Der Topos der Resilienz hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine erstaunliche Karriere hingelegt. Obgleich der Begriff der Resilienz in der Psychologie schon seit Mitte der 1950er Jahre genutzt wird, gewann dieser Begriff erst ab den 1990er Jahren auch eine exponierte Bedeutung in Öffentlichkeit und Politik, die als eine geradezu erstaunliche Karriere gewertet werden kann.1
Verlässt man das theoretische Gelände, dann kann man in der Praxis sehr schnell darauf gestoßen werden, was es bedeutet, wenn diese „Widerstandsfähigkeit“2 teilweise oder vollständig nicht vorhanden ist. Zugleich zeigt sich in der wirklichen Wirklichkeit dann auch, dass es bei Resilienz um ein hochkomplexes Zusammenspiel von individuellen, institutionellen und kollektiven Faktoren geht, die idealerweise wie Zahnräder ineinandergreifen (müssen bzw. sollten).
Der Januar-Blackout in der Hauptstadt
Am Samstag, dem 3. Januar 2026, begann im Südwesten Berlins (Bezirk Steglitz-Zehlendorf) nach einem Brandanschlag auf ein Hochspannungskabel über dem Teltowkanal ein großflächiger Stromausfall. Die Stromversorgung war für viele Betroffene mehrere Tage unterbrochen – teilweise bis zum Donnerstag, dem 8. Januar 2026. Ungefähr 45.000 Haushalte waren von dem Stromausfall betroffen – und blieben tagelang ohne Strom und Heizung. Außerdem waren etwa 2.200 Unternehmen eingeschränkt oder vollständig lahmgelegt. Man kann von insgesamt rund 100.000 Menschen ausgehen, die direkt unter dem mehrtägigen Ausfall gelitten haben. Und das bei eisigen Temperaturen in der Zeit. Erst am 6. Januar war die Stromversorgung durch Notleitungen teilweise wiederhergestellt und schließlich am 9. Januar wieder stabil in Betrieb.
Das war der längste Stromausfall in der Hauptstadt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Zur Erinnerung: Der bisherige Rekord ist noch gar nicht so lange her. Der Blackout vom September 2025 im Berliner Südosten hatte rund 60 Stunden gedauert – auch hier war die Ursache ein Anschlag auf die Strominfrastruktur gewesen. Damals waren rund 50.000 Stromkunden betroffen. Und davor gab es 2019 den ersten Rekord-Stromausfall nach dem Zweiten Weltkrieg mit 30 Stunden in Berlin-Köpenick. Man achte auf die Häufungen der neuen Rekordausfälle am aktuellen Rand sowie die zeitliche Dauer der Ausfälle.
Die tagesaktuelle Berichterstattung während des Stromausfalls im Januar 2026 fokussierte schnell auf die angeblichen bzw. tatsächlichen Verzögerungen der Hilfeleistungen seitens der Stadt – und dann ging es um den Regierenden Bürgermeister, der in der Notsituation meinte, Tennis spielen gehen zu müssen, „um mal den Kopf frei zu kriegen“.
Tatsächlich aber wurden wir Zeugen eines zumindest teilweisen Komplettausfalls der staatlichen Krisenbewältigung, die (wieder einmal) aufgefangen werden musste von Leuten vor Ort (und von Hilfseinrichtungen, die sich selbstständig an die Arbeit gemacht haben – so hat das Technische Hilfswerk THW vielerorts mit mobilen Aggregaten eine Notstromversorgung sichergestellt).
So konnte man am 6. Januar in der Tagesezeitung „taz“ unter der Überschrift Engagement, das Leben rettet lesen: Während der Blackout im Berliner Südwesten für viele Menschen sicher ein Ärgernis war, diese sich aber selbst helfen konnten, hat es vulnerable Gruppen ganz besonders getroffen: bettlägerige Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, Patienten in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, aber auch Personen, die sich aufgrund psychischer Erkrankungen schwerer in der Ausnahmesituation zurechtfinden, um nur einige Beispiele zu nennen.
