Überall Konkurrenz, sogar (oder gerade) unter den Obdachlosen. Unter denen gibt es übrigens immer mehr Frauen. Und immer mehr „EU-Obdachlose“

Wohnungslosigkeit, Obdachlosigkeit – das sind Themen von „ganz unten“ und sie berühren (scheinbar) elementare Selbstverständlichkeiten wie „ein Dach über den Kopf haben“. Ist schon die Tatsache, wohnungslos zu sein oder gar auf der Straße zu leben, eine absolute Notlage, so hört doch selbst – oder sollten wir besser sagen: gerade – ganz unten die Konkurrenz zwischen den Abgehängten nicht auf, hier schlägt sogar das handfest durch, was seit einiger Zeit mit diffamierenden Begrifflichkeiten wie „Armutszuwanderung“ oder „Sozialtouristen“ mit eigentlich ganz anderen Zielen und Absichten in den Medien platziert wird (wobei man aber auch anmerken sollte, dass die mehr als steilen Thesen und die offensichtliche Instrumentalisierung menschlicher Schicksale in vielen Medien durchaus auf eine breite Kritik und Ablehnung stößt).

Hinsichtlich der Wohungslosigkeit soll ein Blick auf die Situation in Berlin geworfen werden:
Als wohnungslos gelten Menschen, die von Behörden in Übergangswohnheimen, Pensionen oder ähnlichem untergebracht sind. In Berlin sind das zur Zeit nach Angaben der Senatsverwaltung für Soziales etwa 11.000 Menschen. Die Zahl der Obdachlosen, also der Menschen, die buchstäblich auf der Straße leben, wird offiziell nicht erhoben. Schätzungen zufolge sind es in Berlin zwischen 600 und 1.300 Menschen, rund 20 Prozent davon Frauen. Im Winter 2012/13 gab es 433 Schlafplätze in Notunterkünften, die Einrichtungen nahmen im Schnitt jedoch 470 Menschen pro Nacht auf. Auch derzeit wird von nicht ausreichenden Notunterkünften berichtet. Pro Person und Übernachtung bekommen die Träger der Kältehilfe rund 15 Euro. Damit müssen sie ihre Angebote finanzieren.
Über zwei hoch problematische Entwicklungslinien in der Wohnungs- und Obdachlosigkeit berichten Artikel in der Berliner Ausgabe der taz: Zum einen über die zunehmende „Konkurrenz“ unter den Obdachlosen durch eine stetig steigende Zahl an obdachlosen EU-Bürgern, zum anderen über den „blinden Fleck“, wenn über Wohnungslosigkeit gesprochen wird – die besondere Betroffenheit der Frauen, denn das Thema wird immer noch als ein primär bzw. ausschließlich Männer-Thema wahrgenommen und verhandelt.

Die Zahl der obdachlosen EU-Bürger in Berlin steigt und das stellt die Hilfseinrichtungen vor neue Probleme: „Die deutschen Obdachlosen fühlen sich verdrängt„, so die Überschrift eines Interviews mit der Sozialarbeiterin Marie-Therese Reichenbach von den Frostschutzengeln, einem Projekt der GEBEWO – Soziale Dienste – Berlin gGmbH.

Auf die Frage, warum es immer mehr Obdachlose aus den osteuropäischen EU-Ländern hier bei uns gibt, verweist sie auf einen wichtigen Unterscheid zwischen „einheimischen“ Obdachlosen und den anderen: »Viele kommen hierher, um Arbeit zu suchen, verbrauchen ihre knappen Ersparnisse und landen auf der Straße. Ohne Wohnung finden sie keinen legalen Job und ohne Job keine Wohnung. Dieses Problem haben einheimische Obdachlose nicht: Zumindest theoretisch hat jeder deutscher Staatsbürger einen Rechtsanspruch auf ein Dach über dem Kopf.« Diese Spaltung durchzieht mittlerweile auch die Hilfseinrichtungen:

»In Notübernachtungen, Nachtcafés oder Suppenküchen gibt es oft Kommunikationsprobleme, zum Teil sprachlich bedingt. Die Menschen fühlen sich diskriminiert – übrigens beide Seiten. Die deutschen Obdachlosen fühlen sich verdrängt, und Menschen, die wenig Deutsch können, beschweren sich …«

