Wenn man auf die Meldungen vom Arbeitsmarkt schaut, dann wird dem einen oder anderen nicht erst in diesen Tagen schwindelig. Da wird ein eklatanter Fachkräfte- und sogar Irgendwelche-Arbeitskräfte-Mangel beklagt, gleichzeitig stapeln sich die Berichte über eine ansteigende Arbeitslosigkeit auch unter Fachkräften und junge, formal hoch qualifizierte Möchtegern-Einsteiger bekommen reihenweise nur Absagen, wenn sie überhaupt eine Antwort bekommen auf ihre Bewerbungen.
Das passt doch nicht zusammen, werden viele denken.
Und der Grad der Verwirrung wird sicher nicht verringert, wenn auch aus der die Arbeitsmarktentwicklung beobachtenden Wissenschaft solche (scheinbar?) widersprüchlichen Botschaften gesendet werden: Fluktuation: Geringe Dynamik auf dem Arbeitsmarkt, so ist ein Beitrag im Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) überschrieben.1 Und zeitgleich wird aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, so etwas gemeldet: Überraschender Anstieg der beruflichen Mobilität. Auch hier besteht eine nachvollziehbare Spontanreaktion darin, die Frage in den Raum zu werfen: Was denn nun?
Schauen wir also einmal genauer hinter die Überschriften.
Es fluktuiert auf dem Arbeitsmarkt mal stärker und mal schwächer und derzeit lahmt die Fluktuation
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beschreibt so allgemein wie richtig: »Eine gewisse Fluktuation im Unternehmen ist nicht per se schlecht. Schließlich kann sie vieles bedeuten: dass Geringqualifizierte Einstiegsmöglichkeiten in neue Jobs finden, dass Beschäftigte neue Verdienst- und Karrierechancen in anderen Firmen suchen oder dass Auszubildende und neue Arbeitskräfte eingestellt werden. Solche Prozesse sind notwendig und Ausdruck eines funktionierenden Arbeitsmarktes.«
Und wie misst man diese Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt?
»Die Relation von neu begonnenen oder beendeten Arbeitsverhältnissen zum durchschnittlichen Beschäftigtenbestand beschreibt … die Fluktuationsrate. Sie ist umso höher, je mehr Arbeitsplatzwechsel es gibt.«
Und wenn man sich diese Fluktuationsrate für die vergangenen Jahre anschaut, dann lässt sich „ein klarer Trend“ erkennen:
»Seit 2022 sinkt die Fluktuationsrate kontinuierlich, im vergangenen Jahr lag sie lediglich noch bei 30,1 Prozent.«
Zur Illustration wird dann eine Abbildung verwendet, die den Verlauf der Fluktuationsrate in Deutschland von 2015 bis 2025 zeigt. Der angesprochene Trend von 2022 bis zum vergangenen Jahr wird hervorgehoben durch die Gestaltung der Abbildung dergestalt, dass die Y-Achse nicht bei Null beginnt, sondern auf das Spektrum von 28 bis 34 Prozent begrenzt wird. Dadurch erscheinen die Veränderungen zwischen den Jahren natürlich visuell deutlich stärker ausgeprägt, als wenn man die Y-Achse bei Null beginnen lässt, was die folgende Abbildung verdeutlichen kann:

Man kann wie in einer Fieberkurve das Auf und Ab bzw. die Stagnation der allgemeinen wirtschaftlichen Lage im Verlauf der Fluktuationsrate erkennen – von den stabilen Bewegungswerten in den Jahren vor der Corona-Pandemie sowie den nachvollziehbaren Einbruch im ersten Pandemiejahr und dann nach einer kurzen Wachstumsbewegung der deutschen Volkswirtschaft der angesprochene „Trend nach unten“ seit 2022, was sich durch die neuerlichen exogenen Schocks in Verbindung mit einer möglicherweise strukturellen Wachstumskrise in Deutschland erklären lässt.
