Trigger-Alarm: Diesseits und jenseits der „Lifestyle-Teilzeit“- Debatte. Und warum am Ende sogar mehr Teilzeitarbeit und nicht weniger davon sinnvoll sein kann

Am Ende des ersten Monats des Jahres 2026 bekommen wir zum einen frei Haus ein Lehrbuch-Beispiel geliefert für einen Begriff, der viele Menschen „triggert“:1 „Lifestyle-Teilzeit“. Allein diese Begrifflichkeit hat eine enorme Resonanzwelle ausgelöst und wird möglicherweise (in Kombination mit anderen Verunsicherungen bzw. Aufreger-Aussagen) seine Spuren hinterlassen bis hin zu den in diesem Jahr anstehenden Landtagswahlen.

Aber der Reihe nach.

Unter der etwas irreführenden Überschrift CDU-Wirtschaftsflügel will Rechtsanspruch auf Teilzeit abschaffen konnte man lesen: »So viele Menschen wie nie arbeiten in Teilzeit – immer mehr auch freiwillig. Das sei unsolidarisch, heißt es vom CDU-Wirtschaftsflügel. Dessen Chefin will neue Regeln.« Mit Chefin ist Gitta Connemann gemeint, sie arbeitet in Teilzeit als Vorsitzende des Wirtschaftsflügels der CDU, genauer gesagt: der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) – im Hauptamt ist sie Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung. 

Auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar 2026 soll ein Antrag der MIT mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ beschlossen werden. Dann wird etwas genauer ausgeführt, was die Union beschließen soll: „Der Rechtsanspruch auf Teilzeit soll zukünftig nur bei Vorliegen einer besonderen Begründung gelten.“ Besondere Gründe könnten etwa die Erziehung von Kindern, die Pflege Angehöriger oder Weiterbildungen sein. Die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann wird dann mit den Worten zitiert: „Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten. Ergänzende Sozialleistungen sind für echte Ausnahmesituationen gedacht – nicht als Normalfall.“ Teilzeit sei richtig und notwendig – für Familien, für Pflege, für Gesundheit. Aber es gebe auch einen dramatischen Fachkräftemangel. „Deshalb müssen wir klar unterscheiden: Freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung darf nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden“, sagte Connemann.

Und dann wird behauptet: So »wächst die Zahl derjenigen stark, die freiwillig in Teilzeit arbeiten. Stichwort: Work-Life-Balance. Mehr als jede fünfte weibliche Teilzeitkraft und jeder fünfte Mann wollen einfach nicht Vollzeit arbeiten.«

Und aus dem Antrag der MIT wird dann weiter zitiert: »Die Kombination von Teilzeit und Sozialleistungen wird nur bei Vorliegen besonderer Gründe möglich sein. Die Solidargemeinschaft darf nicht die Work-Life-Balance von Aufstockern finanzieren.« Hier wird also auf der Antragsebene ein grundsätzlicher Vollzeit-Vorbehalt gefordert beim Bezug ergänzender oder aufstockender Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag oder Wohngeld.

Da geht schon auf den ersten Blick einiges durcheinander, aber dem Artikel von Julius Betschka kann man weiteres Futter für eine sozialpolitische Debatte entnehmen:

»Hintergrund dafür ist auch die Kritik, dass Menschen, die freiwillig weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben, weniger in die Sozialsysteme einzahlen, aber die vollen Leistungen beziehen.«

Da wird offensichtlich viel Unterschiedliches in eine große Tonne gehauen und einmal umgerührt.

In der sich nun ausbreitenden medialen und politischen Diskussion wurde sofort der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ aus dem Titel des Antragsentwurf der MIT ins Zentrum gerückt – weil er aber so richtig „triggert“.

