Soziale Selektivität der Hochschulen: Beim „Bildungstrichter“ kommen von denen, die oben reinkommen, unten teilweise nur ganz wenige raus. Und man muss sich hier unten als oben denken

Der „Bildungstrichter“ wird seit vielen Jahren immer wieder gerne zur Illustration der Tatsache verwendet, dass der Zugang zu Bildungseinrichtungen, vor allem zu den Hochschulen und der dort stattfindenden akademischen Ausbildung, eben nicht gleichverteilt ist über die jungen Menschen. Vor allem ist der Zugang zu diesen Bildungseinrichtungen eben nicht unabhängig vom Elternhaus, aus dem sie kommen.

Eine der Kernaussagen, die man beispielsweise auf den Seiten des Deutschen Studentenwerks (DSW) finden kann, liest sich so:»Deutschlands Hochschulsystem ist geprägt von starker sozialer Selektivität. Das zeigt der „Bildungstrichter“ aus der 20. Sozialerhebung: Von 100 Akademiker-Kindern studieren 77. Von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen hingegen nur 23 den Sprung an die Hochschule.«

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Wenn die Fundamente bröckeln: Für Berufsschulen werden händeringend Lehrkräfte gesucht. Auch vielen Grund- und Förderschulen gehen die Lehrer aus

Die älteren Semester werden sich noch an die 1980er und 1990er Jahren erinnern, als man ein Lehramtsstudium als fast sichere Eintrittskarte in die Arbeitslosigkeit bzw. in die Karriere als Taxifahrer oder Gastwirt etikettiert hat. Aber das waren eben auch Zeiten, in denen man selbst von einer „Ärzteschwemme“ gesprochen hat, weil es zu viele Mediziner gab, die wie viele andere damals auch in langen Warteschlangen auf dem Arbeitsmarkt ihr individuelles Glück suchen bzw. mit viel Ellbogeneinatz erkämpfen mussten. Die geburtenstarken Jahrgänge strömten auf den Ausbildungsmarkt, in die Hochschulen und dann als Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Mittlerweile sind die Angehörigen der „Baby Boomer“-Generation über 50 und stellen (noch) die Mehrheit der Beschäftigten in den Betrieben.

Auf dem Arbeitsmarkt hingegen haben sich die Angebots-Nachfrage-Relationen ganz erheblich verschoben, zugunsten vieler Arbeitnehmer (von denen die meisten diesen fundamentalen Wandel der Marktbedingungen noch gar nicht realisiert haben). Auch wenn man äußerst vorsichtig sein sollte bei der Verwendung des Begriffs „Fachkräftemangel“, unter dem Arbeitgeber naturgemäß etwas anderes verstehen als Arbeitnehmer, so lässt sich doch mit Blick in einzelne Bereiche nicht wirklich leugnen, dass wir mit einem teilweise erheblichen Mangel an bestimmten Fachkräften konfrontiert sind. Für viele Menschen wird das derzeit beispielsweise mehr als offensichtlich im Bereich des Handwerks. Dort kann man immer öfter froh sein, wenn man überhaupt an einen Termin kommt – und der hat dann eine Wartezeit wie die bei Orthopäden oder Augenärzten. Bei den Handwerkern gibt es wie immer bei solchen komplexen Themen mehrere Gründe, vor allem das rückläufige Interesse an einer handwerklichen Ausbildung bei den an sich schon weniger werdenden jungen Menschen, aber wir ernten jetzt auch die Früchte des jahrelangen unterlassenen Tuns, also das zu wenig ausgebildet wurde, als es noch viele Bewerber gab. Die fehlen jetzt natürlich vorne und hinten, vor allem angesichts der vielen älteren Handwerker und Facharbeiter, die sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden. Auch in der Pflege und bei den Erzieher/innen – also Berufen, die in expandierenden Arbeitsfeldern unterwegs sind – wird immer häufiger personalmäßig Land unter gemeldet (zu den Fachkräften in der Kindertagesbetreuung vgl. den Beitrag Die Vergessenen in real existierenden Kita-Welten. Von einem löchrigen Rechtsanspruch, schon heute und demnächst so richtig fehlenden Fachkräften und ja, dem Kindeswohl vom 7. März 2018)

