Mögliche Lehren aus der Corona-Pandemie. In Berlin arbeitet eine Enquete-Kommission an der „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ – und die OECD fordert mehr Pandemievorsorge

Auch wenn viele Menschen nicht gerne an die Corona-Pandemiejahre 2020 und 2021 zurückdenken (möchten), andere von den Ereignissen der damaligen Zeit, vor allem den staatlichen Auflagen und Eingriffen bis heute getriggert werden (und auf eine „Abrechnung“ mit dafür politisch Verantwortlichen drängen), steht seit langem die berechtigte Forderung nach einer Aufarbeitung dessen, was in den Monaten der globalen Krise (nicht) passiert ist, auf der Tagesordnung. 

Im bestehenden System wurde eine solche umfassende und grundsätzlich ergebnisoffen auszugestaltende Aufarbeitung lange Zeit verschleppt – aus unterschiedlichen Gründen, wobei parteipolitisch motivierte Blockaden auch eine Rolle gespielt haben und immer noch spielen, man denke an die mindestens fragwürdige Rolle des damals verantwortlichen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) bei der Maskenbeschaffung.

In Deutschland wurde nach einem längeren politischen Ringen im Bundestag die Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ eingesetzt, die aus 14 Abgeordneten und 14 externen Sachverständigen besteht. Der Auftrag an die Kommission soll den Blick vor allem in die Zukunft richten: »Um künftig besser auf Gesundheitskrisen vorbereitet zu sein, arbeitet die Enquete-Kommission interdisziplinär an der Frage, wie Risikobewertung, Früherkennung und Krisenbewältigung in künftigen Pandemien effektiver gestaltet werden können.« Bis Ende Juni 2027 soll die Kommission einen umfassenden Abschlussbericht vorlegen, der konkrete Empfehlungen zur besseren Prävention, Bekämpfung zukünftiger Gesundheitskrisen und gesellschaftlichen Resilienz enthalten soll.

Die Kommission führt u.a. zahlreiche öffentliche Anhörungen zu einzelnen gesellschaftlichen Bereichen und deren Pandemiebetroffenheit durch, so beispielsweise am 11. Juni 2026 zum Thema Folgen der Pandemie für Arbeitswelt und Care-Arbeit. 

➔ Die deutschen Nachbarländer zeigen ein gemischtes Bild hinsichtlich einer parlamentarischen bzw. institutionellen Aufarbeitung der Pandemie: Frankreich setzte frühzeitig auf parlamentarische Untersuchungsausschüsse im laufenden Betrieb, während in Österreich und der Schweiz eher auf reguläre parlamentarische Kontrollgremien, Expertenberichte oder – wie im Fall Südtirols – auf regionalparlamentarische Untersuchungsausschüsse gesetzt wurde.1

Was tun, wenn noch einmal …

Es stellt sich nicht die Frage, ob eine weitere Pandemie auftreten wird, sondern wann. Zu dieser Einschätzung kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer umfassenden neuen Studie zur Pandemievorsorge.

»Denn eine intensive Landwirtschaft, ein umfangreicher und oft unregulierter Wildtierhandel sowie die steigende Nachfrage nach Flugreisen erhöhen das Risiko künftiger Pandemien, warnt die Organisation. Die Experten simulierten für ihre Analyse fünf Szenarien, darunter solche, die dem Ausbruch des Ebola-Virus, der Vogelgrippe, von Influenza A, Coronaviren oder Masern ähneln. Daraus versuchen sie, die gesundheitlichen sowie wirtschaftlichen Folgen abzuleiten und Maßnahmen zur Vorsorge und Reaktion zu entwickeln«, so Alexandra Föderl-Schmid in ihrem Artikel OECD fordert mehr Pandemievorsorge. Sie bezieht sich auf diese neue Veröffentlichung der OECD:

➔ OECD (2026): The Economic Case for Pandemic Preparedness and Response. Beyond Lockdowns. OECD Health Policy Studies, Paris: Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), September 2026

Der Zusammenfassung des OECD-Berichts kann man entnehmen:

Pandemien sind seltene, aber schwere Schocks für die Gesundheit der Bevölkerung und der Wirtschaft. Häufigkeit und Intensität kleinerer Ausbrüche haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen und das Risiko, dass lokale Ausbrüche zu globalen Pandemien eskalieren, bleibt hoch. Der Bericht untersucht die möglichen Auswirkungen zukünftiger Pandemien auf die Gesundheit der Bevölkerung, die Widerstandsfähigkeit des Gesundheitssystems und die Wirtschaft in 51 OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern unter Verwendung moderner epidemiologischer und wirtschaftlicher Modellierungstechniken und szenariobasierter Analysen. Es bewertet, inwieweit acht nicht-pharmazeutische Interventionen (NPIs) zur Prävention und Kontrolle von Infektionen in der Gemeinschaft in den frühen Phasen von fünf Arten von Ausbruchsszenarien gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen abmildern können, bevor pharmazeutische Interventionen oder Impfstoffe in großem Umfang verfügbar sind.

