Bildungsforschung: Auf dem Gymnasium abstürzende Einser-Schüler durch einen „falschen Familienhintergrund“ und der potenzielle Segen kleinerer Klassen in der Grundschule

Immer wieder ist das ein Thema: die ausgeprägte soziale Selektivität des deutschen Schulsystems (wobei die Verwendung des Begriffs System und dann noch angesichts des föderalen Flickenteppichs des Singulars ein doppelter Euphemismus ist). Anders ausgedrückt: Gerade in Deutschland hat der familiale Hintergrund der Kinder und Jugendlichen einen sehr großen Stellenwert. Zugespitzt formuliert behaupten einige: Auf das Elternhaus kommt es an – und damit auch: Die Bildungsinstitutionen schaffen es nicht, die unterschiedlichen Startbedingungen auch nur annähernd auszugleichen. Nicht wenige würden sicher so weit gehen zu sagen, dass manche Bildungsinstitutionen sogar die Scherenentwicklung zwischen unten und oben aktiv mit vorantreiben (vgl. dazu auch mit Blick auf das Hochschulsystem den Beitrag Soziale Selektivität der Hochschulen: Beim „Bildungstrichter“ kommen von denen, die oben reinkommen, unten teilweise nur ganz wenige raus. Und man muss sich hier unten als oben denken vom 13. Mai 2018).

Soziale Selektivität der Hochschulen: Beim „Bildungstrichter“ kommen von denen, die oben reinkommen, unten teilweise nur ganz wenige raus. Und man muss sich hier unten als oben denken

Der „Bildungstrichter“ wird seit vielen Jahren immer wieder gerne zur Illustration der Tatsache verwendet, dass der Zugang zu Bildungseinrichtungen, vor allem zu den Hochschulen und der dort stattfindenden akademischen Ausbildung, eben nicht gleichverteilt ist über die jungen Menschen. Vor allem ist der Zugang zu diesen Bildungseinrichtungen eben nicht unabhängig vom Elternhaus, aus dem sie kommen.


Eine der Kernaussagen, die man beispielsweise auf den Seiten des Deutschen Studentenwerks (DSW) finden kann, liest sich so:

»Deutschlands Hochschulsystem ist geprägt von starker sozialer Selektivität. Das zeigt der „Bildungstrichter“ aus der 20. Sozialerhebung: Von 100 Akademiker-Kindern studieren 77. Von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen hingegen nur 23 den Sprung an die Hochschule.«

Die Zahlen beziehen sich auf die erwähnte 20. Sozialerhebung des DSW, die im Sommersemester 2012 durchgeführt und deren Ergebnisse dann 2013 veröffentlicht wurden. Die Sozialerhebung wird seit über 60 Jahren im Abstand von drei Jahren durchgeführt und bildet die soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden in Deutschland als jeweilige Momentaufnahme ab. Es handelt sich um eine Stichprobenerhebung. So basieren die Ergebnisse aus dem Jahr 2012 auf mehr als 15.000 ausgewerteten Fragebögen, die deutsche Studierende und studierende Bildungsinländer/innen von 227 deutschen Hochschulen ausgefüllt haben. Nun könnte man – nicht ohne Grund – an der Tatsache herummäkeln, dass die wirtschaftliche und soziale Situation der Studierenden in Deutschland auf der Basis einer solchen Stichprobe ermittelt wird – mit all den bekannten Einschränkungen, die damit verbunden sind.

Nicht nur in diesem Zusammenhang ist es interessant, einen Blick zu werfen auf die Ergebnisse der letzten Sozialerhebung, die 2016 stattgefunden hat und die 2017 veröffentlicht wurde: die 21. Sozialerhebung. Denn dort finden wir im Hauptbericht diese Hinweise:

»Mit der 21. Sozialerhebung wurden zahlreiche Neuerungen umgesetzt … Bis zur 20. Auflage war die Sozialerhebung eine schriftliche Befragung, d. h. die Studierenden erhielten den Papierfragebogen per Post. Die Befragung im Rahmen der 21. Sozialerhebung erfolgte erstmals als Online-Survey, zu dem die Studierenden per E-Mail eingeladen wurden. Diesem radikalen Methodenwechsel waren drei Online-Testbefragungen im Rahmen der 18., 19. und 20. Sozialerhebungen vorangestellt. Ein Hauptergebnis dieser Tests bestand in der Gewissheit, dass die vergleichsweise komplexe und auf präzise Angaben angewiesene Untersuchungsreihe auch als Online-Befragung zu vergleichbaren und belastbaren Befunden führt.

