Im Durchschnitt werden einige (wieder und vorläufig) älter. Aber was passiert in den gewonnenen Lebensjahren?

Was für eine positive Nachricht: »Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt betrug in Deutschland im Jahr 2025 für Frauen 83,6 Jahre und für Männer 79,1 Jahre. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, stieg die Lebenserwartung damit im Vergleich zum Vorjahr bei Frauen um knapp zwei Monate und bei Männern um etwa drei Monate.« Schon die Überschrift der Meldung ist ein Statement: Lebenserwartung bei Geburt für Frauen und Männer im Jahr 2025 auf neue Höchstwerte gestiegen. Und der folgende Hinweis verdeutlicht, was seit der Corona-Pandemie in welchem Ausmaß besser geworden ist: «Im Vergleich zum Jahr 2022 sind die Werte für Frauen und Männer nach den Rückgängen der Coronazeit deutlich gestiegen. Frauen haben seitdem statistisch gesehen etwa neun Monate hinzugewonnen, Männer über ein Jahr (fast 13 Monate).»

➔ Neben der Lebenserwartung bei Geburt wird als zweite Kennzahl immer auch die „fernere Lebenserwartung“ ab einem erreichten Alter von 65 Jahren ausgewiesen: »Auch für ältere Menschen nahm die Lebenserwartung weiter zu: im Vergleich zu 2024 um etwa einen zusätzlichen Monat bei den Frauen und ungefähr zwei zusätzliche Monate bei den Männern. Im Jahr 2025 betrug die noch verbleibende Lebenserwartung von 65-jährigen Frauen somit 21,2 Jahre, für 65-jährige Männer ergaben sich statistisch 18,2 weitere Lebensjahre. Dies entspricht einem durchschnittlich erreichbaren Lebensalter von 86,2 Jahren bei den Frauen und 83,2 Jahren bei den Männern. In diesem Altersbereich haben die Männer im Jahr 2025 somit ebenfalls einen neuen Höchstwert erreicht. Die noch verbleibende Lebenserwartung der 65-jährigen Frauen war vor Beginn der Coronapandemie bereits etwas höher (21,3 Jahre beziehungsweise 86,3 Jahre als durchschnittlich erreichbares Alter im Jahr 2019).«

Wenn der eine oder andere an dieser Stelle an die Rentendebatte denkt, dann scheint sich doch erneut zu bestätigen, was immer wieder als Argument vorgetragen wird: „Wir“ werden alle älter und dann müssen „wir“ nicht nur, sondern „wir“ können doch auch länger erwerbsarbeiten. Es soll hier nicht erneut darum gehen, das bewusst in Anführungszeichen gesetzte „Wir“ auseinanderzunehmen und mit Blick auf die Streuung um den einen Durchschnittswert herum darzulegen, dass es gerade nicht wir alle sind, die von einem Anstieg der Lebenserwartung profitieren, sondern dass das wie andere Sachverhalte auch höchst ungleich verteilt ist.

Und es geht auch nicht darum, daran zu erinnern, dass der statistisch ausgewiesene Anstieg der Lebenserwartung im internationalen und gerade auch im europäischen Vergleich mehr als bescheiden ausfällt.1

Es geht hier um eine andere Perspektive, für die eine neue Studie Material liefert.2

Die quantitative (modellhafte) Lebenserwartung ist das eine, die Qualität gemessen an den „gesunden Lebensjahren“ etwas anderes

Die Kluft zwischen Lebenserwartung und gesunden Lebensjahren ist weltweit binnen einer Generation von 8,8 auf 10,7 Jahre gewachsen.Wer ist auf solche Werte gekommen? Das ist eines der Ergebnisse einer neuen Studie zur globalen Krankheitslast (Global Burden of Disease, GBD).3 Das Original der neuen Studienveröffentlichung ist hier zu finden:

➔ Simon I. Hay et al. (2026): Global, regional, and national trends in the morbidity gap and contributing diseases, injuries, and risk factors, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023, in: Lancet Public Health 2026; 11: e487–505

In fast allen der 204 untersuchten Ländern und Territorien vergrößerte sich zwischen 1990 und 2023 die sogenannte Morbiditätslücke, also die Differenz zwischen der gesamten Lebenserwartung und der Lebenserwartung in guter Gesundheit. Zwischen den einzelnen Ländern gibt es dabei deutliche Unterschiede. So wiesen die USA mit 14 Jahren die größte Morbiditätslücke auf, gefolgt von Australien mit 13,9 Jahren und Kanada mit 13,7 Jahren. Für Deutschland beträgt sie 11,9 Jahre.

„Fortschritte sollten nicht allein an der Lebensdauer gemessen werden, sondern an der Dauer eines gesunden Lebens“ 
(Christopher Murray, Direktor des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der University of Washington)

Laut der Studie verbrachten 2023 Menschen weltweit im Schnitt 14,5 Prozent ihres Lebens mit Krankheit oder körperlichen Beschwerden, verglichen mit nur 13,6 Prozent im Jahr 1990. Diese Entwicklung beschränkte sich nicht nur auf die letzte Lebensphase, sondern zeigte sich über das gesamte Erwachsenenalter hinweg.

