Die Diskussionen über den Zusammenhang von Armut und Krankheit blicken auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück. Wie so oft im komplexen gesellschaftlichen Gefüge erweist sich eine „Entweder-Oder“-Dichotomie hinsichtlich der Verursachung als nicht hilfreich. Also keine Engführung auf die Aussage „Armut macht krank“ versus „Krankheit macht Arm“, sondern wir haben es eher mit einer Gleichzeitigkeit dieser beiden unterschiedlichen Kausalitäten zu tun.
Es lässt sich auf alle Fälle gesichert konstatieren, dass Armutslagen ein eigenständiges Gesundheitsrisiko darstellen. Und davon sind auch (und gerade aufgrund ihrer Vulnerabilität?) Kinder betroffen, vor allem, wenn diese nicht nur mit temporär überschaubaren Armutssituationen konfrontiert werden, sondern über viele Jahre in Armut aufwachsen (müssen).
Die Behauptung, dass Armut ein eigenständiges Gesundheitsrisiko darstellt, muss man empirisch belegen können. Dazu eignet sich das Heranziehen einer besonderen Datenquelle: die Schuleingangsuntersuchungen, mit denen man so gut wie alle Kinder erfassen kann bzw. sollte.
Die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen am Beispiel der Stadt Kassel
„Wir sehen an den Ergebnissen unserer Schuleingangsuntersuchung ganz deutlich, dass Armut für Kinder ein Gesundheitsrisiko ist Mit diesen Worten wird Kassels Bürgermeisterin und Gesundheitsdezernentin Nicole Maisch in dem Beitrag Armut macht krank, auch schon mit fünf Jahren zitiert.
Jedes Jahr stellt die Stadt Kassel die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen vor, die alle Kinder vor der Einschulung durchlaufen müssen. Ein Datenschatz, denn nie wieder im Leben wird statistisch so gut vergleichbar auf die Gesundheit eines ganzen Jahrgangs geschaut.
➔ Gesundheitsamt Region Kassel: Dashboard Kindergesundheit
Besorgniserregend seien die Zahlen für Kassel für das Schuljahr 2024/25, so Nicole Maisch, die zuständige Gesundheitsdezernentin: „Was wir sehen, ist, dass sich bestimmte negative Aspekte in der Kindergesundheit im Vergleich zum letzten Jahr nochmal verschärft haben.“
»Übergewicht, Grob- und Feinmotorik, Sprache, Hörvermögen: Überall sind die Werte schlechter geworden. Nur beim Sehtest gab es zuletzt leichte Verbesserungen.«
Erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen
Noch auffälliger als der generelle Trend ist die Entwicklung in den einzelnen Stadtteilen.
| ➔ Beispiel Übergewicht: Im Durchschnitt sind 13 Prozent der Kinder in Kassel zu dick. In einzelnen Stadtteilen sind es deutlich mehr: 21,3 Prozent in Wesertor, 19 Prozent in Waldau und 18,9 Prozent in Nord‐Holland. Wesertor, Waldau und Nord-Holland gelten eher als sozial benachteiligte Stadtteile: Dort sind beispielsweise mehr Menschen arbeitslos oder abhängig von Sozialleistungen als im Durchschnitt (vgl. dazu auch den Statistikatlas Kassel, wo man die detaillierte Werte für die Stadtteile abrufen kann). Von Übergewicht sind in wohlhabenden Stadtteilen deutlich weniger Kinder betroffen: 5,9 Prozent etwa in Bad Wilhelmshöhe und 2,7 Prozent im Vorderen Westen. |
Das sind erhebliche Spannweiten bei den lokalen Ausprägungen der Werte für übergewichtige Kinder.
Der Befund zieht sich wie ein roter Faden durch die Statistik. Selbst bei Grob- und Feinmotorik sind die Unterschiede teils immens. Auch hier gibt es eher Probleme in sozial benachteiligten Stadtteilen.
