Soziale Selektivität der Hochschulen: Beim „Bildungstrichter“ kommen von denen, die oben reinkommen, unten teilweise nur ganz wenige raus. Und man muss sich hier unten als oben denken

Soziale Selektivität der Hochschulen: Beim „Bildungstrichter“ kommen von denen, die oben reinkommen, unten teilweise nur ganz wenige raus. Und man muss sich hier unten als oben denken

Der „Bildungstrichter“ wird seit vielen Jahren immer wieder gerne zur Illustration der Tatsache verwendet, dass der Zugang zu Bildungseinrichtungen, vor allem zu den Hochschulen und der dort stattfindenden akademischen Ausbildung, eben nicht gleichverteilt ist über die jungen Menschen. Vor allem ist der Zugang zu diesen Bildungseinrichtungen eben nicht unabhängig vom Elternhaus, aus dem sie kommen.


Eine der Kernaussagen, die man beispielsweise auf den Seiten des Deutschen Studentenwerks (DSW) finden kann, liest sich so:

»Deutschlands Hochschulsystem ist geprägt von starker sozialer Selektivität. Das zeigt der „Bildungstrichter“ aus der 20. Sozialerhebung: Von 100 Akademiker-Kindern studieren 77. Von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen hingegen nur 23 den Sprung an die Hochschule.«

Die Zahlen beziehen sich auf die erwähnte 20. Sozialerhebung des DSW, die im Sommersemester 2012 durchgeführt und deren Ergebnisse dann 2013 veröffentlicht wurden. Die Sozialerhebung wird seit über 60 Jahren im Abstand von drei Jahren durchgeführt und bildet die soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden in Deutschland als jeweilige Momentaufnahme ab. Es handelt sich um eine Stichprobenerhebung. So basieren die Ergebnisse aus dem Jahr 2012 auf mehr als 15.000 ausgewerteten Fragebögen, die deutsche Studierende und studierende Bildungsinländer/innen von 227 deutschen Hochschulen ausgefüllt haben. Nun könnte man – nicht ohne Grund – an der Tatsache herummäkeln, dass die wirtschaftliche und soziale Situation der Studierenden in Deutschland auf der Basis einer solchen Stichprobe ermittelt wird – mit all den bekannten Einschränkungen, die damit verbunden sind.

Nicht nur in diesem Zusammenhang ist es interessant, einen Blick zu werfen auf die Ergebnisse der letzten Sozialerhebung, die 2016 stattgefunden hat und die 2017 veröffentlicht wurde: die 21. Sozialerhebung. Denn dort finden wir im Hauptbericht diese Hinweise:

»Mit der 21. Sozialerhebung wurden zahlreiche Neuerungen umgesetzt … Bis zur 20. Auflage war die Sozialerhebung eine schriftliche Befragung, d. h. die Studierenden erhielten den Papierfragebogen per Post. Die Befragung im Rahmen der 21. Sozialerhebung erfolgte erstmals als Online-Survey, zu dem die Studierenden per E-Mail eingeladen wurden. Diesem radikalen Methodenwechsel waren drei Online-Testbefragungen im Rahmen der 18., 19. und 20. Sozialerhebungen vorangestellt. Ein Hauptergebnis dieser Tests bestand in der Gewissheit, dass die vergleichsweise komplexe und auf präzise Angaben angewiesene Untersuchungsreihe auch als Online-Befragung zu vergleichbaren und belastbaren Befunden führt.

Die Umstellung auf eine Online-Erhebung wurde genutzt, um die Stichprobe nennenswert zu vergrößern. Das hatte zum Ziel, auch kleinere Gruppen Studierender in für Analysen ausreichender Fallzahl einzubeziehen … Für die 21. Sozialerhebung wurde jeder sechste Studierende, d. h. 16,7 Prozent aller Studierenden der Grundgesamtheit, in die Stichprobe aufgenommen … Die ca. 400.000 Studierenden der Stichprobe erhielten von ihrer Hochschule eine E-Mail-Einladung mit einem individuellen, passwortgeschützten Hyperlink zum Online-Survey.«

