»Diese Zahlen haben Sprengkraft: Deutschlands Sozialausgaben sind auf ein Rekordniveau von 1431 Milliarden Euro gestiegen. Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums ging 2025 jeder dritte Euro der Wirtschaftsleistung für Renten, Gesundheit, Pflege, Arbeitslosenversicherung und weitere Sozialleistungen drauf. So eine der wir üblich schrill daherkommenden Meldungen, mit denen die Leser der BILD-Zeitung tagtäglich versorgt und getriggert werden. Und damit auch der schnelle Leser die Botschaft kompakt inhalieren kann, setzt man in den gewohnt dicken großen Buchstaben die Überschrift Rekord! Jeder dritte Euro geht für Sozialausgaben drauf über den Artikel.
Auch andere Medien springen auf diesen Zug: »Die Wirtschaft stagniert, aber der Sozialstaat wächst«, meldet die FAZ, deren Beitrag auf die Wirkung der einen großen Zahl abstellt: 1431 Milliarden Euro für Soziales. Und damit alle die zentrale Problembotschaft verstehen: »Der deutsche Sozialstaat wächst – und das deutlich stärker als die Wirtschaftsleistung, aus der er sich finanziert.«
In dem zitierten Beitrag bezieht man die eine große Zahl auf die Wirtschaftsleistung des Landes. Auch bei dieser Relation könne man mit dem Rekordbegriff hantieren: »Der Anteil aller Ausgaben für Sozialleistungen hat sich deshalb im vergangenen Jahr von 31,3 Prozent auf 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erhöht. Dies ist ein neuer Höchststand, wenn man von den Sonderumständen der Corona-Krise im Jahr 2020 absieht. Noch vor zehn Jahren hatte sich die sogenannte Sozialleistungsquote um 28 Prozent des BIP bewegt.«
Allen Berichten kann man ein „Überraschungsmoment“ entnehmen, wobei sich die Überraschung erklären lässt aus der sehr dominanten Diskussion über das angeblich aus dem Ruder laufende (nunmehr ehemalige) „Bürgergeld“, bei der man ja teilweise den Eindruck bekommen musste, als wenn sich immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben verabschieden, um in der offensichtlich generösen Hängematte der Grundsicherung den Tag nicht mit Erwerbsarbeit verbringen zu müssen, denn die lohne sich ja sowieso nicht.
Nun entdeckt die BILD-Zeitung: »Überraschend: Die Ausgaben für das Bürgergeld gingen erstmals seit 2019 zurück. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsbezieher sank 2025 um rund 91.000 Personen. Einschließlich Kindern erhielten sogar rund 185.000 Menschen weniger Leistungen als im Vorjahr.« Und die FAZ sekundiert: »Bemerkenswert ist allerdings auch die Entwicklung der Grundsicherung für Arbeitssuchende (bisher Bürgergeld). Denn deren Ausgaben sind der Aufstellung zufolge im vergangenen Jahr um 1,2 Prozent auf 57,5 Milliarden Euro gesunken. In dieser Position ist neben den Ausgaben des Bundes auch der Anteil der Kommunen enthalten, den diese für Wohnkosten der Leistungsbezieher beisteuern.«
Der Blick in das Original: Das „Sozialbudget 2025“ der Bundesregierung
Das sogenannte Sozialbudget wird regelmäßig vom zuständigen Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlicht. Hier kann man sich die aktuelle Ausgabe herunterladen:
➔ BMAS (2026): Sozialbudget 2025, Berlin: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Juli 2026
»Mit dem Sozialbudget 2025 liefert das BMAS turnusgemäß einen umfassenden Überblick über das Leistungsspektrum und die Finanzierung der sozialen Sicherung in Deutschland: Nach vorläufigen Ergebnissen betrug die Summe der sozialen Leistungen im Jahr 2025 insgesamt rd. 1.431 Mrd. Euro. Dies geht mit einem Anstieg der Sozialleistungsquote – dem Verhältnis von Sozialleistungen zum Bruttoinlandsprodukt – um 0,7 Prozentpunkte auf 32 Prozent einher, da das Wirtschaftswachstum nominal nur 3,3 Prozent betrug.«
Läuft das mit den Sozialausgaben aus dem Ruder?
Schaut man in die dort präsentierten Daten, dann könnte man auf den ersten Blick den Eindruck bekommen, dass die Sozialausgaben aus dem Ruder laufen:

Anfang der 1990er Jahre lagen die Sozialausgaben in Deutschland in der Abgrenzung des Sozialbudgets noch bei 400 Mrd. Euro – im vergangenen Jahr wurde die Marke von 1.400 Mrd. Euro überschritten.