Das Beispiel der erheblichen Streuung der Anteilswerte für Probleme bei der feinmotorischen Entwicklung auf Basis der Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamtes Region Kassel für das Schuljahr 2024/25 zwischen den Stadtteilen verdeutlicht das Problem:

In der Stadt Kassel werden bei der verpflichtenden Einschulungsuntersuchung (ESU) jährlich etwa 2.000 Kinder vom Gesundheitsamt Region Kassel untersucht. Im Schuljahr 2024/2025 waren es 2.080 Vorschulkinder im Alter von vier bis sieben Jahren. Neben Sehen und Hören wird in der spielerisch angelegten Untersuchung auch Sprachkompetenz und Beweglichkeit getestet.
»Negative Entwicklungen bei der Kindergesundheit gibt es nicht nur in Kassel. Die Stadt Frankfurt stellt seit Jahren Auffälligkeiten im Bereich der Sehfähigkeit, der Sprache und der feinmotorischen Entwicklung fest, nennt … aber wegen der Einführung einer neuen Software derzeit keine stadtteilbezogenen Daten.
In Offenbach haben nach der Corona-Pandemie mehr Kinder Probleme mit dem Hören.
Die Stadt Darmstadt nimmt keine stadtteilbezogenen Auswertungen vor. Hier sei aber in den vergangenen Jahren auch keine Verschlechterung der Befunde bei der Einschulungsuntersuchung erkennbar gewesen«, so Marcel Ruge in seinem Beitrag.
Die Gesundheitsdezernentin der Stadt Kassel, Nicole Maisch, wird mit diesen wohlfeil daherkommenden Worten zitiert: „Die Schule kann nicht alles auffangen, was im Elternhaus nicht geleistet wird. Das heißt, wir alle sind als Mamas und Papas gefragt, mit den Kindern rauszugehen, sie nicht vorm iPad zu parken, sondern lieber kicken zu gehen, draußen im Wald mit Stöcken zu spielen, zu basteln.“
Unabhängig von dem „Wollen“ – „können“ das alle Eltern? Dazu Felix Knaus der als Sozialarbeiter beim Verein „Streetbolzer“ arbeitet und unter anderem Straßenfußballturniere in der Kasseler Nordstadt organisiert. In keinem Kasseler Stadtteil wohnen so viele Kinder wie hier und in keinem Stadtteil sind anteilig so viele Kinder und Jugendliche Empfänger von Sozialleistungen:
»Die Einschätzung des Sozialarbeiters: Viele Eltern würden trotz schwieriger Lebensumstände viel für ihre Kinder tun und eher bei sich selbst sparen. Dennoch: „Die Kinder leben oft beengt zu Hause bei den Familien, teilen sich ein Zimmer mit ihren Geschwistern, teilweise auch mit den Eltern.“ Und auch im Stadtteil sei alles eng. „Es gibt wenige Grünflächen, viele Autos.“ Vielen Eltern in seinem Stadtteil sei zudem gar nicht bewusst ist, dass ihr Kind Förderbedarf hat. „Das liegt teilweise auch an Sprachbarrieren, auch an Scham der Eltern, die das vielleicht auch nicht wahrhaben wollen“, sagt Sozialarbeiter Felix Knaus.«
»Dazu passt diese Zahl: 52 Prozent der zuletzt in Kassel untersuchten Kinder sprechen zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch. Entsprechend hoch sind die Probleme bei der Sprachkompetenz. Vor allem Kinder aus Nord‐Holland (58,8 Prozent), aber aus Rothenditmold (43,2 Prozent) und Wesertor (43,1 Prozent) zeigen überdurchschnittliche Defizite in der Unterrichtssprache Deutsch, so das Ergebnis der Schuleingangsuntersuchung.«
Und aus dem Schulbereich werden solche Stimmen zitiert:
„Man kann Eltern in keinster Form von Verantwortung freisprechen“, so Anne Ufer. Sie ist Grundschullehrerin in Kassel und engagiert sich bei der Gewerkschaft GEW. Aber auch sie stellt bei ihrer Arbeit fest, dass vielen die Möglichkeiten fehlen. „Wenn ich versuche, gesund, nährstoffreich, möglichst biologisch einzukaufen, habe ich natürlich einen wesentlich höheren Kostenfaktor, als wenn ich einfach nur versuche, Masse zu bekommen, die satt macht. Da fängt ja schon das Problem von Armut und Gesundheit an“, so Anne Ufer.