„Lifestyle-Teilzeit“ als toxischer Trigger 

Warum triggert der Begriff so stark? „Lifestyle“ klingt nach Bequemlichkeit, Konsum und Selbstverwirklichung auf Kosten anderer – wir haben also eine moralische Abwertung im Begriff selbst. In Kombination mit „Teilzeit“ entsteht unterschwellig die Botschaft, dass man nicht aus Notwendigkeit weniger arbeitet, sondern aus Luxus. Das wiederum triggert Menschen (und davon gibt es viele), die aufgrund von Kinderbetreuung, der Pflege von Angehörigen oder aus gesundheitlichen Gründen in Teilzeit arbeiten. Und strukturelle Faktoren, die dazu führen, dass Menschen in Teilzeit arbeiten müssen, werden ausgeblendet und Teilzeitarbeit letztendlich auf eine Art Charakterfrage reduziert. Viele kennen ähnliche Begriffe wie „Sozialschmarotzer“, „Hängematte“ oder „Frühverrentungsmentalität“ – und genau das triggert viele Menschen mit Blick auf die Arbeitszeit. Kurzum: Möglicherweise hat man nach einem Begriff gesucht, mit dem man in diesen Zeiten effektiv Aufmerksamkeit generieren wollte (das ist auch gelungen), aber ein genauer Blick auf die tatsächliche Rezeption zeigt wie unter einem Brennglas, dass so eine Wortwahl kommunikativ hochgradig toxisch wirken kann bzw. in diesem Fall auch wirkt.

Zurück zur Teilzeit, ihrer Komplexität und was wir (nicht) wissen

In dem Artikel, in dem über den Antrag des Wirtschaftsflügels der Union berichtet wurde, findet man auch diesen Passus: »Im vergangenen Jahr überschritt die Teilzeit-Quote erstmals die 40-Prozent-Marke. Zum Vergleich: Anfang der Neunziger Jahre hatten noch mehr als 80 Prozent der Deutschen Vollzeit gearbeitet.« Eine solche Formulierung legt eine bestimmte Interpretation bzw. Übersetzung nahe, die sicher bei vielen auch im Kopf so abläuft: Früher haben die meisten Vollzeit gearbeitet und nur 20 Prozent waren in Teilzeit. Und heute, wo 40 Prozent auf Teilzeit und nur noch 60 Prozent auf Vollzeit entfallen, haben die 20 Prozent, die früher Vollzeit gearbeitet haben, mittlerweile ihre Arbeitszeit reduziert und genießen die Vorteile teilzeitigen Arbeitens. Die Menschen arbeiten weniger, so lautet die bis hinauf zum Bundeskanzler vorgetragene Erzählung.

Aber so ist das eben nicht.

Zuerst ein Blick auf die Entwicklung der Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer nach Vollzeit und Teilzeit:

1991 gab es 28,8 Millionen Vollzeitbeschäftigte – und insbesondere aufgrund des Zusammenbruchs des Arbeitsmarktes in der ehemaligen DDR verbunden mit einer massiven Deindustrialisierung in Ostdeutschland erreichte diese Zahl ihren Tiefpunkt im Jahr 2006 mit 23,2 Millionen. In den Jahren danach gab es dann wieder einen Anstieg der Vollzeitbeschäftigten bis auf 25,63 Millionen in der Spitze im Jahresdurchschnitt 2023, seitdem ist ein leichtes Absinken der Vollzeitbeschäftigtenzahl zu verzeichnen (im 3. Quartal 2025 waren es immer noch 25,37 Millionen), vor allem bedingt durch den Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie, wo es einen hohen Vollzeitbeschäftigtenanteil gibt.

➔ Zur quantitativen Verdeutlichung der Jobverluste in der Industrie: Von September 2022 bis September 2025 sind insgesamt 252.000 sozialversicherungspflichtige Jobs in Deutschland im Verarbeitenden Gewerbe verloren gegangen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten (bis September 2025) waren es 164.000 Industriejobs, die weggefallen sind. Das sind jeden Monat fast 14.000 Arbeitsplätze.

Wenn man sich hingegen die Entwicklung der Teilzeitbeschäftigten anschaut, dann zeigt sich eine einzige Wachstumsstory.

