Jetzt aber ein großer Schluck aus der Pulle? Der stärkste Anstieg „der“ Löhne seit Jahren wird gemeldet

Wenn man so die Berichterstattung verfolgt, kann man schon verzweifeln – was gilt denn nun? Diese Frage stellt sich bei vielen Sachverhalten, regelmäßig natürlich bei Arbeitsmarktfragen. Zu denen die Löhne gehören – für die einen zu hoch, für die anderen zu niedrig. Früher konnte man sicher sein, dass in der Wirtschaftspresse in der großen Mehrzahl der Fälle vor „schädlichen“ Lohnerhöhungsforderungen der Gewerkschaften gewarnt wurde – sie würden die Arbeitgeber „überfordern“, die „Wettbewerbsfähigkeit“ ruinieren oder bei staatlichen Dienstleistungen die klamme öffentliche Hand „übermäßig belasten“. Aber irgendwie scheinen sich die Zeiten geändert zu haben. Wir werden mit einem ganz anderen Tenor konfrontiert.

Aus dem Bundeswirtschaftsministerium wird berichtet: „Deutschland hat ein Lohnproblem“. Vor kurzem konnte man sogar in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Artikel lesen, der mit einer für dieses Medium bemerkenswerten Überschrift versehen war: Warum steigen unsere Löhne nicht mehr? Dieser Frage ging Rainer Hank nach, der nun wirklich nicht bekannt ist als bekennender Gewerkschafter. Übrigens ist der Beitrag von ihm sehr lesenswert. Darin findet man am Anfang diesen Passus:

»EZB-Präsident Mario Draghi (weniger vollmundig sein deutscher Kollege Jens Weidmann) findet, was seine marktflutende Geldpolitik nicht schaffe, nämlich ein Inflationsziel von „nahe bei zwei Prozent“ zu erreichen, müsse ein kräftiger Einkommenszuwachs bewirken. Unterstützung erhalten die Zentralbanker vom Internationalen Währungsfonds, der den Deutschen aggressive Löhne zum Abbau des weltweit verhassten Leistungsbilanzüberschusses und zur Stärkung der Binnennachfrage empfiehlt. Der öffentliche Dienst habe Vorreiter zu sein, fordert Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat, und schilt die Gewerkschaft Verdi für ihr mageres Tarifergebnis von gerade einmal zwei Prozent. Mindestens drei Prozent wären ökonomisch drin gewesen, findet Ökonom Bofinger: „Ich verstehe Verdi-Chef Bsirske nicht.“«

Man reibt sich verwundert die Augen – Notenbankchefs als Klassenkämpfer? „Die Belegschaften in den Industriestaaten hätten höhere Löhne verdient“, zitiert auch Markus Zydra in seinem Artikel „Arbeiter sollten mehr Geld fordern“ die Stimmen aus der Geldpolitik.

Und offensichtlich scheint die Botschaft angekommen zu sein. Das Statistische Bundesamt meldet sich mit dieser Pressemitteilung zu Wort und berichtet: »Die Tarifverdienste – gemessen am Index der tariflichen Monatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen – waren im zweiten Quartal 2017 durchschnittlich 3,8 % höher als im Vorjahresquartal. Das ist der höchste Anstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2011.« Und die angesprochene Zeitreihe – dazu die Illustration in der Abbildung am Anfang dieses Beitrags – geisterte sofort durch die Medien. Als Beleg dafür, dass jetzt auch die Löhne kräftig zulegen und die Arbeitnehmer profitieren.

Man muss anmerken, dass die +3,8 Prozent Tariflohnanstieg natürlich ein Durchschnittswert sind. Das Statistische Bundesamt weist in der Darstellung der Entwicklungen in den einzelnen Wirtschaftssektoren auf auf die Spannbreite hin, mit der wir es zu tun haben. So könnten Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst einen überdurchschnittlichen Anstieg in Höhe von 4.5 Prozent verbuchen, während es im Gastgewerbe magere 0,9 Prozent und im Einzelhandel auch nur 1,1 Prozent sind, die dort als Plus notiert werden.

