2016 war ein Jahr der Hoffnung. Also demografisch gesehen. »Deutschland weist im europäischen Vergleich seit langem besonders geringe Geburtenraten und einen hohen Altersdurchschnitt der Bevölkerung auf. Nun zeichnet sich aber eine Wende in der Geburtenentwicklung ab, die von den Großstädten ausgeht und sich von dort sukzessive ausbreitet.« So beginnt der Beitrag von Berg et al. (2016).
Heute spricht man in anderen Zusammenhängen von „Zeitenwende“, damals sprach man von einer „Geburtenwende“ – nach vielen Jahren ausschließlich schlechter Nachrichten aus den Untiefen der demografischen Entwicklung. Wenn man einen Blick wirft auf die lange Zeitreihe mit der Zahl der Geburten in Deutschland seit der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dann kann man erkennen, dass das Nachdenken über eine „Geburtenwende“ durchaus seine Berechtigung hatte:

In den Jahren von 2012 bis 2016 gab es mehr Geburten als im jeweiligen Vorjahr, nachdem vorher fast ausschließlich Rückgänge zu verzeichnen waren.
Und nicht nur in absoluten Zahlen konnte man einen Anstieg zur erfreuten Kenntnis nehmen, auch die – bzw. besser: eine der – Geburtenraten1 ging nach oben, wie man der folgenden Abbildung für den hier im Blickpunkt stehenden Zeitraum entnehmen kann:

Klein et al. (2016) haben das so ausgedrückt: »In vielen Regionen Deutschlands hat tatsächlich eine Trendwende bei den Geburtenziffern stattgefunden. Sie beginnt in den neuen Bundesländern, wo sie sich anfänglich als Korrektur des massiven Geburteneinbruchs nach der Wiedervereinigung darstellt. Ab 2000 befinden sich Metropolregionen in den alten Bundesländern (Hamburg, München) sowie Berlin im Geburtenaufschwung. Ab Mitte des Jahrzehnts greift die Trendwende auf zunehmend kleinere westdeutsche urbane Regionen über, später auch auf suburbane und ländliche Regionen.« Die Autoren diagnostizierten eine „Trendwende hin zu mehr Kindern, die sich vor unseren Augen in Deutschland ausbreitet.“2
Die Wende der „Geburtenwende“
Die Hoffnung auf eine länger anhaltende Geburtenwende im Sinne eines Anstiegs der Geburtenrate musst alsbald wieder begraben werden. Von 2021 bis 2024 ist die Zahl der Geburten in Deutschland um mehr als 80.000 Geburten zurückgegangen.
Auch die Geburtenrate gemessen an der „zusammengefassten Geburtenziffer“ ist (wieder) auf dem absteigenden Ast. In Westdeutschland ist sie von 2021 bis 2024 um 14 Prozent eingebrochen, in Ostdeutschland sogar um 17,8 Prozent. Dieser Einbruch wurde bereits 2024 diskutiert (vgl. z.B. Ragnitz 2024).3 In einem Beitrag mit einer Ursachensuche für das Absinken der Geburtenrate hat Neufing (2024) darauf hingewiesen: »Die Geburtenrate in Deutschland hat 2023 mit 1,35 Kindern pro Frau ein 15-Jahres-Tief erreicht. Dieser Rückgang steht in Zusammenhang mit der gestiegenen ökonomischen sowie politischen Unsicherheit, wie die Analyse anhand des Economic Policy Uncertainty Index (EPU) zeigt. Ein Anstieg der ökonomischen und politischen Unsicherheit in Deutschland führt mit einer Zeitverzögerung von ca. 14 Monaten zu einem signifikanten Rückgang der Geburten, ohne dass später ein Aufholeffekt sichtbar wird.« Wenn man sich anschaut, in welchem Multikrisengeflecht sich die meisten Menschen schon seit Jahren und auf absehbare Zeit bewegen müssen, dann wird es schwer sein zu behaupten, dass bald wieder alles in die alten Zeiten zurückkehren wird.4
Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Der Einbruch der Geburtenrate in Deutschland geht aber nicht einher mit einer korrespondierenden Abnahme der Kinderwünsche von Frauen und Männern im Alter von 18 bis 49 Jahren. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie von Friedrich/Bujard (2025), beide aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.