Anfang der 1990er Jahre wurden 6,5 Millionen Teilzeitbeschäftigte in Deutschland gezählt. Seitdem gab es jedes Jahr ohne Unterbrechung2 einen Anstieg der Zahl der in Teilzeit beschäftigten Arbeitnehmer. Im Jahresdurchschnitt 2024 waren es dann 16,71 Millionen und im 3. Quartal 2025 wurden fast genau 17 Millionen gezählt.

Deutschland = Teilzeitland? Ja, aber …

Mittlerweile hat die Teilzeitquote aller Beschäftigten – die 1991 noch bei 18,5 Prozent gelegen hat – die 40-Prozent-Marke erreicht. Besonders stark ist der Anstieg der Teilzeitquoten – nicht überraschend – bei den Frauen. Aber auch immer mehr Männer erwerbsarbeiten in Teilzeit – der Anteil unter diesen ist von marginalen 4,5 Prozent Anfang der 1990er Jahre auf nunmehr über 21 Prozent angestiegen:

Gleichzeitig muss man aber zur Kenntnis nehmen, dass der erhebliche Anstieg des Teilzeitquoten keineswegs einhergeht mit einem sinkenden Arbeitsvolumen (gemessen an den geleisteten Arbeitsstunden). Im Jahr 2024 wurde der bisherige Rekordstand beim Arbeitsvolumen gemessen.

Man kann diesen Effekt relativ einfach erklären:

Die steigende Teilzeitarbeit ist nicht damit verbunden, dass Menschen, die bislang Vollzeitarbeit geleistet haben, ihre individuelle Arbeitszeit verkürzt haben (was sicher in dem einen oder anderen Fall passiert ist) – sondern viele Menschen, vor allem Frauen und darunter Mütter mit kleinen Kindern – die früher vollständig aus dem Erwerbsarbeitsleben ausgeschieden sind – arbeiten mittlerweile (zusätzlich) in Teilzeit und vergrößern damit das Arbeitsvolumen. Eine Zunahme der Teilzeitarbeit geht einher mit einer steigenden Erwerbsbeteiligung. 2025 lag die Erwerbsbeteiligungsquote der Frauen bei 74 Prozent – damit zählt sie zu den höchsten in der Europäischen Union.

Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass seit den 1990er Jahren das Qualifikationsniveau der Frauen deutlich angestiegen ist. Wenn also heutzutage mehr Frauen „nur“ statt „gar nicht“ teilzeitig erwerbsarbeiten, dann ist das ein wichtiger Beitrag zur Milderung des vielbeklagten Fachkräftemangels, vor allem wenn man bedenkt, dass für die meisten Menschen die angebliche Alternative, ihre Teilzeitarrangements einfach mal so aufzustocken, nicht realisierbar ist, da die Rahmenbedingungen, in denen sie sich bewegen müssen, dies schlitweg nicht hergeben.

Und auch der aktuell erneut beklagte angebliche Tatbestand, dass „die“ Menschen „zu wenig“ arbeiten und man doch eine Schippe drauflegen könne, verkennt die Tatsache, dass es seit den 1990er Jahren einen starken Anstieg der sogenannten „Mehrfachbeschäftigung“ gegeben hat. Oftmals haben einzelne Arbeitnehmer nicht nur einen Teilzeitjob, sondern zwei oder gar mehrere.

Vom Bundeskanzler und anderen Interessierten kommt immer wieder die Forderung, „die“ Menschen sollen ein paar Stunden in der Woche mehr arbeiten und dann bekommen wir wieder mehr Wirtschaftswachstum. Offensichtlich nimmt man hier – neben der Tatsache, dass man sich in der überholten Tonnenideologie zurückliegender Jahrzehnte einzementiert hat – nicht zur Kenntnis, dass die Frage, ob mehr Arbeit auch die Wirtschaft ankurbelt, mit Blick auf die fachliche Diskussion, wie Arbeitszeit und Leistung miteinander zusammenhängen, eben nicht so einfach und linear beantwortet werden kann (vgl. als ein Beispiel die kurze Darstellung bei Gekeler 2025).