Die Träger von Hilfseinrichtungen müssen nach der Staatsangehörigkeit der Obdachlosen selektieren, denn »EU-Migranten kommen zum Beispiel nicht in Wohnprojekte für Obdachlose rein, weil für sie niemand die Finanzierung übernimmt. Sie sind auf sogenannte niedrigschwellige Einrichtungen wie Nachtasyle angewiesen, weil sie keinen Hartz-IV-Anspruch haben, wenn sie hier nicht zuvor offiziell erwerbstätig gewesen sind.«

Die derzeit in den Medien hochgekochte Debatte über eine angebliche Massen-Einwanderung armer Menschen hat auch die Fachszene erreicht und zu bedenklichen Entwicklungen bei den Anbietern von Hilfsmaßnahmen geführt:

»Manche Einrichtungen überlegen sich diverse Abschottungsstrategien, wie Kontingentierungen nach Nationalität. Mancherorts gibt es bereits Tische, die nur von Rumänen oder Bulgaren benutzt werden sollen.«

Immer wieder wird von Sozialpolitikern beispielsweise im Kontext bestimmter Kürzungsmaßnahmen darauf hingewiesen, dass Kürzungen oder Unterlassungen an der einen Stelle zu erheblichen Folgekosten an anderer Stelle führen (können). Auch hierfür finden wir mit Blick auf das Thema Obdachlosigkeit von Zuwanderern ein „Lehrbuchbeispiel“:

»Aus britischen Studien wissen wir, dass Migranten aus Mittelosteuropa viel schneller verelenden als Einheimische, obwohl sie persönlich viel stabiler sind. Sie sind auch höher qualifiziert und seltener von psychischen Erkrankungen betroffen. Am Ende nützt das wenig, weil sie sozialrechtlich von vielen Integrationsangeboten ausgeschlossen werden. Das verursacht horrende Kosten: Notfallmaßnahmen, etwa Krankenhausaufenthalte von nicht krankenversicherten EU-Migranten, wären nicht nötig, lebten die Menschen nicht auf der Straße,« so die Sozialarbeiterin Marie-Therese Reichenbach.

Immer mehr Frauen sind wohnungslos, auch zugezogene EU-Bürger landen häufig auf der Straße. Die Situation in den Notunterkünften verschärft sich, so die zusammenfassende Bilanzierung aus Berliner Sicht von Susanne Memarnia in ihrem Artikel „Schiffbruch mit Tiger„. In ihren Worten:

»In der kollektiven Vorstellung waren Obdachlose lange Zeit bärtige Männer. Rotnasige Trinker, die, mit zerschlissenen Wollhandschuhen einen Flachmann umklammernd, auf der Parkbank liegen. Obdachlose stinken, dachten wir lange, sie sind laut und verrückt – auf jeden Fall anders als wir. Dieses Bild stimmte zwar nie so ganz. Doch in den letzten Jahren hat sich das Gesicht der Obdachlosigkeit besonders stark verändert: Es ist weiblich geworden – und spricht oft nur gebrochen Deutsch.«

Für die, die harte Zahlen brauchen: Rund 20 Prozent der mehr als 11.000 Wohnungslosen in Berlin sind Frauen, Tendenz steigend. Das darf nicht folgenlos bleiben für die Anbieter von Hilfsangeboten, denn: »Weibliche Obdachlosigkeit hat andere Gründe als männliche, die oft dem klassischen Dreischritt – Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg – entspricht.« Die Träger der Wohnungsnotfallhilfe reagieren bereits mit eigenen Angeboten für obdachlose Frauen, was allein deshalb schon notwendig ist, weil Obdachlosigkeit für Frauen noch gefährlicher sein kann als für Männer.
Doch muss man für Berlin festhalten: Es gibt gar »nicht genug Übernachtungsmöglichkeiten, schon im November schlugen die Einrichtungen Alarm: Sie müssten jede zweite Anfrage wegen Platzmangel ablehnen.«

