Immer öfter konnte man in den vergangenen Monaten solche Botschaften lesen: »Als „Tradwives“ bezeichnen sich immer mehr Frauen in den sozialen Netzwerken. Sie sprechen sich für eine Rückkehr der traditionellen Hausfrauenrolle aus«, um nur ein Beispiel zu zitieren. „Immer mehr“? Wenn da nicht der Hinweis auf die „sozialen Netzwerke“ wäre, bei denen bekanntlich oftmals extreme Minderheiten in molekulare Größenordnung den Ton an- bzw. vorgeben können, so dass der eine oder andere den Eindruck bekommen kann, dass ganz viele Menschen so denken oder gar leben.
Aber ist das überhaupt vorstellbar, in einer Zeit, in der wir an vielen Stellen zum einen die im wahrsten Sinne des Wortes lebenslangen, zumeist negativen Folgen des – damals durchaus dominierenden Lebensmodells – der Hausfrauenehe im Sinne einer Nicht-Integration der Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt in den 1950er bis in die 1970er Jahren zur Kenntnis nehmen müssen (man denke hier an die enormen Lücken in der Alterssicherung bis hin zum „weiblichen“ Gesicht der Altersarmut) und in der immer mehr junge Frauen gleichberechtigt durchs Leben wandern wollen und eine Erwerbsarbeit (und dabei höchstens sehr kurze Unterbrechungen bei der Familiengründung) für sich selbst für selbstverständlich erachten?
➔ Der Begriff „Tradwife“ (er tauchte in den 2010er Jahren online auf und hat in der Folge durch Influencerinnen, vor allem aus den USA, weltweite Aufmerksamkeit bekommen)1 steht für ein stark traditionell geprägtes Frauen- und Rollenbild: Die Frau übernimmt Haushalt, Kindererziehung und sorgt für Heim und Familie; der Mann gilt als Ernährer. Vom Äußeren her findet sich oft eine 1950er-/Retro-Ästhetik:2 Petticoat, alte Kleider, ein inszeniertes Zuhause, Bilder aus der Küche, Backen, Ordnung, Kinder – teils mit nostalgischem Einschlag. Viele Tradwives inszenieren ihr Leben gezielt auf sozialen Medien – teils als Lifestyle, teils mit religiösem, konservativem oder rechtskonservativem bis rechtsextremen Bezug. Es gibt wie immer bei solchen Prozessen sicher unterschiedliche Einflussfaktoren und Hintergrund, aber man wird nicht falsch liegen, wenn man davon ausgeht, dass die Romantisierung der klassischen Geschlechterrollen eine Antwort auf die Unsicherheiten und Mehrfachbelastungen, denen Frauen, und insbesondere Mütter, heutzutage ausgesetzt sind, darstellt und insofern durchaus für einen Teil der Frauen zumindest partiell eine scheinbare (Entlastungs)Funktionalität hat oder zumindest in Aussicht stellen kann.
Wiederbelebung riskanter Abhängigkeiten?
Viele werden die Renaissance von – offensichtlich tradierten – Rollenverständnissen aus den 50er Jahre irritiert zur Kenntnis nehmen. Wenn es sie denn wirklich gibt und wir nicht nur ein Opfer medialer Kleinstinszenierungen werden, die aufgeblasen werden zu einer (angeblichen) Bewegung.
Erwartbar sind die kritischen und warnenden Stimmen.
