Alternativer Drogen- und Suchtbericht fordert eine neue Strategie in der Drogenpolitik

In wenigen Tagen wird der neue Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung der Öffentlichkeit vorgelegt. Darin wird die gleichsam „offizielle“ Sicht auf Sucht und Drogengebrauch in unserer Gesellschaft entfaltet werden. Damit steht die Bundesregierung, bzw. besser gesagt die so genannte Drogenbeauftragte der Bundesregierung, in einer durchaus prominenten Reihe an Berichten zu einem Thema, das in der gesellschaftlichen Debatte entweder völlig verdrängt wird oder aber in schrillen Farben dramatisierend-skandalisierend an die Wand gemalt wird.

Derzeit kann man etwas zuspitzend formuliert davon sprechen, dass es eine richtige „Berichterstattungswelle“ gibt. Wer gleich die ganze Welt als Bezugssystem braucht, der wird viele Informationen finden in dem World Drug Report 2014, der von der UNODC, also dem United Nations Office on Drugs and Crime, herausgegeben wird.
Auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction, EMCDDA) hat eine durchwachsene Bilanz der aktuellen Lage auf dem Rauschgiftmarkt vorgelegt: Europäischer Drogenbericht. Trends und Entwicklungen 2014. »Es gibt in der EU zwar so wenige Todesfälle durch Überdosis wie seit Jahrzehnten nicht. Aber zu Entwarnung gibt es trotzdem keinen Grund« – den Grund benannt Daniel Deckers in seinem Artikel über die Nicht-Entwarnung schon in der Überschrift: Synthetisches Rauschgift auf dem Vormarsch.

Sowohl der Weltdrogenbericht wie auch der von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht – das muss an dieser Stelle deutlich hervorgehoben werden – beschränken sich auf die so genannten „illegalen“ Drogen, das bedeutet aber auch, dass die beiden wichtigsten und von ihrer zerstörerischen Kraft her bedeutsamsten Drogen, also Alkohol und Nikotin, keine Erwähnung finden. Insgesamt arbeitet sich die öffentliche Berichterstattung – wenn überhaupt – an den neuen synthetischen Drogen ab, die sich wie früher Heroin oder Kokain medienwirksam vermarkten lassen. Durchaus bedenklich hingegen ist die generelle Entwicklung, dass über die Drogen- und Suchtproblematik grosso modo immer weniger berichtet wird.  Dazu findet sich in dem Artikel von Daniel Deckers ein interessanter Hinweis:

»Im Unterschied zum Europa der neunziger Jahren vollkommen verschwunden sind sogenannte offene Drogenszenen – und mit ihnen die Bürger, die sich von Junkies belästigt fühlten oder Spritzen auf Kinderspielplätzen fanden. Auch die Übertragung von HIV unter Rauschgiftabhängigen ist heute kaum noch ein Thema. Das nimmt offenbar den Druck von der Politik, sich um das Thema Rauschgift zu kümmern. Deutschland ist dabei keine Ausnahme.«

Vor diesem Hintergrund ist es besonders hervorzuheben, dass nunmehr der erste Alternative Sucht- und Drogenbericht veröffentlicht worden ist. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsarbeit von mehreren drogenpolitisch progressiv ausgerichteten Organisationen:

akzept e.V. Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitk, Deutsche AIDS-Hilfe und JES Bundesverband (Hrsg.): Alternativer Sucht- und Drogenbericht 2014 

Die Bedeutung  des neuen Berichts liegt darin, dass hier ganz neue, andere Perspektiven auf das Thema eröffnet werden. Hierzu einige Informationen, die man einem Beitrag der Deutschen AIDS-Hilfe entnehmen kann:

»Der Alternative Drogen-  und Suchtbericht umfasst ein breites Themenspektrum von Alkohol- und Tabakprävention für Jugendliche und den Medikamentengebrauch Erwachsener über Ansätze zum Umgang mit dem Konsum von Cannabis und Crystal Meth bis hin zu niedrigschwelligen Hilfsangeboten für Heroinkonsumenten.«

Und dann werden einige Akteure des neuen Berichts zitiert, so beispielsweise

»Professor Heino Stöver, Vorstandsvorsitzender von akzept e.V.:
„In der deutschen Drogenpolitik fehlt eine wissenschaftlich untermauerte Gesamtstrategie mit klaren Zielen. Es gibt eine Lücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den staatlichen Maßnahmen. Wir wissen genau, welche Angebote wirken, doch vieles wird politisch nicht umgesetzt. Diese Lücke soll der Bericht schließen. Bund und Länder stehen in der Pflicht, ihre Drogenpolitik am aktuellen Forschungsstand auszurichten.“