Wohnungslosigkeit wird noch immer als Männerphänomen wahrgenommen. Für betroffene Frauen gibt es nur wenige Anlaufstationen – etwa das neue Obdachlosenwohnheim in Neukölln und die Notübernachtung in Mitte. Über einen Besuch in diesen beiden Einrichtungen berichtet Gesa Steeger in ihrem Artikel.  Es kämen jetzt immer häufiger Frauen, die einfach ihre Miete nicht mehr zahlen könnten, erzählt die Leiterin der Einrichtung für Frauen und Kinder in dem Artikel. Der angespannte Berliner Wohnungsmarkt und die mangelhafte Beratung in den Jobcentern seien schuld an dieser Entwicklung. Auch hier wieder einige wenige Zahlen: »15 Anlaufstellen, deren Angebot sich ausschließlich an wohnungslose Frauen richtet, gibt es in Berlin: 7 Frauenobdachlosenheime, 5 Wohnprojekte und 3 Notunterkünfte, von denen nur eine ganzjährig geöffnet ist.« Die Bewertung aus dem Munde von Susanne Hirse, Sozialpädagogin und Leiterin von Vita domus-Rixdorf: „Die Nachfrage sprengt das Angebot bei Weitem“.

Das immer mehr Obdachlose Hilfe suchen, die aus Osteuropa, aber auch zunehmend aus den südeuropäischen Krisenstaaten stammen, hat – wie bereits angedeutet – auch und gerade damit zu tun, dass ihnen alle vorgängigen Hilfen im Regelfall versperrt sind: »Andere Hilfen haben sie nicht zu erwarten, wenn sie bei der Job- und Wohnungssuche scheitern – Anspruch auf Hartz IV oder einen vom Jobcenter bezahlten Platz im Wohnheim haben sie nicht. Manche suchen sich auf eigene Faust einen Unterschlupf, wie die rund 20 Bulgaren, die vorige Woche die Eisfabrik an der Spree räumen mussten. Andere schlafen, solange es geht, in Zelten oder in mitgebrachten Autos.«
Und was man wissen muss bzw. sollte: Die neuen Obdachlosen »werden immer kränker. Offene Wunden und verschleppte Krankheiten gibt es in jüngster Zeit häufiger, ebenso meldepflichtige Krankheiten wie Tuberkulose und Syphilis. Hauptgrund ist, dass eine Krankenversicherung fehlt,« so Susanne Memarnia in ihrem Artikel.

Und die Politik? »Die Politik reagiert auf die Entwicklung wie immer langsam – und ungenügend. Im November verkündete Sozialsenator Mario Czaja (CDU), die Zahl der finanzierten Übernachtungsplätze werde auf 500 erhöht.« Von heute 433. Ist das genug? Wird es dann reichen? Um eine solche eben nur dem Grunde nach einfache Frage beantworten zu können, müsste man wissen, wie viele Obdachlose es denn überhaupt gibt. Weiß man aber nicht. In diesem Land wird vieles gezählt, gemessen und durchleuchtet. Und seit Jahren fordert beispielsweise Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe unermüdlich – aber bislang leider ohne Erfolg – die Einführung einer bundesweiten Statistik. Denn ohne Zahlen gibt es auch kein sichtbares Problem. Und die Verweigerungshaltung der Politik bei dieser Frage ist eben nicht nur eine auf der Bundesebene, sondern aus Berlin berichtet Susanne Memarnia:

»Den Antrag der Grünen, eine Wohnungslosenstatistik einzuführen, damit erst einmal der genaue Bedarf für Obdachlose ermittelt werden kann, lehnte das Abgeordnetenhaus im November ab.«

Abschließend der Hinweis darauf, dass das nicht nur „Berliner“ Themen sind – auch andere, vor allem Großstädte können ein Lied singen von den sich hier ganz unten manifestierenden Problemen. So beispielsweise Frankfurt: »In der reichen Mainmetropole Frankfurt nächtigen obdachlose Osteuropäer in der U-Bahn-Unterführung. Zu Weihnachten gab es Streß mit der Polizei, weil Bürger ihnen Isomatten schenkten«, so Gritta Düperthalin einem Artikel. Auch hier taucht immer wieder der „Verdrängungswettbewerb“ auf: »Immer mehr Rumänen und Bulgaren leben auf Frankfurts Straßen. In der B-Ebene der Hauptwache schlafen fast nur noch Südosteuropäer. Viele deutsche Obdachlose müssen sich neue Plätze suchen«, so Katharina Iskandar und Christian Palm in ihrem Artikel „Auf der Platte wird es eng„.

