Erntehelfer: Die Unverzichtbaren unter den bislang „unsichtbaren“ Systemrelevanten. Erst nicht mehr rein, jetzt doch (einige) rein. Und eine bemerkenswerte Doppelmoral

Zunehmend wird in den Medien und auch in der Politik eine interessante Debatte geführt über „systemrelevante“ Berufe, die weit über das hinausreicht, was man schon viele Jahre vor der Corona-Krise gemacht hat, als immer wieder die Arbeitsbedingungen, zu denen natürlich auch die Vergütung gehört, von Pflegekräften, von Beschäftigten im Einzelhandel, von Lkw-Fahrern auf unseren in „normalen“ Zeiten üblicherweise verstopften Autobahnen oder von Paketzustellern in zugeparkten Innenstädten mit im Regelfall abwesenden Sendungsempfängern thematisiert und problematisiert wurden.

Zuweilen schafften es sogar die (wie wir jetzt lernen) „Systemrelevanten“ aus dem Dunkelfeld für einen Moment in die Randzonen der öffentlichen Aufmerksamkeit, man denke hier beispielsweise an die vielen osteuropäischen Leiharbeiter und Werkvertragsarbeitnehmer, mit denen man die deutschen Billig-Schlachthöfe bestückt und am Laufen hält. Dazu nur dieses Zitat: „Wenn unsere Osteuropäer auf Heimatbesuch fahren, dort aber zwei Wochen in Zwangsquarantäne müssen oder nicht mehr nach Deutschland einreisen dürften, dann stehen bei uns bald die Räder still“. Diese Worte stammen von Clemens Tönnies vom gleichnamigen Schlacht- und Fleischkonzern aus Ostwestfalen. Zur Bedeutung „seiner“ Osteuropäer: Allein am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt Tönnies mehr als 6.500 Mitarbeiter, die Hälfte davon sind Beschäftigte aus Süd- und Osteuropa, die über Subunternehmen angestellt sind. Das berichtet Katrin Terpitz im Handelsblatt unter der Überschrift Einreiseverbote und Quarantäne: Fleischproduzent Tönnies bangt um seine osteuropäischen Arbeiter.

Die Ausführungen von Tönnies müssen vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Bundesregierung (eigentlich) einen Einreisestopp verhängt hat. Und der hat auch und gerade die vielen landwirtschaftlichen Betriebe getroffen, die auf osteuropäische Saisonarbeiter keinesfalls verzichten können. Im derzeitigen medialen Vordergrund steht (wieder einmal) der deutsche Spargel, der (wieder einmal) kurz vor dem Aus steht. Warum wird hier „wieder einmal“ so hervorgehoben? Dazu nur als ein Beispiel aus zahlreichen Beiträgen in diesem Blog den Artikel Das muss ja auch mal gesagt werden: Rettet den deutschen Spargel vor dem deutschen Mindestlohn! Und die Gurken gleich mit. Aber natürlich ist es in Wahrheit wieder einmal komplexer – veröffentlicht am 12. Juni 2014, im Vorfeld der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zum 1. Januar 2015 mit der düsteren Vorhersage interessierter Kreise, dass die Stunde des deutschen Spargels geschlagen hat, wenn denn diese Lohnuntergrenze kommt.

Erneut rückt der deutsche Spargel wenn nicht auf den Teller, so doch in das Zentrum der medialen Aufmerksamkeit

Und das auch in diesen Tagen der deutsche Spargel für eine Menge Aufregung sorgt, ist verständlich: »Die Spargelernte ist gewissermaßen der Lackmustest, für das, was da noch kommt, denn es geht um das erste Frischgemüse, das seit Beginn der Coronakrise hierzulande geerntet wird. Das Volumen betrug im Vorjahr für Deutschland 130.000 Tonnen, mit einem Wert von fast 845 Millionen Euro.« So Andreas Austilat und Markus Grabitz in ihrem Artikel So versuchen Bauern, die Spargelernte noch zu retten, der – wir müssen jetzt genau auf die Tagesangaben achten – am 25. März 2020 veröffentlicht wurde. Da gab es nämlich noch kein Einreiseverbot, aber die Corona-Krise begann, an Fahrt aufzunehmen. Die Ausgangslage war „damals“, also vor wenigen Tagen aus heutiger Sicht, schon klar: Derzeit bangen derzeit viele Bauern, weil in diesem Frühjahr Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa Corona-bedingt ausbleiben könnten. »Im Vorjahr waren um diese Zeit bereits 9000 Erntehelfer vor allem aus Rumänien und Polen auf den deutschen Spargelhöfen eingetroffen. Geschlossene Grenzen, Angst vor der Ansteckung sowie bürokratische Hürden haben dazu geführt, dass viele Erntehelfer die Reise gar nicht erst antreten. Polen, die 2019 gut 20 Prozent der Erntehelfer gestellt haben, könnten zwar kommen, weil die deutsch-polnische Grenze offen ist. Sie bleiben aber oft freiwillig in ihrer Heimat. Da sind zum einen die schwer einschätzbaren gesundheitlichen Risiken … Zum anderen könnten sie nicht wie gewohnt kurzfristig zu ihren Familien nach Hause, weil sie bei einer Rückkehr aus Deutschland, etwa zum Osterfest, 14 Tage in Quarantäne müssten.«