Man muss solche Nachrichten immer sehr genau lesen. In der Meldung der Statistiker ist nicht von „den“ Löhnen die Rede, sondern von den „Tariflöhnen“. Da gibt es auch noch andere Löhne, eben Nicht-Tariflöhne. Aber selbst, wenn wir uns auf die Tariflohnentwicklung fokussieren, kann man nicht schlussfolgern, die Arbeitnehmer haben jetzt 3,8 Prozent mehr Euros in der Tasche, die sie ausgeben – oder was auch immer sie damit machen – können. Ob man wirklich mehr in der Tasche hat, was man auch umsetzen kann in der Volkswirtschaft, bemisst sich eher an den Reallöhnen, also dem preisbereinigten Löhnen, denn wenn parallel zu den Löhnen auch die Preise steigen, dann bleibt real weniger übrig. Die Entwicklung der Reallöhne im Vergleich zu den Tarifverdiensten ist in der zweiten Abbildung dargestellt. Und bei den Reallöhnen sieht es am aktuellen Rand der Zeitreihe nun (wieder) ganz anders aus, als der Anstieg um 3,8 Prozent bei den Tariflöhnen suggerieren – wenn es um alle Löhne geht.

Der Anstieg aller Löhne wird im Index der Nominallöhne abgebildet. Schaut man sich die Entwicklung in den zurückliegenden Jahren von 2008 bis 2016 an, die in der dritten Abbildung dargestellt ist, dann erkennt man in den Jahren vor 2014 ganz erhebliche Abweichungen zwischen den Nominallohnanstiegen und dem, was real für die Arbeitnehmer raus gekommen ist. Offensichtlich hat die Inflation eine Menge von den nominalen Lohnsteigerungen aufgefressen. Das andere Muster in den Jahren 2014 bis 2016 lässt sich größtenteils auf die niedrige bis offiziell gar nicht vorhandene Preissteigerung gemessen an der allgemeinen Inflationsrate zurückführen. Aber das ist langsam ein Auslaufmodell. Unabhängig davon könnte man an dieser Stelle kritisch diskutieren, dass es statistisch „die“ Inflationsrate gibt, aber in der wirklichen Wirklichkeit werden die Menschen mit mehreren ganz unterschiedlichen Inflationsraten konfrontiert, je nach ihrer Einkommenslage und dem damit verbundenen Ausgabeverhalten. Es ist offensichtlich, dass ein besonders ausgeprägter Anstieg der Wohnungsmieten, der in der allgemeinen Preissteigerungsrate teilweise kleingeschreddert wird aufgrund der vielen anderen Güter und Dienstleistungen, die da gemessen und gewichtet werden, für die Bezieher kleiner und mittlerer Lohneinkommen, die zur Miete wohnen (müssen), eine andere Bedeutung haben muss als für Besserverdienende, die oftmals im eigenen Wohneigentum leben können.

Aber wieder zurück zur aktuellen Berichterstattung über die neuen Zahlen aus dem Statistischen Bundesamt. So eine Überschrift ist korrekt: Tariflöhne steigen deutlich. Aber man sollte weiter lesen, denn es werden Zweifel gesät: »So stark haben die Tarifverdienste schon lange nicht mehr zugelegt: Von April bis Juni stiegen sie um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – das dürfte allerdings ein Ausreißer sein.« Sollte man sich etwa nicht zu früh freuen?

»Da die Preise im Zeitraum von April bis Juni lediglich um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stiegen, erhöhten sich auch die realen Tarifverdienste, also die Kaufkraft der Beschäftigten. Das deutet darauf hin, dass sich der Trend der vergangenen Jahre zu steigenden Reallöhnen fortsetzt.«

Das hört sich doch gut an. Aber jetzt wird Wasser in den Wein gegossen, denn:

»Allerdings lassen die aktuellen Zahlen der Statistiker nur begrenzt Rückschlüsse auf die gesamte Lohnentwicklung in Deutschland zu. Denn die Statistik umfasst ausschließlich die Löhne der Arbeitnehmer, für die ein Tarifvertrag gilt.«