Die Umstellung auf eine Online-Erhebung wurde genutzt, um die Stichprobe nennenswert zu vergrößern. Das hatte zum Ziel, auch kleinere Gruppen Studierender in für Analysen ausreichender Fallzahl einzubeziehen … Für die 21. Sozialerhebung wurde jeder sechste Studierende, d. h. 16,7 Prozent aller Studierenden der Grundgesamtheit, in die Stichprobe aufgenommen … Die ca. 400.000 Studierenden der Stichprobe erhielten von ihrer Hochschule eine E-Mail-Einladung mit einem individuellen, passwortgeschützten Hyperlink zum Online-Survey.«

Das Deutsche Studentenwerk berichtet über die neue Befragung und zur Teilnahme daran:

»Im Sommer 2016 wurden 400.000 Studierende von ihren Hochschulen zur Teilnehme an der erstmalig online durchgeführten Befragung aufgefordert, um die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland erfassen zu können. Das sind etwa 17% der zurzeit 2,8 Millionen Studierenden. Die Beteiligung war mit mehr als 60.000 zurückgesandten Umfragebögen so hoch wie noch nie – an der letzten Befragung 2012 nahmen rund 16.000 Studierende teil.«

Aber wieder zurück zu dem hier relevanten Thema „Bildungstrichter“. Denn wenn das Gewohnte fehlt, dann fällt das bekanntlich besonders auf. So hat Jan-Martin Wiarda am 3. Juli 2017 angesichts der Veröffentlichung der neuen Sozialerhebung unter der Überschrift Soziale Gerechtigkeit: Blamiert auch ohne Bildungstrichter ausgeführt:

»Kai Gehring vermutete Vertuschung. „BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung“, twitterte der grüne Hochschulexperte. „Angst vor bad news?“ Der „Beleg“, den Gehring in der vergangene Woche erschienen Sozialerhebung vermisste, war der so genannte Bildungstrichter. Was er zeigt: Wie groß die Chance von Grundschulkindern ist, den Weg an die Hochschule zu schaffen. In der 20. Sozialerhebung von 2012 fiel er so aus: Haben die eigenen Eltern studiert, steigen die Aussichten auf ein Studium auf das Dreieinhalbfache.

Wie stark die Schieflage in der 21. Sozialerhebung ausgefallen wäre? Man kann es sich aus den vom Deutschen Studentenwerk veröffentlichten Daten zusammenreimen, doch die plakative Grafik fehlte. Methodische Gründe führt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das die Studie durchgeführt hat, an und verspricht das Comeback des Trichters zu gegebener Zeit. Und Johanna Wanka (CDU), deren Ressort die Sozialerhebung finanziert? Beteuert, es habe keinen politischen Einfluss gegeben.«

Dennoch könne man, so Wiarda im vergangenen Jahr, einen bedenklichen Befund aus den Zahlen zusammensuchen: »52 Prozent der Studierenden stammten 2016 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012. Immerhin!, könnte man jetzt sagen, bleibt doch fast die Hälfte Nicht-Akademikerkinder. Und man könnte hinzufügen: Ist ja auch logisch. Je mehr Leute studieren, desto mehr Akademikerkinder gibt es. Doch wer so denkt, hat es nicht kapiert. Laut einer anderen Studie, dem Bildungsbericht, haben nur 28 Prozent der Menschen zwischen 40 und 59, also die Elterngeneration von Erstsemestern, einen Studienabschluss. Es sind diese 28 Prozent, deren Kinder mehr als die Hälfte der Studienplätze besetzen.«

Aber alles ist eine Frage der Zeit: Fast ein Jahr später, am 9. Mai 2018, veröffentlichte das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) diese Pressemitteilung mit der nicht wirklich überraschenden Botschaft: Bildungstrichter: Die Aufnahme eines Hochschulstudiums hängt stark von der Bildung der Eltern ab. Dort müssen wir diese höchst problematischen Ungleichheitsrelationen zur Kenntnis nehmen: »Die Bildungschancen sind in Deutschland nach wie vor sehr ungleich verteilt und hängen immer noch stark vom Bildungshintergrund des jeweiligen Elternhauses ab. Nur 12 Prozent der Kinder, deren Eltern über keinen beruflichen Abschluss verfügen, gehen nach dem Schulabschluss an eine Hochschule. Sobald allerdings mindestens ein Elternteil über einen Berufsabschluss verfügt, steigt der Anteil der Kinder, die studieren gehen, bereits auf 24 Prozent. Hat mindestens ein Elternteil zusätzlich das Abitur als höchsten Schulabschluss erworben, beträgt die Hochschulbeteiligung schon 48 Prozent eines Jahrgangs.«

Gleich am Anfang der Pressemitteilung und anschlussfähig an die Kernaussage der vorletzten Sozialerhebung (vgl. dazu das Zitat am Anfang dieses Beitrags) findet man diese Relationen:

»Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen statistisch gesehen 79 ein Hochschulstudium. Bei Nicht-Akademiker Familien schaffen gerade einmal 27 von 100 Kindern den Sprung an eine Hochschule.«

Natürlich fragt man sich, was diese konstant ausgeprägte Spaltung erklären kann. Dazu werden die Wissenschaftler, die den Bericht erstellt haben, so zitiert:

»Die Ursachen für diese Chancenungleichheit sind vielfältig. Beim Durchlaufen des deutschen Bildungssystems müssen an mehreren Stellen Entscheidungen zum weiteren Bildungsverlauf eines Kindes getroffen werden, so zum Beispiel beim Übergang von der Grundschule zur Realschule oder dem Gymnasium. „Familien mit geringerem Bildungshintergrund tendieren häufig dazu, die Kosten für höhere Bildung zu überschätzen und Bildungserträge zu unterschätzen, ungeachtet des vielleicht hohen Bildungspotentials ihres Kindes“, erläutert Nancy Kracke, eine Autorin der Untersuchung, eine Ursache für die Chancenungleichheit. Anders verhält es sich bei bildungsnäheren Elternhäusern, die mehr Ressourcen zur gezielten Förderung ihrer Kinder einsetzen können und bei denen ein höherer Bildungsabschluss als Teil der Sicherung des eigenen sozialen Status der Familie angesehen wird. So findet beim Durchlaufen des Bildungssystems bei jeder Entscheidung eine erneute Selektion statt, die von der Bildungsnähe des Elternhauses beeinflusst wird.«