»Dass der andauernde Stromausfall bei eisigen Temperaturen bislang so glimpflich verläuft, liegt vor allem daran, dass betroffene Einrichtungen und Organisationen gut auf den Ernstfall vorbereitet waren. So versorgt das Technische Hilfswerk (THW) Einrichtungen mit Notstromaggregaten. „Seit Samstag sind täglich Elektrikfachberater mit der Feuerwehr unterwegs, um die Sachlage zu bewerten und mögliche Unterstützungsmaßnahmen zu prüfen“, erklärt THW-Sprecherin Barbara Schwarzwälder.
Darunter waren auch die vier betroffenen Krankenhäuser in dem Gebiet. Doch die hatten bereits am Samstagabend wieder Strom. Die dort eingesetzten Notstromersatzanlagen habe das THW anschließend abgebaut und zu Pflegeheimen, Notunterkünften sowie eine Tierklinik verlegt, erklärt Schwarzwälder. Mittlerweile sind alle 74 Senioren- und Pflegeeinrichtungen wieder am Netz.«
Trotzdem mussten in den ersten Tagen des Blackouts auch Patienten evakuiert werden.
Hier eine der Schilderungen, mit welchen praktischen Problemen man in so einer Ausnahmesituation konfrontiert wird – am Beispiel der ambulanten Pflegedienste, die Menschen in ihren eigenen Wohnungen versorgen müssen und die im wahrsten Sinne des Wortes abgeschnitten waren:
Die größte Herausforderung sei gewesen, die Patienten zu erreichen, berichtet eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes in Zehlendorf. „Das Telefon funktionierte nicht, die Türklingel funktionierte nicht und einen Schlüssel zur Wohnung haben wir nicht. Daher mussten wir teilweise versuchen, über Nachbarn und Angehörige mit den Patienten in Kontakt zu treten.“ Das größte Risiko zu dieser Zeit sei jedoch gewesen, dass sich die Patienten nicht selbst bemerkbar machen konnten. Wenn sie beispielsweise gestürzt waren, funktionierte auch das Hausnotsystem nicht.
Viele seien von der Diakonie und von der Feuerwehr aus ihrem Zuhause evakuiert worden.
Die Diakonie-Sprecherin Jenny Pieper-Kempf wird mit den Worten zitiert, dass es für die Mitarbeiter während dieser Tage viel organisatorischen Extraaufwand gab. „Wir mussten Generatoren besorgen und Lampen auftreiben.“ Außerdem hätten sich auch die vom Stromausfall betroffenen Mitarbeiter irgendwo duschen und aufwärmen müssen.
»Von Unterstützung durch den Berliner Senat wisse sie nichts.«
Und den Blick schon in die Zukunft gerichtet:
»Die Diakonie stellt sich darauf ein, dass es solche Situationen in Zukunft häufiger geben wird. Dafür fordert Pieper-Kempf von den Behörden Krisenkonzepte. „Dieses Mal hat es ein weniger dicht besiedeltes, wohlhabendes Viertel getroffen. Das könnte nächstes Mal anders sein.“ Dann wären auch mehr Menschenleben direkt gefährdet.«
Interessant ist das folgende Beispiel aus dem sozialen Bereich – das zugleich verdeutlicht, dass vor Ort und unten schon in der Vergangenheit von einigen Trägern in Vorwegnahme möglicher Krisen entsprechende Konzepte erarbeitet wurden:
»Die „Perspektive Zehlendorf“ traf der Stromausfall nicht unvorbereitet. Der gemeindepsychiatrische Träger bietet seit über 50 Jahren ambulante Betreuung für psychisch erkrankte Menschen an. Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stellte man sich auf einen flächendeckenden Stromausfall ein. „Deshalb haben wir einen Blackout-Plan für unsere Einrichtungen erstellt“, erzählt Vereinsvorstand Ulrich Seeger. Dazu gehören Tagesstätten sowie Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten, wie eine Kantine.
Nachdem am Samstagabend alle Einrichtungen vom Stromausfall betroffen waren, habe der Verein den Krisenmodus aktiviert. MitarbeiterInnen besuchten die Einrichtungen, um sie mit Taschenlampen, Decken und Mahlzeiten zu versorgen, die man nicht erwärmen muss.«
Immer wieder durchzieht die Berichterstattung Kritik an den Ausfällen auf Seiten des Berliner Senats und der dem nur langsamen Anlaufen staatlicher Hilfe. Leider ist das nicht verwunderlich.