Dr. Bernd Werse vom Centre vor Drug Research der Goethe-Universität Frankfurt erläutert:
„Es wird Zeit, den Reformstau in der deutschen Drogenpolitik aufzulösen. Der jahrzehntelange Kampf gegen Drogen zeigt: Das Strafrecht ist nicht geeignet, um Gesundheitspolitik zu betreiben. Repression und Strafverfolgung schaffen nur die Illusion, die Probleme im Griff zu haben und richten in Wirklichkeit viel Schaden an. Zugleich verzichtet die Politik auf simple Mittel im Umgang mit legalen Drogen, etwa ein Verbot von Werbung für Alkohol und Tabak.“

Silke Klumb, Geschäftsführerin der Deutschen AIDS-Hilfe, betont:
„Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ließe sich mit einfachen Maßnahmen erheblich senken. Ein Beispiel: Drogenkonsumräume retten Leben, verhindern HIV-Infektionen und weitere Gesundheitsschäden. Trotzdem gibt es solche Einrichtungen in zehn Bundesländern nicht. Menschen in Haft erhalten keine sauberen Spritzen und haben oft nicht einmal Zugang zur Standardbehandlung bei Heroinabhängigkeit, der Substitution. Die Prävention in Deutschland könnte noch erfolgreicher sein: Wirksame Maßnahmen werden nach der Erprobung oft nicht dauerhaft finanziert oder aus politischen Gründen nicht eingeführt.“

Ganz besonders hilfreich für die darniederliegende öffentliche Debatte über Drogenpolitik sind die konkreten Forderungen bzw. Empfehlungen an die Bundesregierung, die in dem neuen Bericht formuliert werden:

So plädieren die Verfasser des Berichts für ein vollständiges Verbot von Werbung für Drogen wie Alkohol und Tabak, für eine Erhöhung der Steuern, eine Erschwernis der Zugänglichkeit zu Tabakprodukten (mehr als 400.000 Zigarettenautomaten in Deutschland sind weltweit einmalig), neben diesen Verschärfungen der Regulierung wird aber auch die Entkriminalisierung des Besitzes von illegalen Drogen für den Eigenbedarf in die Diskussion geworfen, eine Regulierung des Cannabismarktes durch kontrollierte Abgabestellen und legalen Anbau zur Selbstversorgung, eine Verbesserung der Substitutionsbehandlung für Heroinabhängige durch Veränderungen der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtmVV) sowie eine Absenkung der Schwellen bei der Abgabe von Diamorphin (pharmazeutisch erzeugtes Heroin als Substitutionsmedikament).

Das wäre nun schon eine Menge Stoff – fehlt nur noch eine öffentliche Debatte darüber und endlich eine Entideologisierung des Themas.

Was haben Manager, Hausfrauen und Studenten gemeinsam? Richtig, sie alle machen es. Angeblich. Laut einer neuen Studie

Sie nehmen Drogen. Gemeint ist hier nicht der Wein am Abend oder der Rettungsschirm des Steueraufkommens, also die Zigarette. Die Rede ist von Chrystal Meth. Im Fernsehen jagt ein Bericht den anderen, in dem von Panikmache bis hin zu seriöser Aufklärung über die Gefahren alles dabei ist. „Crystal Meth – Vormarsch einer tödlichen Droge„, so beispielsweise einer dieser Beiträge.
Eine neue Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zeigt, dass Konsumenten von Stimulanzien wie Amphetamin („Speed“) oder Methamphetamin („Crystal Meth“) von sehr unterschiedlichen Gruppen konsumiert werden. Karin Truscheit berichtet in ihrem Artikel „Ein Gift für alle Lebenslagen„: »Knapp 400 Konsumenten wurden von Mitarbeitern des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung an der Universität Hamburg unter anderem zu ihren Lebensumständen, ihren Konsumgewohnheiten und ihrem ersten Kontakt zu Rauschgiften befragt. Zwar seien die Aussagen zurückhaltend zu interpretieren, da die Untersuchung keine repräsentative Befragung sei.«

Die unkonventionelle Studie basiert im Wesentlichen auf direkten Gesprächen in Drogenkliniken, Suchtberatungsstellen oder auf Befragungen über Internetforen.

Die Wissenschaftler versuchen eine Typisierung der Konsumentenlandschaft:

»Manche konsumierten nur in der Freizeit, manche für bessere Leistungen in Schule, Ausbildung oder Beruf. Andere hingegen, um mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen besser umgehen zu können. Einige Konsumenten kamen auch aus der „schwulen Party-Szene“, manche hatten Kinder, wieder andere zeigten besonders „riskante Konsumgewohnheiten“. Gründe für den Konsum wie „Erreichen einer Deadline“ oder „viel Arbeit (freelancing) ohne Leistungstief zu erledigen“ wurden von Befragten aus der Gruppe „Beruf“ angegeben. Hier sei auffällig, dass Angaben zu „Crystal“ tendenziell häufiger im Zusammenhang mit schwerer körperlicher Arbeit gemacht wurden, sie kamen also eher von Handwerkern. So gab ein Konsument zu Protokoll, auch „Crystal“ genommen zu haben, „um Leistung zu steigern, besonders im Beruf im Trockenbau und als Küchenhelfer, das war ziemlich anstrengend“ … „Speed“ nannten hingegen tendenziell eher Personen mit kreativen Berufen oder Bürotätigkeiten … Viele Konsumenten sagten, die Rauschgifte für exzessives Tanzen und „Partymachen“ zu brauchen …«