Die Abbildung mit der Darstellung der Ausgabenentwicklung seit 1991 zeigt einen starken Anstieg der Sozialausgaben vor allem am aktuellen Rand der Zeitreihe. Wen man sich nur diese Entwicklung anschaut, dann könnte man tatsächlich beunruhigt sein.
Aber an dieser Stelle muss man hinsichtlich der Interpretation der Entwicklung darauf hinweisen, dass die präsentierten Zahlen zum einen nominale Größen sind, es sich also nicht um die preisbereinigte Entwicklung der Sozialausgaben handelt.
Und zum anderen muss man mit Blick auf die Frage, ob und wenn ja in welcher Stärke die Sozialausgaben „aus dem Ruder laufen“, bedenken, dass die Beträge hier vergleichslos in den Raum gestellt werden und man die – mathematisch korrekte – Aussage machen kann, dass die Sozialausgaben 2025 mehr als 3,5-mal so groß waren wie noch Anfang der 1990er Jahre nach der Wiedervereinigung.
Der Bezug der Sozialausgaben auf die am BIP gemessene volkswirtschaftliche Wertschöpfung ist deutlich aussagekräftiger. Und schaut man sich die Entwicklung der Sozialleistungsquote an, dann ergibt sich ein weitaus weniger dramatisches Bild:

Betrachtet man die Entwicklung der Sozialleistungsquote seit 2009 (ab diesem Jahr wurden auch die Grundleistungen der privaten Krankenversicherung als Sozialausgaben integriert), dann ist von einem starken Anstieg nicht viel zu erkennen – ganz im Gegenteil kann und muss man darauf hinweisen, dass es in den 2010er Jahren eine auf den ersten Blick erstaunliche Konstanz der Sozialleistungsquote gegeben hat.
Wenn man sich die Stabilität der Sozialleistungsquote in den 2010er Jahren anschaut, dann kann man die Frage aufwerfen, ob der Anteil nicht eigentlich hätte höher ausfallen müssen, wenn man bedenkt, dass wir mehr Rentner (mit steigenden Rentenbezugsdauern) haben, dass die Gesundheits- und insbesondere die Pflegeversicherungsausgaben nicht nur aufgrund der an anderer Stelle vielbeschworenen demografischen Entwicklung ansteigen, dass es in den zurückliegenden Jahren Milliardenausgaben für den Ausbau der Kindertagesbetreuung gab oder man denke an die Aufwendungen durch die fluchtbedingte Zuwanderung nach Deutschland. Offensichtlich ist es gelungen, den Anteil der Sozialleistungen gemessen am BIP konstant zu halten, obgleich doch die Ausgaben an sich gestiegen sind. Das nun kann damit zusammenhängen, dass gleichzeitig in bestimmten Sozialleistungsbereichen „gegen“gekürzt wurde und/oder die Größe im Nenner, also das BIP, entsprechend gewachsen ist. Zumindest in den 2010er Jahren hatten wir nach dem Einbruch durch die Finanz- und Weltwirtschaftskrise ein Jahrzehnt mit ordentlichen Wachstumsraten des BIP – und vor allem eine expandierende (sozialversicherungspflichtige) Beschäftigung (mit jährlichen Rekordmeldungen die Zahl der Jobs betreffend). Vor dem Hintergrund der besonderen Finanzierungsarchitektur des sozialen Sicherungssystems in Deutschland mit seiner immer noch durch lohnbezogene Beiträge dominierten sozialversicherungsförmigen Ausgestaltung erklärt das eine Menge.
Der „Ausbruch“ der Sozialleistungsquote im Jahr 2020 ist natürlich durch die „doppelte“ Herausforderung im Kontext der damaligen Corona-Pandemie (zum einen stark steigende pandemiebedingte Sozialausgaben und zum anderen ein ebenfalls pandemiebedingter Einbruch der am BIP gemessenen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung, was im Zusammenspiel einer vergrößerten Zählers und eines verkleinerten Nenners dann den Anstieg der Quote verständlich macht).

Man kann den Daten entnehmen, dass sich bereits ab 2021 die Sozialleistungsquote wieder in Richtung auf das vorpandemische Niveau bewegt.
Der erkennbare Anstieg in den beiden vergangenen Jahren, also 2024 und 2025, muss eingeordnet werden in den Kontext, dass wir uns seit 2022 bei einer fortlaufenden Ausgabendynamik vor allem für Gesundheits- und Pflegeleistungen von der Wirtschaftswachstumsseite gesehen in der Rezession bzw. Stagnation befinden.