Aber die Rumänen wenigstens, die kommen. Oder? »Den größten Anteil an den Erntehelfern, die teils seit Jahren auf den deutschen Höfen gearbeitet haben, stellt Rumänien. Für die Rumänen gilt, sie würden gerne kommen, scheitern aber, weil der Landweg so gut wie dicht ist: Ungarn, Österreich, Tschechien, Serbien und die Ukraine haben die Grenzen geschlossen. Auch die rumänischen Behörden behindern die Ausreise: So müssen die Saisonarbeitskräfte Arbeitsvertrag. Krankenversicherungsbestätigung und zwei weitere Formulare vorweisen, sonst werden sie gar nicht ins Flugzeug gelassen.«

Und erneut wird das letzte Aufgebot in die mediale Rettungsschlacht geführt, so wie vor vielen Jahren auch schon mal. Aber warum soll das heute klappen, was noch nie funktioniert hat?

Was also tun? Die älteren Semester werden es schon ahnen, man kann das mit Garantie auf Wiedervorlage legen, was für hilfreiche Ratschläge aus der Politik ausgesendet werden, so Andreas Austilat und Markus Grabitz: Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) hält den Einsatz von Flüchtlingen für möglich: „Anerkannte Asylbewerber oder Hartz-IV-Empfänger könnten die Chance erhalten, den Landwirten und damit der Gesellschaft zu helfen.“ Das hatten wir vor einigen Jahren und dann immer wieder schon mal: Man könne und müsse die wegfallenden Osteuropäer eben durch inländische Kräfte kompensieren. Dann kann man das ausgleichen. Kann man nicht.

➔ Dazu möge man aus der Vielzahl an Veröffentlichungen nur beispielhaft einen Blick werfen in diesen Artikel: »Im Sand von Brandenburg wächst und gedeiht ein Spargelboom: Doch ohne polnische Saisonarbeiter ginge gar nichts«, so Andrzej Rybak unter der Überschrift „Den Polen sei Dank“. Der Beitrag wurde im SPIEGEL am 24. Mai 1999 veröffentlicht. »Obwohl das Land Brandenburg den deutschen Arbeitslosen, die bei der Ernte beschäftigt werden, 25 Mark pro Tag zuschießt, konnte das Arbeitsamt in Potsdam nicht einmal 15 Prozent der benötigten Spargelstecher vermitteln.« Und selbst wenn jemand auf die Felder kam – gegen die Arbeiterkonkurrenz aus dem Osten hatte er oder sie keine Chance: »Die Polen stechen im Durchschnitt 80 bis 100 Kilogramm Spargel pro Tag, die deutschen Erntehelfer kommen nicht einmal auf die Hälfte. Der Unterschied liegt in der Motivation: Für die Deutschen liegt die Bezahlung nur knapp über der deutschen Arbeitslosenhilfe, die Polen verdienen bei der Spargelernte in Deutschland das vielfache ihrer polnischen Gehälter.« Und die Polen kamen offensichtlich nicht wegen des guten Klimas in Deutschland: »Viele der Saisonarbeiter treibt die blanke Not auf die deutschen Felder. Sie kommen meist aus den Regionen um Przemysl, Kielce und Suwalki, aus Masuren und Pommern, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist.«