Den Link von Crystal und Speed zur Arbeitswelt verfolgen Corinna Budras und Nadine Bös in ihrem Artikel „Kollegen auf dem Crystal-Trip„:

»Noch immer ist allerdings Cannabis die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Droge. 4,5 Prozent der Erwachsenen haben diese Substanz im vergangenen Jahr konsumiert, wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung im November berichtete. Danach sind Kokain mit 0,8 Prozent und Amphetamine wie Speed mit 0,7 Prozent am weitesten verbreitet. Konkrete Zahlen über den Konsum von Crystal liegen noch nicht vor, aber schon die Nachricht über den gedankenlosen Einsatz im Büro oder „auf Montage“ ist alarmierend. Denn die synthetische Droge gehört zum Härtesten, was der Markt derzeit zu bieten hat.«

Burdas und Bös führen mit Blick auf den Konsum von Chrystal Meth weiter aus:

»Puls, Blutdruck und Körpertemperatur steigen an, die Pupillen sind erweitert. Die Droge löst Euphorie und ein gesteigertes Selbstbewusstsein aus, vor allem aber erhöht sie die Aufmerksamkeit und steigert die Leistungsfähigkeit. Von Schmerz keine Spur.
Das kann man im Job gut gebrauchen, was die Hälfte der Befragten in der ZIS-Studie auch als einen Grund nennt, Crystal Meth zu schniefen oder zu rauchen. Nur so gelingt es manchen, überhaupt noch den gesteigerten Anforderungen im Arbeitsleben gerecht zu werden, für Selbständige bedeutet ein solcher Zuwachs an Leistungsfähigkeit sogar bares Geld.«

Mit Blick auf unsere Arbeitswelt ist dieser Befund interessant: Die bisherigen Klischees über Konsumenten von Drogen kann man getrost über Bord werfen. »Auch der Handwerksmeister im vorgerückten Alter greift zur Leistungssteigerung auch schon mal zu Crystal Meth«, so wird einer der Studienautoren zitiert. Die Studie behauptet eine erkennbare Tendenz: »Wer stark körperlich tätig ist, greift eher zu Crystal Meth. Menschen, die monotone, langweilige Bürotätigkeit zu erledigen haben, etwa über Nacht stundenlange Korrekturen übertragen müssen, versuchen sich die Arbeit dagegen eher mit Speed erträglich zu machen.«

Vor dem Hintergrund der erheblichen Heterogenität der Konsumenten hört sich die Stellungnahme der neuen Drogenbeauftragten passend an: „Wir brauchen vielfältige, zielgruppenspezifische Maßnahmen, um den einzelnen Gruppen gerecht werden zu können“, sagte Marlene Mortler.

Das war dann die Sonntagsrede, zumindest muss man das so einordnen, wenn man auf der anderen Seite das hier zur Kenntnis nehmen muss: „Modellprojekte gegen Heroin und Crystal Meth vor dem Aus„, so ein Artikel von Heike Haarhoff in der taz. Schauen wir uns also die Realitäten jenseits der Sonntagsreden an: »Die Sucht- und Drogenpolitik der Bundesregierung wird Opfer der Haushaltskonsolidierung: Um 500.000 Euro will die Koalition in diesem Jahr die Ausgaben für Modellprojekte und Forschung zum Suchtmittelmissbrauch kürzen. 2013 standen hierfür noch 3,4 Millionen Euro zur Verfügung … Sinken sollen zudem die Zuschüsse an Verbände – um 160.000 Euro gegenüber 2013 auf künftig 840.000 Euro. Aufgestockt werden bloß die Mittel für Aufklärung: um 300.000 Euro auf künftig 7,5 Millionen Euro.«
Nun wird der eine oder die andere sagen – das sind doch überschaubare Beträge. Also ein Versuch der Einordnung:

»Was in absoluten Zahlen nach geringen Summen klingt, trifft Forscher und Projekte empfindlich. Denn insgesamt stehen für die Drogenpolitik nur noch 11,2 Millionen Euro zur Verfügung. Zum Vergleich: 2010, kurz nach dem Start der damaligen schwarz-gelben Regierung, waren es noch 13,4 Millionen Euro. Projekte und Studien, etwa zu Alkohol-, Crystal- oder Heroinmissbrauch, sind bedroht. Denn die Bundesmittel sind für sie die einzige Finanzierungsmöglichkeit. In den Ländern existieren keine vergleichbaren Töpfe.«

In keinem Bereich werde so stark gekürzt wie in der Drogenprävention, so die Kritik der Grünen. Und nicht nur mit Blick auf die Gelder für Projekte: »Der seit Jahresanfang amtierenden Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) stehen fünf Mitarbeiter zur Verfügung; ihre Vorgängerin, Mechthild Dyckmans (FDP), hatte neun Beschäftigte.«

Da hat sich jemand rasieren lassen.