Ein Versagen mit Ansage: Der kafkaeske Berliner Katastrophenschutz
Warum überrascht das (erneute) Versagen bzw. die Verzögerung der staatlichen Hilfe in Berlin nicht? Dass das zwangsläufig so sein muss, hatte der Berliner Senat erst kurz vor dem neuesten Rekord-Blackout ins Stammbuch geschrieben bekommen. Vom Berliner Rechnungshof.
Der hatte erst Ende November 2025 seinen Jahresbericht 2025 vorgelegt. Dort findet man auf der S. 108 im Kapitel „Organisation der Katastrophenvorsorge in Berlin – ein Krisenfall?!“ diese Ausführungen – in denen explizit auch auf den (vorherigen) Stromausfall Bezug genommen wird:
»Im Jahr 2021 ist das Katastrophenschutzgesetz vor dem Hintergrund verschiedener Ereignisse wie dem Anschlag vom Breitscheidplatz, dem Stromausfall im Bezirk Treptow-Köpenick und der COVID-19-Pandemie neu gefasst worden. Drei Jahre danach hat der Rechnungshof geprüft, wie es um die Organisation des landesweiten Katastrophenschutzes bestellt ist. Heraus kam ein ernüchterndes Bild: Die Berliner Katastrophenschutzbehörden sind organisatorisch und personell nicht ausreichend auf Katastrophen und Großschadensereignisse vorbereitet, zentrale Vorgaben des Gesetzes werden nicht erfüllt. Der für Inneres zuständigen Senatsverwaltung ist es im Rahmen der ihr obliegenden übergreifenden Koordinierung der Maßnahmen der Katastrophenvorsorge nicht gelungen, erforderliche Strukturen und Abläufe sicherzustellen. Statt gemeinschaftlicher Anstrengungen, Berlin gegenüber den Auswirkungen von Katastrophen widerstandsfähiger zu machen, streiten die Katastrophenschutzbehörden vielfach um Verantwortlichkeiten und Ressourcen.«
Und für diejenigen, die der Auffassung sind, dass die Nicht-mehr-Leistungsfähigkeit von „ausdifferenzierten Verwaltungsstrukturen“ in unserem Land mittlerweile ein Ausmaß erreicht hat, das Staatsversagen indiziert, sei hier diese Beschreibung aus der Pressemitteilung des Berliner Rechnungshofs zum Jahresbericht 2025 zitiert:
Im Ernstfall Chaos?! – Der Katastrophenschutz in Berlin
Berlin ist organisatorisch und personell nicht gut auf den Krisenfall vorbereitet. Die Zuständigkeiten und Ressourcen sind weitgehend ungeklärt. So ist Berlin im Ernstfall nicht handlungsfähig.
Viele der 37 Katastrophenschutzbehörden haben auch drei Jahre nach der Reform des Katastrophenschutzgesetzes weder Gefährdungsanalysen noch Krisenstäbe oder funktionierende Katastrophenschutzpläne vorzuweisen. Einigen Behörden war nicht einmal bekannt, dass sie Katastrophenschutzbehörden sind, andere hielten sich für nicht zuständig. Von dem geplanten flächendeckenden Netz an Krisen-Anlaufstellen ist Berlin weit entfernt. Nur ca. 25 % der geplanten Stützpunkte dieses “Leuchtturm-Systems” sind einsatzbereit. Ursprünglich war auch ein neues Landesamt für Katastrophenschutz vorgesehen. Das Vorhaben scheiterte jedoch an ständig wechselnden Vorgaben und verschlang dennoch geschätzte 1,4 Mio. €.
Die Innenverwaltung muss Ihre Steuerungsverantwortung deutlich besser wahrnehmen. Sie muss für die Umsetzung des Gesetzes sorgen. Es braucht klare Zuständigkeiten, einheitliche Strukturen und mehr Ressourcen – bevor der Ernstfall eintritt.