➞ Hinsichtlich der Forschungsergebnisse zu der Frage des Zusammenhangs von Arbeitszeit und Produktivität bilanziert Gekeler (2025: 67) als Minimalkonsens: Mehr Arbeit bedeutet nicht unbedingt mehr Output. Häufig ist das Gegenteil der Fall. Eine pauschale Erhöhung der Arbeitszeit sei auf keinen Fall die Lösung – »vielmehr geht es darum, in jedem Berufsfeld und für jede Person den Sweet Spot für optimale Produktivität zu finden.«3 Auf der einen Seite wissen wir aus der Forschung, dass überlanges Arbeiten der Leistung und Gesundheit schadet. Auf der anderen Seite plädieren Arbeitsmarktforscher auch dafür, „dass an den richtigen Stellen mehr gearbeitet werden sollte – etwa bei Personen in Minijobs, die ihre Arbeitszeit ausweiten möchten, oder bei Frauen, deren berufliche Entwicklung häufig mit der Familienphase abknickt.«4

Sie steigt – die Arbeitszeit in der Teilzeitarbeit

Interessanterweise wird bei der aktuellen Diskussion kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen, dass sich neben der Tatsache, dass heutzutage deutlich mehr Menschen als früher (teilzeit)erwerbsarbeiten, noch etwas anderes deutlich verändert hat im Kernbereich „der“ Teilzeitarbeit. Es wird im Trend im länger gearbeitet in Teilzeitarbeit, anders formuliert: Ein großer Teil der Teilzeitbeschäftigung befindet sich auf einer Entwicklungsachse hin zu deutlich mehr Wochenarbeitsstunden im Gefüge der Teilzeitarbeit.

Hinzu kommt mit Blick auf die Ausgangsforderung, das Recht auf eine Verkürzung der Arbeitszeit in bestimmten Fällen abzuschaffen, der Tatbestand, dass es bereits heute in einem nicht geringen Umfang „unfreiwillige Teilzeit“ gibt, bei der die Betroffenen mehr arbeiten möchten, aber kein entsprechendes Angebot seitens der Arbeitgeber bekommen. Man denke hier auch an ganze Branchen, die bewusst nur Teilzeitbeschäftigung, teilweise sogar nur Minijobs anbieten und abrufen wollen. Nach rechnerischen Kalkulationen des IAB könnte man ein Potenzial von bis zu 1,4 Millionen Vollzeitstellen erschließen, wenn alle Teilzeitbeschäftigten ihre Wünsche mehr Arbeitsstunden betreffend auch realisieren könnten. Das muss natürlich als eine rechnerische Obergrenze gelesen werden, denn eine (Nicht-)Umsetzbarkeit einer Aufstockung der Arbeitszeit hängt von den unzähligen und differierenden Umständen der vielen Einzelfälle ab, aber es verdeutlicht das Ausmaß der anderen Seite der Teilzeitmedaille, die derzeit von einigen gleichsam als Luxusgut in das Rampenlicht geschoben wurde.

Und warum soll nun (noch) mehr Teilzeitarbeit sogar sinnvoll sein? 

Es ist mittlerweile als Allgemeinwissen zu unterstellen, dass wir uns derzeit und vor allem in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahre in einem äußerst herausforderungsvollen demografischen Übergang befinden. Denn jetzt stehen die geburtenstarken Baby Boomer-Jahrgänge, also die von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre geborenen Menschen, vor dem Übergang in die Rente oder vollziehen den Übertritt schon. Wir sprechen hier von Jahrgängen mit jeweils deutlich mehr als einer Million Geburten, von denen viele noch im Erwerbsleben stehen (und zu einem entsprechend hohen Durchschnittsalter vieler Belegschaften beitragen). Und denen man oft kenntnislos vorwirft, sie würden sich dann auch noch vor dem Erreichen der gerade schrittweise auf 67 Jahre angehobenen Altersgrenze vom Acker machen und vorzeitig in den Ruhestand gehen. Was bei einem Teil auch tatsächlich passiert (vor allem bei denjenigen, die es sich materiell leisten können, weil sie meistens unterschiedliche und ausreichend dimensionierte Alterseinkünfte haben) – aber entgegen der schrillen öffentlichen Debatte arbeiten immer mehr ältere Menschen und im Kollektiv steigt das tatsächliche Alter des Übergangs in den Rentenbezug deutlich an. Es gibt eben sehr viele Menschen (vor allem aus den unteren bis in die mittleren Einkommensgruppen), die angesichts der „Rentenreformen“ und der zu erwartenden Zahlungsflüsse aus der modifiziert beitragsäquivalent ausgestalteten Rentenversicherung schlichtweg so lange wie möglich durchhalten müssen, um eine Rentenleistung zu bekommen, mit der man über die Runden kommen kann.