Aber das scheint die gute Dame auch nicht besonders zu belasten, ist sie doch zu dem neuen Job gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde:

»Dem agrarpolitischen Fachmedium „top agrar“ verriet die Bundestagsabgeordnete, zugleich Vorsitzende des Arbeitskreises Landwirtschaft der CSU-Landesgruppe, unlängst: „Agrarpolitik bleibt ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit.“ Etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit, so Mortler, werde sie diesem Thema widmen.«

Dann soll sie sich wenigstens für eine Legalisierung des Hanfanbaus in den ländlichen Regionen unseres Landes einsetzen, sie kann das ja als agrarpolitisches „Neuland“ verkaufen. Sinnvoller als die Verschandelung der Kulturlandschaft mit endlosen Rapsfeldern wäre das auf alle Fälle. 

Von dem (eigentlichen) Mehrheitsthema Drogen und Sucht, der Nicht-Debatte darüber und den Erfolgen derjenigen, die an legaler Suchtbefriedigung gut verdienen

Es gibt sozialpolitische Themen, die ganz oben auf der Agenda der Politik stehen – nehmen wir als prominentes Beispiel hierfür die Rente. Und es gibt Themen, die man als „Kellerkinder“ der offiziellen Sozialpolitik bezeichnen muss. Zumeist tauchen die aber auch in der Berichterstattung kaum oder gar nicht (mehr) auf oder wenn, dann in einer punktuellen und überwiegend skandalisierenden Art und Weise. Zu diesen Kellerkindern der Sozialpolitik gehört leider alles rund um die Themen Drogen und Sucht. Obgleich man nun wirklich nicht sagen kann, dass diese Themen nur eine verschwindend kleine Minderheit betrifft, das Thema Drogen und Sucht durchzieht unsere Gesellschaft in millionenfachen Ausformungen und manifestiert sich in den damit verbundenen Schicksalen. Jede Familie ist davon betroffen, auch viele so genannte „Leistungsträger“ haben ein „Suchtproblem“. Oder gleich mehrere. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb?) gibt es in Deutschland von der Fach- und Betroffenenszene abgesehen keine wirklich relevante sucht- oder gar drogenpolitische Debatte, die breit aufgestellt ist. Das hat nicht nur, aber sicher auch damit zu tun, dass wir es hier mit einem sehr heterogenen Themenfeld zu tun haben, denn die Sucht kann sich auf vieles erstrecken – von den stofflichen Abhängigkeiten bis hin zur Arbeit oder dem Kaufen. Oder dem Internet, in dem auch dieser Blog zu finden ist. Eine wie auch immer geartete „Online-Abhängigkeit“ scheint zumindest als Thema erkannt worden zu sein, während man alle anderen Formen des Suchtverhaltens und der Drogenproblematik schlichtweg wegdefiniert – also zumindest ist das im vorliegenden Koalitionsvertrag so.

Denn schaut man in den Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und der SPD hinein und prüft den Text auf den Terminus „Sucht“, dann wird man genau einmal fündig: Auf der Seite 143 steht geschrieben:

»Wir sehen neben den Chancen der Digitalisierung auch die Risiken. So wollen wir Präventions- und Beratungsangebote zu online basiertem Suchtverhalten bundesweit ausbauen und wissenschaftlich begleiten.«

Das haut einen jetzt wirklich nicht vom Hocker bzw. es verschlägt allen, die sich mit dem Themenfeld Drogen und Sucht und den damit verbundenen Herausforderungen beschäftigen,  schlichtweg die Sprache ob der offensichtlichen Ignoranz auf Seiten der offiziellen Politik.
An dieser Stelle würde es sich förmlich aufdrängen, im Windschatten der aktuellen internationalen drogenpolitischen Entwicklungen – man denke hier an die Legalisierungsbestrebungen und -aktivitäten in lateinamerikanischen Staaten oder der Marihuana-Legalisierung in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten – auf die spannenden Vorschläge für eine Entkriminalisierung und eine regulierte Legalisierung des Drogenkonsums auch bei uns in Deutschland einzugehen. Stellvertretend für die Vorstöße in diese Richtung sei hier auf die folgende, wirklich lesenswerte Zusammenstellung verwiesen, die man als PDF-Datei abrufen kann:

Heino Stöver und Maximilian Plenert: Entkriminalisierung und Regulierung. Evidenzbasierte Modelle für einen alternativen Umgang mit Drogenhandel und -konsum, Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2013

Eine fundierte Übersicht über die Entkriminalisierungs-, Legalisierungs- und Regulierungsdebatte vermittelt auch der Sammelband von

