgreifen, die für die Tafeln gar nicht in Frage kommen. So können die Tafeln beispielsweise keine Getränke in Pfandflaschen mitnehmen oder unbegrenzt viele Orte anfahren. SirPlus dagegen holt die Lebensmittel von vielen verschiedenen Quellen ab. Backwaren kommen vom Großhandel, Obst und Gemüse von den unterschiedlichen Ständen des Berliner Großmarkts und andere Sachen direkt vom Produzenten.«

Dann widmet sich Kränzle einem interessantem Aspekt: »Viel eher als bei den Lebensmittel könnte es dagegen beim Personal Konkurrenz geben.«
„Wir suchen händeringend nach Freiwilligen“, sagt die Sprecherin des Tafel-Verbands, Stefanie Bresgott. Doch über Neuzugänge können sich fast nur die jungen Initiativen wie Foodsharing freuen. »Bei den Ausgabestellen der Tafeln hingegen ist der Altersdurchschnitt sehr hoch, es engagieren sich überwiegend Rentnerinnen und Rentner, die der körperlichen Belastung zum Teil nicht mehr gewachsen sind. Gerade jüngere Neuzugänge wären nötig, um das das Image der Tafeln zu verbessern.« Auf der anderen Seite: »Initiativen wie Foodsharing und Unternehmen wie SirPlus arbeiten derweil viel am Image – die Twitteraccounts sind hip, ansprechend und voll mit Fotos der letzten Sammelaktion. „Lebensmittelretten soll Mainstream werden“ sagt SirPlus-Geschäftsführer Fellmer. Das gehe aber nicht auf Freiwilligenbasis, sondern nur professionell.« Und für den Ökonom keine wirkliche Überraschung: SiriPlus in Berlin will expandieren. »Nicht verkaufte Lebensmittel will das Unternehmen von einer Stadt zur anderen transportieren, um sie dann dort zu verkaufen. „Das ist Gigantomanie“, wird an dieser Stelle Sabine Werth von der Berliner Tafel zitiert. Im Hinblick auf die langen Transportwege hat sie zudem erhebliche „ökologische Zweifel“ an dieser Art des Lebensmittelrettens.«

Man sieht, es ist einiges in Bewegung und viele auch neue Fragen stellen sich rund um das Thema Tafeln.