Das haben wir bereits angesprochen. Und man muss berücksichtigen: » Diese Tarifbindung ist jedoch in den vergangenen Jahrzehnten stetig zurückgegangen, zuletzt lag sie nur noch bei 50 Prozent.«

Über die Erosion des Tarifvertragssystems – die übrigens trotz der eindeutigen Datenlage von der Bundesregierung nicht gesehen werden will, folgt man ihrer Stellungnahme: Bestandsaufnahme des deutschen Tarifvertragssystems. Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE, Bundestags-Drucksache 18/13398 vom 24.08.2017 – wurde in diesem Blog erst vor kurzem ausführlich berichtet – in dem Beitrag Zur Entwicklung der Tarifbindung und der betrieblichen Mitbestimmung. Die Kernzone mit Flächentarifverträgen und Betriebsräten ist weiter unter Druck vom 5. Juni 2017 sowie am 27. Juni 2017 unter der Überschrift „Orientierung“ am Tarif kann auch 25 Prozent weniger bedeuten. Immer mehr Arbeitnehmer arbeiten in einer tariflosen Welt und das macht sich für sie in einer teilweise markant niedrigeren Vergütung bemerkbar im Vergleich zu den Beschäftigten, die (noch) unter die Tarifbindung fallen.

Und wie immer bei Statistiken muss man im Hinterkopf behalten, dass es sich auch um besondere und zumeist einmalige statistische Effekte handeln kann. So muss man auch einen Teil der nun so herausgestellten + 3,8 Prozent bei den Tariflöhnen lesen: Für den Öffentlichen Dienst der Länder gilt bereits seit Januar eine vereinbarte Lohnerhöhung von zwei Prozent. Ausbezahlt wurde diese aber erst im zweiten Quartal, mitsamt hoher Nachzahlungen für die ersten drei Monate des Jahres.

Fazit: Man sollte sich nicht zu früh freuen.

Der Arbeitsmarkt auf der statistischen Sonnenseite. Aber die Lohnentwicklung will nicht so mitspielen, wie sie eigentlich sollte. Von tarifflüchtigen Unternehmen, Gewerkschaften in den Seilen und schon wieder die Produktivität

Mit solchen Nachrichten kann aus Sicht der Regierung jeder Monat anfangen: »Die deutsche Wirtschaft wächst weiter kräftig. Auch für den weiteren Jahresverlauf lassen die Konjunkturindikatoren eine gute Entwicklung erwarten. Impulse kommen von der Konsumnachfrage und den Exporten. Positive Nachrichten gibt es auch vom Arbeitsmarkt: Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern steigen auf hohem Niveau weiter an. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind im Juli aufgrund der einsetzenden Sommerpause gestiegen. Bereinigt um diese jahreszeitlichen Einflüsse haben sich Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung verringert. Im Vergleich zum Vorjahr sind Abnahmen zu verzeichnen, obwohl sich mehr geflüchtete Menschen in Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung befinden.« So die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Monatsbericht für Juli 2017. Und auch das Statistische Bundesamt reiht sich ein in die Schar der Jubelmeldungsverbreiter: »Im Juni 2017 waren nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) rund 44,2 Millionen Personen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Gegenüber Juni 2016 nahm die Zahl der Erwerbstätigen um 657.000 Personen oder 1,5 % zu«, so die Bundesstatistiker unter der Überschrift Stabiler Aufwärtstrend der Erwerbstätigkeit setzt sich im Juni 2017 fort.