Im Detail kann man die Ergebnisse in dieser Veröffentlichung nachlesen:

Nancy Kracke, Daniel Buck und Elke Middendorff (2018): Beteiligung an Hochschulbildung. Chancen(un)gleichheit in Deutschland. DZHW-Brief 03./2018, Hannover Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Mai 2018

Ein wichtiger vergleichender Befund: Seit 2005 hat sich der Anteil von Studierenden, deren Eltern nicht schon an der Hochschule waren, damit kaum verändert – auch wenn die Gesamtzahl der Studierenden im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen ist.

Die Ergebnisse »sind dramatisch – aber das waren sie auch schon 2012. Warum also wurde die Veröffentlichung des Bildungstrichters verschoben? Das DZWH führte vergangenes Jahr „methodische Gründe“ an, doch zeigt sich der Bildungstrichter nun im Großen und Ganzen methodisch unverändert. Schon im Juni hatten die Forscher denn auch das Comeback des Trichters zu gegebener Zeit versprochen. Und das Ressort der damaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hatte seinerseits beteuert, es habe keinerlei politischen Einfluss genommen. Nun ist seit gut zwei Monaten allerdings eine neue Ministerin, Anja Karliczek, im Amt. Gibt es da wirklich keinen Zusammenhang?« So  Jan-Martin Wiarda in seinem Blog-Beitrag Exklusive Veranstaltung vom 9. Mai 2018. Seine Bewertung: »So oder so sind die neuen Ergebnisse besonders peinlich angesichts des extremen Anstiegs der Studentenzahlen in den vergangenen 15 Jahren. 2005 studierten 1,96 Millionen Menschen in Deutschland, 2016 waren es 2,80 Millionen – ein Zuwachs von über 40 Prozent. Doch von dem profitierte offenbar vor allem eine Gruppe: die Kinder der Bildungsbürger.«

Und bislang bewegen wir uns nur auf der ganz großen Ebene mit dem Blick auf die ganz großen Zahlen. Die Befunde würden hinsichtlich der sozialen Selektivität noch weitaus erschreckender daherkommen, wenn man einzelne Studiengänge betrachten würde. So beispielsweise die Zusammensetzung der Studierenden in der Medizin, wo man immer stärker eine Art „Vererbung“ des Berufes beobachten kann.

Wenn die Fundamente bröckeln: Für Berufsschulen werden händeringend Lehrkräfte gesucht. Auch vielen Grund- und Förderschulen gehen die Lehrer aus

Die älteren Semester werden sich noch an die 1980er und 1990er Jahren erinnern, als man ein Lehramtsstudium als fast sichere Eintrittskarte in die Arbeitslosigkeit bzw. in die Karriere als Taxifahrer oder Gastwirt etikettiert hat. Aber das waren eben auch Zeiten, in denen man selbst von einer „Ärzteschwemme“ gesprochen hat, weil es zu viele Mediziner gab, die wie viele andere damals auch in langen Warteschlangen auf dem Arbeitsmarkt ihr individuelles Glück suchen bzw. mit viel Ellbogeneinatz erkämpfen mussten. Die geburtenstarken Jahrgänge strömten auf den Ausbildungsmarkt, in die Hochschulen und dann als Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Mittlerweile sind die Angehörigen der „Baby Boomer“-Generation über 50 und stellen (noch) die Mehrheit der Beschäftigten in den Betrieben.

Auf dem Arbeitsmarkt hingegen haben sich die Angebots-Nachfrage-Relationen ganz erheblich verschoben, zugunsten vieler Arbeitnehmer (von denen die meisten diesen fundamentalen Wandel der Marktbedingungen noch gar nicht realisiert haben). Auch wenn man äußerst vorsichtig sein sollte bei der Verwendung des Begriffs „Fachkräftemangel“, unter dem Arbeitgeber naturgemäß etwas anderes verstehen als Arbeitnehmer, so lässt sich doch mit Blick in einzelne Bereiche nicht wirklich leugnen, dass wir mit einem teilweise erheblichen Mangel an bestimmten Fachkräften konfrontiert sind. Für viele Menschen wird das derzeit beispielsweise mehr als offensichtlich im Bereich des Handwerks. Dort kann man immer öfter froh sein, wenn man überhaupt an einen Termin kommt – und der hat dann eine Wartezeit wie die bei Orthopäden oder Augenärzten. Bei den Handwerkern gibt es wie immer bei solchen komplexen Themen mehrere Gründe, vor allem das rückläufige Interesse an einer handwerklichen Ausbildung bei den an sich schon weniger werdenden jungen Menschen, aber wir ernten jetzt auch die Früchte des jahrelangen unterlassenen Tuns, also das zu wenig ausgebildet wurde, als es noch viele Bewerber gab. Die fehlen jetzt natürlich vorne und hinten, vor allem angesichts der vielen älteren Handwerker und Facharbeiter, die sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden. Auch in der Pflege und bei den Erzieher/innen – also Berufen, die in expandierenden Arbeitsfeldern unterwegs sind – wird immer häufiger personalmäßig Land unter gemeldet (zu den Fachkräften in der Kindertagesbetreuung vgl. den Beitrag Die Vergessenen in real existierenden Kita-Welten. Von einem löchrigen Rechtsanspruch, schon heute und demnächst so richtig fehlenden Fachkräften und ja, dem Kindeswohl vom 7. März 2018)