Wenn man sich nun die Modellrechnungen bis 2035 anschaut und dort den Befund serviert bekommt, dass wir demografiebedingt eine Differenz von um die sieben Millionen Erwerbstätige haben werden, die weniger auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden und wenn man das Fehlen der Vielen wenn nicht voll, dann wenigstens teilweise kompensieren will, dann wird seit Jahren darauf hingewiesen, dass man mehrgleisig versuchen muss, wenigstens einen Teil der durch die Verrentung der Baby Boomer ausfallenden Arbeitskräfte zu ersetzen – eine Stellschraube allein wird dafür nicht ausreichend sein: 

Neben der vielbeschworenen Zuwanderung (es muss dann aber nicht irgendeine Zuwanderung sein, sondern eine gezielte in den Arbeitsmarkt und idealerweise mit den hier fehlenden oder wegbrechenden Qualifikationsprofilen sowie einer schnellen Integrierbarkeit in Deutschland) in einer Größenordnung von mehreren Hunderttausend Menschen pro Jahr (was so oder so erhebliche gesellschaftliche Spannungen auslösen bzw. verstärken wird, vor allem, wenn es Menschen mit ganz anderen ethnischen, kulturellen und/oder religiösen Hintergründen sind, die hierher kommen) wird immer wieder eine (weitere) Anhebung der Erwerbsbeteiligung der Frauen genannt, vor allem der Mütter mit Kindern. Nun haben schon gesehen, dass die bereits in den zurückliegenden Jahren erheblich angestiegen ist im Kollektiv und europäische Spitzenwerte erreicht hat. Die einzige nennenswerte Gruppe mit einer unterdurchschnittlichen Erwerbsbeteiligung sind Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und darunter vor allem Frauen mit einem Fluchthintergrund. Da könnten rechnerisch noch Potenziale gehoben werden. Bei den vielen Frauen, die bereits erwerbstätig sind (eben in der Regel in Teilzeit) bleibt als Ansatzpunkt die (ebenfalls wie gezeigt bereits stattfindende) Ausweitung des Arbeitsvolumens im Sinne von mehr Arbeitsstunden beispielsweise pro Woche oder Monat. Aber auch das stößt zum einen an strukturelle Barrieren (gemeint sind die vielfältigen Gründe wie Kinderbetreuung oder pflegebedürftige Angehörige oder der eigene Gesundheitszustand, was eine Expansion der Stunden in Erwerbsarbeit schwierig bis zumindest temporär unmöglich macht), zum anderen muss es auch eine entsprechende Nachfrage seitens der Arbeitgeber geben, was zumindest in nicht wenigen Branchen schlichtweg nicht der Fall ist.

Interessanterweise wird in den Kalkulationen, wie man den durch den Abgang der geburtenstarken Jahrgänge verursachten Verlust auf der Arbeitsangebotsseite zumindest teilweise kompensieren könnte, immer wieder darauf hingewiesen, dass der größte quantitative Effekt eine Verlängerung der Erwerbsarbeit bei den vielen Baby Boomern bringen würde – wenn es uns nur gelingen würde, den Übergang in die Rente der zumeist auch gut qualifizierten und mit viel Humankapital ausgestatteten älteren Jahrgänge um ein oder zwei Jahre nach hinten zu verschieben, dann könnten wir die tatsächlich arbeitsmarktlich sehr schwierigen Jahre, die nun vor uns liegen, „untertunneln“. 