Also volle Entspannung? Man könnte natürlich die üblichen Einwände vortragen, dass es nicht 2,5 Mio. Arbeitslose sind, sondern unter Berücksichtigung der kreativen Statistikabgrenzung in Form der „Unterbeschäftigung“ (= Arbeitslose, die aber nicht als solche gezählt werden) tatsächlich immer noch 3,5 Mio. Erwerbsarbeitslose gibt. Und man könnte mit Blick auf die Rekordzahlen zu den Erwerbstätigen mäkelnd darauf hinweisen, dass die „Jobs“, die darüber ausgewiesen werden, höchst unterschiedlicher Qualität sind (vg. dazu beispielsweise ausführlicher den Beitrag Sie wächst und wächst, „die“ Beschäftigung. Aber welche eigentlich? Eine Dekomposition der Erwerbstätigenzahlen vom 3. Mai 2017). Aber man kann es drehen und wenden wie man will – aus der Vogelperspektive stellt sich der Arbeitsmarkt und seine Entwicklung in Deutschland sehr gut da. Und immer mehr Unternehmen berichten über eine Arbeitsnachfrage, die sie nicht decken können. Fachkräftemangel taucht als Begriff mittlerweile häufiger auf als Arbeitslosigkeit.

Aber bevor man sich nun wohlig zurücklehnt, sollte man sich mit solchen Meldungen auseinandersetzen: Die Einkommensungleichheit steigt weiter: »Löhne der Gutverdiener steigen schneller als die der Menschen mit niedrigen Verdiensten.« Daniel Baumann berichtet in seinem Artikel weiter:

»Die Lücke zwischen den niedrigsten und den höchsten Einkommen ist heute größer als vor zehn Jahren. Im Durchschnitt hatte die unterste Lohngruppe im Jahr 2007 in jeder Arbeitsstunde brutto 24,20 Euro weniger verdient als die oberste Lohngruppe. Inzwischen liegt der Verdienstabstand bei 31,27 Euro. Binnen Jahresfrist konnte die Gruppe der leitenden Arbeitnehmer ihr Einkommen um 2,9 Prozent steigern – und damit mit Abstand stärker als alle anderen Gruppen. Die herausgehobenen Fachkräfte kamen auf 1,8 Prozent, die Fachkräfte auf 1,9 Prozent, die angelernten Beschäftigten auf 1,4 Prozent und die ungelernten auf noch 1,0 Prozent. Dabei gilt es zu beachten, dass sich prozentuale Steigerungen bei hohen Einkommen stärker auswirken als bei niedrigen.«

„Der Markt produziert also immer ungleichere Ergebnisse“, so die Quintessenz von Baumann. Nun ist „der Markt“ eine ziemlich abstrakte Wesenheit. Also lässt Baumann nicht locker und stellt die Frage in den Raum: »Die Wirtschaft brummt, immer mehr Menschen kommen in Arbeit, doch die Löhne steigen immer schwächer. Was ist da los?« Die behandelt er in seinem Artikel Das Lohn-Paradox. Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung, die er unter Paradox-Verdacht stellt:

»Die gängige ökonomische Theorie besagt, dass die Löhne umso stärker steigen, je knapper das Arbeitskräfteangebot wird. Doch in der Realität passiert gerade das Gegenteil: Seit Anfang 2016 fallen die Lohnzuwächse immer geringer aus. Damals gab es noch ein reales Plus, also nach Abzug der Inflation, von 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ein Jahr später liegt der Zuwachs bei noch lediglich 0,6 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit dem Jahr 2013.«

Die Lohnabschlüsse der Gewerkschaften mit den Arbeitgebern liegen seit Jahren um die 2,5 Prozent. Verantwortlich für die Reallohnunterschiede ist also die Inflationsentwicklung.

Das eigentliche Problem: Die Lohnzuwächse bleiben hinter den Erwartungen zurück. Selbst die nicht als gewerkschaftsnah bekannte Bundesbank schreibt, dass der Lohnanstieg im ersten Jahresviertel „gemessen an der außerordentlich guten Arbeitsmarktlage recht verhalten“ gewesen sei. Vgl. dazu deren Beitrag Perspektiven der deutschen Wirtschaft – Gesamtwirtschaftliche Vorausschätzungen für die Jahre 2017 und 2018 mit einem Ausblick auf das Jahr 2019 im Monatsbericht Juni 2017, S. 22).