Die Befunde zeigen, dass der Kinderwunsch sowohl bei Frauen als auch bei Männern im genannten Zeitraum konstant geblieben ist. So liegt er bei Frauen und Männern im Durchschnitt zwischen 1,7 und 1,8 Kindern – trotz des parallelen Rückgangs der zusammengefassten Geburtenziffer zwischen 2021 und 2024. Die durchschnittlich gewünschte Kinderzahl liegt bei Frauen und Männern deutlich höher als die Geburtenrate von 2024. Die Intention der Befragten, in den nächsten drei Jahren ein Kind zu bekommen, zwischen 2021 und 2024 deutlich zurückgegangen. Dies verdeutlicht, dass eigene Kinder zu bekommen für die meisten jungen Menschen attraktiv bleibt, der Kinderwunsch jedoch vermutlich aufgeschoben wird. Allerdings kann ein wiederholtes Aufschieben im Lebenslauf dazu führen, dass Menschen ihre Kinderwünsche gar nicht umsetzen. Auch hier wird die Unsicherheitskomponente hervorgehoben.
Wir sind nicht allen – überall um uns herum geht es abwärts
Als das Statistische Bundesamt im Juli 2025 über die neuesten Daten zur (sinkenden) Geburtenrate veröffentlichte, da wurde mit dem Blick über den nationalen Tellerrand darauf hingewiesen, dass die Geburtenziffern in den meisten Staaten der Europäischen Union (EU) gesunken sind. »Dadurch ergibt sich 2023 für alle 27 EU-Staaten mit durchschnittlich 1,38 Kindern je Frau ein deutlich niedrigerer Wert als zehn Jahre zuvor mit 1,51 Kindern je Frau im Jahr 2013. Deutschland lag 2023 im Europäischen Durchschnitt.«
Interessant ist vor diesem Hintergrund der Blick in andere Länder, nehmen wir als Beispiel die Schweiz. Aus diesem Nachbarland wird berichtet: »Im Jahr 2022 fiel die Fertilitätsrate auf unter 1,4 – der niedrigste Wert seit 2001. Und das, obwohl zwei oder mehr Kinder für fast 90% der Menschen als ideal gelten.« Und das passt zur generellen Entwicklung, denn viele Länder weisen seit einigen Jahren einen Geburtenrückgang auf (vgl. dazu beispielsweise den Beitrag „Kinder? Irgendwann vielleicht. Oder auch nie“ von Nezik et al. 2025). Und mit Blick auf die in der familienpolitischen Diskussion immer wieder gerne als Vorbilder herausgestellten Länder muss berichtet werden: »Der Rückgang betrifft auch Irland und Frankreich, die bislang die beiden europäischen «Motoren der Geburtenrate» waren, aber auch die nordischen Länder, die als Familienparadiese gelten.« Das kann man dem Beitrag Die Geburtenrate in der Schweiz bricht ein – wie fast überall auf der Welt von Pauline Turuban entnehmen. Auch dort hat man sich auf die Suche nach den Ursachen begeben.
Das Gewicht der Elternschaft
»Der Rückgang der Geburten, hauptsächlich in den Industrieländern, ist auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen. Tomas Sobotka, stellvertretender Direktor des Instituts für Demografie in Wien und Leiter einer europäischen Forschungsgruppe zum Thema Fruchtbarkeit und Familie, verweist in erster Linie auf sozioökonomische Zwänge wie teure Wohnungen oder Betreuungsmöglichkeiten, unsichere Arbeitsverhältnisse oder stagnierende Einkommen. In der Schweiz beispielsweise, wo es schätzungsweise 500.000 Franken kostet, zwei Kinder bis zum Erwachsenenalter aufzuziehen, sei es die wirtschaftlich rationale Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, argumentieren manche. Die Liberalisierung der Arbeitswelt ging mit neuen Karriereambitionen einher, die sich nur schwer mit Kleinkindern vereinbaren lassen. Und auch der Stellenwert von Kindern in der Gesellschaft hat sich verändert, wie Philippe Wanner, Professor am Institut für Bevölkerungsstudien in Genf, feststellt: «Lange Zeit wurde das Kind als Wert angesehen, heute wird es eher als Belastung wahrgenommen.» Eltern zu werden sei ein weniger selbstverständlicher Lebensentwurf als früher … Und wenn sich Paare zu diesem Schritt entschliessen, dann oft erst Mitte oder Ende 30, was sie dem Fallbeil der biologischen Unfruchtbarkeit näherbringt.«
Schaut man sich die zahlreichen Quellen für eine gefühlte und/oder reale Verunsicherung an, denen wir ausgesetzt sind und von denen viele noch lange andauern werden, dann spricht erst einmal nicht viel für die Hoffnung, dass sich die Geburtenentwicklung spürbar nach oben bewegen könnte. Man darf auch die zahlreichen Folgewirkungen nicht vergessen, die sich aus der seit Jahrzehnten laufenden demografischen Entwicklung ergeben und die fortwirken werden, selbst wenn anders gerichtete Kräfte auf eine Schubumkehr hindeuten würden. Denn die vielen (potenziellen) Eltern, die nicht geboren wurden, fehlen natürlich heute und in Zukunft.