So auch beim iwd bei der Erklärung des Abwärtstrends seit 2022: »Der Grund dafür: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, halten sich Arbeitgeber mit Neueinstellungen zurück. Arbeitnehmer sind in unsicheren Zeiten zudem meist weniger gewillt, den Job zu wechseln.«
Die zentrale und tatsächlich auch beunruhigende These:
»Weil Betriebe aufgrund der schwachen Konjunktur hierzulande weniger Stellen neu besetzen, kündigen weniger Beschäftigte ihre laufenden Verträge, um woanders einen Job anzutreten. Diese geringe Dynamik erschwert Arbeitslosen die Rückkehr in das Erwerbsleben und jungen Menschen den Einstieg in den Beruf.«
Nun wurde bislang ausschließlich die gesamtwirtschaftliche Fluktuationsrate, also die Bewegungen über alle Sektoren hinweg, betrachtet. In dem iwd-Beitrag wird differenzierend auf mögliche (und naheliegende) Unterschiede hingewiesen:
»Wie stark die Fluktuation schwankt, hängt allerdings auch von der Branche ab. So ist die Dynamik der Jobwechsel im Verarbeitenden Gewerbe zum Beispiel deutlich stärker an die Wirtschaftslage gekoppelt als in der öffentlichen Verwaltung, der Verteidigung oder den Sozialversicherungen.«
Außerdem lassen sich teilweise strukturelle Unterschiede in der Bevölkerung erkennen:
➞ Die Fluktuation fällt bei Männern im Durchschnitt höher aus als bei Frauen, was zusammenhängen könnte mit der überdurchschnittlich hohen Fluktuationsrate im Verarbeitenden Gewerbe (also der Industrie), wo der Männeranteil deutlich höher ist als in anderen Wirtschaftszweigen.
➞ Auffallend hoch ist die Fluktuationsrate bei jungen Arbeitnehmern. Aber auch das kann man rasch erklären:» Die unter 25-Jährigen steigen erst ins Berufsleben ein, in diesem Alter werden also viele Arbeitsverträge neu geschlossen.«
➞ Wer über 55 Jahre alt ist, wechselt den Job besonders selten.«
Und schlussendlich auch nicht überraschend:
➞ Beschäftigte ohne Berufsabschluss weisen eine deutlich höhere Fluktuationsrate auf als Personen, die über mindestens einen beruflichen Abschluss verfügen.2
Wir halten fest: Der Arbeitsmarkt wird bewegungsärmer und das ist tatsächlich ein Problem für bestimmte Personengruppen wie Berufseinsteiger oder auch länger arbeitslose Menschen, die unter anderen Bedingungen vielleicht noch einen neuen Job gefunden hätten, sich nun aber (erneut) hinten anstellen müssen.
Nun könnte man Trübsal blasen oder aber nach anderen Nachrichten suchen, die einen wieder hoffen lassen.
Wie wäre es mit dieser Botschaft: Überraschender Anstieg der beruflichen Mobilität
»Der Anteil der Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres ihren Beruf wechseln, hat zwischen 2013 und 2024 um 13 Prozentpunkte zugenommen. Bei den Männern ist dieser Anstieg mit 16 Prozent allerdings deutlich stärker als bei den Frauen mit 10 Prozent. Zugleich fällt die berufliche Mobilität in Berufen mit geringem und mittlerem Entgeltniveau deutlich höher aus als in den besser bezahlten Berufen«, so Mara Buhmann und Bernd Fitzenberger in ihrem am 27. Juli 2026 veröffentlichten Beitrag unter der bereits zitierten Überschrift: Überraschender Anstieg der beruflichen Mobilität.
Dass die berufliche Mobilität in Deutschland zwischen 2013 und 2024 deutlich gestiegen ist – das ist für den einen oder anderen ein überraschender Befund angesichts der häufig geäußerten Einschätzung, dass der deutsche Arbeitsmarkt zu wenig dynamisch sei.
Für die Vergangenheit können Studien zeigen, dass berufliche Mobilität in Deutschland zumindest im Durchschnitt mit Lohnzuwächsen verbunden war (und ist). Und dass die berufliche Mobilität von Frauen geringer als die von Männern ist.