Exkurs: Von einer Sozialstaatsdebatte, die an einer defizitären Analyse der Sozialleistungsentwicklung (und einer Fokussierung auf Scheinprobleme) krankt
Die Bezugnahme auf die Werte aus der Sozialbudgetberechnung tauchte im vergangenen Jahr in einer Analyse der Sozialstaatsdebatte des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung auf.
➔ Sebastian Dullien und Katja Rietzler (2025): Sozialstaatsdebatte krankt an mangelnder Analyse und Fokus auf Scheinprobleme. IMK Kommentar Nr. 16, Düsseldorf: Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Oktober 2025
Zum Hintergrund der im Oktober 2025 veröffentlichten Ausarbeitung: »Über den Sommer hat sich die Sozialstaatsdebatte in Deutschland zugespitzt. So behauptete Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst, Deutschland könne sich „dieses System, das wir heute so haben, einfach nicht mehr leisten“. Einschnitte seien in allen Bereichen notwendig. Ein Blick in die Statistiken zum Sozialstaat zeigt allerdings: Die Gesamtausgaben sind nicht auffällig groß, nicht auffällig gestiegen und Probleme gibt es allenfalls in einzelnen engen Bereichen.«
Der Analyse von Dullien/Rietzler kann man auch diese Abbildung entnehmen:

Es wurde schon darauf hingewiesen, dass die Summen, mit denen hinsichtlich der Sozialausgaben hantiert wird, auf nominalen Größen basieren, also den nicht preisbereinigten Werten. Das gilt auch bei der Sozialleistungsquote für das eben nominale und nicht reale BIP. Dullien und Rietzler haben nun die preisbereinigte Entwicklung der Sozialleistungen (in der Abgrenzung des Sozialbudgets) wie auch des BIP berechnet und in der Abbildung dargestellt.
»Die inflationsbereinigten Sozialausgaben in Deutschland wuchsen von 2009 bis 2019 ziemlich genau mit dem Trend des Bruttoinlandsprodukts. 2020 führte die Covid-Pandemie zu einem Anstieg der Sozialausgaben über den Trend, was sich aber schnell korrigierte. Seit 2022 liegen die Sozialausgaben sogar unter dem ursprünglichen BIP-Trend. Allerdings ist das Bruttoinlandsprodukt selbst noch weiter hinter dem Trend zurückgeblieben, sodass sich die Sozialleistungsquote erhöht hat.« (Dullien/Rietzler 2025: 2).
Was folgern die beiden Wissenschaftler daraus?
»Der Sozialstaat hat seit 2022 in erster Linie ein Problem unzureichenden Wirtschaftswachstums, nicht übermäßiger Ausgabensteigerungen.«
Und wieder zurück in das Sozialbudget 2025
Es lohnt ein Blick auf die institutionelle Verteilung der Sozialleistungen. Man erkennt sofort, dass die großen, „alten“ Systeme der beitragsfinanzierten Sozialversicherung immer noch das Schwergewicht im sozialen Sicherungssystem darstellen:


Wenn man sich verdeutlicht, dass immer noch fast zwei Drittel der im Sozialbudget ausgewiesenen Sozialleistungen durch die Sozialversicherungen geleistet werden, dann werden auch die aktuellen sozialpolitischen Debatten und Maßnahmen verständlich, denn die beiden Schwergewichte innerhalb des Schwergewichts Sozialversicherung sind die Renten- und Krankenversicherung (sowie wenn auch mit einem Niveau-Abstand, aber mit einer überdurchschnittlichen Wachstumsdynamik, die Pflegeversicherung). An diese Blöcke müsste man ran, wenn es einem um eine Reduzierung der Sozialleistungen geht.
➔ Es gibt seit vielen Jahren eine mehr oder weniger intensive Diskussion über die inhaltliche Ausgestaltung dessen, was mit und im Sozialbudget erfasst wird (und was nicht). Das hat Konsequenzen: Generell muss man zu dem, was im Sozialbudget der Bundesregierung als „Sozialleistungen“ ausgewiesen wird, wissen: Erfasst werden alle Leistungen, die öffentlich finanziert werden und/oder auf gesetzlicher, verpflichtender Grundlage beruhen. Das heißt, dass nur jene Leistungen, deren Erbringung erwerbsförmig und gegen Entgelt erfolgt, berücksichtigt werden. Dies bedeutet, dass die unentgeltlichen sozialen Hilfsleistungen im Kontext von Familie, Nachbarschaft, Selbsthilfegruppen und sozialem Ehrenamt außerhalb des Blickfeldes bleiben. Nicht erfasst werden auch die freiwilligen (und nicht geförderten) privaten Aufwendungen im Feld der sozialen Sicherung, z. B. für private Zusatzkrankenversicherung oder für Zuzahlungen. Bei einer (Teil)Privatisierung sozialer Sicherungssysteme sinkt insofern die Sozialleistungsquote, da sich die öffentlichen Aufwendungen vermindern. Dass zugleich die privaten Ausgaben steigen wird aber nicht abgebildet im bestehenden System des Sozialbudgets.