Das Deutsche Studentenwerk berichtet über die neue Befragung und zur Teilnahme daran:

»Im Sommer 2016 wurden 400.000 Studierende von ihren Hochschulen zur Teilnehme an der erstmalig online durchgeführten Befragung aufgefordert, um die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland erfassen zu können. Das sind etwa 17% der zurzeit 2,8 Millionen Studierenden. Die Beteiligung war mit mehr als 60.000 zurückgesandten Umfragebögen so hoch wie noch nie – an der letzten Befragung 2012 nahmen rund 16.000 Studierende teil.«

Aber wieder zurück zu dem hier relevanten Thema „Bildungstrichter“. Denn wenn das Gewohnte fehlt, dann fällt das bekanntlich besonders auf. So hat Jan-Martin Wiarda am 3. Juli 2017 angesichts der Veröffentlichung der neuen Sozialerhebung unter der Überschrift Soziale Gerechtigkeit: Blamiert auch ohne Bildungstrichter ausgeführt:

»Kai Gehring vermutete Vertuschung. „BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung“, twitterte der grüne Hochschulexperte. „Angst vor bad news?“ Der „Beleg“, den Gehring in der vergangene Woche erschienen Sozialerhebung vermisste, war der so genannte Bildungstrichter. Was er zeigt: Wie groß die Chance von Grundschulkindern ist, den Weg an die Hochschule zu schaffen. In der 20. Sozialerhebung von 2012 fiel er so aus: Haben die eigenen Eltern studiert, steigen die Aussichten auf ein Studium auf das Dreieinhalbfache.

Wie stark die Schieflage in der 21. Sozialerhebung ausgefallen wäre? Man kann es sich aus den vom Deutschen Studentenwerk veröffentlichten Daten zusammenreimen, doch die plakative Grafik fehlte. Methodische Gründe führt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das die Studie durchgeführt hat, an und verspricht das Comeback des Trichters zu gegebener Zeit. Und Johanna Wanka (CDU), deren Ressort die Sozialerhebung finanziert? Beteuert, es habe keinen politischen Einfluss gegeben.«

Dennoch könne man, so Wiarda im vergangenen Jahr, einen bedenklichen Befund aus den Zahlen zusammensuchen: »52 Prozent der Studierenden stammten 2016 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012. Immerhin!, könnte man jetzt sagen, bleibt doch fast die Hälfte Nicht-Akademikerkinder. Und man könnte hinzufügen: Ist ja auch logisch. Je mehr Leute studieren, desto mehr Akademikerkinder gibt es. Doch wer so denkt, hat es nicht kapiert. Laut einer anderen Studie, dem Bildungsbericht, haben nur 28 Prozent der Menschen zwischen 40 und 59, also die Elterngeneration von Erstsemestern, einen Studienabschluss. Es sind diese 28 Prozent, deren Kinder mehr als die Hälfte der Studienplätze besetzen.«

Aber alles ist eine Frage der Zeit: Fast ein Jahr später, am 9. Mai 2018, veröffentlichte das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) diese Pressemitteilung mit der nicht wirklich überraschenden Botschaft: Bildungstrichter: Die Aufnahme eines Hochschulstudiums hängt stark von der Bildung der Eltern ab. Dort müssen wir diese höchst problematischen Ungleichheitsrelationen zur Kenntnis nehmen: »Die Bildungschancen sind in Deutschland nach wie vor sehr ungleich verteilt und hängen immer noch stark vom Bildungshintergrund des jeweiligen Elternhauses ab. Nur 12 Prozent der Kinder, deren Eltern über keinen beruflichen Abschluss verfügen, gehen nach dem Schulabschluss an eine Hochschule. Sobald allerdings mindestens ein Elternteil über einen Berufsabschluss verfügt, steigt der Anteil der Kinder, die studieren gehen, bereits auf 24 Prozent. Hat mindestens ein Elternteil zusätzlich das Abitur als höchsten Schulabschluss erworben, beträgt die Hochschulbeteiligung schon 48 Prozent eines Jahrgangs.«