»Die Lehrerin sieht ein Problem darin, dass der Wohnort eines Kindes auch bestimmt, auf welche Grundschule es geht. Das führe dazu, „dass wir homogen starke beziehungsweise homogen schwache Lerngruppen haben“, sagt Ufer. So verfestige sich die Chancenungleichheit zwischen den Stadtteilen auch in der Schule.«
Exkurs: Die Schuleingangsuntersuchungen als bedeutsame Public Health-Datenbasis. Aber nicht ohne kritische Anmerkungen
Die Schuleingangsuntersuchung (SEU) ist in Deutschland ein zentrales Instrument des öffentlichen Gesundheitsdienstes, allerdings ist sie föderal organisiert und wird daher nicht überall einheitlich umgesetzt. Zuständig sind die kommunalen Gesundheitsämter im Rahmen der Schulgesetze der Bundesländer. Die Teilnahme ist verpflichtend auf Grundlage der Schulpflicht und landesrechtlicher Regelungen.
Typischerweise werden körperliche Entwicklung (Größe, Gewicht, Seh- und Hörtests), motorische Fähigkeiten, Sprachentwicklung, kognitive und soziale Entwicklung sowie der Impfstatus überprüft.
Von der Zielsetzung her geht es nicht um eine Diagnose im engeren Sinn, sondern um ein frühzeitiges Erkennen von Förderbedarf und gegebenenfalls um die Empfehlung für Therapie, Förderung oder Rückstellung von der Einschulung.Baumgarten et al. (2023) berichten auf der Grundlage einer bundesweiten Befragung der Gesundheitsämter von einem „sehr heterogenen Bild“ die Schuleingangsuntersuchungen betreffend, wobei die Angaben sowohl zwischen als auch innerhalb der meisten Länder variieren.1 Nimmt man die Mehrheit der Rückmeldungen, dann lassen sich die folgenden Befunde hervorheben: Die Schuleingangsuntersuchung wird mehrheitlich von den Ärzten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes durchgeführt, sie nimmt pro Kind 46 bis 60 Minuten Zeit in Anspruch, wird innerhalb einer Untersuchung (einstufig) und bis maximal 12 Monate vor der Einschulung durchgeführt. Inhaltlich stehen die körperliche und kognitive Entwicklung der Kinder im Fokus.
Als Entwicklungsscreening wird das Sozialpädiatrische Screening für Schuleingangsuntersuchungen (SOPESS)2 am häufigsten eingesetzt. Darüber hinaus wird berichtet, dass die Screenings mehrheitlich zwischen 16 und 30 Minuten dauern sowie vollständig und in derselben Reihenfolge durchgeführt werden.
Werden wirklich alle Kinder erreicht? Formal gesehen (fast) ja – praktisch aber ist die Erhebung nicht vollständig. Die Teilnahmequote liegt im Regelfall sehr hoch (oft über 90 bis 95 Prozent). Dennoch gibt es Erfassungslücken, beispielsweise bei schwer erreichbaren Familien, bei Kindern, die kurzfristig umziehen oder nicht gemeldet sind sowie durch organisationsbedingte Ausfälle (z. B. Personalmangel, besonders während der Pandemie).
Natürlich gibt es auch kritische Anmerkungen bzw. Anfragen aus der fachlichen Diskussion.
Die Untersuchung findet meist im Jahr vor der Einschulung statt. Ein möglicher Förderbedarf wird dann zwar erkannt, aber die Zeit für wirksame Interventionen ist knapp bemessen. Hinzu kommt: Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben häufiger Auffälligkeiten, gleichzeitig wird immer wieder von geringeren Teilnahmequoten in genau diesen Gruppen berichtet sowie eine seltenere Umsetzung der Empfehlungen.
Aus unterschiedlichen Verfahren je nach Bundesland sowie nicht gegebenen komplett standardisierten Tests bundesweit resultiert eine eingeschränkte Vergleichbarkeit. Hinzu kommt, dass oft von verkürzten Schuleingangsuntersuchungen aufgrund von Personalmangel im öffentlichen Gesundheitsdienst berichtet, auch die sich anschließende und für einen verändernden Transfer so wichtige Beratung leidet unter den Kapazitätsengpässen. Und gerade die Beratung von besonderes förderbedürftigen Kindern und ihren Familien kostet eine Menge Zeit, hinzu kommen an dieser Stelle dann oftmals auch noch Sprachbarrieren.