Die zentrale Botschaft wird so formuliert: In der OECD ist die Investition von durchschnittlich fast 6 US-Dollar pro Kopf und Jahr (kaufkraftbereinigt) in die Vorbereitung und Reaktion auf die Pandemie eine „kluge Investition“ sowohl für die öffentliche Gesundheit als auch für die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit. Die frühzeitige Einführung von NPIs wie Handhygiene, Maskennutzung und physische Distanzierung kann mehr Leben retten und wirtschaftliche Störungen begrenzen als verzögerte Maßnahmen, was die Einführung von Lockdowns erfordern kann, um die Kontrolle über die Übertragung zurückzugewinnen. Robuste Krankheitsüberwachungs- und Lagersysteme sind unerlässlich, um eine rechtzeitige und effektive Reaktion zu ermöglichen.

Föderl-Schmid zitiert ein Beispiel aus den Szenarien, die sich auf die frühen Stadien nach einem Ausbruch unter der Annahme, dass noch keine Medikamente oder Impfstoffe in großem Umfang verfügbar sind, beziehen:

»Bei einem Ausbruch mit einem Influenza-A-ähnlichen Virus könnte die Zahl der Todesopfer ohne Maßnahmen zur Eindämmung mehr als fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dies würde den Bedarf an Intensivbehandlungskapazitäten in den OECD-Ländern innerhalb von ein bis zwei Monaten übersteigen. Ebenso würde das Bruttoinlandsprodukt um 2,7 bis 16,2 Prozent schrumpfen – je nach Szenario: um 2,7 Prozent bei einem Coronavirus-ähnlichen Ausbruch und um 16,2 Prozent bei einem masernähnlichen Ausbruch.«

Die Schreckenszahlen müssen allerdings relativiert werden, denn es handelt sich um »Szenarien, in denen nicht einmal die einfachsten Gegenmaßnahmen wie Abstandsregeln, regelmäßiges Händewaschen oder das Tragen von Masken ergriffen werden. Wenn Kontakte reduziert werden, Home-Office praktiziert und Inlandsreisen eingeschränkt werden, könnten die meisten Todesfälle verhindert, wirtschaftliche Verluste abgefedert und die Notwendigkeit von Schulschließungen oder Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs abgewendet werden, heißt es in der Studie.«

»Die OECD nennt auch die Maßnahmen, die notwendig wären, um die Vorsorge auszubauen und eine rasche Reaktion im Falle eines Virusausbruchs zu ermöglichen. Dazu gehören der Aufbau und die Instandhaltung nationaler Vorräte an persönlicher Schutzausrüstung und Hygieneartikeln, die konsequente Vermeidung physischer Kontakte etwa durch Abstandsregeln sowie die Stärkung der Überwachungskapazitäten, beispielsweise durch Abwasseranalysen.«

Hinsichtlich der bereits genannten Kosten für die Umsetzung dieser Maßnahmen (im Durchschnitt 5,9 kaufkraftbereinigte US-Dollar pro Kopf und Jahr über alle Länder) beziffert die OECD die kalkulierten Kosten für die EU-Staaten auf 2,6 Milliarden Euro pro Jahr. Wobei die OECD explizit darauf hinweist, dass diese Investitionen auch die reguläre Gesundheitsversorgung verbessern würden.Die OECD hat übrigens auch einen Blick zurück geworfen auf die Covid-19-Pandemie: »Zwischen 2020 und Mai 2023 habe es weltweit fast sieben Millionen Todesopfer gegeben. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf sei 2020 im Vergleich zum Vorjahr um rund vier Prozent geschrumpft, heißt es in dem Bericht – ein Rückgang, der mit jenem während der globalen Finanzkrise von 2008 vergleichbar ist. Bis zu 15 Prozent der Bevölkerung würden weiterhin an Long Covid leiden, so die Annahme der Experten.«2