Dabei wird der heute bereits beklagte, angesichts der ansteigenden Nachfrage aber noch deutlich zunehmende ungedeckte Personalbedarf bereits für die Aufrechterhaltung einer reinen Betreuungsfunktionalität der Kitas zu einem Problem. Gemäß des frühpädagogischen Dreiklangs aus Betreuung, Bildung und Erziehung sollte es aber nicht nur um eine reine Parkfunktion für die Kinder gehen. Folgt man den vielen seit Jahren vorliegenden Befunden über die besondere weichenstellende Bedeutung der frühkindlichen Bildung (und Bindung) in den ersten sechs Lebensjahren, dann müsste die Ausstattung dieses Bereichs – vor allem angesichts der ausgeprägten (oftmals wohnbedingten) sozialen Selektivität der Kindertageseinrichtungen – deutlich besser sein als heute und zugleich müsste die Qualität des Personals auf einem hohen Niveau angesiedelt sein. Insgesamt wird man zu dem Ergebnis kommen müssen, dass gerade in diesem Bereich, in denen die Fundamente für die späteren Bildungsbiografien gelegt werden (können), derzeit massiv unterlassene Investitionen zu beklagen sind.

Und ebenfalls von fundamentaler Bedeutung für weitere Entwicklung der jungen Menschen ist der Bereich der Grundschulen. Und auch aus diesem Bereich werden immer öfter Mangelmeldungen abgegeben: Lehrer gesucht! Personalmangel in Schulen, so ist eine Sendung des SWR überschrieben worden: »Vor allem Grund- und Förderschulen gehen die Lehrer aus. Das führt zu Unterrichtsausfall. Oft sind die Schulen auf Quereinsteiger angewiesen. Auch zahlreiche Rektorenstellen sind unbesetzt.« An den Grundschulen fehlen bis zum Jahr 2025 einer aktuellen Studie zufolge rund 35.000 Lehrkräfte, so die Lehrergewerkschaft GEW. Eine Abfrage der GEW-Landesverbände zeigt zudem: Bundesweit konnten an die 2.000 Stellen nicht besetzt werden. Dazu kommen mehrere Tausend Quer- und Seiteneinsteiger.

Aber nicht nur den Grundschulen fehlen Lehrkräfte – auch die Förderschulen melden teilweise Land unter. Und hier kann man auch erkennen, dass die staatliche (Fehl-)Planung mit eine wichtige Ursache für die jetzige Situation ist. So heißt es zu den Lehrkräften an den Förderschulen am Beispiel des Landes baden-Württemberg:

»Bis vor wenigen Jahren noch hat die Landesregierung Studienplätze für Sonderpädagogik sogar abgebaut. Begründung: Durch die Inklusion würden weniger Sonderpädagogen benötigt. Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall. Denn es gibt weiterhin die Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren – kurz SBBZ – die früher Sonderschulen genannt wurden. Parallel dazu gibt es inklusiven Unterricht in Regelschulen. Deshalb brauchte man jetzt sogar mehr Sonderpädagogen als vorher.«

Und hier von besonderem Interesse ist ein weiteres Fundament unseres Bildungssystems: Die beruflichen Schulen, die von zentraler Bedeutung sind im deutschen System der dualen Berufsausbildung sind – darüber hinaus aber auch für vollzeitschulische Ausbildungen und für das sogenannte „Übergangssystem“ (hier können Teilnehmer berufliche Grundkenntnisse erwerben oder einen Haupt- beziehungsweise Realschulabschluss nachholen, um ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern, zuweilen werden sich aber auch schlichtweg geparkt in berufsvorbereitenden Maßnahmen; zu den aktuellen Zahlen diesen Bereich betreffend vgl. auch diese Mitteilung des Statistischen Bundesamtes: Weniger Anfänger bei Bildungsprogrammen im Übergangsbereich im Jahr 2017, immerhin waren es noch 292.000). 
Und während oft über „die“ Schulen berichtet und diskutiert wird, von den Grundschulen bis hin zu den Gymnasien, segeln die Berufsschulen trotz ihrer enormen Bedeutung für unsere Gesellschaft in der Regel im Windschatten der Debatten über die allgemein bildenden Schulen. Allerdings hat diese Schulform ebenfalls und besonders mit Problemen zu kämpfen, zu denen nicht nur ein auch und gerade hier zu beklagender Lehrermangel gehört. Die Herausforderungen in der dualen Ausbildung und damit auch für den Lernort Berufsschule sind vielfältig. Ursächlich hierfür sind die demografischen Entwicklungen, die Digitalisierung, die Akademisierung der beruflichen Bildung, die Aufgaben im Kontext von Inklusion sowie die Integration der jungen Geflüchteten.