Aber auch hier muss man wieder differenzieren:
➞ Bei einem Berufswechsel sind Lohnzuwächse umso höher oder Lohnverluste umso geringer, je ähnlicher der Zielberuf dem Ursprungsberuf ist. Denn Beschäftigte können dann umso mehr Kenntnisse aus ihrem Ursprungsberuf im Zielberuf nutzen. Daraus resultiert die hohe Bedeutung des Verdienstmotivs für berufliche Wechsel: Die meisten Beschäftigten wechseln vermutlich den Beruf, weil sie danach besser verdienen als vorher.
➞ Berufswechsel als Reaktion auf einen starken Beschäftigungsabbau im Ursprungsberuf dürften hingegen meist mit Lohnverlusten einhergehen. Hier dürfte also eher das Beschäftigungssicherungsmotiv für den Berufswechsel entscheidend sein. Zahlreiche Studien belegen, dass Entlassungen in der Regel mit längerfristigen Lohneinbußen verbunden sind.
Ob Berufswechsel mit Lohnzuwächsen oder Lohnverlusten verbunden sind – »(in) jedem Fall kann berufliche Mobilität maßgeblich zur Anpassung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt an ökonomische Transformationsprozesse beitragen.«
Zurück zu der den einen oder anderen überraschenden Botschaft aus dem IAB.
Betrachtet man nun die Entwicklung der Häufigkeit der Berufswechsel von Männern und Frauen gegenüber dem Startjahr 2013, dann zeigt sich ein anderer Trend – einer nach oben:

»Im Jahr 2013 wechselten 12 Prozent der Frauen und 13 Prozent der Männer ihren Beruf. Seither ist die Zahl der Berufswechsel für beide Geschlechter deutlich gestiegen, wobei der Anstieg für Männer etwas stärker ausfällt als für Frauen … Im Jahr 2024 war die berufliche Mobilität bei Männern um 16 Prozent und bei Frauen um 10 Prozent höher als 2013.«
Auch in dem Beitrag von Buhmann/Fitzenberger wird hervorgehoben:
»Generell steigt die berufliche Mobilität in konjunkturell guten Zeiten besonders stark und geht in konjunkturellen Schwächephasen eher zurück.«
Auch bei der vom IAB präsentierten Berechnung der beruflichen Mobilität – die etwas anderes misst als die Fluktuationsrate vom Anfang dieses Beitrags, nämlich die Veränderung der Anteile der Beschäftigten, die in einem anderen Beruf als im Vorjahr arbeiten, an allen Beschäftigten (in Prozent) – kann man Einbrüche erkennen wie im ersten Pandemiejahr 2020. Aber ein Unterschied zum Verlauf der Fluktuationsrate ab 2022 mit dem Trend nach unten ist der in den vergangenen Jahren hier erkennbare Trend nach oben: »Mittlerweile überschreitet der Anteil der Berufswechsel sogar das Niveau vor der Covid-19-Krise.«
»Insgesamt nahm die berufliche Mobilität in den vergangenen zehn Jahren sehr deutlich zu. Erwerbskarrieren sind also in der beruflichen Dimension dynamischer geworden.«
Jenseits solcher allgemeinen Bilanzierungen schauen auch Buhmann/Fitzenberger genauer hin und differenzieren:
»Die berufliche Mobilität ist nicht über alle Berufe hinweg gleich hoch: Gut bezahlte Berufe sind beispielsweise häufiger das Ziel von Berufswechseln. Umgekehrt neigen Beschäftigte aus schlechter bezahlten oder aufgrund der Arbeitsbedingungen unattraktiveren Berufen eher dazu, diese Berufe zu verlassen. Auch Berufe mit geringen qualifikatorischen Hürden sind überproportional häufig das Ziel von Berufswechseln, da der Wechsel in solche Berufe naturgemäß leichter fällt.«
Die beiden Wissenschaftler ziehen dann dieses Fazit:
»Angesichts der öffentlichen Diskussion um eine zu geringe Arbeitsmarktmobilität in Deutschland ist es überraschend, dass die berufliche Mobilität zwischen 2013 und 2024 um über 10 Prozent zugenommen hat. Die Zunahme fand über viele Berufe hinweg statt.«
Und wie auch bei den Ausführungen aus dem IW nicht überraschend:
»Besonders stark fiel die Zunahme in den Jahren aus, in denen die Arbeitskräftenachfrage konjunkturbedingt besonders stark anstieg. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten hingegen ging die berufliche Mobilität zurück.«
Nicht überraschend, weil eigentlich eine Binsenweisheit.