Die Frauen, die Lohnlücke zu den Männern und – ach, die Statistik

Wieder so ein irritierendes Rauschen in den Medien zu ein und demselben Thema: Frauen verdienen fast so viel wie Männer könne wir als Überschrift eines Artikels in der Online-Ausgabe der WirtschaftsWoche lesen. Das stimmt positiv. Und am gleichen Tag meldet Spiegel Online Deutschland bei Lohngefälle auf zweitletztem Platz in EU. Was soll man davon halten?

Beginnen wir mit der negativ daherkommenden Berichterstattung – in der Hoffnung, die positive Meldung kann die negativen Botschaften kompensieren oder gar ad absurdum führen.

»Deutschland liegt beim Lohngefälle zwischen Männern und Frauen auf dem zweitletzten Platz in Europa. Das geht aus einem Bericht hervor, den die EU-Kommission am Montag in Brüssel vorlegte … Im EU-Durchschnitt betrug die Gehaltslücke demnach 16,2 Prozent, in Deutschland verdienten Frauen dagegen rund 22 Prozent weniger als Männer. Ungleicher ist die Bezahlung nur in Estland, dort beträgt die Lücke 27,3 Prozent.«

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„Trippelschritt in die richtige Richtung“ oder „Goldene Röcke für Deutschland“ als symbolisches Substitut für wirkliche Veränderungen? Eine embryonale Frauenquote als Ablenkungsmanöver von den wahren Herausforderungen der Geschlechterpolitik

Jetzt geht es den geschlossenen Männer-Gesellschaften in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft aber so richtig ans Hemd – die gesetzliche Frauenquote ist im gesetzgeberischen Geburtskanal. Nun gut, vielleicht muss man sie ganz korrekt als ein „Quötchen“ bezeichnen, aber es reicht, um in der Wirtschaft wütende Proteste auszulösen. Was genau soll eigentlich kommen?

Hans Monath hat das im Tagesspiegel unter der Überschrift „Frauenquote soll 2016 kommen“ so zusammengefasst: Künftig sollen mindestens 30 Prozent weibliche Beschäftigte in den Aufsichtsräten von Firmen sitzen. Ein Teil der Meldung ist richtig, der andere unvollständig.

Richtig ist der 30%-Wert und auch der Hinweis auf Aufsichtsräte, aber etwas irreführend der Hinweis auf die „Firmen“. Es sind nur ganz bestimmte Unternehmen, um die es hier geht. Denn gemeint sind börsennotierte Aktiengesellschaften, denen die Quote ab 2016 auferlegt werden soll. Diese Frauenquote ist als eine „embryonale“ zu bezeichnen, denn sie bezieht sich nicht auf das eigentliche Machtzentrum der Unternehmen, denn das sind die Vorstände. Und hier hat die Union in den Verhandlungen für Entwarnung gesorgt: Ihr »gelang es, die SPD von einer festen Quote auch für Vorstände von Firmen abzubringen, für die nur eine selbst festzulegende Flexiquote gelten soll.« Dafür hat die SPD auch was bekommen, nicht nur die 30%-Quote für die Aufsichtsräte, sondern auch, »dass die neue Regelung mit harten Sanktionen bewehrt ist und der Einstieg in die Frauenförderung per Gesetz schon 2016« stattfinden soll. Die Sanktion: »Falls börsenorientierte Unternehmen die Frauenquote von mindestens 30 Prozent nicht erfüllen, darf das Aufsichtsratsmandat nicht besetzt werden.« Das wird in dem einen oder anderen Fall weh tun.
Als Zwischen-Fazit bleibt festzuhalten: Die SPD hat im Angesicht der gefundenen „Lösung“ kräftig Federn lassen müssen, denn in ihrem Wahlprogramm findet sich die Forderung: »Wir werden deshalb eine 40-Prozent-Geschlechterquote für Aufsichtsräte und Vorstände börsennotierter und mitbestimmter Unternehmen verbindlich festlegen.« 40-10 Prozent und Vorstände weg, so kann man das auf eine Kurzformel bringen.