Dafür aber wird man neben positiven monetären Anreizen, wie sie zwischenzeitlich mit der sogenannten „Aktivrente“, also einem Steuerfreibetrag für das abhängige Weiterarbeiten nach der Regelaltersgrenze auf den Weg gebracht wurde, vor allem eines brauchen: mehr Teilzeitarbeit, idealerweise in den seit langem geforderten individuellen Konstellationen. Denn sehr viele Baby Boomer sagen, dass sie sich schon ein längeres Arbeiten zumindest eine Zeit lang vorstellen können, aber angesichts der heutigen Bedingungen auf den meisten Arbeitsplätzen auf gar keinen Fall in Vollzeit. Bei einem Teil dieser Menschen könnte man durch das aktive Angebot von Teilzeitmodellen zum einen verhindern, dass sie – aus Kapitulationsgründen vor den heutigen Bedingungen bei vollzeitiger Arbeit – sogar vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze ausscheiden (und viele nehmen dafür, wenn sie es sich leisten können, selbst lebenslange hohe Abschläge bei ihrer Rente in Kauf) und andere wird man möglicherweise motivieren, noch eine Zeit ranzuhängen für die Erwerbsarbeit, aber eben in Teilzeit und im Sinne eines gleitenden Ausscheidens aus dem Erwerbsleben.

Wenn man solche Szenarien bedenkt, dann wird zusätzlich erkennbar, wie desaströs die von einigen Wirtschaftsfunktionären und Politikern angestoßene und vorangetriebene Debatte über irgendwelche Einschränkungen ist. Das ist völlig kontraproduktiv vor dem Hintergrund, dass wir mehr Teilzeitarbeit brauchen (werden) – nicht für alle und nicht als ein starres (industrielles) Arbeitszeitregime mit x Tagen zu y Stunden für alle, sondern hochgradig individualisiert und flexibilisiert für bestimmte Personengruppen. Und für die muss Teilzeitarbeit attraktiv gemacht und nicht schlecht geredet werden. Würde man diesen Weg konsequent weitergehen, dann würde sich alsbald zeigen, dass die Teilzeiter in ihren Stunden sehr produktiv sind – und teilweise produktiver als diejenigen, die auf dem Papier Vollzeit arbeiten.

Vor diesem Hintergrund kann man zu dem Vorstoß aus Teilen der CDU nur bilanzieren: Sie  haben ein grandioses Eigentor geschossen.

Literaturverzeichnis

Gekeler, Senta (2025: Kurbelt mehr Arbeit die Wirtschaft an?, in: Personal quarterly, Heft 3/2025, S. 66-67

Mau, Steffen et al. (2023): Triggerpunkte. Konflikt und Konsens in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp, 2023

Zollinger, Delia (2024): „Verkratert statt gespalten“– Von der Politisierung neuer Konfliktstrukturen in der Gegenwartsgesellschaft, in: Gesellschaft – Wirtschaft – Politik (GWP), Heft 1/2024, S. 106-110