Dabei wird der heute bereits beklagte, angesichts der ansteigenden Nachfrage aber noch deutlich zunehmende ungedeckte Personalbedarf bereits für die Aufrechterhaltung einer reinen Betreuungsfunktionalität der Kitas zu einem Problem. Gemäß des frühpädagogischen Dreiklangs aus Betreuung, Bildung und Erziehung sollte es aber nicht nur um eine reine Parkfunktion für die Kinder gehen. Folgt man den vielen seit Jahren vorliegenden Befunden über die besondere weichenstellende Bedeutung der frühkindlichen Bildung (und Bindung) in den ersten sechs Lebensjahren, dann müsste die Ausstattung dieses Bereichs – vor allem angesichts der ausgeprägten (oftmals wohnbedingten) sozialen Selektivität der Kindertageseinrichtungen – deutlich besser sein als heute und zugleich müsste die Qualität des Personals auf einem hohen Niveau angesiedelt sein. Insgesamt wird man zu dem Ergebnis kommen müssen, dass gerade in diesem Bereich, in denen die Fundamente für die späteren Bildungsbiografien gelegt werden (können), derzeit massiv unterlassene Investitionen zu beklagen sind.

Und ebenfalls von fundamentaler Bedeutung für weitere Entwicklung der jungen Menschen ist der Bereich der Grundschulen. Und auch aus diesem Bereich werden immer öfter Mangelmeldungen abgegeben: Lehrer gesucht! Personalmangel in Schulen, so ist eine Sendung des SWR überschrieben worden: »Vor allem Grund- und Förderschulen gehen die Lehrer aus. Das führt zu Unterrichtsausfall. Oft sind die Schulen auf Quereinsteiger angewiesen. Auch zahlreiche Rektorenstellen sind unbesetzt.« An den Grundschulen fehlen bis zum Jahr 2025 einer aktuellen Studie zufolge rund 35.000 Lehrkräfte, so die Lehrergewerkschaft GEW. Eine Abfrage der GEW-Landesverbände zeigt zudem: Bundesweit konnten an die 2.000 Stellen nicht besetzt werden. Dazu kommen mehrere Tausend Quer- und Seiteneinsteiger.

Aber nicht nur den Grundschulen fehlen Lehrkräfte – auch die Förderschulen melden teilweise Land unter. Und hier kann man auch erkennen, dass die staatliche (Fehl-)Planung mit eine wichtige Ursache für die jetzige Situation ist. So heißt es zu den Lehrkräften an den Förderschulen am Beispiel des Landes baden-Württemberg:

»Bis vor wenigen Jahren noch hat die Landesregierung Studienplätze für Sonderpädagogik sogar abgebaut. Begründung: Durch die Inklusion würden weniger Sonderpädagogen benötigt. Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall. Denn es gibt weiterhin die Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren – kurz SBBZ – die früher Sonderschulen genannt wurden. Parallel dazu gibt es inklusiven Unterricht in Regelschulen. Deshalb brauchte man jetzt sogar mehr Sonderpädagogen als vorher.«

Und hier von besonderem Interesse ist ein weiteres Fundament unseres Bildungssystems: Die beruflichen Schulen, die von zentraler Bedeutung sind im deutschen System der dualen Berufsausbildung sind – darüber hinaus aber auch für vollzeitschulische Ausbildungen und für das sogenannte „Übergangssystem“ (hier können Teilnehmer berufliche Grundkenntnisse erwerben oder einen Haupt- beziehungsweise Realschulabschluss nachholen, um ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern, zuweilen werden sich aber auch schlichtweg geparkt in berufsvorbereitenden Maßnahmen; zu den aktuellen Zahlen diesen Bereich betreffend vgl. auch diese Mitteilung des Statistischen Bundesamtes: Weniger Anfänger bei Bildungsprogrammen im Übergangsbereich im Jahr 2017, immerhin waren es noch 292.000). 
Und während oft über „die“ Schulen berichtet und diskutiert wird, von den Grundschulen bis hin zu den Gymnasien, segeln die Berufsschulen trotz ihrer enormen Bedeutung für unsere Gesellschaft in der Regel im Windschatten der Debatten über die allgemein bildenden Schulen. Allerdings hat diese Schulform ebenfalls und besonders mit Problemen zu kämpfen, zu denen nicht nur ein auch und gerade hier zu beklagender Lehrermangel gehört. Die Herausforderungen in der dualen Ausbildung und damit auch für den Lernort Berufsschule sind vielfältig. Ursächlich hierfür sind die demografischen Entwicklungen, die Digitalisierung, die Akademisierung der beruflichen Bildung, die Aufgaben im Kontext von Inklusion sowie die Integration der jungen Geflüchteten.