Ralf Gerlach, Heino Stöver (Hrsg.): Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten – Legalisierung von Drogen, Frankfurt: Fachhochschulverlag, 2012

Um es deutlich zu sagen: Diese Debatte hat das „Ghetto“ von am Rande oder gar außerhalb der Gesellschaft stehenden Strömungen verlassen und erobert seit Jahren die „seriöse“ Debatte inmitten der Gesellschaft – stellvertretend hierfür sei auf den beeindruckenden Vorstoß von Strafrechtsprofessoren für eine Legalisierung in Deutschland hingewiesen: »Drogenkonsum ist bei uns strafbar. Fast vierzig Prozent aller deutschen Strafrechtsprofessoren erklären diese Konzept jetzt als „gescheitert, sozialschädlich, unökonomisch“. Sie fordern: Legalize it!«, so berichtete es Oliver Tolmein in seinem Artikel „Auch Ernst Jünger würde sich freuen“ in der  FAZ am 16.12.2013.

Aber in diesem Blog-Beitrag soll es gar nicht um diese grundsätzlichen Fragen einer wirklichen Drogenpolitik gehen, so notwendig diese auch wäre, sondern um ein viel profaner daherkommendes Thema: Um die angedeutete Nicht-Thematisierung in der Vertrags- und Gedankenwelt der Großen Koalition und zugleich um den handfesten Erfolg der Lobby derjenigen, die jeden Tag eine Menge Geld verdienen mit der Sucht und von den Süchtigen. Und das hier anzusprechende Fallbeispiel betrifft auch nicht die üblichen Verdächtigen, also auf der legalen Seite des Drogengeschäfts die Tabak- oder Alkoholindustrie bzw. auf der illegalen Seite die Chrystal Meth-Produzenten in Tschechien oder die Kartelle des organisierten Verbrechens.

Sondern es geht um Glücksspiel-Sucht und Spielhallen. Von den letzteren gibt es überall welche und in vielen Innenstädten immer mehr davon, wie jeder weiß, der offenen Auges durch unsere Städte läuft.

»Für viele ist das Glücksspiel ein harmloses Freizeitvergnügen. Für andere wird daraus bitterer Ernst: sie werden abhängig vom Glücksspiel und ruinieren sich und ihre Familien.« Mit diesen trockenen Worten umschreibt ein Verband ein Thema, der es wissen muss: der Fachverband Glücksspielsucht (tags). Ebenfalls einschlägig der „Arbeitskreis gegen Spielsucht„.  Nach einer Untersuchung der Universitäten Greifswald und Lübeck sind geschätzt rund 193.000 Menschen in Deutschland pathologisch spielsüchtig. In Deutschland soll es je nach Studie zwischen 100.000 und 290.000 Betroffene von Glücksspielsucht geben:

»Die Gesamtzahl der pathologischen Spieler in Deutschland wurde in insgesamt sieben Erhebungen ermittelt, von denen drei durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) veranlasst wurden: 100.000 …, 103.000 …, 242.000 …, 290.000 … und 193.000 …, was Prävalenz-Raten von 0,19% bis 0,56% in den untersuchten Altersklassen (14, 16 bzw. 18 bis 64 bzw. 65 Jahre) entspricht. 2011 wurden in zwei Studien Prävalenz-Raten von 0,23% (TNS-Emnid) … bzw. 0,49% (BZgA)… ermittelt.«

Jetzt aber zum eigentlichen Thema Glücksspiel-Lobby, konkreter: zur Spielautomaten-Lobby. Über deren Erfolge im Kampf gegen eine zu enge Regulierung dessen, was sie tun, beschriebt Timot Szent-Ivany in seinem Artikel „Punktsieg für die Glücksspiel-Industrie„. Er schreibt:

»Wenn es um die Interessen der Glücksspiel-Industrie geht, kennt Cheflobbyist Paul Gauselmann kein Pardon: Die Politik wolle die Branche vernichten, doch „diesen Krieg werden wir gewinnen“ – so macht der Chef des Marktführers Merkur und Spitzenmann des Verbandes der Automatenindustrie seinen Kollegen Mut.«

In der Vergangenheit hat man sich bei diesem Anliegen immer auf die FDP verlassen können, aber die ist ja nun vom Wähler versenkt worden – und eigentlich könnte die Große Koalition nun einen neuen Anfang machen bei der von vielen Fachleuten empfohlenen, aber nicht umgesetzten Regulierung dieses Gewerbes. Warum aber findet man dann im Koalitionsvertrag keinen einzigen Hinweis auf suchtpolitische Aktivitäten und damit auch nichts zur Glücksspielsucht? In dem Artikel wird das in einem Zitat verdichtet: „Da klar war, dass es bei diesen Themen Streit geben wird, haben wir es lieber gleich gelassen.“ Dabei besteht gerade hier Handlungsbedarf:  „Die Branche lebt nicht von den Gelegenheitsspielern, sie lebt von den Spielsüchtigen“, wird der Glücksspielexperte Gerhard Meyer von der Universität Bremen zitiert. Dazu auch der Artikel „Zocken bis zum Zusammenbruch“ von Jens Lubbadeh. Szent-Ivany nennt in seinem Artikel den oberen Wert für die Zahl der krankhaft Spielsüchtigen (250.000) und weist darauf hin, dass weitere 250.000 Menschen ein „problematisches“ Spielverhalten aufweisen, was als Vorstufe zum unkontrollierten, zwanghaften Spielen gilt.