(Vorläufiges) Fazit: Von daher muss man damit rechnen, dass es tendenziell einen weiteren Geburtenrückgang geben – wobei das regional und selbst lokal gesehen keine gleich verteilte Entwicklung sein wird, sondern es gibt dabei eine hochgradige Streuung. Das wird sowohl kurzfristige Auswirkungen haben, die bereits heute in der Kindertageseinrichtungen und in den Grundschulen zu besichtigen sind in Form einer abnehmender Nachfrage, was die Zahl der Köpfe angeht. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach intensiverer (= entsprechend kostenträchtiger) Bildung und Betreuung für immer mehr (unter den insgesamt weniger werdenden) Kinder und Jugendliche, die bzw. deren Eltern aus ganz unterschiedlichen Gründen auf Hilfe angewiesen sind, beispielsweise wegen erheblicher Sprachprobleme oder auch kulturellen Konflikten, die auch im Institutionengefüge des Bildungssystems ihren Niederschlag finden und das dann auch noch sozialräumlich differenziert und zugleich vor Ort potenziert. Das ist nicht nur ein Umsetzungsproblem bei der Ausgestaltung der Systeme und der konkreten Infrastruktur, sondern auch für die sowieso schon nicht besonders entwickelte Sozialplanung eine erhebliche Herausforderung, die dann auch noch in kommunalen Settings erfolgen müsste, die unter massiven Druck schon bei der laufenden Aufgabenerledigung stehen.
Die großen Linien der demografischen Entwicklung fallen „unten“ wieder auf die Füße.
Literaturverzeichnis
Friedrich, Carmen und Bujard, Martin (2025): Stabile Kinderwünsche trotz Geburtenrückgang. Werden Geburten wegen der Krisen aufgeschoben? BiB.Aktuell, Nr. 6/2025, Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), S. 3-8
Klein, Martin et al. (2016): Geburtenwende in Deutschland – was ist dran und was sind die Ursachen?, in: Wirtschaftsdienst, Heft 9/2016, S. 682–689
Neufing, Matteo (2024): Der Einfluss von ökonomischer und politischer Unsicherheit auf Fertilität im Nachgang der Coronakrise, in: ifo Dresden berichtet, Heft 5/2024, S. 8-11
Nezik, Ann-Kathrin et al. (2025): Kinder? Irgendwann vielleicht. Oder auch nie, in: Süddeutsche Zeitung Online, 04.07.2025
Ragnitz, Joachim (2024): Zahl der Geburten in Deutschland nimmt drastisch ab, in: ifo Dresden berichtet, Heft 5/2024, S. 3-6
Turuban, Pauline (2025): Die Geburtenrate in der Schweiz bricht ein – wie fast überall auf der Welt
Fußnoten
- Die am häufigsten verwendete Kennzahl zur Charakterisierung des aktuellen Geburtenniveaus ist die „zusammengefasste Geburtenziffer“ (Total Fertility Rate – TFR): Dabei handelt es sich um eine hypothetische Kennzahl und sie gibt an, wie viele Kinder je Frau geboren würden, wenn für deren ganzes Leben die altersspezifischen Geburtenziffern des jeweils betrachteten Kalenderjahres gelten würden. Sie errechnet sich aus der Summe aller 30 beziehungsweise 35 altersspezifischen Geburtenziffern der Altersjahrgänge 15 bis 44 beziehungsweise 49 für ein Kalenderjahr. Die tatsächliche Geburtenrate je Frau kann erst festgestellt werden, wenn die Frauen das gesamte gebärfähige Alter durchlaufen haben. Das wird dann in der Kennzahl „endgültige Kinderzahl“, zum Ausdruck gebracht.