Wie nun ist dieses Verhandlungsergebnis einzuordnen und zu bewerten? Schauen wir an dieser Stelle ins benachbarte Ausland. Hans Monath schreibt dazu:

»Im Vorreiter-Land Norwegen müssen die Vorstände staatlicher und großer börsenorientierter Konzerne zu rund 40 Prozent mit Frauen besetzt sein. In fünf EU-Staaten sind nach Angaben der EU-Kommission Frauenquoten für Aufsichtsräte und teilweise auch für Vorstände privater Unternehmen in Kraft. So sollen in Frankreich bis 2017 mindestens 40 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich sein. In Spanien müssen Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten den Frauenanteil in der Chefetage ebenfalls auf 40 steigern. Auch Italien, Belgien und die Niederlande haben in den vergangenen Jahren starre Frauenquoten in Kraft gesetzt.«

Man kann einerseits erkennen, dass die Quotenregelung im europäischen Vergleich keine besonders neue Einrichtung ist. Und man sollte wissen, dass die deutsche Quotenabsicht letztendlich nur ein Umsetzungsversuch der Beschlusslage auf europäischer Ebene darstellt: Das EU-Parlament hatte im Oktober dafür gestimmt, dass ab 2020 insgesamt 40 Prozent der Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen Frauen sein sollen.

Andererseits stellt sich aber die Frage nach der Sinnhaftigkeit und daran anschließend nach den erwartbaren Effekten.

Versuchen wir es mit einem positiven Blick auf das Verhandlungsergebnis, für den wir einige Hinweise finden in dem Beitrag „Trippelschritt in die richtige Richtung“ von Simone Schmollack. Sie zitiert Manuela Schwesig von der SPD, »das Ergebnis sei ein „wichtiges Signal, um die Aufstiegschancen von Frauen zu verbessern“. Unions-Unterhändlerin Annette Widmann-Mauz meinte: „Damit geben wir dem Aufstieg von Frauen in Aufsichtsräte und Vorstände den richtigen Schwung und schaffen einen Kulturwandel im Inneren der Unternehmen.“« Und auch Elke Holst, Volkswirtin und Forschungsdirektorin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, sekundiert, dass die Ergebnisse, insbesondere die Pflichte zur Transparenz, als „kleiner Schritt in die richtige Richtung“ zu bewerten sei.

Deutlich kritischer ist die Kommentierung bei Yasmin El-Sharif in ihrem Beitrag „Goldene Röcke für Deutschland„. Ihrer Meinung nach Vorgabe verfehlt die jetzt gefundene Quotenregelung ihr eigentliches Ziel. Profitieren werden zunächst einige wenige Frauen, die gleich mehrere Kontrollposten übernehmen Das eigentliche Ziel wird die Frauenquote in Aufsichtsräten nicht erreichen: nämlich die sogenannte gläserne Decke zu durchbrechen. Und die haben wir in den Vorständen, den eigentlichen Machtpositionen in den Unternehmen. Als Beleg für diese These führt sie gerade Norwegen an, das Land, das bereits 2003 mit einer Quote gestartet ist, wie sie jetzt hier in Deutschland vorgesehen sind:

»Dort ist zwar schon seit rund fünf Jahren ein 40-Prozent-Anteil von Frauen in den Aufsichtsratsgremien vorgeschrieben – und wird sogar eingehalten – doch wird er keinesfalls entscheidend übertroffen. Die Unternehmen erfüllen ihre Pflicht, aber das war es dann auch. In den Vorständen, den Machtzentralen der Unternehmen, tut sich fast gar nichts.«

Und dann verweist sie auf eine reale und durchaus plausible Gefahr: »… wie schon in Norwegen, dürften auch in Deutschland „Goldene Röcke“ bald zum geflügelten Begriff werden. Damit sind Frauen gemeint, die diverse Aufsichtsratsposten innehaben, weil es ad hoc einfach nicht genügend Kräfte für die neuen Frauensitze gibt.« Damit adressiert sie ein diskussionsbedürftiges generelles Grunddilemma solcher Quotenregelungen, die auf einen Durchschnitts-Anteilswert basieren: In der einen Branche mag das wirklich locker zu reißen sein oder sogar noch übertroffen werden können, in anderen Branchen wird es sehr lange dauern, wirklich nur in die Nähe des Anteilswertes zu kommen, da schlichtweg aufgrund der bisherigen Geschlechterspaltung nicht annähernd genügend geeignete Frauen zur Verfügung stehen (können), was dann wiederum das schräge Bild der „Quotenfrau“ festigen wird, mit allen Abwehrreflexen, die das auslösen wird.

