Pflegende Angehörige als größter Pflegedienst der Nation – auch in Österreich. Eine Studie hat genauer hingeschaut

Also man kann sicher nicht mehr sagen, dass über die Altenpflege nicht diskutiert wird – erst einmal unabhängig von den tatsächlichen Konsequenzen, die daraus (nicht) gezogen werden. Wenn man eine Quantifizierung der Themen, über die da berichtet und gestritten wird, vornehmen müsste, dann stehen die Pflegeheime sicher auf Platz 1 der Liste. Aber die Pflegerealität ist durch andere Relationen charakterisiert. Schaut man sich die Daten des Bundesgesundheitsministeriums zu den Leistungsempfängern der sozialen Pflegeversicherung an, dann wird dort für Ende 2017 mit 2,522 Mio. Menschen ein Anteil von mehr als 76 Prozent ausgewiesen, der auf die ambulante Versorgung entfällt. „Nur“ 780.000 Menschen wurden stationär versorgt.

Und von denen, die nicht im Heim sind, werden die meisten überwiegend bzw. sogar ausschließlich von pflegende Angehörigen versorgt. Hier haben wir den größten und bedeutsamsten Pflegedienst der Nation – und würde auch nur ein spürbarer Teil dieser Menschen die Entscheidung treffen, den pflegebedürftigen Angehörigen in ein Heim geben zu wollen (oder zu müssen), dann würde das deutsche Pflegesystem innerhalb von Minuten kollabieren (vgl. dazu ausführlicher den Beitrag Das Pflegesystem würde in Stunden kollabieren, wenn … Pflegende Angehörige zwischen großer Politik und institutionalisierter Pflege vom 21. Oktober 2017 sowie zu den Auswirkungen auf die, das machen, den Beitrag Aus den Tiefen und Untiefen des größten Pflegedienstes in Deutschland: Pflegende Angehörige. Und das, was die tun, kann krank und arm machen, der hier am 27. September 2015 veröffentlicht wurde).

Die Relationen im Pflegesystem und damit die Bedeutung der pflegenden Angehörigen muss man auch für Österreich zur Kenntnis nehmen. Dort werden sogar 84 Prozent der Pflegebedürftige zu Hause versorgt, fast die Hälfte von ihnen ausschließlich von den Angehörigen.

Wie in Deutschland sprechen wir hier von einer richtig großen Gruppe: Rund 947.000 Österreicher pflegen ihre Angehörigen, so ist einer der Artikel überschrieben, in dem über eine neue Studie über pflegende Angehörige berichtet wird – das sind mehr als zehn Prozent der Bevölkerung in der Alpenrepublik (dazu auch Österreicher: Mehr als zehn Prozent pflegen Angehörige). Auch das ist nicht überraschend: 73 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen.

Wie sieht die Situation der pflegenden Angehörigen aus? Auf der Seite des für Pflege zuständigen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMAK) findet man diesen Hinweis unter der Überschrift BMASGK veröffentlicht Studie zur Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger: »Um einen tieferen Einblick in die Situation pflegender Angehöriger zu erhalten, beauftragte das BMASGK das Institut für Pflegewissenschaft in Kooperation mit dem Institut für Soziologie mit der Durchführung einer diesbezüglichen Studie. Der Endbericht liegt nunmehr vor und zeichnet ein umfassendes Bild über den Lebensalltag pflegender Angehöriger.« Gemeint ist das Institut für Pflegewissenschaft sowie das Institut für Soziologie an der Universität Wien. Die Studie kann hier im Original abgerufen werden:

➔ Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (Hrsg.) (2018): Angehörigenpflege in Österreich. Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke. Endbericht Juni 2018, Wien, 2018
(Autoren: Martin Nagl-Cupal, Franz Kolland, Ulrike Zartler, Mayer, Hanna, Marc Bittner, Martina Maria Koller, Viktoria Parisot und Doreen Stöhr).