Schauen wir uns den so wichtigen Bereich der Berufsschulen als Partner im dualen Berufsausbildungssystem genauer an:
Als dualer Lernortpartner ist die Teilzeit-Berufsschule eine wichtige Säule im Kontext der Ausbildung im dualen System. Sie hat die Aufgabe, die im Rahmenlehrplan verankerten fachtheoretischen Ausbildungsinhalte zu vermitteln und die Allgemeinbildung der Schüler zu vertiefen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn hat vor kurzem eine Studie dazu veröffentlicht:

Monika Hackel et al. (2017): Berufsschule im dualen System – Daten, Strukturen, Konzepte. Wissenschaftliche Diskussionspapiere Heft 185, Bonn 2017

Im Fokus der Studie steht die demografische Entwicklung. Bis 2035 wird ein starker Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert. Dieser Rückgang hat auch Auswirkungen auf die Beschulung dualer Berufsbilder. Im Rahmen der Ordnungsverfahren wird seit einigen Jahren vermehrt geprüft, ob eine Zuordnung von Berufen zu Berufsgruppen möglich ist, um besonders in strukturschwachen Regionen eine gemeinsame Beschulung unterschiedlicher Berufe durchzuführen. Die Studie kommt zu folgenden Befunden (vgl. Hackel et al. 2017: 7-8):
  • Der Rückgang der Schülerzahlen an beruflichen Schulen hat bereits zu Schließungen von Klassen und Teilzeit-Berufsschulen geführt; mit der Konsequenz, dass je nach Ausbildungsgang eine wohnortnahe Beschulung im berufsspezifischen Unterricht zunehmend schwieri­ger wird. Insbesondere Berufsschulstandorte in Ostdeutschland sind betroffen.
  • Im Umgang mit dieser Entwicklung sind sehr unterschiedliche Strategien zu beobachten. Diese reichen von der zentralen Beschulung an einem Berufsschulstandort mit der Möglichkeit differenzierter Klassen bis hin zu einer Favorisierung wohnortnahen Unterrichts mit ho­hem Stellenwert der Binnendifferenzierung bei berufs- oder fachrichtungsübergreifenden Klassen.
  • Im Fall von Berufen mit Fachrichtungen sehen es die Bundesländer zunehmend als schwierig an, im letzten Ausbildungsabschnitt eine spezifische Beschulung nach Fachrichtungen anzubieten.
  • Künftige Lösungsoptionen … könnten möglicherweise die Gestaltung standortübergreifender Schulentwicklungsplanung, die Schaffung von Informations- und Kommunikationsstrukturen, E-Learning-Angeboten, jahrgangsübergreifenden Fachklassen, die Bereitstellung berufsspezifischer Lehr-/Lernkonzepte für einen binnendifferenzierten Unterricht oder finanzielle Förderung darstellen. Die finanzielle Förderung könnte sowohl bei der Ausstattung von Schulen als auch bei der Lehreraus- und -weiterbildung ansetzen.
  • Die Gewinnung von Lehrkräften für den berufsspezifischen Unterricht ist besonders in gewerblich-technischen Berufen ein Problem. Hier sind Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung des Lehramts an Berufsschulen erforderlich.

Der letzte Punkt leitet über zu einer weiteren neuen Studie, die im Auftrag der Lehrergewerkschaft GEW erstellt wurde. Die hat ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit unter dieser Überschrift veröffentlicht, die wieder einmal das offensichtliche Bedürfnis in der Öffentlichkeit nach der einen Zahl befriedigen soll, die man dann gut transportieren kann: Rund 22.000 Lehrkräfte fehlen künftig an Berufsschulen. Die Berufsschulen brauchen der Studie der GEW zufolge bis 2025 knapp 22.000 zusätzliche Lehrkräfte. Wie kommen die darauf? Ein wichtiger Punkt – und abweichend zu den Annahmen der BIBB-Studie, die sich auf die bisherigen Vorausberechnungen der Kultusministerkonferenz (KMK) bezogen hat („Bis 2035 wird ein starker Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert“) – ist die abweichende Modellierung der Schülerzahlen auf der Basis der neuen Studie: Bis 2025 werden fast 340.000 Schülerinnen und Schüler mehr an berufsbildenden Schulen lernen als bisher von der Kultusministerkonferenz (KMK) berechnet, so wird Ansgar Klinger von der GEW zitiert. Bislang ging die KMK von einem Rückgang der Zahl der Schülerinnen und Schüler an Berufsschulen auf gut 2,1 Millionen bis zum Jahr 2025 aus. Wer sich die Studie im Original anschauen will, der wird hier fündig:

Dieter Dohmen (2018): Prognose der Schüler*innenzahl und des Lehrkräftebedarfs an berufsbildenden Schulen bis 2030. Bericht für Gewerkschaft  Erziehung und Wissenschaft  und Max-Traeger-Stiftung, Frankfurt am Main, März 2018

Gerade die Berufsschulen haben hinsichtlich der benötigten Lehrkräfte ein „doppeltes“ Problem. Zum einen brauchen sie entsprechend pädagogisch qualifiziertes Personal, zum anderen aber auch in den einzelnen beruflichen Feldern ausgewiesenes Personal und da konkurrieren sie natürlich mit dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Zur Frage der Lehrkräfte an den Berufsschulen wurde eine andere aktuelle Studie veröffentlicht:

Dietmar Frommberger und Silke Lange (2018): Zur Ausbildung von Lehrkräften für berufsbildende Schulen. Befunde und Entwicklungsperspektiven. Forschungsförderung Working Paper, Nr. 60, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, März 2018

Und eine weitere Studie wurde in diesen Tagen veröffentlicht:

Karin Büchter (2018): Berufsschulen in der dualen Ausbildung und regionalen Wirtschaft. Gleichberechtigte Partnerschaft durch Reformen?, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2018

Diese Aktivitäten deuten darauf hin, dass es eine Menge offene Fragen und Handlungsdruck im System der berufsbildenden Schulen gibt. Mit Blick auf den von der Gewerkschaft GEW angesichts der neuen Studie hervorgehobenen Bedarf an Lehrkräften stellt sich natürlich die Frage: Was tun?