Man muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass bereits in den Jahren vor der jetzigen Corona-Krise die über lange Zeit eingeübte Praxis, sich aufgrund des Wohlstandsgefälles auf hoch motivierte osteuropäische Erntehelfer zu verlassen und deren Einsatz in die Zukunft zu verlängern, zunehmend durch Mangellagen konterkariert wurde. Im Jahr 2018 berichtete beispielsweise Nadine Oberhuber unter der Überschrift Wer rettet die Erdbeeren?: »Etliche Saisonhelfer aus Polen, Rumänien oder Bulgarien seien diese Saison gar nicht erst zum Dienst angetreten, obwohl sie früher jahrelang auf bestimmten Höfen mitgeholfen hätten und oft schon im Winter Verträge unterzeichneten. Sie hätten stattdessen in ihrer Heimat Arbeit gefunden, wo neuerdings auch die Wirtschaft floriert.« Und schon 2018 wurde darauf hingewiesen, dass die offizielle Zahl der Saisonarbeitskräfte bereits seit 2010 abnimmt, von knapp 330.000 auf zuletzt 286.000. Ein schleichender Prozess, der schon seit Jahren läuft, in diesem Jahr aber wie so vieles andere auch völlig in den Schatten gestellt wird von tagtäglich eskalierenden Vorgängen inmitten unserer Gesellschaft aufgrund der Corona-Pandemie – mit einem bislang unbekannten und für die meisten auch unvorstellbaren Shutdown fast aller Bereiche des alltäglichen Lebens und Miteinanders.

Und dann wird auch noch der Grenzzaun heruntergelassen

Wie unter einem Brennglas kann man bei dem hier im Mittelpunkt stehenden Thema Erntehelfer die Aussage von den „tagtäglich eskalierenden Vorgängen“ illustrieren. Während der zitierte Artikel So versuchen Bauern, die Spargelernte noch zu retten am 25. März frühmorgens vom Berliner „Tagesspiegel“ online gestellt wurde, musste die gleiche Zeitung asm gleichen Tag nur einige Stunden später diesen Beitrag veröffentlichen: Ab 17 Uhr dürfen Erntehelfer nicht mehr einreisen: »Saisonarbeitskräfte dürfen ab Mittwoch-Nachmittag nicht mehr einreisen. Wie der Ausfall der Arbeitskräfte kompensiert werden soll, ist noch nicht klar.« Zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie hatte die Bundesregierung die Einreisebestimmungen weiter verschärft. Allerdings konnte man schon bei dem Erlass dieser Maßnahme eine auf den ersten Blick nicht logische Unwucht erkennen: »Die Beschränkungen gelten demnach bis auf weiteres; nicht davon betroffen sind ausländische Pflegekräfte.« Da könnte der unbedarfte Bürger schon auf die Frage kommen, wieso denn nicht für die ausländischen Pflegekräfte? Könnten die nicht genau so wie die Saisonarbeiter das Virus einschleppen?

Und nun? »Geprüft werde nun, wie der Ausfall durch Arbeitskraftpotenziale in Deutschland kompensiert werden könne.« Das ist wie ein deja vu vergangener Zeiten, wo man das, wie hier bereits skizziert, auch schon mal probiert hat. Natürlich, da sind sie wieder: »Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) … hatte zuletzt unter anderem den Einsatz von Arbeitslosen und Flüchtlingen ins Spiel gebracht.«

… und wieder raus aus dem selbst geschaufelten Wassergraben

Nur einige Tage später – bleiben wir bei der Berichterstattung des Tagesspiegel – kam dann für viele Bauern die erst einmal erlösend wirkende Botschaft: Erntehelfer dürfen jetzt doch einreisen. Das war am 2. April dieses Jahres, also nur kurz nach dem vom Bundesinnenministerium verhängten Einreiseverbot. »Gute Nachrichten für die Bauern: Erntehelfer aus Polen und Rumänien dürfen jetzt doch nach Deutschland einreisen.« Aber die Sache muss doch einen Haken haben? Das Einreiseverbot wenige Tage vorher wurde doch mit Gesundheitsbedenken begründet. Haben die sich nun plötzlich in Luft aufgelöst? Natürlich nicht – wir werden zeugen einer interessanten „Güterabwägung“ zwischen dem Schutz und der wirtschaftlichen Not(wendigkeit). Lesen wir weiter:

»Um eine Verbreitung des Coronavirus zu verhindern, haben sich Bundesinnen- und Bundesagrarministerium am Donnerstag jedoch auf enge Voraussetzungen für den Einsatz geeinigt. Danach dürfen die Erntehelfer nur mit dem Flugzeug anreisen und müssen am Flughafen von den Betrieben abgeholt werden. Die Helfer müssen einen Gesundheitscheck bestehen und werden in den ersten 14 Tagen von anderen Arbeitern getrennt. Zudem werden die Unterkünfte für die ausländischen Saisonarbeiter nur zur Hälfte belegt.«