In der nun vorliegenden Studie werden die pflegenden Angehörigen zu Hause mit denen verglichen, die ihre Angehörigen in stationärer Pflege haben. Aus der Zusammenfassung (S. 7 ff.) kann man folgende Punkte herausgreifen:

Merkmale der pflegenden Angehörigen. Pflege durch Angehörige ist nach wie vor „weiblich“. Der Anteil der Frauen beträgt in der häuslichen Pflege 73%, in der stationären Langzeitpflege 63%. Das Durchschnittsalter der pflegenden Angehörigen zu Hause und im stationären Bereich ist mit knapp über 60 Jahren ähnlich. Pflegende (Schwieger- bzw. Stief) Kinder sind die größte Gruppe pflegender Angehöriger (41% im Setting Zuhause; 55% in der stationären Langzeitpflege), bei einer Pflege zu Hause spielen aber auch (Ehe)Partnerinnen und (Ehe)Partner eine beinahe ebenso wichtige Rolle (35%). In beiden Settings sind mehr als 50% der pflegenden Angehörigen bereits in Pension. 40% der Angehörigen in der stationären Langzeitpflege sind erwerbstätig, Angehörige zu Hause knapp über 30%. Von den nicht Vollzeit erwerbstätigen Angehörigen gaben im Falle einer Pflege zu Hause 28% an, eine Berufstätigkeit wegen der Pflege bzw. Betreuung aufgegeben bzw. eingeschränkt zu haben. Die befragten pflegenden Angehörigen weisen in beiden Settings einen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich schlechteren subjektiven Gesundheitszustand auf.

➔ Die Pflege- und Betreuungssituation. Während von den pflegenden Angehörigen zu Hause am häufigsten „mehrere Erkrankungen oder altersbedingter Kräfteverfall“ (42%; bei der Möglichkeit von Mehrfachnennungen) als Ursache der Pflegebedürftigkeit der gepflegten Person angeführt wird, spielt in der stationären Langzeitpflege eine „ärztlich diagnostizierte Demenz“ die größte Rolle (43%), knapp gefolgt von „mehreren Erkrankungen oder altersbedingtem Kräfteverfall“ (39%). Abgesehen von einer ärztlich diagnostizierten Demenz zeigen sich „gelegentliche Gedächtnisprobleme“ (z.B. Erinnerungs- und Erkennungsfähigkeit) des Pflegebedürftigen nach Angaben der befragten Angehörigen in der stationären Langzeitpflege deutlich häufiger (75%) als im Falle einer Pflege zu Hause (55%). Von den Angehörigen in der stationären Langzeitpflege gibt außerdem ein deutlich geringerer Anteil (29%) als in der Pflege zu Hause (49%) an, dass die pflegebedürftige Person weitgehend mobil ist.
Angehörige von zu Hause lebenden gepflegten Personen wohnen zu einem hohen Anteil (61%) mit diesen in einem gemeinsamen Haushalt. Ist dies nicht der Fall, können Angehörige die Gepflegten in der Regel schnell erreichen (62% innerhalb von 15 Minuten). Etwas geringer ist die rasche Erreichbarkeit in der stationären Langzeitpflege (47% innerhalb von 15 Minuten).
Mehr als die Hälfte der nicht im gleichen Haushalt lebenden Angehörigen gibt außerdem an, die gepflegte Person zumindest täglich aufzusuchen. Bei in der stationären Langzeitpflege betreute Personen verbringt im Durchschnitt die Hälfte der befragten Angehörigen bis zu drei Stunden pro Woche mit der gepflegten Person, 23% wenden wöchentlich vier bis sieben Stunden auf, 27% acht Stunden oder mehr. 13% dieser Angehörigen besuchen die gepflegte Person zumindest täglich. Bemerkenswert ist allerdings, dass knapp die Hälfte (48%) aller pflegenden Angehörigen zu Hause angeben, „so gut wie rund um die Uhr“ für die gepflegte Person da zu sein. Bei Angehörigen von Menschen mit Demenz beträgt dieser Wert 58%, bei Angehörigen pflegebedürftigen Minderjährigen sogar 86%. Diese Gruppe der pflegenden Angehörigen sieht sich demnach in einem permanenten Verfügbarkeitsmodus.

➔ Negative und positive Aspekte der Pflege und Betreuung. Die Ergebnisse zeigen, dass das Belastungsempfinden von pflegenden Angehörigen zu Hause deutlich höher ist als im stationären Setting, wobei das Belastungsniveau von Angehörigen in der stationären Langzeitpflege ebenfalls hoch ist (48% versus 21% fühlen sich sehr stark oder stark belastet).