Wie ist es eigentlich zu dem Boom an Spielhallen gekommen? Ist dieser Bereich nicht hoch reguliert? Auch hier wieder trifft man Ergebnisse, die von der früheren rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder produziert worden sind. Timot Szent-Ivany hierzu:

»Es war interessanterweise die SPD, die 2005 am Ende der Regierungszeit von Kanzler Gerhard Schröder der Branche einen goldenen Boden bereitete. Durch die von Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement forcierte Änderung der sogenannten Spielverordnung wurde der Markt liberalisiert, was zu einem regelrechten Boom führte. Die Zahl der aufgestellten Automaten stieg zwischen 2005 und 2012 um satte 45 Prozent auf 265.000, eine ähnliche Wachstumsrate gab es bei der Zahl der Spielhallen. Der Bruttospielertrag – das ist die Differenz zwischen Spieleinsätzen und den ausgezahlten Gewinnen – stiegt um 87 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro.«

Und jetzt werden wir Zeugen eines Vorgangs, den man immer wieder lernt, wenn man sich kritisch mit Regulierung(sversuchen) auseinandersetzt. Eine vielleicht sogar wirklich gut gemeinte Regulierung zum Schutz vor etwas wird durch schnelle Anpassungsreaktionen nicht nur unterlaufen, sondern oftmals in das Gegenteil verkehrt.

Es geht hier um die Spielverordnung, in der man tatsächlich auch konkrete Maßnahmen implementierte, um Sucht zu verhindern und Süchtige zu schützen:
Vorschriften zur Spieldauer (mindestens fünf Sekunden), zum Höchsteinsatz pro Spiel (20 Cent), zum Maximalverlust (80 Euro pro Stunde) und Höchstgewinn (500 Euro pro Stunde).
Aber die Industrie gebar sofort Ausweichstrategien, um diese Restriktionen umgehen bzw. aushebeln zu können: Sie erfand das Punktespiel.

»Steckt man heutzutage Münzen in einen beliebigen Geldspielautomaten, wird der Betrag sogleich in Punkte umgerechnet: ein Cent gleich ein Punkt. Anschließend wird um die Punkte gespielt, nicht mehr um Geld. „Damit werden alle Vorschriften ausgehebelt“ … Schließlich gelten alle Regeln für das Spiel um Geld, nicht um Punkte. Damit darf das Spiel im Sekundentakt ablaufen und es sind Einsätze von 200 Punkten (gleich zwei Euro) möglich. „Es ist ein Skandal, dass sich der Gesetzgeber diese Trickserei gefallen lässt und nichts dagegen tut“ …«

Jetzt wird es richtig politisch, denn zwischenzeitlich hat sich sehr wohl was getan: »… der von SPD und Grünen dominierte Bundesrat sorgte im Sommer für eine substanzielle Änderung der Verordnung. Er stimmte ihr nur unter der Bedingung zu, dass das Punktespiel verboten wird. Damit die Industrie die Vorschrift nicht wieder umgehen kann, bemühten sich die Länder um eine wasserdichte Regelung: „Ein Spiel beginnt mit dem Einsatz des Geldes, setzt sich mit der Bekanntgabe des Spielergebnisses fort und endet mit der Auszahlung des Gewinns beziehungsweise der Einstreichung des Einsatzes.“« Wunderbar, denn mit einer Neuauflage von Rot-Grün hat es zwar nicht geklappt, aber das Wirtschaftsministerium, der bisherigen FDP-geführten Wagenburg der Interessen der Glücksspiel-Industrie sitzt ja nun Sigmar Gabriel und der kann das ja jetzt umsetzen, was übrigens nur konsequent wäre, denn schließlich hatte die SPD zuletzt in der Opposition einen konsequenten Spielerschutz und explizit auch ein Verbot des Punktespiels gefordert.
Einen Haken hat die Sache natürlich noch: Die SPD braucht die Zustimmung des Koalitionspartners CDU/CSU. Und die könnte sich sehr schwer tun, dem armen Herrn Gauselmann und seinen Zunftbrüdern weitere Zügel anzulegen.