(Quelle: Rechnungshof von Berlin, Pressemitteilung zum Jahresbericht 2025, 27.11.2025)
Es gibt da erhellende Schlüsselsätze wie „Einigen Behörden war nicht einmal bekannt, dass sie Katastrophenschutzbehörden sind, andere hielten sich für nicht zuständig.“ Aber wenn man bedenkt, um was es hier geht, bleibt einem das Lachen im Hals stecken.
Mit Blick auf die unbedingt erforderliche resiliente Ausgestaltung der Daseinsvorsorge ist es von enormer Bedeutung, dass die staatlichen Ebenen Sorge tragen, dass mit klaren Zuständigkeiten die notwendigen Vorbereitungen plant und die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine Bewältigung von Krisen- und Katastrophenlagen schafft oder zumindest ohne Zeitverzögerung verbindlich auf den Weg bringt.
Wie wichtig schnelle, koordinierte und geplante Hilfestellung sowie idealerweise eine vorhandene Notinfrastruktur ist, kann man den Erfahrungen in Berlin entnehmen. Beispiel: Während Krankenhäuser auf ihre Notstromversorgung zugreifen mussten, konnte diese in Pflegeeinrichtungen erst mit einiger Verzögerung durch mobile Notstromaggregate sichergestellt werden. Teilweise musste die zur Unterstützung gerufene Bundeswehr die Aggregate mittels Tankwagen mit Treibstoff versorgen.
Aber nicht nur den Berliner Erfahrungen: Die Ereignisse in der Hauptstadt, aber auch andere Krisen wie die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021, zeigen: Bei der Krisenwarnung und den Reaktionskapazitäten, nicht nur denen des Katastrophenschutzes, in Deutschland besteht dringender Handlungsbedarf.
Die Bedeutung des Berliner Blackouts für die Krisenvorsorge – unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Infrastruktur
Die gerade unmittelbar hinter uns liegenden Erfahrungen mit der mehrtägigen Großschadenslage in Berlin sind auf der Fachebene aufgegriffen und mit Handlungsempfehlungen versehen worden. Hierzu sei beispielsweise auf dieses neue Arbeitspapier aus der Bundesakademie für Sicherheitspolitik hingewiesen:
➔ Wolfgang Rudischhauser et al. (2026): Bedingt resilient: Was der Berliner Blackout Anfang 2026 für die deutsche Krisenvorsorge bedeutet. Arbeitspapier Sicherheitspolitik, Nr. 1/2026, Berlin: Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), Januar 2026
Dort wird gleich am Anfang mit Blick auf den „dringenden Handlungsbedarf für Resilienz und Krisenvorsorge in Deutschland“ vor der Gefahr einer „Erosion von Vertrauen in das Funktionieren von Staat und Wirtschaft“ gewarnt (was wiederum ein zentrales Ziel der zunehmenden hybriden Angriffe ist).3
Gleichsam als Leitsatz formulieren Rudischhauser et al. (2026):
»Der Staat ist auf allen Ebenen gefordert, Resilienz zu stärken und im Krisenfall Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, glaubwürdig zu kommunizieren und Abhilfe aufzuzeigen. Neben der notwendigen Ausstattung der Behörden und Hilfsorganisationen erfordert dies auch Investitionen in ehrenamtliche Strukturen und zivilgesellschaftliches Engagement.«Bei dem in letzter Zeit in der Politik intensiv diskutierten „Schutz Kritischer Infrastruktur (KRITIS)“4 geht es, so die Autoren, nicht nur um die Abwehr und Sicherung technischer Infrastruktur, sondern vor allem „um die Fähigkeit, trotz Störungen funktionsfähig zu bleiben und sich rasch zu erholen – also um echte Resilienz.“
➔ »Wie groß die Verletzlichkeit insbesondere der Energieinfrastruktur ist, zeigt die Tatsache, dass es sich bereits um den dritten Vorfall in der Region Berlin mit schwerwiegenden Folgen innerhalb von zwei Jahren handelt. So führten Brandanschläge auf Stromleitungen im September 2025 zum Blackout eines ganzen Gewerbegebiets in Berlin-Adlershof und im März 2024 zur Abschaltung des Tesla-Werks im brandenburgischen Grünheide. Dass es jeweils mehrere Tage dauerte, die Stromversorgung über Ersatzleitungen wiederherzustellen, verdeutlicht zudem die weiterhin unzureichend vorhandenen Redundanzen und die mangelnde Netzresilienz.«
Und die Bedeutung einer funktionierenden Stromversorgung kann man nicht überschätzen: »In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft kann ein Strom- oder Internetausfall heute nicht nur Unannehmlichkeiten verursachen. Er kann den Verlust von Einkommen, Arbeitsmöglichkeiten, Informationszugang und grundlegenden Dienstleistungen bedeuten – und die Abhängigkeit davon wächst stetig.« Auch die Wärmeversorgung hängt am Strom.