Aber jede Medaille hat zwei Seiten – so ist das auch bei den (angeblichen) „Soziallasten“
Ob nun gewollt oder nicht – bei dem normalen Bürger (und offensichtlich auch vielen Journalisten) wird durch Schlagzeilen wie „Jeder dritte Euro geht für Sozialausgaben drauf“ eine Wahrnehmung der Sozialausgaben als ein reines Kostenproblem ausgelöst bzw. verfestigt. Als wenn die Ausgaben in ein tiefes dunkles Loch fließen und einfach weg sind. Wie sind hier mit der Verfestigung des Eindrucks von Sozialleistungen als „Einbahnstraße“ konfrontiert.
Man muss an dieser Stelle doch (erneut) zweierlei Klarstellungen vornehmen:
Zum einen handelt es sich um Bruttoströme. Also wenn man berücksichtigt, dass die beiden größten Ausgabenblöcke auf die Rentenversicherung und die Krankenversicherung entfallen, dann muss man zur Kenntnis nehmen, dass diesen Zahlungsflüssen auch wieder Rückflüsse an den Staat und die Sozialversicherungen sowie weitere gesamtwirtschaftliche Effekte gegenüberstehen. Also die Renten, die ausgezahlt werden, geben die meisten Rentner wieder aus, daraus wird Beschäftigung generiert (aus der dann Steuern und Sozialabgaben fließen) und ganze Wirtschaftszweige werden darüber finanziert (Einzelhandel usw.). Die Gesundheits- und Pflegeausgaben sind in einem großen Umfang Ausgaben, die mit Personalausgaben verbunden sind. Also schon rein fiskalisch gesehen sind die Nettogrößen ganz anders, als es die Bruttowerte nahelegen. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Ausgaben nachfrageseitige Effekte in der Volkswirtschaft haben, die man mit in eine richtige Rechnung aufnehmen muss. Anders formuliert: Ohne eine echte Kosten-Nutzen-Rechnung haben wir es bei einer reinen Ausgabenanalyse mit einem Schrumpfkopf zu tun, der wenn, dann primär interessenpolitisch geleitet ins Schaufenster gestellt wird.
Zum anderen kann man das Publikum nicht entlasten von der Befassung mit der Frage der Finanzierungsarchitektur (und ihrer Verschiebungen), die hinter der einen großen Zahl nicht erkennbar wird, die aber entscheidend ist für die hier aufzurufende verteilungspolitische Dimension: Es geht um die Frage nach der Verteilung der Finanzierungslasten. Vereinfachend gesagt sind es drei große Quellen, aus denen sich die Finanzmittel für Sozialleistungen speisen: Beiträge der Arbeitnehmer, der Arbeitgeber sowie Steuermittel (und auch die Zusammensetzung der Quellen, aus denen sich die Steuermittel ergeben und damit die Traglast, hat sich im Laufe der Zeit verschoben). Und wenn beispielsweise wie in Deutschland aufgrund der Bedeutung der Sozialversicherungssysteme (Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung sowie die Arbeitslosenversicherung) ein großer Teil der Ausgaben beitragsfinanziert wird (wobei die Traglast hier aus ökonomischer Sicht im Wesentlichen von den Arbeitnehmern geschultert werden muss und dann auch noch begrenzt auf die sozialversicherungspflichtige Erwerbsarbeit sowie mit Blick auf Umverteilungseffekte nach oben gedeckelt durch Beitragsbemessungsgrenzen mit entsprechend regressiven Effekten im unteren und mittleren Einkommensbereich), dann kann sich ein strukturelles Problem herausbilden, wenn sich die Entwicklung der die Beitragsfinanzierung fundierenden Grundlohnsummen von der BIP-Entwicklung abkoppelt. Dann muss die Belastung der beitragspflichtigen Lohneinkommen relativ gesehen immer größer werden.
Die Lücke müsste folglich aus anderen Quellen finanziert werden, was allerdings voraussetzt, dass man die Wertschöpfung, die bislang nicht oder nur partiell an der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme beteiligt ist, bei einer strukturellen Reform der Sozialstaatsfinanzierung mit ins Boot nehmen müsste.
Keine neue Erkenntnis, die man aber offensichtlich immer wieder zu Markte tragen muss.