➔ Informelle und formelle Unterstützung von pflegenden Angehörigen. Bei jeweils einer deutlichen Mehrheit der pflegenden Angehörigen in beiden Settings ist zumindest eine weitere Person in die Pflege involviert. Im Falle einer Pflege zu Hause beträgt dieser Prozentsatz 67%, im stationären Setting 71%. Die sozialen Ressourcen pflegender Angehöriger sind im Allgemeinen gut ausgeprägt – am besten, was den Zusammenhalt in der Familie betrifft, aber auch emotionale Unterstützung durch die Familie ist häufig gegeben, ebenso wie das Vorhandensein einer persönlichen Bezugsperson im Bedarfsfall. Der Freundeskreis hat im Vergleich zur Familie eine etwas untergeordnete Rolle. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass bei zu Hause gepflegten Personen am häufigsten durch das private Umfeld für Ersatzpflege im Fall von Verhinderung bzw. bei Urlaub oder einer Auszeit gesorgt ist. Daneben spielt auch die Nutzung mobiler Dienste eine eher wichtige Rolle, die Möglichkeit der Kurzzeitpflege wird seltener genannt.

➔ Wünsche der Angehörigen. Die Wünsche der pflegenden Angehörigen zur Verbesserung ihrer Situation sind Setting abhängig: Für Angehörige, die zu Hause pflegen, stehen finanzielle Aspekte, eine bessere Unterstützung bei der Bewältigung des Pflegealltags sowie die Möglichkeit, sich eine Auszeit von der Pflege nehmen zu können im Vordergrund. Angehörige von Pflegegeldbezieherinnen und –beziehern in der stationären Langzeitpflege wünschen sich am häufigsten Personalaufstockung sowie eine Verbesserung der konkreten Pflegeangebote.

Auf Basis der vorliegenden Daten und unter Einbezug anderer Quellen kann geschätzt werden, dass in Österreich, ohne Berücksichtigung von 3,5% pflegender Kinder und Jugendlicher, rund 801.000 Personen zu Hause und 146.000 im Bereich der stationären Langzeitpflege auf privater Basis auf irgendeine Art und Weise in die Pflege und Betreuung eines anderen Menschen involviert sind. Das sind zusammen 947.000 Personen.

Zum Thema pflegende Kinder und Jugendliche, die in den nun präsentierten Zahlen ausgeklammert sind, wurde bereits 2015 eine eigene Studie für Österreich veröffentlicht:

➔ Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (Hrsg.) (2015): Kinder und Jugendliche als pflegende
Angehörige. Einblick in die Situation Betroffener und Möglichkeiten der Unterstützung. Sozialpolitische Studienreihe Bd. 19, Wien, 2015

Auch über einige Schlussfolgerungen der Studienautoren mit Blick auf die pflegenden Angehörigen  wird berichtet (ausführlicher die Empfehlungen in der Studie auf den S. 240 ff.): »Die Empfehlungen der Studienautoren: Die Angehörigen sollten als zentrale Gruppe wahrgenommen, wertgeschätzt und gestärkt werden. Es brauche für sie flexibel, kurzfristig und stundenweise abrufbare Angebote sowie ausreichende Beratung. Die Demenz als zentrale Herausforderung müsse weiter im Blick behalten, die Situation pflegebedürftiger Kinder stärker berücksichtigt werden. Auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf müsse weiter gefördert werden. Verlangt wird zudem die Valorisierung des Pflegegelds in allen Pflegestufen sowie höhere Zuschüsse für vorhandene Dienste und Hilfsmittel.«

Aber es wird auch von ersten Reaktionen aus der Politik berichtet, die dem gleichen Worthülsen-Muster folgt, das wir auch aus Deutschland zur Genüge kennen: »Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) betonte in einer Aussendung, dass pflegenden Angehörigen Respekt, Anerkennung und Wertschätzung gebühre. „Zweifelsohne haben wir in Österreich ein sehr gutes System der Pflegevorsorge. Dennoch dürfen wir uns nicht darauf ausruhen und müssen dieses stetig weiterentwickeln“, verwies sie auf das türkis-blaue Regierungsprogramm. „Wir werden die Ergebnisse der Studie nun genau analysieren und prüfen bereits erste, kurzfristig umsetzbare Maßnahmen zur Beratung und Sensibilisierung“, so die Sozialministerin.«