Was für Ursachen werden für diese Unwucht diskutiert? Eine wichtige Rolle spielt die Frage der (Nicht-)Tarifbindung. Die »Tarifbindung erodiert seit Jahren. In Westdeutschland sind nur noch 59 Prozent der Beschäftigten tarifgebunden, im Osten gar nur 49 Prozent. Eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln für das Jahr 2015 zeigt, dass lediglich 18,9 Prozent aller abhängig Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft waren«, so Baumann in seinem Artikel (vgl. für eine differenzierte Darstellung der Daten auch den Beitrag Zur Entwicklung der Tarifbindung und der betrieblichen Mitbestimmung. Die Kernzone mit Flächentarifverträgen und Betriebsräten ist weiter unter Druck vom 5. Juni 2017).

Die Verankerung der Gewerkschaften in der deutschen Arbeitnehmerschaft sei „insgesamt schwach“, zitiert Baumann die arbeitgebernahen IW-Forscher Hagen Lesch und Adam Giza. „In vielen Dienstleistungsbranchen und im Handwerk wirkt sich dies auch auf die Durchsetzungskraft der Gewerkschaften aus – mit enormen Auswirkungen auf das Tarifsystem. Denn wo die Gewerkschaften nicht mehr präsent und durchsetzungsfähig sind, sind auch keine Arbeitgeberverbände mit Tarifbindung als ‚Gegenverbände‘ mehr notwendig.“ Allerdings sollte man hier vorsichtig sein, denn die Argumentation ist etwas einseitig – die Schwäche der Gewerkschaften sei ursächlich für die Tarifflucht der Arbeitgeber, das nun kann man auch anders sehen.

Wenn schon die „verhaltenen“ Tariflohnabschlüsse der Gewerkschaften kritisiert werden, sollte man ergänzend zu den Hinweisen in dem Baumann-Artikel berücksichtigen, dass eben viele Beschäftigte in tariffreien Zonen arbeiten müssen und oftmals noch geringere oder gar keine Lohnerhöhungen bekommen. Hinzu kommt als weiterer Aspekt: Viele halbwegs ordentlich bezahlte Jobs sind in den vergangenen Jahren ausgelagert worden aus den Stammbelegschaften in Leiharbeits- und Werkvertragsunternehmen, in denen deutlich schlechter vergütet wird. Hinzu kommt der generelle Trend, dass das Wachstum der Erwerbstätigkeit vor allem in den Dienstleistungsberufen zu beobachten ist, in denen generell eher schlechter vergütet wird als in den „klassischen“ Industrieberufen.

Eine Folge dieser komplexen Entwicklungen:

»Der Anteil der Arbeitsentgelte am Volkseinkommen ist zurückgegangen. Er liegt seit einigen Jahren bei um die 69 Prozent, zur Jahrtausendwende waren es etwa 72 Prozent. Das heißt, heute verbleibt ein größerer Teil des Volkseinkommens bei den Unternehmen und den Kapitalgebern als damals. Konkret bedeutete 2015 eine Differenz von einem Prozentpunkt, dass 22,6 Milliarden Euro nicht als Löhne ausgezahlt wurden. Das waren pro Kopf 577 Euro.«

Aber irgendwie ist man an dieser Stelle immer noch nicht zufrieden angesichts der Unwucht zwischen dem Boom auf der einen Seite und dem irgendwie Nicht-Boom für viele Arbeitnehmer auf der anderen Seite. Da verspricht der Artikel Warum die Löhne nicht stärker steigen von Maja Brankovic Hilfe: »Der deutsche Arbeitsmarkt ist fast leergefegt, viele Stellen bleiben unbesetzt. Doch die Löhne ziehen fast so langsam an, dass sie nicht einmal die Inflation ausgleichen können. Dafür gibt es Gründe.«

Sie zitiert in ihrem Artikel Enzo Weber vom IAB mit den Worten, „für größere Lohnsprünge waren die Bedingungen einfach nicht gegeben.“ Wie begründet er das?