Als Beispiel seien hier die beiden Professorinnen Susanne Dern und Anna Lena Göttsche zitiert, die sich in einem Beitrag mit dem Phänomen der „Tradwives“ auseinandergesetzt haben (vgl. Dern/Göttsche 2025). Und ihre Argumentation ist nun wirklich keine neue Kritik, sondern wird seit langem vorgetragen:
»Die Entscheidung für die Hausfrauenrolle ist fast immer eine Entscheidung für die finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann. Sie kann frei gewählt und in funktionierenden Beziehungen unproblematisch sein– jedenfalls dann, wenn sie informiert getroffen wird. Während der Ehe besteht über Familienversicherung und Unterhaltspflicht nach §§ 1300, 1306a BGB eine gewisse ökonomische Absicherung, die jedoch nicht über das Hierarchiegefälle hinsichtlich der finanziellen Ressourcen hinwegtäuschen sollte: Schon der eheliche Unterhalt kann– abgesehen von Wirtschafts- und Haushaltgeld– nicht als Geldzahlung beansprucht werden. Ehefrauen sind in dieser Familienkonstellation wesentlich vom good will des Ehemannes abhängig. Leistet ein Ehegatte den geschuldeten Naturalunterhalt, etwa in Form von Sachwerten nicht, so kann er nicht zu Geldzahlungen verurteilt werden. Zugleich sinken mit der Anzahl der Ehejahre die Optionen, dem reinen Hausfrauendasein den Rücken zu kehren und auskömmlich in den Arbeitsmarkt einzusteigen: Weil der (Wieder)Einstieg in den Arbeitsmarkt ohne aktualisierte Qualifikation kaum möglich ist, die Verdienstoptionen unzureichend … ist. Diese Umstände verstärken das ökonomische Machtgefälle der„klassischen“ Rollenverteilung im Falle der Trennung und Scheidung. Im Zuge der Unterhaltsrechtsreform 2008 ist der Grundsatz der Eigenverantwortung der Eheleute gestärkt worden, der von den unterhaltsberechtigten Ex-Ehepartner*innen eine zügigere finanzielle Eigenständigkeit verlangt.« (S. 45).
Was das alles für ungleichgewichtige Folgen für die eine Seite, in der Regel für die Frauen/Mütter hat, ist hinlänglich beschrieben worden.
Ein (weiteres) Beispiel für (komplexitätsreduzierende) Polarisierung?
»Familie und Karriere? Viele Frauen glauben nicht mehr an eine Vereinbarkeit. Und in den sozialen Medien stehen sich die Verfechterinnen beider Seiten kompromisslos gegenüber«, so Anna Sophie Kühne. „Wir sehen, dass Frauen zunehmend meinen, sich zwischen Beruf und Familie entscheiden zu müssen“, wird die Soziologin Jutta Allmendinger zitiert (vgl. Kühne 2025). Das sei ein zentrales Ergebnis der „Vermächtnisstudie“ des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), das Allmendinger lange geleitet hat. Die viel beschworene „Vereinbarkeit“ von Kindern und Arbeit hat an Glaubwürdigkeit verloren, zeigt die Untersuchung. Dabei schien es lange Zeit, als könnten Frauen beides haben, wenn sie sich nur gut organisieren und ein wenig anstrengen.
Im persönlichen Umfeld sehen junge Frauen vor allem, wie anstrengend der Alltag mit Kindern und Karriere ist. Frauen fühlten sich oft „vorgeführt“, wenn es um diese Vereinbarkeit gehe. Auch Corona habe (angeblich) zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen beigetragen, weil mehr Kinderbetreuung und Arbeit im Haushalt notwendig war – und diese vor allem durch die Mütter bewältigt wurde. In der „Vermächtnisstudie“ des WZB ist die Wichtigkeit gleicher Arbeitsteilung im Haushalt gegenüber 2015 unter allen Befragten zurückgegangen.