Schauen wir uns den so wichtigen Bereich der Berufsschulen als Partner im dualen Berufsausbildungssystem genauer an:
Als dualer Lernortpartner ist die Teilzeit-Berufsschule eine wichtige Säule im Kontext der Ausbildung im dualen System. Sie hat die Aufgabe, die im Rahmenlehrplan verankerten fachtheoretischen Ausbildungsinhalte zu vermitteln und die Allgemeinbildung der Schüler zu vertiefen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn hat vor kurzem eine Studie dazu veröffentlicht:

Monika Hackel et al. (2017): Berufsschule im dualen System – Daten, Strukturen, Konzepte. Wissenschaftliche Diskussionspapiere Heft 185, Bonn 2017

Im Fokus der Studie steht die demografische Entwicklung. Bis 2035 wird ein starker Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert. Dieser Rückgang hat auch Auswirkungen auf die Beschulung dualer Berufsbilder. Im Rahmen der Ordnungsverfahren wird seit einigen Jahren vermehrt geprüft, ob eine Zuordnung von Berufen zu Berufsgruppen möglich ist, um besonders in strukturschwachen Regionen eine gemeinsame Beschulung unterschiedlicher Berufe durchzuführen. Die Studie kommt zu folgenden Befunden (vgl. Hackel et al. 2017: 7-8):
  • Der Rückgang der Schülerzahlen an beruflichen Schulen hat bereits zu Schließungen von Klassen und Teilzeit-Berufsschulen geführt; mit der Konsequenz, dass je nach Ausbildungsgang eine wohnortnahe Beschulung im berufsspezifischen Unterricht zunehmend schwieri­ger wird. Insbesondere Berufsschulstandorte in Ostdeutschland sind betroffen.
  • Im Umgang mit dieser Entwicklung sind sehr unterschiedliche Strategien zu beobachten. Diese reichen von der zentralen Beschulung an einem Berufsschulstandort mit der Möglichkeit differenzierter Klassen bis hin zu einer Favorisierung wohnortnahen Unterrichts mit ho­hem Stellenwert der Binnendifferenzierung bei berufs- oder fachrichtungsübergreifenden Klassen.
  • Im Fall von Berufen mit Fachrichtungen sehen es die Bundesländer zunehmend als schwierig an, im letzten Ausbildungsabschnitt eine spezifische Beschulung nach Fachrichtungen anzubieten.
  • Künftige Lösungsoptionen … könnten möglicherweise die Gestaltung standortübergreifender Schulentwicklungsplanung, die Schaffung von Informations- und Kommunikationsstrukturen, E-Learning-Angeboten, jahrgangsübergreifenden Fachklassen, die Bereitstellung berufsspezifischer Lehr-/Lernkonzepte für einen binnendifferenzierten Unterricht oder finanzielle Förderung darstellen. Die finanzielle Förderung könnte sowohl bei der Ausstattung von Schulen als auch bei der Lehreraus- und -weiterbildung ansetzen.
  • Die Gewinnung von Lehrkräften für den berufsspezifischen Unterricht ist besonders in gewerblich-technischen Berufen ein Problem. Hier sind Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung des Lehramts an Berufsschulen erforderlich.

Der letzte Punkt leitet über zu einer weiteren neuen Studie, die im Auftrag der Lehrergewerkschaft GEW erstellt wurde. Die hat ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit unter dieser Überschrift veröffentlicht, die wieder einmal das offensichtliche Bedürfnis in der Öffentlichkeit nach der einen Zahl befriedigen soll, die man dann gut transportieren kann: Rund 22.000 Lehrkräfte fehlen künftig an Berufsschulen. Die Berufsschulen brauchen der Studie der GEW zufolge bis 2025 knapp 22.000 zusätzliche Lehrkräfte. Wie kommen die darauf? Ein wichtiger Punkt – und abweichend zu den Annahmen der BIBB-Studie, die sich auf die bisherigen Vorausberechnungen der Kultusministerkonferenz (KMK) bezogen hat („Bis 2035 wird ein starker Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert“) – ist die abweichende Modellierung der Schülerzahlen auf der Basis der neuen Studie: Bis 2025 werden fast 340.000 Schülerinnen und Schüler mehr an berufsbildenden Schulen lernen als bisher von der Kultusministerkonferenz (KMK) berechnet, so wird Ansgar Klinger von der GEW zitiert. Bislang ging die KMK von einem Rückgang der Zahl der Schülerinnen und Schüler an Berufsschulen auf gut 2,1 Millionen bis zum Jahr 2025 aus. Wer sich die Studie im Original anschauen will, der wird hier fündig:

Dieter Dohmen (2018): Prognose der Schüler*innenzahl und des Lehrkräftebedarfs an berufsbildenden Schulen bis 2030. Bericht für Gewerkschaft  Erziehung und Wissenschaft  und Max-Traeger-Stiftung, Frankfurt am Main, März 2018

Gerade die Berufsschulen haben hinsichtlich der benötigten Lehrkräfte ein „doppeltes“ Problem. Zum einen brauchen sie entsprechend pädagogisch qualifiziertes Personal, zum anderen aber auch in den einzelnen beruflichen Feldern ausgewiesenes Personal und da konkurrieren sie natürlich mit dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Zur Frage der Lehrkräfte an den Berufsschulen wurde eine andere aktuelle Studie veröffentlicht:

Dietmar Frommberger und Silke Lange (2018): Zur Ausbildung von Lehrkräften für berufsbildende Schulen. Befunde und Entwicklungsperspektiven. Forschungsförderung Working Paper, Nr. 60, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, März 2018

Und eine weitere Studie wurde in diesen Tagen veröffentlicht:

Karin Büchter (2018): Berufsschulen in der dualen Ausbildung und regionalen Wirtschaft. Gleichberechtigte Partnerschaft durch Reformen?, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2018

Diese Aktivitäten deuten darauf hin, dass es eine Menge offene Fragen und Handlungsdruck im System der berufsbildenden Schulen gibt. Mit Blick auf den von der Gewerkschaft GEW angesichts der neuen Studie hervorgehobenen Bedarf an Lehrkräften stellt sich natürlich die Frage: Was tun?

Die GEW fordert die Bundesländer auf, »für mehrere Jahre Quer- und Seiteneinsteiger einzustellen, diese berufsbegleitend nachzuqualifizieren und durch Mentoringprogramme zu unterstützen sowie die Lehramtsausbildung auszubauen.« Dafür seien aber bundesweite Mindeststandards erforderlich. Zudem müssten die Länder ihre Investitionen in die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer für berufliche Schulen an den Hochschulen und im Vorbereitungsdienst erhöhen sowie die Ausbildungskapazitäten hochfahren. Die Gewerkschaft empfiehlt einer länderübergreifende Zusammenarbeit in der Ausbildung von Lehrkräften der beruflichen Schulen.

Das wird nicht ohne Konsequenzen für die erforderlichen Ausgaben bleiben: Allein 2025 müsse die öffentliche Hand mindestens 1,6 Milliarden Euro mehr ausgeben. Davon entfielen gut 1,3 Milliarden Euro auf die Länder und 300 Millionen Euro auf die Landkreise sowie kreisfreien Städte als Schulträger. Und – so die Gewerkschaft – damit könne man nur die derzeit bestehenden Standards halten, mögliche und nötige Verbesserungen sind da noch nicht eingepreist.

Und ewig lockt die Statistik. Was fantastisch viele Ehrenamtliche mit möglicherweise ganz anderen PISA-Ergebnissen zu tun haben

Mit Zahlen kann man Politik machen, ach was: Mit ihnen macht man ganz handfest Politik. Die einen durchforsten unendliche Zahlenkolonnen im Ersatz für die eigentlich zu führenden Gespräche mit den Menschen selbst, die anderen leiten das, was sie sagen, aus dem ab, was ihnen die Zahlen sagen. Und Wissenschaftler lieben die Zahlen sowieso und rümpfen nicht selten die Nase, wenn jemand „empiriefrei“ zu argumentieren wagt, auch wenn er oder sie ganz nah bei den Menschen ist. Das kann man verurteilen, kritisieren und ablehnen, es ändert alles nichts. Wenn die Währungseinheit Statistik ein eigenständiger Machtfaktor geworden ist, dann muss man eben kritisch auf die präsentierten „Daten und Fakten“ schauen, ob sie halten, was sie versprechen. Oder ob durch die Herstellung entsprechender Zahlenwelten Potemkinsche Dörfer aufgebaut werden als Kulisse für eine Zufriedenheitsproduktion.