Die GEW fordert die Bundesländer auf, »für mehrere Jahre Quer- und Seiteneinsteiger einzustellen, diese berufsbegleitend nachzuqualifizieren und durch Mentoringprogramme zu unterstützen sowie die Lehramtsausbildung auszubauen.« Dafür seien aber bundesweite Mindeststandards erforderlich. Zudem müssten die Länder ihre Investitionen in die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer für berufliche Schulen an den Hochschulen und im Vorbereitungsdienst erhöhen sowie die Ausbildungskapazitäten hochfahren. Die Gewerkschaft empfiehlt einer länderübergreifende Zusammenarbeit in der Ausbildung von Lehrkräften der beruflichen Schulen.

Das wird nicht ohne Konsequenzen für die erforderlichen Ausgaben bleiben: Allein 2025 müsse die öffentliche Hand mindestens 1,6 Milliarden Euro mehr ausgeben. Davon entfielen gut 1,3 Milliarden Euro auf die Länder und 300 Millionen Euro auf die Landkreise sowie kreisfreien Städte als Schulträger. Und – so die Gewerkschaft – damit könne man nur die derzeit bestehenden Standards halten, mögliche und nötige Verbesserungen sind da noch nicht eingepreist.

Und ewig lockt die Statistik. Was fantastisch viele Ehrenamtliche mit möglicherweise ganz anderen PISA-Ergebnissen zu tun haben

Mit Zahlen kann man Politik machen, ach was: Mit ihnen macht man ganz handfest Politik. Die einen durchforsten unendliche Zahlenkolonnen im Ersatz für die eigentlich zu führenden Gespräche mit den Menschen selbst, die anderen leiten das, was sie sagen, aus dem ab, was ihnen die Zahlen sagen. Und Wissenschaftler lieben die Zahlen sowieso und rümpfen nicht selten die Nase, wenn jemand „empiriefrei“ zu argumentieren wagt, auch wenn er oder sie ganz nah bei den Menschen ist. Das kann man verurteilen, kritisieren und ablehnen, es ändert alles nichts. Wenn die Währungseinheit Statistik ein eigenständiger Machtfaktor geworden ist, dann muss man eben kritisch auf die präsentierten „Daten und Fakten“ schauen, ob sie halten, was sie versprechen. Oder ob durch die Herstellung entsprechender Zahlenwelten Potemkinsche Dörfer aufgebaut werden als Kulisse für eine Zufriedenheitsproduktion.

In diesen Tagen wurde man von zahlreichen Seiten mit erfreulichen Nachrichten aus der Welt des ehrenamtlichen Engagements beglückt, denn am 5. Dezember wird alljährlich der internationale Tag des Ehrenamtes begangen. Da darf es nicht an lobenden Worten fehlen, die in diesem Fall aus der Politik nur zu gerne ausgereicht werden, denn die hat in mehrfacher Hinsicht einen Gewinn vom ehrenamtlichen Tun der vielen Menschen in unserem Land. Und die Politik vermeldet Höchststände beim ehrenamtlichen Engagement in unserem Land. Endlich mal gute Nachrichten.

Dabei gibt es natürlich auch die kritischen Stimmen und Berichte, die vor einer Überhöhung und Instrumentalisierung warnen. „Das Ehrenamt muss als Lückenfüller herhalten“, so ist beispielsweise ein Interview überschrieben mit Maria Ebert, die sich im Medibüro Berlin engagiert, wo sie Menschen ohne Krankenversicherung ärztliche Versorgung vermittelt. Almuth Knigge berichtet aus Bremen, immer wieder vorgetragene Bedenken teilweise bestätigend: Ohne Ehrenamtliche geht wenig: »Viele Millionen Menschen setzen sich in Deutschland für gemeinnützige Zwecke ein. In manchen Bereichen ersetzen sie inzwischen den Staat.« Und bereits im März dieses Jahres wurde die NDR-Dokumentation Ehrenamt unter Druck ausgestrahlt, dessen redaktionelle Beschreibung durch das Zitieren der quantitativen Bedeutung des Ehrenamts gut überleitet zu dem Aspekt, der in diesem Beitrag verfolgt werden soll:

»Man mag sich nicht ausdenken, was ohne das Engagement Zehntausender ehrenamtlicher Helfer, die sich um Flüchtlinge kümmern, geschehen würde. Aber nicht nur bei der Flüchtlingshilfe sind Ehrenamtliche im Einsatz. Sie engagieren sich für Obdachlose, sind in Altenheimen aktiv, arbeiten in Bahnhofsmissionen und Tafeln, im Umweltschutz, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Sportvereinen und vielen anderen Bereichen. Beeindruckend allein die Zahlen. In ganz Deutschland engagieren sich 23 Millionen Menschen ehrenamtlich: In Schleswig-Holstein sind 40 Prozent der über 14-Jährigen ehrenamtlich tätig, in Niedersachsen 41 Prozent und in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern immerhin noch 29 Prozent.«

Da wird der eine oder andere Leser sicher denken, dass das a) eine ganz tolle Sache ist mit dem Engagement, dass aber b) die Engagement-Differenzen zwischen Schleswig-Holstein und  Mecklenburg-Vorpommern ganz erheblich daherkommen. 40 zu 29 Prozent, so hat man es uns mitgeteilt.