»Um die Jahrtausendwende hatte die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt einen historisch schlechten Zustand erreicht. Mit der Hartz-Reform unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) stieg vor allem die Beschäftigung im Niedriglohnbereich an. Viele Menschen, die in den vergangenen Jahren eine Beschäftigung fanden, nahmen diese eher in Sektoren und Beschäftigungsformen mit vergleichsweise niedrigeren Löhnen an, etwa als Teilzeitkräfte oder in der vergleichsweise schlechter bezahlten Dienstleistungsbranche. Hinzu kam, dass die Zuwanderung die Knappheit auf dem Arbeitsmarkt etwas aufgefangen habe. „All das wirkte sich dämpfend auf das Lohnwachstum in Deutschland aus“, sagt Weber.

Und dann kommt – wieder einmal – das Argument mit der Arbeitsproduktivität:

»… der IAB-Forscher verweist auf eine weitere Erklärung: die Arbeitsproduktivität. Diese errechnet sich, indem das Bruttoinlandsprodukt durch das Arbeitsvolumen geteilt wird. Das Problem: Wie in anderen Industriestaaten hat die Arbeitsproduktivität in Deutschland zuletzt deutlich schwächer zugenommen. Während sie von 1996 bis 2006 im Schnitt noch um 1,7 Prozent im Jahr gestiegen ist, lag der Zuwachs in den vergangenen zehn Jahren nur bei 0,7 Prozent.«

Enzo Weber sieht die schwache Produktivitätsentwicklickung »in erster Linie in der schwachen Investitionstätigkeit in Deutschland« begründet.

Aber so richtig zu überzeugen scheint das die Verfasserin des Artikels nicht, also sucht sie nach anderen möglichen Erklärungsansätzen. Und ist dabei auf einen für jeden, der sich etwas genauer mit der Arbeitsmarktentwicklung beschäftigt offensichtlich „putzigen“ Gedankengang gestoßen:

»So haben die Ökonomen der Commerzbank in einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung verschiedene Ursachen für die eher schwache Lohnentwicklung eruiert. „In Deutschland kommt entscheidend hinzu, dass die Unternehmen wegen der Knappheit an Arbeitskräften auch weniger produktive Arbeitskräfte eingestellt haben“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.«
Anscheinend bezieht sich Brankovic auf diese am 29. September 2016 veröffentlichte Publikation der Commerzbank Research: Das deutsche Produktivitätsdesaster.

Der Rückgang der Arbeitsproduktivität, argumentiert Krämer, schränke aus Sicht der Unternehmen den Verteilungsspielraum bei Lohnverhandlungen ein. Anders formuliert: Auch wenn sie wollten, sie können den Arbeitnehmern nicht mehr Lohn geben, weil deren „Arbeitsproduktivität“ eben nicht zugenommen habe und das liege auch und vor allem daran, dass man durch die Hartz-Reformen bedingt Langzeitarbeitslose eingestellt habe.

Also das ist gelinde gesagt ein mehr als schräges Argument und gerade wenn man die faktische Abkoppelung der Langzeitarbeitslosen von der an sich positiven Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre kennt, die in vielen Studien thematisiert und analysiert wurde, dann kann man darüber nur den Kopf schütteln. Vom Zurückbleiben der Lohnentwicklung auch bei vielen Fachkräften und selbst in Bereichen, in denen von den Unternehmen ein eklatanter Fachkräftemangel reklamiert wird, ganz zu schweigen.

Aber ungeachtet dieser Einwände ist es bezeichnend, dass auch in dem Artikel von Brankovic erneut und prominent Bezug genommen wird auf das Konstrukt der Arbeitsproduktivität. Das Argumentationsmuster ist zumindest für viele Ökonomen auf den ersten Blick abschlussfähig an die eigenen Modellwelten. Wenn die Arbeitnehmer eben nicht „die“ Produktivität bringen, dann kann man sie auch nicht besser vergüten.

Nun kann und muss man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es eben nicht so einfach ist mit „der“ Arbeitsproduktivität, wie das in den Modellwelten einiger Ökonomen offensichtlich der Fall ist. Das wurde bereits in diesem Beitrag: Arbeitsproduktivität als Fetisch einer angeblichen Leistungsgesellschaft vom 17. Juli 2017 ausgeführt. Das Thema bewegt die Ökonomen offensichtlich.

