Pflege-Welten in den Medien: Von der „Qualität der Pflege“ in Zahlen, der Deformation von Pflegeheimen zu Wartesälen auf den Tod durch das renditesuchende Kapital und eine Lebenslüge der deutschen Pflegepolitik

Es fängt schon damit an, dass bei der Diskussion über „die“ Pflege immer wieder munter alles miteinander vermengt wird, was aber teilweise ganz unterschiedlichen Systemen folgt. So die Vermischung von Kranken- und Altenpflege beispielsweise.

Aber man muss es ja auch zugeben: Die Welten der Pflege sind sehr unübersichtlich. Und man kann bei einem Blick auf die mediale Berichterstattung schnell das Gefühl bekommen, dass es überall irgendwie brennt, aber zugleich fällt es schwer, das alles in einen Rahmen zu bringen, der bei der Einordnung helfen kann.

Und wenn auch große Unterschiede bestehen zwischen Krankenhaus- und Altenpflege, im Leben der Betroffenen und derjenigen, die sich um sie kümmern, gibt es immer wieder Situationen, die sich nicht an die versäulten Systeme halten und in ihnen bleiben. Darüber berichtet der neue „Pflege-Report 2018“ mit dem Schwerpunkt „Qualität in der Pflege“, der gerade veröffentlicht wurde: Pflege-Report 2018: Zu viele Antipsychotika-Verschreibungen, Dekubitus-Fälle und Krankenhauseinweisungen in deutschen Pflegeheimen, so ist die Meldung des herausgebenden AOK-Bundesverbandes dazu überschrieben.

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Altenpflege: 8.000 Stellen mehr! Zu wenig! Wie wäre es mit 13.000? Von Symbolstellen, einem nicht überraschenden Mangel an Menschen und Erkenntnissen aus dem Pflege-Thermometer 2018

Das Thema Pflegenotstand bewegt verständlicherweise viele Menschen und seit geraumer Zeit auch (wieder einmal) die Medien. Zahlreiche Berichte legen den Finger auf die offensichtliche Wunde – es fehlt vorne und hinten an Personal. Nachdem das Problem (das übrigens nun wirklich nicht wie ein Komet urplötzlich und damit völlig überraschend auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland eingeschlagen ist, denn die Hinweise und Mahnungen hinsichtlich des nun „lediglich“ immer schlimmer werdenden Personalmangels in der Pflege gab es schon seit vielen Jahren) im Bundestagswahlkampf des vergangenen Jahres einen gehörigen Schub bekommen hat in der Berichterstattung, fand das auch im Koalitionsvertrag der neuen Großen Koalition aus Union und SPD seinen Niederschlag.

Dort hat man beispielsweise fixiert, dass über ein Sofortprogramm den Pflegeheimen 8.000 zusätzliche Stellen für die medizinische Behandlungspflege zur Verfügung gestellt werden sollen (die dann aufgrund der Zweckbestimmung von Dritten, in diesem Fall den Krankenkassen, finanziert werden müssen). Die Reaktionen sind bekannt: Die einen mokieren sich über die Zahl an sich, denn die 8.000 Stellen muss man allein schon vor dem Hintergrund sehen, dass es mehr als 13.000 Pflegeheime in Deutschland gibt. Die anderen weisen darauf hin, dass der Personalbedarf nicht nur heute schon eklatant ist (gemessen an den vorhandenen offenen, aber nicht besetzten bzw. nicht gesetzbaren Stellen), sondern das eigentlich Pflegekräfte in weitaus größerer Zahl fehlen und angesichts der demografischen Entwicklung von einem beständigen Anstieg des Personalbedarfs auszugehen ist.

Und wie regiert die Politik? Man geht in die „Offensive“ und erhöht mal eben die Zahl der neuen, zusätzlichen Stellen von den ursprünglich geplanten 8.000 auf – nicht zufälligerweise – 13.000, was der Zahl der Pflegeheime insgesamt ganz nahe kommt (vgl. dazu das am 23. Mai 2018 vorgestellte Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege des neuen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn sowie Bundesministerium für Gesundheit (2018): Eckpunktepapier Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege). Das kommt tatkräftig daher und vermittelt den Eindruck, dass man offensichtlich da oben verstanden hat, dass das Problem weitaus gravierender ist.