Die offizielle Pressemitteilung der beiden hier zuständigen Ministerien, das für Inneres und das für Landwirtschaft, die am 2. April 2020 veröffentlicht wurde, steht unter dieser Überschrift: Klöckner/Seehofer: Vorgaben des Gesundheitsschutzes und Erntesicherung bringen wir zusammen. »Ziel ist es, die derzeit notwendigen strengen Vorgaben des Infektionsschutzes mit den Erfordernissen in der Landwirtschaft in Einklang zu bringen.« So heißt es in der Mitteilung und man möchte natürlich unbedingt erfahren, wie dieser offensichtliche Spagat gelingen soll. Dazu finden wir die folgenden Punkte, die man sich in Berlin ausgedacht hat, um (nicht nur) den Spargelbauer in Brandenburg zu retten:

➞ Im April und im Mai wird jeweils bis zu 40.000 Saisonarbeitern die Einreise ermöglicht. Diese werden auf Basis der Rückmeldung des Berufsstandes und der nachweisbaren strikten Hygienestandards ausgewählt.
➞ Begleitend wird angestrebt, für April und Mai jeweils rund. 10.000 Personen aus dem großen Potential der verschiedenen Personengruppen im Inland (Arbeitslose, Studierende, Asylbewerber, Kurzarbeiter) zu gewinnen.

Und wie kommen die dann nach Deutschland?

»Die ausländischen Saisonarbeiter sollen ausschließlich mit dem Flugzeug ein- und ausreisen (keine stundenlangen Busreisen durch Europa aus Infektionsschutzgründen). Die Bundespolizei legt in Abstimmung mit den Bauerverbänden die entsprechenden Flughäfen fest. Durch ein abgestimmtes Verfahren zur zweifelsfreien Identifizierung der Saisonarbeiter sollen die Kontingente sowie Kontaktketten im Hinblick auf den Corona-Virus jederzeit nachvollziehbar sein. Die Arbeitnehmer werden am Flughafen durch den Betrieb abgeholt (keine Einzelanreise).«

Und weiter:
➞ Bei der Einreise wird ein von den Arbeitergebern veranlasster Gesundheitscheck durch medizinisches Personal nach standardisiertem Verfahren durchgeführt. Die Ergebnisse sind dem örtlichen Gesundheitsamt zuzuleiten.

Damit nicht genug – man holt Menschen aus Osteuropa hierher, um sie dann gleichsam in Lagerhaft zu stecken, wo sie aber vor allem eines sollen: Nicht Däumchen drehen oder Home Office machen, sondern richtig reinklotzen:

➞ Neuanreisende müssen in den ersten 14 Tagen strikt getrennt von den sonstigen Beschäftigten leben und arbeiten und dürfen das Betriebsgelände nicht verlassen (faktische Quarantäne bei gleichzeitiger Arbeitsmöglichkeit). Es gilt eine zwingende Unterkunfts- und Arbeitsteam-Einteilung: Arbeiten in gleichbleibenden, möglichst kleinen Gruppen von fünf bis zehn, max. ca. 20 Personen. Das klingt irgendwie nach dieser Lebenszielsetzung: Was mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

➞ »Bei den Arbeiten sind Mindestabstände einzuhalten bzw. (sofern nicht möglich) Mundschutz, Handschuhe oder Schutzscheiben/-folien zu tragen.« Viel Spaß, möchte man den Verfassern zurufen, beispielsweise auf einem „Gurkenflieger“ oder in anderen Arbeitskontexten.

➞ Bei begründetem Verdacht auf Infizierung eines Arbeitnehmers mit dem Coronavirus ist dieser umgehend zu isolieren, ein Arzt zu kontaktieren, damit der Arbeitnehmer auf das Virus getestet werden kann. Zusätzlich soll das gesamte Team isoliert und ebenfalls auf das Virus getestet werden.