»Die Folgen eines länger anhaltenden Stromausfalls treffen die Bevölkerung zudem ungleich. An Leib und Leben gefährdet sind besonders ältere Menschen und chronisch kranke Personen, die auf elektrische Geräte angewiesen sind. Darüber hinaus hängt der Lebensunterhalt einer noch weit größeren Gruppe von Menschen direkt davon ab, dass die digitale oder logistische Infrastruktur funktioniert. Unabhängig davon, welcher dieser Gruppen Menschen angehören, kann eine technische Krise rasch Existenzen bedrohen.«
Aber Rudischhauser et al. (2026) betonen nicht nur die Bedeutung und die Verantwortung der staatlichen Akteure.
»Ein entscheidender Faktor, der die Auswirkungen einer solchen Krise abfedern kann, ist die gesellschaftliche Solidarität – also das Maß an Vertrauen, die Stärke sozialer Netzwerke und die Fähigkeit zur Selbstorganisation auf lokaler Ebene.«
Und die Autoren brechen eine wichtige Lanze:
»Gemeinschaften mit engen nachbarschaftlichen Bindungen, aktiven zivilgesellschaftlichen Organisationen und einer Kultur gegenseitiger Hilfe sind besser in der Lage, staatliche Untätigkeit oder Verzögerungen zumindest teilweise auszugleichen, Panik zu begrenzen und grundlegende soziale Funktionen auch bei langanhaltenden Störungen der Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Dies gelingt in ländlichen Regionen und kleineren Kommunen tendenziell leichter als in anonymisierten und teils stark von Zu- Wegzug geprägten Großstädten. Fluktuation steht oft nachhaltigem bürgerschaftlichem Engagement entgegen. Ein Problem können auch Finanzierungslücken bei ehrenamtlichen Strukturen sein, was wiederum das bürgerschaftliche Engagement schwächen kann. Auch deshalb sollten Politik und Behörden sich für den Aufbau von sozialen Basisstrukturen interessieren. Gerade der Berliner Vorfall zeigt: Kommunen und Länder müssen – unterstützt durch Bundesprogramme – bestehende ehrenamtliche Strukturen gezielt ausbauen, indem sie Ausbildung, Ausrüstung und Nachhaltigkeitskonzepte (wie zum Beispiel Nachfolgeregelungen) fördern, statt sie neu von Null zu schaffen.«
Und am Ende ihres Beitrags kommen sie nochmals auf den großen Resilizienz-Begriff zu sprechen:
»Selbst bessere Vorsorge garantiert keinen hundertprozentigen Schutz. Moderne Infrastruktur ist weit verzweigt und zugleich fragil; mit fortschreitender Digitalisierung entstehen zusätzliche Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten. Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang immer auch, das Eintreten von Schäden zu antizipieren – um dann schnellstmöglich zur Funktionsfähigkeit zurückzukehren. Es geht also um eine angemessene Vorbereitung, wobei Resilienz in diesem Fall stark mit ausreichender Vorsorge („Preparedness“) korreliert.«
Fußnoten
- Vgl. den Besprechungsessay von Stefan Böschen (2021): Resilienz: Das freundliche Gesicht von Gesellschaften im Krisenmodus, in: Soziologische Revue, Heft 1/2021, S. 62–72.