Interessant sicher auch dieser Aspekt: »Während sich Männer mit Verweis auf ihre Arbeit zu Hause rausnehmen können, packen Frauen umso kräftiger an. So hat die Ökonomin Marianne Bertrand gezeigt, dass Frauen nicht weniger im Haushalt mitarbeiten, sondern mehr, wenn sie besser verdienen als ihre Männer. Ganz so, als müssten sie ihre beruflichen Ambitionen ausgleichen durch vermeintlich weibliche Tätigkeiten. Das führt zu einer erheblichen Doppelbelastung, der sich immer weniger Frauen aussetzen wollen.«
Die Folge? »Als Folge widmen sich manche vornehmlich der Familie, andere hinterfragen, ob sie sich überhaupt Kinder wünschen.«
Es sei »nicht ungewöhnlich, dass in einer zunehmend egalitären Gesellschaft irgendwann ein „Backlash“ erfolgt, der die Extreme auf beiden Seiten verstärkt. Das lässt sich auch in den Vereinigten Staaten beobachten, wo die Bewegung der „Tradwives“ ihren Ursprung hat. Auch die leistungsorientierten und selbstbestimmten „Corporate Girls“ tummelten sich zuerst in den gläsernen Türmen von New York und Chicago. Das traditionelle Familienbild rechtskonservativer Kreise wirkt immer stärker in die politische Mitte hinein«, so Kühne.
Wie so oft bei solchen Themen findet man auch hier (scheinbare) Paradoxien.
»Als Influencerin jedenfalls lässt sich gutes Geld verdienen, ob man sich nun dabei filmt, wie man eine Torte verziert oder in hohen Schuhen über den Büroflur hastet. Manche Influencerinnen dürften damit mehr verdienen als ihre Partner. Das könnte fast schon eine Errungenschaft in Sachen Gleichberechtigung sein. Wenn da nicht all die Frauen wären, die sich gezwungen sehen, sich zwischen dem einen oder dem anderen zu entscheiden – ohne dass die Welt ihnen dabei zusieht.«
Aber gibt es die überhaupt?
Es soll hier anknüpft werden an die bereits in den Raum gestellte Frage bzw. Skepsis: » Wenn es sie denn wirklich gibt und wir nicht nur ein Opfer medialer Kleinstinszenierungen werden, die aufgeblasen werden zu einer (angeblichen) Bewegung.«
Da passt es, dass aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) neue Ergebnisse geliefert werden zu der Forschungsfrage: Welche Einstellungen zu weiblichen Rollenbildern haben Frauen im jungen Erwachsenenalter heute? Finden sich darunter auch solche, die jenen der in Social Media verbreiteten „traditional wives (Tradwives)“ entsprechen? Vgl. ausführlicher zu den Ergebnissen Diabaté/Kleinschrot 2025.
Das BiB fasst die Befunde der Studie so zusammen:
Die Studie Diabaté/Kleinschrot (2025) versucht auf der Grundlage von Daten des BiB-Surveys „FReDA – das familiendemografische Panel“ die Frage zu beantworten, in welchem Umfang in dieser social-media-affinen Generation Einstellungen zu finden sind, die dem online verbreiteten Bild der „Tradwives“ entsprechen.
➔ Die Auswertungen zeigen, dass von den untersuchten 20- bis 30-jährigen Frauen 19 Prozent Einstellungen vertreten, die jenen der „Tradwives“ ähneln: Sie sehen unter anderem die Mutterschaft als zentrale Lebensaufgabe einer Frau an und unterstützen eine traditionelle Arbeitsteilung in der Partnerschaft.
➔ Die Mehrheit bildet mit 62 Prozent die Gruppe der als egalitär eingruppierten Frauen. Knapp ein Fünftel der Frauen teilt darüber hinaus „vereinbarkeitsorientierte“ Rollenbilder (19 Prozent): Sie befürworten grundsätzlich die Gleichstellung der Geschlechter, zum Beispiel am Arbeitsmarkt, stehen einer Vollzeiterwerbstätigkeit von Eltern jedoch kritisch gegenüber.
Fazit: »Somit stellen die Tradwives die kleinste Gruppe unter den betrachteten jungen Frauen dar, während Rollenbilder, die gleichstellungsbezogene Grundsätze betonen, am weitesten verbreitet sind. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass trotz der Präsenz traditioneller Narrative in sozialen Medien die Rollenbilder junger Frauen in Deutschland überwiegend von egalitären Konzepten geprägt sind.«
Allerdings kann man natürlich angesichts der – seit langem bekannten – erheblichen Risiken, die mit dem hier diskutierten Rollenmodell für viele Frauen verbunden sind, die Frage stellen, ob nicht ein Anteilswert von 19 Prozent erstaunlich hoch ist.