In diesen Tagen wurde man von zahlreichen Seiten mit erfreulichen Nachrichten aus der Welt des ehrenamtlichen Engagements beglückt, denn am 5. Dezember wird alljährlich der internationale Tag des Ehrenamtes begangen. Da darf es nicht an lobenden Worten fehlen, die in diesem Fall aus der Politik nur zu gerne ausgereicht werden, denn die hat in mehrfacher Hinsicht einen Gewinn vom ehrenamtlichen Tun der vielen Menschen in unserem Land. Und die Politik vermeldet Höchststände beim ehrenamtlichen Engagement in unserem Land. Endlich mal gute Nachrichten.

Dabei gibt es natürlich auch die kritischen Stimmen und Berichte, die vor einer Überhöhung und Instrumentalisierung warnen. „Das Ehrenamt muss als Lückenfüller herhalten“, so ist beispielsweise ein Interview überschrieben mit Maria Ebert, die sich im Medibüro Berlin engagiert, wo sie Menschen ohne Krankenversicherung ärztliche Versorgung vermittelt. Almuth Knigge berichtet aus Bremen, immer wieder vorgetragene Bedenken teilweise bestätigend: Ohne Ehrenamtliche geht wenig: »Viele Millionen Menschen setzen sich in Deutschland für gemeinnützige Zwecke ein. In manchen Bereichen ersetzen sie inzwischen den Staat.« Und bereits im März dieses Jahres wurde die NDR-Dokumentation Ehrenamt unter Druck ausgestrahlt, dessen redaktionelle Beschreibung durch das Zitieren der quantitativen Bedeutung des Ehrenamts gut überleitet zu dem Aspekt, der in diesem Beitrag verfolgt werden soll:

»Man mag sich nicht ausdenken, was ohne das Engagement Zehntausender ehrenamtlicher Helfer, die sich um Flüchtlinge kümmern, geschehen würde. Aber nicht nur bei der Flüchtlingshilfe sind Ehrenamtliche im Einsatz. Sie engagieren sich für Obdachlose, sind in Altenheimen aktiv, arbeiten in Bahnhofsmissionen und Tafeln, im Umweltschutz, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Sportvereinen und vielen anderen Bereichen. Beeindruckend allein die Zahlen. In ganz Deutschland engagieren sich 23 Millionen Menschen ehrenamtlich: In Schleswig-Holstein sind 40 Prozent der über 14-Jährigen ehrenamtlich tätig, in Niedersachsen 41 Prozent und in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern immerhin noch 29 Prozent.«

Da wird der eine oder andere Leser sicher denken, dass das a) eine ganz tolle Sache ist mit dem Engagement, dass aber b) die Engagement-Differenzen zwischen Schleswig-Holstein und  Mecklenburg-Vorpommern ganz erheblich daherkommen. 40 zu 29 Prozent, so hat man es uns mitgeteilt.

Und schon sind wir mittendrin in der Zahlenwelt. Astrid Ehrenhauser hat sich in ihrem Artikel Zu fantastisch, um wahr zu sein kritisch mit der Statistik zum ehrenamtlichen Engagement auseinandergesetzt: »Früher haben sich rund 36 Prozent der Menschen in Deutschland ehrenamtlich betätigt. Jetzt sollen es knapp 44 Prozent sein. 20 Prozent mehr freiwilliges Engagement seit 2009?«
„Science-Fiction“ nennt der Sozialwissenschaftler Roland Roth die servierten Zahlen. Ein starker Vorwurf. Und der Mann ist nicht irgendwer bei diesem Thema, denn er »war sachverständiges Mitglied der Expertengruppe des zweiten Freiwilligensurveys von 2004. Er kritisiert die zwei Millionen Euro teure Umfrage von 2014 scharf. Das Bundesfamilienministerium finanziert die Freiwilligensurveys, die nun zum ersten Mal vom Deutschen Zentrum für Altersfragen durchgeführt und im April 2016 veröffentlicht wurde. Die ersten drei Wellen des Freiwilligensurveys wurden in den Jahren 1999, 2004 und 2009 erhoben.«

Das nunmehr für 2014 ausgewiesene deutlich größere ehrenamtliche Engagement beruht, so die Roth’sche Kritik,  eher „auf veränderten Berechnungsgrundlagen“. Roth wird so zitiert: „Die Standards für Tätigkeiten, die als freiwilliges Engagement gelten sollen, wurden abgesenkt.“ So würden jetzt selbst „Kicken im Park oder das Wandern und Chorsingen im Altenverein als Beispiele für freiwilliges Engagement aufgeführt“. Und andere Studien wie etwa das Sozioökonomische Panel und die Shell-Jugendstudie, sehen diesen drastischen Anstieg nicht.