↩︎ - Das Wort Resilienz hat seinen lateinischen Ursprung in „resilire“, was so viel bedeutet wie „zurückspringen, abprallen, sich nicht unterkriegen lassen“. Darin steckt die Kernidee: Etwas wird belastet, verformt sich, geht aber nicht dauerhaft kaputt, sondern findet (ganz oder teilweise) in einen stabilen Zustand zurück. In der Psychologie wurde der Terminus Resilienz ab Mitte des 20. Jahrhunderts zur Beschreibung der Fähigkeit von Menschen verwendet, Krisen, Traumata oder Stress zu bewältigen, ohne langfristig daran zu zerbrechen. In heutigen Zeiten wird Resilienz oftmals verwendet mit Blick auf die Fähigkeit von Gesellschaften, Staaten oder Infrastrukturen, Schocks (Naturkatastrophen, Pandemien, Blackouts, Angriffe) zu überstehen und handlungsfähig zu bleiben. Man kann also gewisserrmaßen eine Entindividualisierung der Begrifflichkeit erkennen, das Heben auf institutionelle und oft auch technische Ebenen, wobei im Ernstfall dann sehr schnell erkennbar wird, dass auf dem Papier resilient gestaltete Systeme im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben gefüllt werden müssen, womit man dann wieder auf der Ausgangsebene, also den unterschiedlichen Individuen angekommen sind, ohne die praktische Resilienz gar nicht erreicht werden kann. Das gilt grundsätzlich, aber ganz besonders natürlich für hier interessierende Sachverhalte der Sicherstellung einer personenbezogenen Daseinsvorsorge für Hilfebedürftige.
↩︎ - »Der Vorfall in Berlin sollte als Warnsignal und als Übung für den Ernstfall verstanden werden. Besonders kritisch wäre ein Szenario, in dem mehrere koordinierte Sabotageakte an verschiedenen Orten in Deutschland verübt werden, um die Reaktions- und Durchhaltefähigkeit der Bevölkerung und staatlicher Institutionen zu testen – etwa mit der gezielten Botschaft: „Wollt ihr wegen der Ukraine im Dunkeln sitzen und frieren? Seht her, eure Regierung hat Geld für den Schutz der Ukraine, aber nicht für euch“. Deutschland ist aufgrund seiner geografischen Lage, seines Leistungspotenzials und seiner Rolle als europäische Führungsmacht ein Primärziel hybrider Aktivitäten, nicht zuletzt aufgrund seiner Bedeutung für die militärische Verlegefähigkeit der NATO nach Osten.« (Rudischhauser et al. 2026).
↩︎ - »Zwar hatte das Bundeskabinett bereits im Herbst 2025 das sogenannte KRITIS-Dachgesetz beschlossen. Das Gesetz soll Betreiber und Versorger der Kritischen Infrastruktur in Deutschland zum besseren Schutz und zur Überwachung ihrer Einrichtungen gegen Fremdeingriffe verpflichten. Es sieht für Betreiber wesentlicher Sektoren wie Energie, Verkehr und Gesundheit umfassende Schutzmaßnahmen vor. Dazu zählen ein systematisches Risikomanagement, das Aufrechterhalten des Notbetriebs in Krisenlagen sowie die Planung von Verfahren, Ressourcen und Abläufen zur schnellen Wiederherstellung nach einer Störung – inklusive regelmäßiger Übungen. Bis Anfang 2026 wurde der Gesetzentwurf jedoch nicht vom Parlament verabschiedet.« (Rudischhauser et al. 2026). Wenigstens hier hat sich was getan: Der Deutsche Bundestag hat am 29. Januar 2026 den Gesetzentwurf zum „KRITIS-Dachgesetz“ bzw. zum Gesetz zur Stärkung der Resilienz kritischer Anlagen beschlossen. Es setzt damit die EU-CER-Richtlinie (EU 2022/2557) zur Stärkung der Resilienz kritischer Einrichtungen in deutsches Recht um und schafft erstmals bundeseinheitliche, sektorenübergreifende Mindestanforderungen an den physischen Schutz und die Resilienz kritischer Infrastrukturen.
↩︎