Wenn diese Rechnung bei den Randbedingungen mal aufgeht, da kann man durchaus Zweifel bekommen: Nehmen wir als Beispiel das bundesweit größte zusammenhängende Spargelgebiet bei Beelitz in Brandenburg: »Dort kommen fast alle Saisonarbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Sie machen weit mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter aus. Die Deutschen, die dort arbeiten, sind vor allem im Vertrieb und im Verkauf tätig«, so Jens Blankennagel in seinem Artikel Die Landwirtschaft bangt um die Erntesaison. „Es bleibt aber abzuwarten, wie viele tatsächlich kommen werden“, so Henrik Wendorff, Ökobauer und Präsident des Brandenburgischen Bauernverbandes. »Denn es gibt nicht nur die deutsche Einreisebestimmung zu beachten, sondern auch die der Herkunftsländer. Und genau deshalb könnte es massive Probleme geben, denn viele Saisonarbeiter fürchten, dass sie nach ihrer Arbeit in Deutschland in ihrer Heimat für Wochen in Zwangsquarantäne müssen. So sprach sich Bulgariens Regierungschef dagegen aus, dass seine Landsleute in Deutschland arbeiten: „Wenn ihre Verträge enden, kommen sie hierher, tragen die Infektion in sich und alle anderen sollen dafür zahlen.“ Rumänien hat die Ausreise erlaubt, Polen auch.«

Und auch das sollte man im Hinterkopf behalten: »Die klassischen Saisonarbeiter sind … Leute, die im Winter in Polen oder Bulgarien oft in der Forstwirtschaft arbeiten, weil Bäume im Winter gefällt werden. Ab dem Frühjahr, wenn sie dort keine Arbeit mehr finden, ziehen sie nach Deutschland oder andere westeuropäische Staaten und wechseln dann je nach Erntefrucht von Hof zu Hof. Zuerst ernten sie im Frühjahr in Beelitz Spargel, dann im Sommer Erdbeeren und im Spätsommer und Herbst dann anderes Obst oder Wein in der Pfalz.«

Ja was denn nun? Die einen rein zum Spargel stechen, die anderen rein in Quarantäne?

Für den kritischen Leser wird schon die Liste mit den Auflagen die Saisonarbeiter betreffend einiges Stirnrunzeln verursachen. Die Erntehelfer werden normalerweise im Mehrbettzimmern untergebracht, also auf engstem Raum und mit wahrlich optimalen Ansteckungsbedingungen. Und eine Halbierung der Zimmerbelegung soll das nun lösen? Träumt weiter. Das muss wohl eher unter der Kategorie „Wir tun was und sei es was Symbolisches“ gebucht werden. Konkret geht es an dieser Stelle um diese Auflagen: Bei der Unterbringung sind verschärfte Regeln einzuhalten; Zimmer dürfen beispielsweise nur mit halber Kapazität belegt werden. Besucher sind auf den Betriebsgeländen verboten. Wäsche und Geschirr müssen bei mindestens 60 Grad gereinigt werden.

Die Doppelmoral, die man hier diagnostizieren muss, wird mit einem neuen Beschluss der Bundesregierung wesentlich kontrastreicher erkennbar: 14 Tage Quarantäne für Einreisende, so ist eine der vielen Meldungen überschrieben: »Reisen sollen in Zeiten der Corona-Pandemie unterlassen werden. Diejenigen, die es dennoch müssen, sollen künftig nach ihrer Ankunft in Deutschland für zwei Wochen isoliert werden … Wer aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehrt, soll künftig unabhängig von einem konkreten Corona-Verdacht für 14 Tage in Quarantäne geschickt werden. Auf diese Empfehlung an die Bundesländer einigte sich das Corona-Krisenkabinett. Die neue Regelung soll ab dem 10. April in Kraft treten und für Menschen gelten, die sich für mehrere Tage im Ausland aufgehalten haben – und damit nicht für Berufspendler. Außerdem gibt es Ausnahmen für bestimmte Gruppen wie etwa Lastwagenfahrer und medizinisches Personal.«

Auch bei den Berufspendlern, die ausgenommen sind von den strengen Einreisevorschriften, hat man an den deutschen Spargeln gedacht: »Gerade im grenznahen Brandenburg gab es bislang nicht nur Saisonarbeiter, sondern auch Berufspendler. Das sind Leute aus Polen, die jeden Tag von zu Hause zum Spargelstechen oder zur Gurkenernte in den Spreewald gependelt sind oder zur Apfelernte nach Frankfurt (Oder)«, so Jens Blankennagel in seinem Artikel.