Und der Dank? Solche Schlagzeilen: Spahns schlechter Witz: »Gesundheitsminister legt „Sofortprogramm“ gegen Pflegenotstand vor. Kritiker bemängeln „Stückwerk“ und fordern mehr Geld.«

»Der Aktionsplan sei »leider ein Witz«, beklagte … der Präsident der Diakonie, Ulrich Lilie. »Mit diesen 13.000 Symbolstellen gewinnen wir nichts in diesem Land«, sagte er … Das Vorhaben werde die Bedingungen in der Pflege »nicht maßgeblich verbessern«, monierte Verena Bentele, Chefin des Sozialverbands VdK Deutschland. Der Paritätische Wohlfahrtsverband mahnte »weitere verbindliche Schritte« an. Andernfalls wären die Maßnahmen nicht mehr als ein »Trostpflaster«.«

Zu der – offensichtlich weiter als zu niedrig dimensioniert kritisierten – Aufstockung der Zahl der neuen zusätzlichen Stellen auf 13.000 kann man dem Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums entnehmen:

»Jede vollstationäre Altenpflegeeinrichtung in Deutschland soll im Rahmen des Sofortprogramms profitieren. Einrichtungen bis zu 40 Bewohnern erhalten eine halbe Pflegestelle, Einrichtungen mit 41 bis 80 Bewohnern eine Pflegestelle, Einrichtungen mit 81 bis 120 Bewohnern eineinhalb und Einrichtungen mit mehr als 120 Bewohnern zwei Pflegestellen zusätzlich. Ziel ist es, insbe- sondere den Aufwand im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlungspflege in der statio- nären Altenpflege pauschal teilweise abzudecken. Die Pflegeeinrichtungen haben die Möglichkeit, auf Antrag schnell und unbürokratisch diese zusätzlichen Stellen durch einen Zuschlag finanziert zu bekommen.

Zur Finanzierung zahlt die GKV jährlich pauschal einen Betrag an den Ausgleichsfonds der Pflegeversicherung. Hierzu erhebt der GKV-SV bei den Krankenkassen eine Umlage pro Versicherten. Die private Pflegeversicherung beteiligt sich anteilig entsprechend der Zahl der Pfle- gebedürftigen an der Finanzierung. Auf diesem Wege werden die Pflegebedürftigen zur Finanzierung dieser rund 13.000 Stellen nicht belastet.«

Es muss an dieser Stelle natürlich darauf hingewiesen werden, dass hier die ganze Zeit von Stellen gesprochen wird – aber bekanntlich sind Stellen nicht gleich lebende Menschen. War da nicht was? Offene Stellen, die bereits heute schon nicht besetzt werden können?

Natürlich liegen die Kritiker richtig, wenn sie auch die Stellen-Aufstockung als zu wenig beklagen angesichts des bereits heute vorhandenen und absehbar weiteren Anstiegs des Personalbedarfs. Und man müsste ergänzen, erneut bricht sich auch in der aktuellen Diskussion über Sofort- und sonstige Programme der beklagenswerte Tatbestand Bahn, dass auf Pflege immer sehr versäult geschaut wird. Dass das Eckpunktepapier der Bundesregierung zwischen Kranken- und Altenpflege trennt, ist ja angesichts der völlig unterschiedlichen systematischen Zuordnung noch nachvollziehbar, aber die Vorschläge die Altenpflege betreffend fokussieren auf den Bereich, der auch die mediale Berichterstattung dominiert, also die vollstationäre Altenpflege. Aber was ist mit den ambulanten Pflegediensten? Vor allem angesichts der Tatsache, dass dort der Personalmangel ebenfalls immer offensichtlicher wird, auch weil die Leistungsausweitungen der Pflegeversicherung in der vergangenen Legislaturperiode vor allem den ambulanten Bereich gefördert haben und dort zahlreiche neue Leistungsberechtigte dazu gekommen sind, die nun alle entsprechende Dienste suchen.

Dazu als ein Beispiel von vielen dieser Bericht des NDR über die Lage in Niedersachsen: Situation in der ambulanten Pflege spitzt sich zu: In Niedersachsen »nehmen viele ambulante Pflegedienste derzeit keine neuen Patienten mehr an und kündigen sogar bestehende Versorgungsverträge. Grund ist der gravierende Fachkräftemangel in der Pflege. Aktuellen Umfragen der Pflegebranche unter den ambulanten Pflegediensten in Niedersachsen zufolge, ist die Situation so dramatisch wie nie zuvor … Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, in der große Pflegeanbieter wie Diakonie, Caritas und der Paritätische zusammengeschlossen sind, hat ihre 400 ambulanten Dienste zu einer Rückmeldung über die Monate Februar, März und April aufgefordert. Rückmeldungen bekam sie von rund einem Viertel der Dienste. Das Ergebnis: In rund 1.700 Fällen wurden Anfragen von Pflegebedürftigen abgelehnt. In diesen Fällen konnten die Pflegedienste den Wunsch nach einer ambulanten Pflege nicht erfüllen. In 63 Fällen mussten sogar bestehende Pflegeverträge gekündigt werden.«