»2012 zum Beispiel verlieh der CDU-Wirtschaftsrat dem Parteimitglied Gauselmann eine Ehrenurkunde für seine Verdienste um die „Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft“.«

Wieder einmal zeigt sich, dass es sich auszahlen kann, nur an möglichst vielen Stellen die Finger im Spiel zu haben. Und so endet der Artikel von Timot Szent-Ivany mit den Worten:

»Und so heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium sehr zurückhaltend, man prüfe weiterhin, wie man nun mit dem Votum des Bundesrates umgehe. Die bisherige Bewertung zeige aber, dass der Beschluss der Länderkammer „zahlreiche technische und rechtliche Fragen“ aufwerfe.«

Für Herrn Gauselmann besteht Anlass genug, den Jahreswechsel optimistisch zu feiern und weiterhin werden viele anonyme Glücksspiel-Biografien in Zerrüttung enden.

Nur damit abschließend kein Missverständnis entsteht: Es geht nicht darum, dass hier dafür plädiert wird, Glücksspiel zu verbieten (was genau so scheitern würde wie die anderen Ansätze bzw. Versuche einer  Prohibitionspolitik). Aber gerade wenn man ein Vertreter einer weitgehenden Legalisierung und eines möglichst rationalen Umgangs mit Suchtverhalten ist, dann bedeutet das gerade nicht, dass man verzichtet auf Regulierung und zuweilen auch auf eine sehr enge Regulierung. Und wenn es gute Argumente gibt, zu denen ein umfassender Konsumentenschutz gehört, dann kann das Spektrum von einer staatlichen Produktion und Abgabe von Heroin für schwer suchtkranke Menschen bis hin zu einem sehr engen Regelungskorsett für Glücksspielautomaten reichen.

Des einen Leid, des anderen Freud und für viele (wahrscheinlich) ganz normal: Arbeit, Sucht und die Zahlen darum herum

Immer diese Zahlen, mag der eine oder die andere gedacht haben bei der Berichterstattung über neue Daten zu der Entwicklung von Suchterkrankungen, ihren Folgekosten und der – angeblichen – Verursachung durch die Arbeit, worüber nun heftig diskutiert wird.

Der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) haben den „Fehlzeiten-Report 2013“ veröffentlicht und die  Pressemitteilung dazu überschrieben mit „Keine Entwarnung bei Suchterkrankungen – neue Suchtmittel auf dem Vormarsch„: »Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage, die durch die Einnahme von Suchtmitteln verursacht wurden, ist in den letzten zehn Jahren um rund 17 Prozent angestiegen: Von 2,07 Millionen Fehltagen im Jahr 2002 auf 2,42 Millionen Fehltage im Jahr 2012. Alkoholkonsum und Rauchen sind laut Fehlzeiten-Report 2013 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) die Hauptursachen. Experten sehen aber auch einen Trend zu einer verstärkten Einnahme von leistungssteigernden Mitteln.« Da werden zwei Dinge miteinander vermengt, die man erst einmal auseinanderhalten sollte.

Die Daten zeigen auf der einen Seite einen Anstieg der vor allem alkoholbedingten Ausfalltage bei den AOK-versicherten Arbeitnehmern, gemessen an den Fehltagen. Fast 44 Prozent aller suchtbedingten Arbeitsunfähigkeitsfälle entfallen auf Alkoholkonsum. Allein die Kosten von Alkohol- und Tabaksucht belasten die deutsche Wirtschaft jährlich mit etwa 60,25 Milliarden Euro, so wird Uwe Deh zitiert, Geschäftsführender Vorstand beim AOK-Bundesverband.

Bereits einen Tag vorher hat die Techniker Krankenkasse (TK) anlässlich der Vorstellung ihres „Gesundheitsreport 2013. Berufstätigkeit, Ausbildung und Gesundheit“ mitgeteilt, dass alkoholbedingte Ausfälle in den letzten Jahren enorm zugenommen hätten. Laut den jüngsten TK-Daten gab es bundesweit im vergangenen Jahr 1,8 Millionen alkoholbedingte Fehltage. Diese Zahl ergebe sich, wenn die rund 236.000 Krankheitstage durch Alkohol bei der TK bundesweit hochrechnet werden. Und die TK stellt expressis verbis einen Zusammenhang her mit der Arbeitswelt: »Deutschland ist verhältnismäßig gestresst. Wie der aktuelle Gesundheitsreport der TK zeigt, sind es nicht nur Arbeitspensum, ständige Erreichbarkeit und Überstunden, die für Stress unter Deutschlands Berufstätigen sorgen, sondern vor allem die Verhältnisse, unter denen sie arbeiten. Der Report zeigt, dass vor allem diejenigen unter psychischen Belastungen leiden, die befristet, in Teilzeit oder in Leiharbeit beschäftigt sind, sowie diejenigen, die durch Familie und Beruf mehrere Rollen gleichzeitig erfüllen müssen. Insgesamt haben auch in 2012 psychisch bedingte Fehlzeiten weiter zugenommen. Sie machen mittlerweile über 17 Prozent aller Fehlzeiten aus, das heißt, jeder sechste Krankschreibungstag läuft unter einer psychischen Diagnose.«