Is Productivity Growth Becoming Irrelevant? Diese Frage hat Adair Turner in einem neuen Beitrag aufgeworfen. Er zitiert den Ökonomen Robert Solow, der bereits 1987 gesagt hat, dass Computer überall zu finden seien, nur nicht in der Produktivitätsstatistik. Seitdem ist das angedeutete Problem noch offensichtlicher geworden, denn »the so-called productivity paradox has become ever more striking. Automation has eliminated many jobs. Robots and artificial intelligence now seem to promise (or threaten) yet more radical change. Yet productivity growth has slowed across the advanced economies.«

Nach Turner haben wir es nicht nur mit Investitionsschwächen oder anderen immer wieder vorgetragenen Ursachen zu tun – das Problem liege tiefer, so seine These:

»As we get richer, measured productivity may inevitably slow, and measured GDP per capita may tell us ever less about trends in human welfare.«

Er beginnt seine Argumentation mit einem Blick auf das Standard-Modell des Produktivitätswachstums, das man so beschreiben kann:

»We start with 100 farmers producing 100 units of food: technological progress enables 50 to produce the same amount, and the other 50 to move to factories that produce washing machines or cars or whatever. Overall productivity doubles, and can double again, as both agriculture and manufacturing become still more productive, with some workers then shifting to restaurants or health-care services. We assume an endlessly repeatable process.«

Das muss aber, so Turner, nicht der Fall sein. Man könnte sich auch dieses Szenario vorstellen:

»Suppose the more productive farmers have no desire for washing machines or cars, but instead employ the 50 surplus workers either as low-paid domestic servants or higher-paid artists, providing face-to-face and difficult-to-automate services.«

Was passiert in diesem Fall hinsichtlich des Produktivitätswachstums? Das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum tendiert langsam gegen Null, obgleich es in der Landwirtschaft zunimmt. Auf diesen Mechanismus hatten bereits im Jahr 1966 die beiden Ökonomen William J. Baumol und William G. Bowen in ihrem Buch „Performing Arts -The Economic Dilemma. A Study of Problems Common to Theater, Opera, Music, and Dance“ hingewiesen.

Und man kann die möglichen Szenarien noch weiter treiben:

»…  suppose that 25 of the surplus farmers become criminals, and the other 25 police. Then the benefit to human welfare is nil, even though measured productivity rises if public services are valued, as per standard convention, at input cost.«

Der Kern der Argumentation stellt darauf ab, dass wir konfrontiert sind mit einer Expansion der schwer bis gar nicht rationalisierbaren (personenbezogenen) Dienstleistungsarbeit: »The growth of difficult-to-automate service activities may explain some of the productivity slowdown … In the United States, the Bureau of Labor Statistics reports that eight of the ten fastest-growing job categories are low-wage services such as personal care and home health aides.«

Und das Wachstum der „Nullsummen-Aktivitäten“ in unserer Wirtschaft – von Turner am Beispiel der 25 ehemaligen Farmer, die kriminell werden und der anderen 25, die als Polizisten arbeiten, skizziert – ist das eigentliche Problem. Dazu Turner:

»Look around the economy, and it’s striking how much high-talent manpower is devoted to activities that cannot possibly increase human welfare, but entail competition for the available economic pie. Such activities have become ubiquitous: legal services, policing, and prisons; cybercrime and the army of experts defending organizations against it; financial regulators trying to stop mis-selling and the growing ranks of compliance officers employed in response … real-estate services that facilitate the exchange of already-existing assets; and much financial trading. Much design, branding, and advertising activity is also essentially zero-sum.«

Auf der anderen Seite sieht Turner messbedingt große blinde Flecken, denn »information technology may improve human welfare in ways not captured in measured output.« Anders formuliert: »Billions of hours of consumer time previously spent filling in forms, making telephone calls, and queuing are eliminated by Internet-based shopping and search services. Valuable information and entertainment services are provided for free.«

Wenn man die Argumentation von Turner konsequent zu Ende denkt, dann existiert das vielbeschworene „Produktivitätsparadoxon“ gar nicht, weil es sich um einen eklatanten Messfehler handelt. Dafür aber können die einzelnen Arbeitnehmern nun wirklich – nichts.