Was sagen die Kritisierten? Claudia Vogel, Mitherausgeberin der Studie, widerspricht Roth: »Höhere Lebenserwartung und ein „Engagement-Hype“ erklärten den Anstieg. Sie räumt jedoch ein, dass die Definition von Engagement erweitert wurde: So sei Singen im Chor in die Berechnung eingeflossen, „weil es einen Teamcharakter“ habe.«

In nach oben getriebenen Zahlen das Engagement betreffend liegt eine große Gefahr für das ehrenamtliche Engagement: die Politik ruht sich auf den „Erfolgen“ der eigenen Engagementpolitik aus. Roth spricht von einer »Neigung zu Hochglanz, zu postfaktischer Selbstdarstellung.«
Und die Ehrenamtsorganisationen? Sie schweigen, für Roth nicht wirklich überraschend: „Die direkte Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln begünstigt leider eine Kultur, in der Kritik oft nur hinter vorgehaltener Hand vorgetragen wird.“

Ein anderes Beispiel: Heute überschlagen sich die Medien mit Berichten über die neuen PISA-Ergebnisse. Die Befunde aus PISA 2015 (vgl. auch diese Übersichtsseite der OECD) werden von den einen freudig, von den anderen hysterisch und von noch anderen distanziert aufgenommen. Darum soll es hier gar nicht weiter gehen, sondern um die in vielen Berichten vorgenommenen Vergleiche mit den PISA-Vorläuferstudien und der immer wieder gestellten (oft einzigen) Frage: Sind wir jetzt besser oder schlechter geworden oder gleich geblieben? Und wie stehen wir im Ranking mit den anderen Ländern? Das hat die gleiche „Gebt mir eine einzige Zahl“-Qualität wie die punktuelle Frage, wie viele Menschen in Deutschland sind denn arm.
Möglicherweise aber kann man sich die gesamte Vergleicherei mit den früheren Ergebnissen sparen. Warum? Schauen wir auf die Selbstbeschreibung von PISA 2015:

»Im April und Mai 2015 nahmen 253 Schulen mit 10.500 Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland am PISA-Test teil. Die Aufgaben aus den Bereichen Naturwissenschaften (Schwerpunkt), Mathematik, Lesen sowie Problemlösen im Team werden weltweit von Schülern in 73 Ländern bearbeitet.
Bei PISA 2015 werden nach 2006 zum zweiten Mal die naturwissenschaftlichen Kompetenzen der 15-jährigen Schülerinnen und Schülern als Schwerpunkt getestet. Das bedeutet, dass ein Großteil der Testaufgaben aus dem Gebiet der Naturwissenschaften stammt und jeweils ein kleinerer Teil zu den Bereichen Lesekompetenz und Mathematik gehört.«

So weit, so bekannt. Am man sollte weiterlesen:

»Neu ist, dass die Testaufgaben komplett computerbasiert bearbeitet werden. Dies gilt auch für die in dieser PISA-Runde enthaltenen übergreifenden Kompetenzen des Problemlösens im Team. Die Jugendlichen müssen hier am Computer Problemlöseaufgaben bearbeiten, in denen sie nicht auf sich allein gestellt sind, sondern virtuell Mitschüler oder Partner haben.«

Marcel Grzanna hat sich in seinem Artikel Computer statt Papier mit dieser grundlegenden Veränderung der Vorgehensweise bei PISA genauer beschäftigt. Die Ergebnisse der jüngsten internationalen Schülervergleichsstudie basieren erstmals auf einer digitalen Erhebung. Das eröffnet den Forschern ganz neue Möglichkeiten, die sie vorher nicht hatten, denn sie können Zusatzinformationen sammeln. Zum Beispiel darüber, wie lange die 15-Jährigen brauchen, um einzelne Aufgaben zu bewältigen.