Da will die AOK und ihr WIdO nicht nachstehen, also schreiben sie:

»Einen detaillierten Einblick in den Umfang von Süchten in der Arbeitswelt ermöglicht eine aktuelle Studie des WIdO für den Fehlzeiten-Report. Über 2.000 Erwerbstätige zwischen 16 und 65 Jahren wurden dafür nach ihren Belastungen am Arbeitsplatz sowie den Umgang mit ihrer Gesundheit befragt. Es zeigte sich, dass 5,3 Prozent der Befragten täglich Alkohol konsumieren. Der Anteil der Männer liegt dabei mit 8,9 Prozent fast viereinhalbmal über dem der Frauen (2 Prozent). Unabhängig vom Geschlecht steigt die Wahrscheinlichkeit eines regelmäßigen Alkoholkonsums mit dem Bildungsstand.«

Bereits an dieser Stelle könnte man innehalten und sich fragen: Warum steigt der regelmäßige Alkoholkonsum mit steigendem Bildungsgrad, wenn denn der Arbeitswelt eine offensichtliche Kausalität für das suchtförmige Verhalten zugeschrieben wird? Ist es nicht so, dass bei anderen Krankenstandsanalysen immer wieder gefunden und herausgestellt wird, dass gerade bei den höher qualifizierten Arbeitnehmern der Krankenstand deutlich niedriger sei als bei denen, die auf Arbeitsplätzen arbeiten müssen, die nur wenig oder gar keine Spielräume eröffnen? Man könnte an dieser Stelle die These wagen, dass der Stress und die psychische Belastung der Arbeitnehmer mit steigendem Qualifikationsniveau zunimmt und damit auch die Suchtgefahren für die davon betroffenen Arbeitnehmer. Aber ebenso ließe sich die Hypothese formulieren, dass möglicherweise die Ursache für die Suchterkrankungen und die in der Arbeitswelt gemessenen Auswirkungen in Form von Fehltagen ganz woanders liegen, nicht aber in der Arbeitswelt, beispielsweise in individuellen Dispositionen oder familiären Konfliktlagen. Da es sich bei Suchterkrankungen zumeist um ein multifaktorielles Geschehen handelt, liegt die Vermutung nahe, dass sich die Wahrheit wieder einmal irgendwo in der Mitte befindet.

Nun könnte die Zunahme der Fehltage auch darin begründet sein, dass die Betroffenen länger krank sind, wenn sie denn mal als krank identifiziert werden. Aber für Teile der Berichterstattung ist die Sachlage klar: „Immer häufiger Suchtprobleme bei Arbeitnehmern“, so beispielsweise die „Berliner Zeitung“. Und weiter: »Stress ohne Abschalten, anhaltender Druck, Jobängste – die anstrengende Arbeitswelt kann den Griff zur Flasche oder zu anderen Suchtstoffen befördern. Die AOK legt neue Zahlen vor.«

Etwas anders stellt sich die Situation dar, wenn es um die Verwendung leistungssteigernder, aufputschender Mittel für die Arbeit geht, kann man hier doch von einer engeren kausalen Verknüpfung ausgehen. Die „Berliner Zeitung“ schreibt hierzu: »Umfangreiche Studien über den Gebrauch von aufputschenden Mitteln im Job sind in Deutschland bisher Mangelware. Allerdings stand der DAK-Gesundheitsreport 2009 unter dem Motto «Doping am Arbeitsplatz»: In einer Umfrage unter 3000 Arbeitnehmern gaben fünf Prozent an, Substanzen zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit oder des Wohlbefindens zu konsumieren, zwei Prozent seien regelmäßige «Doper» am Arbeitsplatz.«

Vergleichbare Befunde hat jetzt auch der neue „Fehlzeiten-Report“ von AOK und WIdO präsentiert:

»Andere Süchte wie die Einnahme leistungssteigernder Substanzen gewinnen aber – ausgehend von einem geringen Niveau – an Bedeutung. „Um berufliche Stresssituationen zu bewältigen, haben nach unserer Befragung immerhin fünf Prozent der Arbeitnehmer in den letzten zwölf Monaten Medika- mente wie beispielsweise Psychopharmaka oder Amphetamine zur Leistungssteigerung bei der Arbeit eingenommen. Bei den unter 30-Jährigen trifft dies immerhin auf jeden Zwölften zu“, sagte Helmut Schröder, Stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. „Die Dunkelziffer dürfte noch erheb- lich größer sein, denn Studien zeigen, dass viele Menschen bereit sind, bei hoher Arbeitsbelastung stimulierende Mittel einzunehmen.“«

Immer wieder also tauchen diese fünf Prozent auf – was anderseits aber eben auch bedeutet, ohne die Problematik damit klein reden zu wollen, dass 95% der Arbeitnehmer ihren Job ohne solche Doping-Methoden schaffen. Das sind doch wesentlich erfreulichere Werte als wir sie im Sport, geschweige denn im Radsport sehen müssen.