Gleich am Anfang der Pressemitteilung und anschlussfähig an die Kernaussage der vorletzten Sozialerhebung (vgl. dazu das Zitat am Anfang dieses Beitrags) findet man diese Relationen:

»Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen statistisch gesehen 79 ein Hochschulstudium. Bei Nicht-Akademiker Familien schaffen gerade einmal 27 von 100 Kindern den Sprung an eine Hochschule.«

Natürlich fragt man sich, was diese konstant ausgeprägte Spaltung erklären kann. Dazu werden die Wissenschaftler, die den Bericht erstellt haben, so zitiert:

»Die Ursachen für diese Chancenungleichheit sind vielfältig. Beim Durchlaufen des deutschen Bildungssystems müssen an mehreren Stellen Entscheidungen zum weiteren Bildungsverlauf eines Kindes getroffen werden, so zum Beispiel beim Übergang von der Grundschule zur Realschule oder dem Gymnasium. „Familien mit geringerem Bildungshintergrund tendieren häufig dazu, die Kosten für höhere Bildung zu überschätzen und Bildungserträge zu unterschätzen, ungeachtet des vielleicht hohen Bildungspotentials ihres Kindes“, erläutert Nancy Kracke, eine Autorin der Untersuchung, eine Ursache für die Chancenungleichheit. Anders verhält es sich bei bildungsnäheren Elternhäusern, die mehr Ressourcen zur gezielten Förderung ihrer Kinder einsetzen können und bei denen ein höherer Bildungsabschluss als Teil der Sicherung des eigenen sozialen Status der Familie angesehen wird. So findet beim Durchlaufen des Bildungssystems bei jeder Entscheidung eine erneute Selektion statt, die von der Bildungsnähe des Elternhauses beeinflusst wird.«

Im Detail kann man die Ergebnisse in dieser Veröffentlichung nachlesen:

Nancy Kracke, Daniel Buck und Elke Middendorff (2018): Beteiligung an Hochschulbildung. Chancen(un)gleichheit in Deutschland. DZHW-Brief 03./2018, Hannover Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Mai 2018

Ein wichtiger vergleichender Befund: Seit 2005 hat sich der Anteil von Studierenden, deren Eltern nicht schon an der Hochschule waren, damit kaum verändert – auch wenn die Gesamtzahl der Studierenden im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen ist.

Die Ergebnisse »sind dramatisch – aber das waren sie auch schon 2012. Warum also wurde die Veröffentlichung des Bildungstrichters verschoben? Das DZWH führte vergangenes Jahr „methodische Gründe“ an, doch zeigt sich der Bildungstrichter nun im Großen und Ganzen methodisch unverändert. Schon im Juni hatten die Forscher denn auch das Comeback des Trichters zu gegebener Zeit versprochen. Und das Ressort der damaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hatte seinerseits beteuert, es habe keinerlei politischen Einfluss genommen. Nun ist seit gut zwei Monaten allerdings eine neue Ministerin, Anja Karliczek, im Amt. Gibt es da wirklich keinen Zusammenhang?« So  Jan-Martin Wiarda in seinem Blog-Beitrag Exklusive Veranstaltung vom 9. Mai 2018. Seine Bewertung: »So oder so sind die neuen Ergebnisse besonders peinlich angesichts des extremen Anstiegs der Studentenzahlen in den vergangenen 15 Jahren. 2005 studierten 1,96 Millionen Menschen in Deutschland, 2016 waren es 2,80 Millionen – ein Zuwachs von über 40 Prozent. Doch von dem profitierte offenbar vor allem eine Gruppe: die Kinder der Bildungsbürger.«

Und bislang bewegen wir uns nur auf der ganz großen Ebene mit dem Blick auf die ganz großen Zahlen. Die Befunde würden hinsichtlich der sozialen Selektivität noch weitaus erschreckender daherkommen, wenn man einzelne Studiengänge betrachten würde. So beispielsweise die Zusammensetzung der Studierenden in der Medizin, wo man immer stärker eine Art „Vererbung“ des Berufes beobachten kann.