Man kann es drehen und wenden wie man will – die Lohnentwicklung an einem scheinbar sachlichen Parameter wie der Produktivitätsentwicklung festzumachen, muss scheitern. Letztendlich ist es eine Verteilungsfrage und die ist in den vergangenen Jahren zuungunsten vieler Arbeitnehmer beantwortet worden. Das hängt aber auch damit zusammen, dass viele Arbeitnehmer darauf hoffen, dass andere ihre Probleme lösen und  es schon richten werden. Wenn zehn Prozent oder weniger der Beschäftigten in nicht wenigen Dienstleistungsbranchen in Gewerkschaften organisiert sind, dann sind denen die Hände mehr als gebunden.

Und da wären wir dann wieder bei dem Beitrag von Daniel Baumann: Das Lohn-Paradox. Darin taucht der Hinweis auf, der abnehmenden Tarifbindung »wirkt der Gesetzgeber zwar mit der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen und dem gesetzlichen Mindestlohn entgegen. Gleichwohl müssen die Tarifabschlüsse, von denen auch der Anstieg des Mindestlohns abhängt, weiterhin erkämpft werden, und das geht schlecht mit einem geringen Organisationsgrad.«

Und genau das ist der wunde Punkt, auch für alle, die eine stärkere „Re-Regulierung“ fordern, beispielsweise durch eine intensivere Nutzung der Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen (vgl. dazu auch vertiefend den Beitrag Tarifbindung mit Schwindsucht und die Allgemeinverbindlichkeit als möglicher Rettungsanker, der aber in der Luft hängt vom 9. Mai 2017, in dem ausgeführt ist, dass und warum dieses Instrument derzeit praktisch kaum Anwendung finden kann). Sowohl der Mindestlohn wie auch die (in einzelnen Branchen wie dem Einzelhandel durchaus dringend erforderliche) Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen sind letztendlich über eine staatliche Intervention nur Krücken im gestörten Spiel der Kräfte zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern.

Arbeitsproduktivität als Fetisch einer angeblichen Leistungsgesellschaft

Der eine oder andere wird sich noch an sie erinnern – an die „Partei der Leistungsträger“. So hatte sich die FDP schon in den 1990er Jahren unter dem Vorsitzenden Klaus Kinkel selbst abzusetzen versucht von den anderen Konkurrenten auf dem Markt um Wählerstimmen und die offenherzige Ausrichtung als Klientelpartei hat ihr eine Menge Sympathien gekostet. Der damalige FDP-Generalsekretär Werner Hoyer war sogar so ehrlich, von der „Partei der Besserverdiener“ zu schwärmen, was im Volksmund schnell und kompakt in „Zahnärzte-Partei“ umdefiniert wurde. Und schon sind wir mittendrin im hier interessierenden Schlamassel, denn auch wenn Zahnärzte eine wichtige und anerkennenswerte Leistung erbringen (können), so wurde doch von vielen das Problem erkannt, das hinter dem klientelistischen Zugriff auf bestimmte „Leistungsträger“ steht: Die Anbindung an Einkommen, an einen bestimmten (gesellschaftlich so definierten bzw. verzerrten) Status, die offen oder versteckte Abwertung vieler anderer, die es „nicht geschafft“ haben, obwohl viele von ihnen durchaus eine Menge „schaffen“, hier verstanden im Sinne des schwäbischen Verbs.
Auf der anderen Seite und unabhängig von einer normativen oder stilistischen Bewertung dieser schamlosen Abgrenzung nach unten muss man dem Ansatz zugute halten, dass er offen anspricht, was durchaus weit verbreitet ist in unserer Gesellschaft: »Die Arbeitsleistung, so heißt es, ist das Fundament der Gesellschaft, die dadurch zur Leistungsgesellschaft wird, in der jeder gemäß seiner Leistung bezahlt wird oder werden sollte.«

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