»Allerdings stellt sich auch die Frage, ob die aktuelle Pisa-Studie mit den früheren überhaupt noch vergleichbar ist.« Diese Frage ist mehr als berechtigt und eben nicht nur ein methodischer Nebenaspekt. Wenn man sich die folgenden Erläuterungen von Grzanna durchliest, dann wird einem klar, dass hier massive Veränderungen am Testverfahren vorgenommen worden sind:

„Durch das neue Verfahren wird der Test authentischer und dynamischer. Wir wollen Kompetenzbereiche erfassen, die man nur sehr schwer mit handschriftlichen Verfahren erreichen kann“, sagt Andreas Schleicher, Chef der OECD-Direktion Bildung und Kompetenz in Paris. Ein Teil der Aufgaben stützt sich jetzt auf die Interaktion der Schüler mit der Software, besonders im Bereich Naturwissenschaften. Die Jugendlichen konnten bei manchen Aufgaben verschiedene Varianten ausprobieren und bekamen vom System eine Reaktion auf ihre Versuche. Daraus konnten sie neue Schlüsse ziehen, um schließlich ihre Antworten zu formulieren.
Durch die Interaktion mit der Software können die Forscher die Schüler auf ihrem Lösungsweg begleiten und besser verstehen, was in deren Köpfen vorgeht. Neu ist auch, dass Fragen nicht mehr zurückgestellt werden können. Das System fordert eine sofortige Bearbeitung und registriert, wie lange ein Schüler an einer Aufgabe tüftelt. Jeder Mausklick wird gespeichert.

Nun handelt es sich um seriöse Wissenschaftler und denen war im Vorfeld natürlich schon klar, dass das neue Vorgehen vielleicht nicht in allen der 73 teilnehmenden Ländern unter gleichen Bedingungen durchgeführt werden kann, was sie dann auch getestet haben. Mit diesem Ergebnis: »Es stellte sich heraus, dass die Kinder in manchen Ländern schneller unkonzentriert wurden, weil Computer und Bildschirme veraltet waren. Nachteile hatten auch Schüler aus Ländern, in denen Jugendliche es nicht gewohnt sind, am Computer zu arbeiten, und deshalb mehr Mühe haben, digitale Texte zu lesen und zu verstehen. Mancherorts kam es auch vor, dass die Internetleitung zusammenbrach oder der Strom ausfiel.«

Und welche Konsequenz hat man daraus gezogen?

»Um eine Verzerrung der Resultate wegen äußerer Faktoren zu vermeiden, wurden die Aufgaben nur in 58 der 73 Teilnehmerländer digital gestellt. In den anderen Staaten lösten die Schüler die Aufgaben weiterhin auf Papier.«

Da liegt dieser Hinweis mehr als nahe: »Experten warnen davor, die neue Rangliste mit der aus dem Jahr 2012 direkt zu vergleichen und aus möglichen Verbesserungen oder Verschlechterungen bei der Platzierung vorschnell Schlussfolgerungen zu ziehen … Der Anschluss an die Ergebnisse aus dem Jahr 2012 könne nicht reibungslos funktionieren, weil eine neue Form des Arbeitens hinzugefügt worden sei.«

Auch Thomas Kerstan beklagt in seinem Kommentar Modernisiert, ohne die Folgen auszutesten:

»Man weiß gar nicht genau, ob die deutschen Schüler im Vergleich zu 2012 besser oder schlechter geworden sind. Denn die Pisa-Forscher haben dieses Mal anders getestet … An insgesamt acht Schrauben wurde gedreht, um die Pisa-Studie zu modernisieren. Das widerspricht einer wissenschaftlichen Leitlinie: Wenn du Veränderung messen willst, dann verändere nicht die Messung, lautet sie.«

Leistungstrends lassen sich also erst 2018 nach der nun vorgenommenen Umstellung auf computerbasierte Testung ableiten. Aber was machen viele Medien und Kommentatoren heute? Es wird viele nicht überraschen: Sie vergleichen die neuen Werte mit den alten und leiten daraus munter Schlussfolgerungen ab für die Bildungspolitik. Wenn die Experten von der methodischen Unzulässigkeit wissen, dann handeln sie fahrlässig und getreu dem Motto: Wird schon keiner von den Lesern oder Zuhörern merken. Wenn sie das nicht wissen, dann sind sie keine Experten, sondern wollen ihr (politisches, ideologisches) Süppchen kochen auf dem kurzlebigen Medienhype um das Thema. Bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.