  1. Einige Beispiele aus den Nachbarländern: In Frankreich nutzte das Parlament (insbesondere die Nationalversammlung und der Senat) vor allem das Instrument von Untersuchungsausschussen bzw. Informationsmissionen (missions d’information) bereits während und kurz nach der akuten Krisenphase. Bereits im Sommer 2020 legte ein Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung einen umfangreichen Bericht zum Management der Krise und der Vorbereitung auf gesundheitliche Notlagen vor. Auch der Senat (das Oberhaus) führte eigene Untersuchungen durch, die sich stark auf die Koordination zwischen Zentralstaat und Kommunen, die Beschaffung von Schutzmaterial sowie die Auswirkungen der Lockdowns konzentrierten. In den Niederlanden stand die politische Aufarbeitung stark im Zeichen von kritischen Evaluationen durch den nationalen Rat für öffentliche Verwaltung und das Institut für Sicherheit sowie durch parlamentarische Befragungen. Das niederländische Parlament konzentrierte sich darauf, die Entscheidungsfindung des Kabinetts (unter Ministerpräsident Mark Rutte) im Rahmen von Nachbesprechungen, sogenannten Debatten zur Krisenbewältigung, und über unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen (u. a. durch den Onderzoeksraad voor Veiligheit – den Sicherheitsrat) aufzuarbeiten, statt einen reinen, justiziellen Untersuchungsausschuss zu installieren. In der Schweiz wurde intensiv über die Einsetzung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) – dem schärfsten Kontrollorgan des eidgenössischen Parlaments – diskutiert. Zwar gab es Vorstöße, allerdings konzentrierte sich das Parlament primär auf Berichte und Analysen der Verwaltung, der Eidgenössischen Finanzkontrolle sowie Evaluationen durch den Bundesrat und externe wissenschaftliche Expertengruppen (wie die Swiss National COVID-19 Science Task Force, die bereits im April 2020 eingesetzt wurde). Eine großangelegte, flächendeckende PUK zur Pandemie nach dem Vorbild anderer Krisen (wie etwa später bei der Credit-Suisse-Krise) erhielt im eidgenössischen Parlament keine Mehrheit; stattdessen fanden Aufarbeitungen über die regulären parlamentarischen Kommissionen (Geschäftsprüfungskommissionen) und Berichte statt. Bereits 2021 wurde ein Bericht von Hofmänner veröffentlicht über die Rolle der Wissenschaft im ersten Pandemiejahr 2020: The Role of Science in the Swiss Policy Response to the COVID-19 Pandemic. In Österreich gab es viele Parallelen zu dem, was in Deutschland (nicht) passiert ist): Im österreichischen Nationalrat gab es wiederholt Initiativen und Anträge (insbesondere der Oppositionspartei FPÖ) zur Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen. Diese Anträge wurden jedoch von den Regierungsfraktionen und anderen Parteien mit dem Verweis auf teils polarisierende Argumentationen und das Risiko einer Vergrößerung gesellschaftlicher Gräben mehrheitlich abgelehnt. Im italienischen Südtirol wurde im Landtag ein eigener parlamentarischer Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Corona-Krisenjahre (2020 bis 2023) eingesetzt, der unter anderem Verantwortlichkeiten und die Folgen der Maßnahmen vor Ort untersucht. In Dänemark wurde im Nachgang der Pandemie keine klassische, paritätische Enquete-Kommission oder ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss nach dem Vorbild anderer Länder eingerichtet. Das dänische Parlament (Folketing) gab bereits im Januar 2021 einen umfassenden Bericht in Auftrag, der die frühe Krisenbewältigung und die gesetzlichen Grundlagen der Maßnahmen dokumentierte (Managing the Covid-19-Crisis – The Early Danish Experience). Die politische Aufarbeitung lief primär über reguläre parlamentarische Ausschüsse, Befragungen der zuständigen Minister (Gesundheitsministerium und Staatskanzlei) sowie die Veröffentlichung umfangreicher behördlicher Daten (u.a. durch das Statens Serum Institut und die dänische Gesundheitsbehörde Sundhedsstyrelsen). Die öffentliche und politische Kritik in Dänemark entzündete sich weniger an generellen Corona-Maßnahmen, sondern im Nachhinein punktuell an spezifischen Entscheidungen – wie etwa der politisch angeordneten Keulung sämtlicher Nerze im Herbst 2020 (die sich im Nachhinein als rechtlich nicht hinreichend gedeckt herausstellte und zu einer politischen Krise der Regierung führte). Dies wurde jedoch primär im Rahmen von ad-hoc-Untersuchungen und politischen Debatten im Folketing aufgearbeitet, statt in einer generellen Pandemie-Enquete. Und Belgien? Ein wichtiger Meilenstein für die belgische Aufarbeitung war eine umfassende, im Auftrag erstellte und vielbeachtete 2023 veröffentlichte Evaluierung durch die OECD (Evaluation of Belgium’s COVID-19 Responses: Fostering Trust for a More Resilient Society), die im Detail analysierte, wo es im belgischen Krisenmanagement an behördenübergreifender Koordination mangelte und welche Lehren für das Vertrauen in öffentliche Institutionen zu ziehen sind. Last but not least: In Polen gab und gibt es keine breite gesellschaftliche oder parlamentarische Enquete-Kommission zur generellen Sinnhaftigkeit von Corona-Maßnahmen (wie Schulschließungen oder Lockdowns). ↩︎
  2. Vgl. dazu auch den Beitrag Long Covid betrifft bis zu 15 Millionen Menschen von Alexandra Föderl-Schmid, der am 8. April 2026 erschienen ist: „Wie ein langer Schatten“ zeigen sich die Folgen der Pandemie noch heute, sagt die Organisation. Das ist nicht nur für die Betroffenen schlimm, sondern kostet Milliarden und belastet ganze Volkswirtschaften.
    Das wurde auch in dem hier veröffentlichten Beitrag Corona-Pandemie, war da nicht noch was? Zu den individuellen und gesellschaftlichen Kosten in der Long Covid-Schattenwelt vom 11. April 2026 aufbereitet. ↩︎