Zwischen 1990 und 2023 stieg die weltweite Lebenserwartung bei der Geburt von 64,6 auf 73,8 Jahre. Die Zahl der gesunden Lebensjahre nahm von 55,9 auf 63,1 Jahre zu. Frauen lebten weltweit durchweg länger als Männer, verbrachten jedoch mehr Jahre mit Gesundheitsproblemen. Im Jahr 2023 wiesen Frauen eine durchschnittliche Morbiditätslücke von 12,1 Jahren auf, verglichen mit 9,3 Jahren bei Männern.

Die Menschen werden immer älter – aber auch länger krank.4
Oder: Zuwächse bei der Lebenserwartung > Zuwächse bei den gesunden Lebensjahren

Lassen wir die Autoren der neuen GBD-Studie zu Wort kommen:

»Da sich die Überlebenschancen weltweit verbessern, verlagert sich die zentrale Herausforderung im Bereich der öffentlichen Gesundheit zunehmend von der Verlängerung des Lebens hin zur Verlängerung der gesunden Lebensspanne. Die Hypothese der „Kompression der Morbidität“ geht davon aus, dass wirksame Prävention und Versorgung Behinderungen stärker hinauszögern als den Tod und so die Morbiditätslücke verringern – d. h. die Dauer oder den Anteil des Lebens, der in schlechter Gesundheit verbracht wird. Unser Ziel war es, die Veränderungen der Morbiditätslücke auf globaler, regionaler und nationaler Ebene von 1990 bis 2023 nach soziodemografischem Entwicklungsstand und Geschlecht umfassend zu schätzen und die häufigsten Krankheiten und Verletzungen sowie deren zugrunde liegende Risikofaktoren zu analysieren, die zu den in schlechter Gesundheit verbrachten Lebensjahren beitragen.«

»Die Ausweitung der Morbiditätslücke an fast allen Standorten deutet darauf hin, dass die Verbesserungen der Überlebensraten den Rückgang nicht-tödlicher Gesundheitsverluste über alle geografischen Regionen, SDI-Stufen und Geschlechter hinweg durchweg übertroffen haben, sodass die meisten Bevölkerungsgruppen mittlerweile über ihren gesamten Lebensverlauf hinweg ein Jahrzehnt oder mehr in schlechter Gesundheit verbringen. Fortschritte im Hinblick auf gesundes Altern sollten daher nicht nur anhand der gesunkenen Sterblichkeit bewertet werden, sondern auch anhand des Rückgangs der in schlechter Gesundheit verbrachten Jahre, wobei der Schwerpunkt auf der Verlängerung der Gesundheitsspanne liegen sollte.«

Die Studienautoren belassen es nicht bei der Diagnostik, sondern sie weisen auch auf mögliche Therapieansätze, besser: Verhinderungs- und Verzögerungsansätze hin, die dem klassischen Therapieansatz vorgelagert sind – und weit vorher greifen müssten:

Viele der Jahre mit schlechter Gesundheit wären vermeidbar, so die Wissenschaftler. Ein hoher Blutzuckerspiegel, Rauchen, Luftverschmutzung, Übergewicht und Mangelernährung gelten als die wichtigsten Risikofaktoren. Angesichts einer alternden Bevölkerung müsse der Schwerpunkt verstärkt auf die Prävention chronischer Krankheiten, das Hinauszögern von Behinderungen, den Zugang zu Rehabilitation und psychologischer Versorgung sowie die Langzeitbetreuung bei chronischen Leiden gelegt werden.


Fußnoten

  1. Vgl. dazu ausführlicher den Beitrag Geht „die“ Lebenserwartung zurück? Der Abstand der Lebenserwartung zwischen Deutschland und anderen Ländern in Westeuropa wird größer vom 17. Juni 2024. Zu den erheblichen spzialräumlichen Unterschieden in Deutschland vgl. den hier veröffentlichten Beitrag Ungleichheit zwischen den Regionen: Die „Lebenserwartungslücke“ ist größer geworden vom 18. März 2025.
    ↩︎
  2. Vgl. dazu auch Weltweit verbringen Menschen mehr Jahre in schlechter Gesundheit.
    ↩︎
  3. Die „Global Burden of Disease“ (GBD) ist die weltweit größte und umfassendste Forschungsinitiative zur Messung von Gesundheitsverlusten, bei der Kernkennzahlen wie DALYs (behinderungsbereinigte Lebensjahre), YLLs (verlorene Lebensjahre) und YLDs (mit Behinderung gelebte Jahre) in 204 Ländern und Gebieten herangezogen werden. Unter der Leitung des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) und in Zusammenarbeit mit Zehntausenden von Partnern weltweit wird untersucht, wie sich Krankheiten, Verletzungen und Risikofaktoren im Laufe der Zeit verändern. Vgl. dazu und den entsprechenden publizistischen Aufarbeitungen der Befunde auch  weiterführend Lancet Global Burden of Disease (GBD) Resource Centre.
    ↩︎
  4. So die Überschrift eines Artikels zu den Ergebnissen der neuen GBD-Studie: Die Menschen werden immer älter – aber auch länger krank.
    ↩︎