Auch wenn es sich nicht gut zu verkaufen ist wie irgendeine Quote – El-Sahrif hat schon recht, wenn sie schreibt: »Viel dringender als eine Quote in Aufsichtsräten werden mehr Frauen in managementnahen oder naturwissenschaftlich-technischen Studienfächern benötigt, mehr Förderprogramme für junge Talente, bessere (Betreuungs-)Angebote für junge Familien, ein Umdenken bei Männern und nicht zuletzt eine größere Offenheit von Chefs für die besonderen, teils anderen Fähigkeiten von Frauen.« Damit adressiert sie zum einen den notwendigen Sinneswandel, der einem Kulturwandel entspricht – übrigens, wenn man das hier anmerken darf, eben nicht nur auf der Seite „der“ Unternehmen und „der“ Männer, sondern auch bei vielen Frauen bei ihren Entscheidungsprozessen. Substanzielle Veränderungen müssen auch wenn es schmerzt auf intrinsischer Motivation der Unternehmen aufbauen. Zum anderen ist aber auch klar, dass viele Maßnahmen zur mittel- und langfristigen Verbesserung der Lage Investitionen erforderlich machen – und man kann schon den Verdacht hegen, dass sich die Große Koalition in spe hier auf eine symbolische Maßnahmen „zu Lasten“ Dritter verständigt hat, die vor allem einen echten Vorteil mit sich bringt: Sie kostet keinen Euro.

Wie weit die Wegstrecke noch ist, wenn man denn von einem anzustrebenden höheren Anteilswert in den Aufsichtsräten und den Vorständen großer börsennotierter Unternehmen ausgeht, verdeutlichen die Daten aus dem noch laufenden Jahr 2013, die von FidAR, der Initiative für mehr Frauen in die Aufsichtsräte, in Form des Women-on-Board-Index (WoB-Index) veröffentlicht werden:

»12 Jahre nach der freiwilligen Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, und über 4 Jahre nach der Aufnahme der Forderung nach mehr Vielfalt in den Deutschen Corporate Governance Kodex beträgt der Frauenanteil in Aufsichtsräten insgesamt 17,4 Prozent … Von den Vorständen sind nur 6,1 Prozent weiblich … Kumuliert liegt der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen bei 11,7 Prozent.«

Aber angesichts der erheblichen Probleme, die viele Frauen immer noch und im Teilzeitbereich sogar zunehmend auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben, angesichts der ökonomischen Abhängigkeit von den (männlichen) Partnern, die nach neueren Forschungsbefunden sogar zugenommen hat, bleibt das doppelt ungute Gefühl, dass hier nicht nur eine Symbolpolitik betrieben wird, sondern dass die darüber hinaus auch noch auf eine extrem kleine Gruppe von Frauen ausgerichtet ist, mit denen die Millionen „normalen“ Frauen nicht das geringste zu tun haben. Eine – in diesem Beitrag nicht zu leistende – Analyse der für diese Frauen relevante bisherigen Beschlüsse muss zum jetzigen Zeitpunkt  mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Nicht einmal in Erwägung gezogen wurde beispielsweise eine Abschaffung oder wenigstens ein Umbau der frauenpolitisch hoch problematischen geringfügigen Beschäftigung, also der so genannten „450-Euro“- oder auch „Minijobs“, die man nicht anzutasten bereit ist. Dabei weiß jeder unbefangene Beobachter, welche negativen Auswirkungen diese Beschäftigungsform auf die Biografie vieler Frauen hat. Um nur ein wirklich relevantes Beispiel zu nennen.

Wieder einmal verlässt man die Bühne mit dem Gefühl, einer veritablen Luftnummer beizuwohnen.