Fazit: Die Schuleingangsuntersuchung ist ein wichtiger, nahezu flächendeckender Screening-Mechanismus. Sie erreicht den Großteil der Kinder, aber nicht alle – und gerade nicht immer die, die sie am dringendsten brauchen.
Die Fachdiskussion kritisiert vor allem den zu späten Zeitpunkt der Untersuchung, eine soziale Selektivität, eine fehlende Standardisierung sowie eine schwache Verzahnung mit Förderung und Versorgung im Nachgang zu der Untersuchung.
Trotz aller kritischen Anmerkungen bleibt als sozialpolitisch höchst relevantes Fazit zum Instrumentarium der Schuleingangsuntersuchung (SUE):
»Die SEU bietet die einmalige Möglichkeit, nicht nur auf Basis der individualmedizinischen Ergebnisse für alle Kinder eines Jahrgangs je nach Bedarf Angebote zur Prävention und Förderung machen zu können, sondern insbesondere auch systematisch Public Health-Daten (z. B. im Rahmen einer GBE) abzuleiten. Damit können auf übergeordneter Ebene gesundheitliche Entwicklungen überwacht und gesundheits- und bildungspolitische Maßnahmen – sowohl kleinräumig als auch auf Landes- und im besten Fall sogar auf Bundesebene – abgeleitet, deren Implementierung unterstützt und deren Effekte evaluiert werden.« (Daseking/Urschitz 2025: 389).
Literaturverzeichnis
Baumgarten, Melanie et al. (2023): Wie wird die Schuleingangsuntersuchung in Deutschland gestaltet? Eine bundesweite Befragung der Gesundheitsämter, in: Das Gesundheitswesen, 2023, S. 926–936
Daseking, Monika und Urschitz, Michael (2025): Aufgaben, Chancen und Herausforderungen der Schuleingangsuntersuchung in Deutschland, in: Das Gesundheitswesen, 2025, S. 387–390
Fußnoten
- Vgl. auch Daseking/Urschitz 2025. Die Autoren weisen darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes (KJGD) sich insbesondere auf eventuelle gesundheitliche Probleme, die bisher nicht erkannt wurden, fokussieren und dass bisherige Analysen gezeigt haben, dass Eltern den Empfehlungen des KJGD in hohem Maße nachkommen und z. B. als Folge der Schuleingangsuntersuchung eine weitere ärztliche Abklärung vornehmen lassen. Die hier angesprochene Bedeutsamkeit valider Ergebnisse aus den Schuleingangsuntersuchungen hat nach ihren Angaben auch dazu geführt, dass erstmalig eine S3-Leitlinie zur SUE erstellt wird. Die AWMF-Leitlinie 074-010 (S3-SEU) zur „Schuleingangsuntersuchung durch den Kinder- und Jugendärztlichen Dienst“ (S3-Leitlinie) wird aktuell entwickelt. Sie soll evidenzbasierte Empfehlungen für eine standardisierte Durchführung der Untersuchung, das Management der Ergebnisse (Förderbedarf) und die Harmonisierung der Datenerfassung bieten. Die Anmeldung erfolgte im September 2024, die Fertigstellung ist für den 31.12.2027 geplant.
↩︎ - Das SOPESS (Sozialpädiatrisches Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen) ist ein standardisiertes Testverfahren, das seit 2010/2011 in vielen deutschen Kommunen genutzt wird, um den Entwicklungsstand von Vorschulkindern zu beurteilen. Es erkennt medizinisch relevante Entwicklungsauffälligkeiten, insbesondere im unteren Leistungsbereich, um rechtzeitig Fördermaßnahmen einzuleiten. Das SOPESS umfasst zwölf Untertests in Bereichen wie Visuomotorik, Sprache, Kognition und Körperkoordination. Das Screening wurde vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA) Nordrhein-Westfalen zusammen mit der Universität Bremen entwickelt. ↩︎