Fußnoten

  1. Im ursprünglichen, psychologischen Sinn ist „triggern“ negativ besetzt. Ein Trigger löst etwas Belastendes aus (Stress, Angst, Flashbacks). Wenn man sagt, ein Begriff „triggert“, meint man, dass er bei jemandem sofort eine starke innere Reaktion auslöst – emotional (z.B. Ärger, Wut, Angst, Traurigkeit, Scham), körperlich oder gedanklich (z.B. belastende Erinnerungen oder Abwehr). Der Begriff kommt ursprünglich aus der Psychologie, vor allem aus dem Bereich Trauma/PTBS. Dort bezeichnet ein Trigger einen Reiz (Wort, Bild, Geruch, Situation), der unwillkürlich Erinnerungen an ein belastendes Erlebnis aktiviert – oft, ohne dass die betroffene Person das bewusst steuern kann. Während der Begriff im ursprünglichen Sinne durchgängig negativ besetzt ist (weil historisch mit Kontrollverlust und Überforderung verknüpft), wird er umgangssprachlich mittlerweile durchaus auch in einem positiven Verständnis verwendet (im Sinne von starker Resonanz, Aktivierung, emotionale – aber nicht belastende – Berührung). In der neueren soziologischen Diskussion haben die sogenannten „Triggerpunkte“ eine große Aufmerksamkeit erfahren – mit dem gleichnamigen Buch von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser (vgl. Mau et al. 2023). Dort versteht man unter einem Triggerpunkt einen sensiblen Auslösepunkt in sozialen, politischen oder kulturellen Prozessen, an dem eine relativ kleine Ursache eine überproportional große soziale Reaktion auslöst. Hier geht es nicht (mehr) um primär individuellen Gefühle, sondern um kollektive Dynamiken. Dadurch verschiebt sich der Charakter weg von den ausschließlich negativen in den eher wertneutralen Bereich. Zur Einordnung muss man wissen, dass sich die Arbeit von Mau et al. (2023) nur verstehen lässt vor dem Hintergrund der Konjunktur eines Polarisierungsdiskurses der letzten Jahre, in dem eine zunehmende Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft behauptet wird. Die Autoren unterscheiden vier Typen von Triggerpunkten: Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen (und bewegen sich damit eher im ursprünglichen Feld der negativen Konnotationen, die mit „triggern“ verbunden sind). Mau et al. versuchen eine Kartierung der deutschen Meinungslandschaft über vier Ungleichheitsarenen“ (Oben-Unten, Innen-Außen, Wir-Sie und Heute-Morgen). Vor dem Hintergrund der vorgängigen Polarisierungsdebatte (»Ist die deutsche Gesellschaft „gespalten“ in zwei Lager, die sich feindlich gegenüberstehen? Können wir von einem umfassenden „Kulturkampf“ sprechen, in dem zwei Großgruppen diametral entgegengesetzte Positionen zu Migrations-, Gleichstellungs-, oder Klimafragen beziehen?«, so die zusammenfassende Beschreibung bei Zollinger 2024) scheinen Mau et al. erst einmal Entwarnung zu geben: Sie beschreiben eine „zerklüftete, verkraterte Konfliktlandschaft“, die sich kaum mit einer einfachen Zwei-Lager-Logik beschreiben lasse. Allerdings handelt es sich nicht um ein „reines Entwarnungsbuch“, so Zollinger (2024: 107) in Besprechung von Mau et al. (2023).
      ↩︎
  2. Lediglich im ersten Pandemiejahr 2020 gab es 100.000 Teilzeitbeschäftigte weniger als 2019. Das war in der langen Zeitreihe bislang das einzige Jahr, wo es kein Wachstum der Zahl der Teilzeitbeschäftigten gegeben hat und erklärt sich aus der Sondersituation im Kontext der Covid-19-Pandemie mit ihren massiven negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt vor allem im ersten Jahr der weltweiten Pandemie.
    ↩︎
  3. Der „Sweet Spot“ (engl. für „süßer Punkt“) bezeichnet einen optimalen Bereich, eine ideale Einstellung oder einen perfekten Treffpunkt, an dem etwas die bestmögliche Wirkung, Leistung oder ein angenehmes Ergebnis erzielt, wie z. B. der ideale Treffpunkt auf einem Tennisschläger, die beste Klangposition beim Stereo-Hören oder eine optimale Einstellung beim Training. Er ist ein Begriff, der eine „Zone der optimalen Wirkung“ in verschiedenen Kontexten beschreibt.
    ↩︎
  4. Gekeler (2025: 67) zitiert hier Enzo Weber vom IAB, der für individuelle Lösungen plädiert: „Sinnvoll ist weder eine generelle Arbeitszeiterhöhung noch der Ersatz der starren Fünftagewoche durch eine starre Viertagewoche. Vielmehr geht es um eine X-Tage-Woche, also selbstbestimmte Wahlarbeitszeiten, die im Lebensverlauf angepasst werden können.“
    ↩︎