Ach, da wären wir bei der nächsten Gruppe der bislang „unsichtbaren“ Systemrelevanten, den vielen Lkw-Fahrern, von denen sehr viele aus Osteuropa kommen und deren Arbeit hier den Nachschub – nicht nur an Toilettenpapier – in den deutschen Supermärkten sicherstellt. Auch deren Lage ist mehr als prekär – und teilweise nur als skandalös zu bezeichnen: »Dreckige Klos, fehlende Duschen, soziale Ausgrenzung: Lastwagenfahrer gehören zu den Helden der Corona-Krise. Doch von Schutzmaßnahmen und Wertschätzung für sie fehlt im Berufsalltag oft jede Spur.« Solche Beschreibungen findet man sogar in der BILD-Zeitung: Die wahre Krise der Lkw-Fahrer. Un dort werden sogar deren Arbeitgeber mit diesen Worten zitiert: »„Die Erfahrung der vergangenen Tage zeigt, dass unseren Fahrern nicht nur mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft entgegengebracht wird. Sie werden von einigen Kunden bei Eintreffen am Auslieferungsort geradezu ausgegrenzt“, klagen die Transportunternehmer.« Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) beklagt: „Manche Firmen behandeln die Fahrer wie Aussätzige.“

Damit nicht genug. Es geht selbst in diesen Zeiten noch eine Nummer perverser: So meldet die FAZ unter der sicher viele in der jetzigen Situation irritierenden Überschrift Spediteure werfen Supermärkten Corona-Preisdumping vor: »Auch der Einzelhandel wird in der Krise gefeiert, weil er die Versorgung sicherstellt. Doch jetzt erheben die Spediteure heftige Vorwürfe: Es geht um Preisdumping und die schlechte Behandlung der Lastwagenfahrer.« Bitte? Preisdumping in der gegenwärtigen Situation? „Wir werden von den großen Auftraggebern dermaßen im Preis gedrückt. Das ist unanständig, was da passiert.“ Und viele namhafte Konzerne würden sich am Dumping beteiligen. Mit diesen Worten wird Holger Moll zitiert, der Dispositionsleiter des Fuhrunternehmen Burlatus aus Maintal-Bischofsheim vor den Toren Frankfurts. Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), in dem die meisten vor allem kleineren und mittleren Speditionsunternehmen organisiert sind, kritisiert, dass Frachtraten in ganzer Breite derzeit gedrückt würden. „Einige, die sich in diesen Tagen in der Öffentlichkeit gerne dafür loben, dass sie das Land am Laufen halten, betätigen sich nach unten als Ausbeuter“, so der BGL-Chef Dirk Engelhardt. Gemeint sind auch Lebensmittelhandelsketten oder Logistikkonzerne. Zu den Leidtragenden gehörten vor allem mittelständische Fuhrunternehmen.

Unglaublich, aber eine logische Konsequenz der Preisdrückerei: »Vom Verband der Spediteure hieß es …, eine Erhebung im BGL-Verbund von Baden, Württemberg und Bayern sei zu dem alarmierenden Ergebnis gekommen, dass Teile des deutschen Marktes in die Illegalität abgerutscht seien. Anders könne nicht mehr erklärt werden, weshalb in den einschlägigen Frachtenbörsen inzwischen für den innerdeutschen Markt dauerhaft Frachtentgelte angeboten würden, die weit unter Einstandspreisen lägen. Dies gelte auch für nicht eingehaltene Vorschriften beim Mindestlohn.« Nun wird sich der eine oder andere hier die Frage stellen, wieso können die großen Konzerne denn in der jetzigen Situation auch noch die Preise drücken? Man ist doch händeringend auf die Lkw-Fahrer und ihre Arbeit angewiesen, um die Supermärkte wieder aufzufüllen. Ein Teil der Antwort: »Das Problem für Speditionen ist, dass derzeit in vielen Bereichen der Industrie die Bänder stillstehen und Transportaufträge wie von der Automobilbranche und den Zulieferbetrieben ausbleiben. Auch der Pendelverkehr zwischen Häfen und Betrieben ist mehr oder minder zum Erliegen gekommen. An den Frachtbörsen zeigt sich das Ungleichgewicht jeden Tag, wenn zeitweise 85 Prozent des verfügbaren Laderaums der Lastwagen auf dem Markt nicht gebucht werden.«

Ein anderer Teil der Antwort könnte lauten: Es hat ja keiner gesagt, dass mit dem Shutdown und den für Normalmenschen geltenden harten Regeln zum Schutz der Gemeinschaft auch das muntere Treiben der gewinnmaximierenden Betriebswirte, die sich im Homeoffice in ihren Excel-Tabellen vertiefen und die Zahlen foltern, bis sie kleiner werden, beendet oder zumindest ausgesetzt wird. So wegen der Solidarität beispielsweise. Das ist eben keine relevante Kategorie.