Und zum Abschluss: Eine „erwerbslebenslange Ehe“ mit nur einem Arbeitgeber über den Erwerbslebensverlauf ist selten
Wenn wir schon beim Thema Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt sind, lohnt die Weitung des Blicks von der nur Jahresbetrachtung hin zu einer Analyse der Mobilität über den Erwerbslebenslauf.
Damit hat sich diese neue Analyse aus dem IAB beschäftigt:
➔ Dana Müller und Philipp vom Berge (2026): Stabilität und Veränderungen in Erwerbsverläufen: Nur ein Arbeitgeber war schon immer die Ausnahme. IAB-Kurzbericht Nr. 14/2026, Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), August 2026
Der zentrale Befund:
Im Laufe ihres Erwerbslebens arbeiten die meisten Beschäftigten für mehrere Arbeitgeber oder: Ein Arbeitgeber von der Ausbildung bis zur Rente war schon immer eher die Ausnahme.
Etwas genauer zur Zahl der (bisherigen) Arbeitgeber:
➔ Weniger als 40 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben in der mittleren Erwerbsphase, also im Alter von 35 bis 49 Jahren, durchgängig nur einen Arbeitgeber. 23 Prozent sind in diesem Zeitraum bei zwei Arbeitgebern beschäftigt, weitere 29 Prozent bei drei bis fünf Arbeitgebern. Neun Prozent der Beschäftigten haben sechs oder mehr verschiedene Arbeitgeber und damit einen eher unsteten Erwerbsverlauf.
Mit Blick auf die gesamte Erwerbsbiografie interessant:
Die durchschnittliche Zahl an Arbeitgebern liegt relativ stabil bei knapp unter 3 (genauer: 2,67).
Und ergänzend – sowie sicher den einen oder anderen überraschend – sei hier hervorgehoben: »Der Vergleich der verschiedenen Kohorten zeigt: Auch für Personen des Geburtsjahrgangs 1957 (heute 69 Jahre alt und damit bereits in Rente) war der stabile, lebenslange Arbeitsplatz bereits alles andere als die Norm.« (Müller/vom Berge 2026: 4).
Mit anderen Worten: Die Analysen zeigen, dass ein umfassender Rückgang der Beschäftigungsstabilität über längere Erwerbsphasen nicht zu beobachten ist.
Hier zeigt sich der Vorteil von längeren Beobachtungsfenstern: Der Einfluss kurzfristiger Konjunkturschocks oder Arbeitsplatzverluste wird im Kontext der längeren Erwerbsbiografie gesehen (und relativiert). Die erstaunliche konstante Beschäftigungsstabilität verdeutlicht auch die folgende Abbildung zur Zahl der Arbeitgeber während der „mittleren Erwerbsphase“ über viele Geburtsjahrgänge hinweg:

- Hierbei handelt es sich um eine Zusammenfassung der Befunde aus dieser Veröffentlichung: Stefanie Seele und Henrik Engel (2026): Deutscher Arbeitsmarkt im Leerlauf. IW-Kurzbericht, Nr. 35/2026, Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Mai 2026. ↩︎
- Dies dürfte sich damit erklären lassen, dass Geringqualifizierte oft Helfertätigkeiten ausüben, die einfach zu erlernen sind, für die sich wegen der wenig berufsspezifischen Kenntnisse im Fall einer Kündigung aber auch schnell neues Personal finden lässt. ↩︎