Und schon sind wir mittendrin in der Zahlenwelt. Astrid Ehrenhauser hat sich in ihrem Artikel Zu fantastisch, um wahr zu sein kritisch mit der Statistik zum ehrenamtlichen Engagement auseinandergesetzt: »Früher haben sich rund 36 Prozent der Menschen in Deutschland ehrenamtlich betätigt. Jetzt sollen es knapp 44 Prozent sein. 20 Prozent mehr freiwilliges Engagement seit 2009?«
„Science-Fiction“ nennt der Sozialwissenschaftler Roland Roth die servierten Zahlen. Ein starker Vorwurf. Und der Mann ist nicht irgendwer bei diesem Thema, denn er »war sachverständiges Mitglied der Expertengruppe des zweiten Freiwilligensurveys von 2004. Er kritisiert die zwei Millionen Euro teure Umfrage von 2014 scharf. Das Bundesfamilienministerium finanziert die Freiwilligensurveys, die nun zum ersten Mal vom Deutschen Zentrum für Altersfragen durchgeführt und im April 2016 veröffentlicht wurde. Die ersten drei Wellen des Freiwilligensurveys wurden in den Jahren 1999, 2004 und 2009 erhoben.«

Das nunmehr für 2014 ausgewiesene deutlich größere ehrenamtliche Engagement beruht, so die Roth’sche Kritik,  eher „auf veränderten Berechnungsgrundlagen“. Roth wird so zitiert: „Die Standards für Tätigkeiten, die als freiwilliges Engagement gelten sollen, wurden abgesenkt.“ So würden jetzt selbst „Kicken im Park oder das Wandern und Chorsingen im Altenverein als Beispiele für freiwilliges Engagement aufgeführt“. Und andere Studien wie etwa das Sozioökonomische Panel und die Shell-Jugendstudie, sehen diesen drastischen Anstieg nicht.

Was sagen die Kritisierten? Claudia Vogel, Mitherausgeberin der Studie, widerspricht Roth: »Höhere Lebenserwartung und ein „Engagement-Hype“ erklärten den Anstieg. Sie räumt jedoch ein, dass die Definition von Engagement erweitert wurde: So sei Singen im Chor in die Berechnung eingeflossen, „weil es einen Teamcharakter“ habe.«

In nach oben getriebenen Zahlen das Engagement betreffend liegt eine große Gefahr für das ehrenamtliche Engagement: die Politik ruht sich auf den „Erfolgen“ der eigenen Engagementpolitik aus. Roth spricht von einer »Neigung zu Hochglanz, zu postfaktischer Selbstdarstellung.«
Und die Ehrenamtsorganisationen? Sie schweigen, für Roth nicht wirklich überraschend: „Die direkte Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln begünstigt leider eine Kultur, in der Kritik oft nur hinter vorgehaltener Hand vorgetragen wird.“

Ein anderes Beispiel: Heute überschlagen sich die Medien mit Berichten über die neuen PISA-Ergebnisse. Die Befunde aus PISA 2015 (vgl. auch diese Übersichtsseite der OECD) werden von den einen freudig, von den anderen hysterisch und von noch anderen distanziert aufgenommen. Darum soll es hier gar nicht weiter gehen, sondern um die in vielen Berichten vorgenommenen Vergleiche mit den PISA-Vorläuferstudien und der immer wieder gestellten (oft einzigen) Frage: Sind wir jetzt besser oder schlechter geworden oder gleich geblieben? Und wie stehen wir im Ranking mit den anderen Ländern? Das hat die gleiche „Gebt mir eine einzige Zahl“-Qualität wie die punktuelle Frage, wie viele Menschen in Deutschland sind denn arm.
Möglicherweise aber kann man sich die gesamte Vergleicherei mit den früheren Ergebnissen sparen. Warum? Schauen wir auf die Selbstbeschreibung von PISA 2015:

»Im April und Mai 2015 nahmen 253 Schulen mit 10.500 Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland am PISA-Test teil. Die Aufgaben aus den Bereichen Naturwissenschaften (Schwerpunkt), Mathematik, Lesen sowie Problemlösen im Team werden weltweit von Schülern in 73 Ländern bearbeitet.
Bei PISA 2015 werden nach 2006 zum zweiten Mal die naturwissenschaftlichen Kompetenzen der 15-jährigen Schülerinnen und Schülern als Schwerpunkt getestet. Das bedeutet, dass ein Großteil der Testaufgaben aus dem Gebiet der Naturwissenschaften stammt und jeweils ein kleinerer Teil zu den Bereichen Lesekompetenz und Mathematik gehört.«

So weit, so bekannt. Am man sollte weiterlesen:

»Neu ist, dass die Testaufgaben komplett computerbasiert bearbeitet werden. Dies gilt auch für die in dieser PISA-Runde enthaltenen übergreifenden Kompetenzen des Problemlösens im Team. Die Jugendlichen müssen hier am Computer Problemlöseaufgaben bearbeiten, in denen sie nicht auf sich allein gestellt sind, sondern virtuell Mitschüler oder Partner haben.«

Marcel Grzanna hat sich in seinem Artikel Computer statt Papier mit dieser grundlegenden Veränderung der Vorgehensweise bei PISA genauer beschäftigt. Die Ergebnisse der jüngsten internationalen Schülervergleichsstudie basieren erstmals auf einer digitalen Erhebung. Das eröffnet den Forschern ganz neue Möglichkeiten, die sie vorher nicht hatten, denn sie können Zusatzinformationen sammeln. Zum Beispiel darüber, wie lange die 15-Jährigen brauchen, um einzelne Aufgaben zu bewältigen.

»Allerdings stellt sich auch die Frage, ob die aktuelle Pisa-Studie mit den früheren überhaupt noch vergleichbar ist.« Diese Frage ist mehr als berechtigt und eben nicht nur ein methodischer Nebenaspekt. Wenn man sich die folgenden Erläuterungen von Grzanna durchliest, dann wird einem klar, dass hier massive Veränderungen am Testverfahren vorgenommen worden sind:

„Durch das neue Verfahren wird der Test authentischer und dynamischer. Wir wollen Kompetenzbereiche erfassen, die man nur sehr schwer mit handschriftlichen Verfahren erreichen kann“, sagt Andreas Schleicher, Chef der OECD-Direktion Bildung und Kompetenz in Paris. Ein Teil der Aufgaben stützt sich jetzt auf die Interaktion der Schüler mit der Software, besonders im Bereich Naturwissenschaften. Die Jugendlichen konnten bei manchen Aufgaben verschiedene Varianten ausprobieren und bekamen vom System eine Reaktion auf ihre Versuche. Daraus konnten sie neue Schlüsse ziehen, um schließlich ihre Antworten zu formulieren.
Durch die Interaktion mit der Software können die Forscher die Schüler auf ihrem Lösungsweg begleiten und besser verstehen, was in deren Köpfen vorgeht. Neu ist auch, dass Fragen nicht mehr zurückgestellt werden können. Das System fordert eine sofortige Bearbeitung und registriert, wie lange ein Schüler an einer Aufgabe tüftelt. Jeder Mausklick wird gespeichert.

Nun handelt es sich um seriöse Wissenschaftler und denen war im Vorfeld natürlich schon klar, dass das neue Vorgehen vielleicht nicht in allen der 73 teilnehmenden Ländern unter gleichen Bedingungen durchgeführt werden kann, was sie dann auch getestet haben. Mit diesem Ergebnis: »Es stellte sich heraus, dass die Kinder in manchen Ländern schneller unkonzentriert wurden, weil Computer und Bildschirme veraltet waren. Nachteile hatten auch Schüler aus Ländern, in denen Jugendliche es nicht gewohnt sind, am Computer zu arbeiten, und deshalb mehr Mühe haben, digitale Texte zu lesen und zu verstehen. Mancherorts kam es auch vor, dass die Internetleitung zusammenbrach oder der Strom ausfiel.«

Und welche Konsequenz hat man daraus gezogen?

»Um eine Verzerrung der Resultate wegen äußerer Faktoren zu vermeiden, wurden die Aufgaben nur in 58 der 73 Teilnehmerländer digital gestellt. In den anderen Staaten lösten die Schüler die Aufgaben weiterhin auf Papier.«

Da liegt dieser Hinweis mehr als nahe: »Experten warnen davor, die neue Rangliste mit der aus dem Jahr 2012 direkt zu vergleichen und aus möglichen Verbesserungen oder Verschlechterungen bei der Platzierung vorschnell Schlussfolgerungen zu ziehen … Der Anschluss an die Ergebnisse aus dem Jahr 2012 könne nicht reibungslos funktionieren, weil eine neue Form des Arbeitens hinzugefügt worden sei.«

Auch Thomas Kerstan beklagt in seinem Kommentar Modernisiert, ohne die Folgen auszutesten:

»Man weiß gar nicht genau, ob die deutschen Schüler im Vergleich zu 2012 besser oder schlechter geworden sind. Denn die Pisa-Forscher haben dieses Mal anders getestet … An insgesamt acht Schrauben wurde gedreht, um die Pisa-Studie zu modernisieren. Das widerspricht einer wissenschaftlichen Leitlinie: Wenn du Veränderung messen willst, dann verändere nicht die Messung, lautet sie.«

Leistungstrends lassen sich also erst 2018 nach der nun vorgenommenen Umstellung auf computerbasierte Testung ableiten. Aber was machen viele Medien und Kommentatoren heute? Es wird viele nicht überraschen: Sie vergleichen die neuen Werte mit den alten und leiten daraus munter Schlussfolgerungen ab für die Bildungspolitik. Wenn die Experten von der methodischen Unzulässigkeit wissen, dann handeln sie fahrlässig und getreu dem Motto: Wird schon keiner von den Lesern oder Zuhörern merken. Wenn sie das nicht wissen, dann sind sie keine Experten, sondern wollen ihr (politisches, ideologisches) Süppchen kochen auf dem kurzlebigen Medienhype um das Thema. Bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.