↩︎ - Klein et al. (2016) diskutieren auch mögliche Gründe für die Trendwende. sie weisen darauf hin, dass es zum einen Erklärungsmuster gibt, die den Wertewandel in den Vordergrund stellen: Neue Generationen, insbesondere die sogenannten Millennials, wenden sich in zunehmendem Maße traditionellen Werten zu: Gemeinschaft, Familie, Kinder. Die Krise des jahrzehntelang vorherrschenden neoliberalen Wertesystems ändert die Lebensplanung der Menschen. Das Ziel des Lebensglücks durch wirtschaftlichen Erfolg wird zweifelhaft, die Menschen orientieren sich an der Gemeinschaft und der Familie. Dazu gehören auch wieder Kinder. Neue Urbanität entwickelt sich zu einem ganzheitlichen Lebensmuster, in dem nicht nur das bessere Angebot von Kultur- und Bildungseinrichtungen in den Städten Gewicht hat, sondern auch die bessere Kombinierbarkeit von Beruf, Familie und Kindern. Das Angebot an entsprechender Infrastruktur sowie die Unterstützung durch eine zielgerecht ausgestaltete Sozial- und Familienpolitik spielen dabei eine wichtige Rolle. Aus ihrer primär ökonomischen Perspektive wollen Klein et al. zwar einen Wertewandel nicht in Abrede stellen, sie bevorzugen aber „klare und nach Möglichkeit auch quantifizierbare Fakten“. Dabei heben sie die „familienpolitische Wende“ in Deutschland hervor: »Nach langer Vorgeschichte wurde 2007 die Ersetzung des Erziehungsgeldes durch das Elterngeld beschlossen, gefolgt durch das Kinderförderungsgesetz 2008, mit dem Rechtsanspruch jedes Kindes auf Besuch einer Tageseinrichtung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Ein Investitionsprogramm zum Ausbau von Betreuungseinrichtungen trug dazu bei, dem Rechtsanspruch eine reale Grundlage zu geben. Diese Beschlüsse werden als wichtigste Neuorientierung der deutschen Familienpolitik seit Jahrzehnten anerkannt.«Die am häufigsten verwendete Kennzahl zur Charakterisierung des aktuellen Geburtenniveaus ist die „zusammengefasste Geburtenziffer“ (Total Fertility Rate – TFR): Dabei handelt es sich um eine hypothetische Kennzahl und sie gibt an, wie viele Kinder je Frau geboren würden, wenn für deren ganzes Leben die altersspezifischen Geburtenziffern des jeweils betrachteten Kalenderjahres gelten würden. Sie errechnet sich aus der Summe aller 30 beziehungsweise 35 altersspezifischen Geburtenziffern der Altersjahrgänge 15 bis 44 beziehungsweise 49 für ein Kalenderjahr. Die tatsächliche Geburtenrate je Frau kann erst festgestellt werden, wenn die Frauen das gesamte gebärfähige Alter durchlaufen haben. Das wird dann in der Kennzahl „endgültige Kinderzahl“, zum Ausdruck gebracht.
↩︎ - »Die Zahl der neugeborenen Kinder ist in Deutschland in den letzten beiden Jahren deutlich zurückgegangen, vor allem in Ostdeutschland. Zum Teil ist dies auf eine rückläufige Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter und auf ein Vorziehen von Geburten im Zuge der Corona-Pandemie zurückzuführen. Offenbar haben die globalen Krisen der letzten beiden Jahre aber auch viele junge Paare davon abgehalten, jetzt Kinder zu bekommen. Es ist bislang nicht absehbar, ob sich das Gebärverhalten mittelfristig wieder an bisherige Trendverläufe anpassen wird.«
↩︎ - »Es lässt sich ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen dem Economic Policy Uncertainty Index (EPU) und der Fertilitätsrate nachweisen, wobei für Deutschland der Effekt mit einer Verzögerung von ca. 14 Monaten eintritt.«
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