Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass angesichts des demografischen Wandels eine Zuwanderung von Fachkräften für den deutschen Arbeitsmarkt unabdingbar sei. Das gilt nicht für alle Berufe bzw. Tätigkeitsfelder, aber in manchen Bereichen des Arbeitsmarktes würden heute schon ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland die Lichter ausgehen bzw. zumindest würde es ziemlich düster aussehen.
Das, was gemeinhin als demografischer Wandel bezeichnet wird, ist nun keineswegs regional, geschweige denn lokal gleich verteilt. So sind beispielsweise viele ländliche Regionen häufig von Abwanderung (gerade der Jüngeren) betroffen, während es durchaus Regionen gibt, die über einen Zuwachs an Bevölkerung berichten.
Und vergleichbar ungleichverteilt ist auch die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt nach Deutschland. Was auch nicht wirklich überraschen kann, denn natürlich gehen die Zuwanderer vor allem dahin, wo es Beschäftigungsmöglichkeiten für sie gibt.
Und nicht nur Jobs. Viele Zuwanderer suchen verständlicherweise auf die Nähe zu Menschen aus ihrem Land, sie tauchen ein (und manchmal ab) in den „ethnischen communities“, die in einzelnen Städten eine kritische Masse erreicht haben und die als Auffangbecken genutzt werden können in dem fremden Land.
Und natürlich spielt auch die vermeintliche bzw. tatsächliche Grundstimmung der Einheimischen in den Regionen gegenüber Zuwanderern eine gewichtige Rolle. Wer würde sich schon wohlfühlen, wenn man in eine Region oder eine Stadt kommt, in der man von der Mehrheit abgelehnt oder gar feindselig behandelt wird.
In diesem Kontext wird immer wieder – nicht nur, aber auch im Kontext des hohen Stimmenanteils für die AfD in ostdeutschen Bundesländern – darauf hingewiesen, dass es dort erhebliche Probleme gibt, ausländische Arbeitskräfte anzuziehen und für einen längeren Verbleib vor Ort gewinnen zu können. Gleichzeitig leiden aber viele Regionen in Ostdeutschland stärker unter den negativen Folgen der demografischen Entwicklung.
Ist das alles vielleicht aber auch nur reine Theorie? Oder gar ein gezieltes „Schlechtmachen“ des Ostens?
Vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wurde ein Kurzbericht veröffentlicht, in dem ein Blick auf die regionale Verteilung der zugewanderten Arbeitskräfte mit beruflichen oder hochschulischen Abschlüssen geworfen wird.
Hier die Originalquelle:
➔ Geis-Thöne, Wido (2026): Zugewanderte Fachkräfte leben oft in den Stadtstaaten und im Süden. IW-Kurzbericht, Nr. 30/2026, Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), April 2026
Die Kernaussage des Berichts steht gleich am Anfang des Textes:
»Während in den Stadtstaaten, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern zwischen 16 Prozent und 21 Prozent der Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 25- bis 64 Jahren Personen auf zugewanderten Personen mit beruflichen oder hochschulischen Abschlüssen entfällt, sind es in ostdeutschen Flächenländer nur zwischen 6 Prozent und 8 Prozent.«
Im Jahr 2024 lag der Anteil der nicht im Inland geborenen Personen an der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 64 Jahren bei 24,8 Prozent. Fast jeder Vierte im Kernerwerbsalter war also im Lauf seines Lebens aus dem Ausland zugezogen. Für Bremen ergibt sich sogar ein Zuwanderanteil von 37,3 Prozent und Berlin kommt mit 34,0 Prozent ebenfalls auf über ein Drittel. Hingegen sind es in Mecklenburg-Vorpommern mit 9,3 Prozent und in Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit jeweils 10,3 Prozent weniger als ein Neuntel.
Einen Ländervergleich liefert das IW in dieser Form gleich mit:
Nun wird auch von Geis-Thöne darauf hingewiesen, dass »sich die Integration von niedrigqualifizierten Zugewanderten in den deutschen Arbeitsmarkt teilweise etwas schwieriger gestaltet und bislang bestehen am Arbeitsmarkt (zumindest rechnerisch) auch nur bei den Fachkrafttätigkeiten, die einen beruflichen oder hochschulischen Abschluss voraussetzen, und nicht bei den an- und ungelernten Helfern Engpässe.«
Vor diesem Hintergrund wird dann die Betrachtung verengt auf zugewanderten Personen im Alter zwischen 25 und 64 Jahren, die über einen Ausbildungs- oder Studienabschluss verfügen. Wenn man das macht, dann kommt man für das Jahr 2024 auf eine Gesamtzahl von 6,25 Millionen Personen. Dies entspricht 17,6 Prozent aller Personen mit Ausbildungs- oder Studienabschluss und 14,0 Prozent der Gesamtbevölkerung in diesem Alter.
➔ Betrachtet man die Anteile der zugewanderten Personen mit beruflichen oder hochschulischen Abschlüssen an der Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 25 und 64 Jahren, dann kommen Berlin auf 20,7 Prozent, Hamburg auf 18,7 Prozent, Bremen und Hessen auf jeweils 17,2 Prozent, Baden-Württemberg auf 17,1 Prozent und Bayern auf 16,1 Prozent. Die Schlusslichter Mecklenburg-Vorpommern mit 6,3 Prozent und Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit jeweils 6,4 Prozent erreichen hier nur ein Drittel des Anteilswertes der Spitzengruppe.
Es verwundert angesichts der dargestellten Anteilswerte nicht, dass man am Ende des Kurzberichts die „Empfehlungen“ bekommt:
Gerade die »die ostdeutschen Flächenländer, wo bislang noch vergleichsweise wenige zugewanderte Personen leben, (müssen) vor dem Hintergrund ihrer ungünstigen demografischen Ausgangslage in den nächsten Jahren verstärkt darauf hinarbeiten, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Dazu benötigen sie einen guten institutionellen Rahmen, der eine zeitnahe Vergabe von Visa an qualifizierte Personen aus Drittstaaten ermöglicht. Hinzukommen muss eine gezielte werbende Ansprache der in Frage kommenden Fachkräfte, wie sie auf Bundesebene etwa durch das Portal „Make it in Germany“ erfolgt. Auch sollte darauf hingearbeitet werden, mehr junge Menschen aus dem Ausland bereits zur Ausbildung nach Deutschland zu holen.«
Nun könnte der eine oder andere anmerken: Fehlt da nicht noch was, auf der Ebene der Einstellungen, Verhaltensweise, Sichtweisen der einheimischen Bevölkerung?
Natürlich fehlt da was und der Autor deutet das auch an:
Am Ende seines Beitrags spricht er davon, dass man nicht nur ausländische Fachkräfte gewinnen, sondern diese auch halten muss. Und das sei (auch) abhängig von der Attraktivität des jeweiligen Arbeits- und Lebensumfeldes. Und hier kommt dann der Abschlusssatz:
Die Attraktivität als Arbeits- und Lebensumfeld sei »auch zu bedeutenden Teilen eine Frage der Willkommenskultur und Weltoffenheit der Bevölkerung. Diese ist gerade dort besonders wichtig, wo bisher noch wenige Fachkräfte aus dem Ausland leben.«