Auf der anderen Seite ist es das eine, Ansichten zu teilen, die denen der „Tradwives“ entsprechen. Das andere wäre, dann auch so zu leben. Und das passiert dann wohl doch eher auf diversen Social Media-Kanälen und in überschaubarer Zahl. Einerseits gut so. Andererseits wird hier auch der Finger auf eine Wunde gelegt, die weitaus größer daherkommt als der kleine Ausschnitt mit den Tradwives: Die immer noch ungleiche Lastenverteilung vor allem im Bereich der Sorge-Arbeit und den damit verbundenen ganz realen Folgewirkungen (vgl. hierzu beispielsweise den Beitrag Kinder als „Strafe“? Also die erste Geburt eines Kindes wirkt beim Erwerbseinkommen (und das noch stärker als bislang bekannt) wie ein Fallbeil. Für die Mütter vom 11. November 2025).
Literatur
Dern, Susanne und Göttsche, Anna Lena (2025): „Tradwives“ – Selbstbestimmt in riskante Abhängigkeiten?, in: Recht und Politik, Heft 1/2025, S. 42– 46
Diabaté, Sabine und Kleinschrot, Leonie (2025): Tradwives – mehr Hype als Realität? Einstellungen junger Frauen zur weiblichen Rolle, BiBAktuell Nr. 8/2025, Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), 2025
Kühne, Anna Sophie (2025): Der Kampf zwischen Tradwives und Corporate Girls, in: FAZ Online, 13.10.2025
Fußnoten
- In manchen Veröffentlichungen wird als „Geburtsjahr“ des Begriffs 2016 ausgewiesen, so beispielsweise in dem 2024 veröffentlichten Beitrag Weiblich, „selbstbestimmt“, untergeordnet von Moritz Pieczewski-Freimuth: »Ursprünglich stammt der Begriff „Tradwife“ (traditionelle Ehefrau) aus den USA, wo er ab 2016 viral ging. Seit 2020 ist die Erscheinung auch innerhalb der deutschen Influencer-Szene präsent.« In dem Beitrag findet man auch diesen Hinweis: »Nicht jede, allerdings auch kein zu vernachlässigender Teil der Tradwives bewegt sich im christlich-dogmatischen Lager oder im rechtsextremen Milieu. Die erste Generation der Tradwives entstand im Zusammenhang mit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Erfolg der Alt-Right-Bewegung. Zu dieser Zeit waren federführend weibliche Millennials im Netz aktiv, um Frauen vom Joch des „modernen Feminismus“ zu befreien. Ziel war es, für patriarchale Geschlechterrollen zu werben und Frauen beizubringen, wie sie eine „gottesfürchtige“ Weiblichkeit entwickeln oder zurückerlangen können.«
↩︎ - Tradwives“ zelebrieren eine nostalgische Rückbesinnung auf „heile Welt“ der 1950er, so die Amerikanistin Heike Paul. Sie präsentierten sich als Mutter und traditionelle Hausfrau, die sich gern dem erwerbstätigen Mann unterordneten. „Es geht um die Rückbesinnung auf die USA der 1950er Jahre, als die Wirtschaft florierte, Vorstädte gebaut wurden und jeder ein Auto besaß“, sagte Paul. Diese Zeit werde scheinbar als „heile Welt“ verstanden. Paul zufolge handelte sich meist um priviligierte Frauen, die politisch im rechten Spektrum zu verorten sind. Mit ihrer Darstellung in den sozialen Netzwerken hätten sie nicht nur ein Geschäftsmodell entwickelt (vgl. dazu auch Tradwives: Rechte Influencerinnen oder kluge Geschäftsfrauen?). Diese Gruppe leiste auch politische Arbeit. „Sie sind lautstarke Trump-Anhängerinnen“.
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