Und der Anstieg der Inanspruchnahme ambulanter Pflegedienste ist ja einerseits ein positiver Ausdruck für die offensichtlichen Präferenzen der Menschen, so lange wie es nur geht zu Hause zu bleiben und dort versorgt zu werden. Das ist mehr als verständlich und die Leistungsverbesserungen in der Pflegeversicherung in der vergangenen Legislaturperiode haben diesen Trend im Sinne der Betroffenen sicher unterstützt. Aber nichts ist umsonst und natürlich hat diese Entwicklung auch Folgen für die Heime. Die Auswirkungen auf die stationäre Altenpflegerin eines der Themen, die im gerade veröffentlichten „Pflege-Thermometer 2018“ behandelt werden. Dabei handelt es sich um eine Befragung vorwiegend von Leitungskräften aus der stationären Pflege. Fast alle Heime wurden angeschrieben. Zurückgesendet wurden von 13.223 insgesamt 1.067 Fragebögen. Die Rücklaufquote betrug, ausgehend von der Anzahl der versendeten Fragebögen, 8 Prozent. In der Ergebnisdarstellung werden die Befunde aus der Stichprobe auf alle Heime hochgerechnet:

Michael Isfort et al. (2018): Pflege-Thermometer 2018. Eine bundesweite Befragung von Leitungskräften zur Situation der Pflege und Patientenversorgung in der stationären Langzeitpflege in Deutschland, Köln: Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung, 2018

Um bei den Auswirkungen des Hinausschiebens eines Heimeintritts zu bleiben: »In der stationären Altenpflege sind die zu versorgenden Personen den Angaben zufolge immer stärker von Pflegebedürftigkeit und begleitenden komplexen medizinischen Problemlagen betroffen.« Der Großteil der Leitungen meldet zurück, dass in der Zeit von 2015 bis 2017 die Anzahl der Bewohner mit komplexen medizinischen Problemlagen zunimmt (81 %), dass das durchschnittliche Einzugsalter der Bewohner höher wird (62 %) und die Bewohner immer kürzer im Pflegeheim wohnen (56 %). Dazu auch die Abbildung am Anfang dieses Beitrags.

Eine solche Entwicklung hat ihrerseits Folgen oder sollte diese haben – und das geht in der aktuellen Debatte oftmals völlig unter, wo es nur noch über Quantitäten geht (mehr Stellen, mehr Personal), viel zu selten oder gar nicht aber über die qualitative Seite. Also was für Pflegekräfte braucht man eigentlich, welche Qualifikationen sollten die haben.

»In der Gesamtschau dieser Ausgangslage und der beschriebenen Zunahme an komplexen medizinischen Problemen, einem höheren Einzugsalter und einer kürzeren Wohndauer muss darauf verwiesen werden, dass sich die stationären Einrichtungen zunehmend zu Zentren entwickeln, in denen eine gerontopsychiatrische und palliativ ausgerichtete Versorgung vorherrscht. Dies stellt in hohem Maße Anforderungen an das Personal (sowohl numerisch als auch qualifikatorisch).«

Auch vor diesem Hintergrund wird die Absurdität der – aus der völlig reduzierten Perspektive einer Irgendwie-Personaldeckung durchaus „konsequente“ – Forderung nach einer Absenkung der heute bestehenden Fachkraftquote von 50 Prozent offensichtlich (vgl. dazu bereits die kritischen Anmerkungen in dem Beitrag Wenn private Pflegeheimbetreiber eine „ideologiefreie Diskussion“ vorschlagen … Die Altenpflege, ihre Personalmisere und die das Geschäft störende Fachkraftquote vom 22. August 2017). Für die Pflegeheime hat gerade die Nicht-(mehr)-Erfüllung der Fachkraftquote eine überaus negative Folge, über die sich im „Pflege-Thermometer 2018“ berichtet wird: »In 22 % der Einrichtungen wurde aufgrund des Personalmangels (und der zu erfüllenden Fachkraftquote) in den drei Monaten vor dem Erhebungszeitpunkt ein selbst verordneter temporärer Belegungsstopp verhängt. In fast 4 % der Fälle geschah dies durch die Aufsichtsbehörden.« (S. 67)

Nicht nur der bereits bestehende Mangel an Personal, sondern auch die angesprochenen Veränderungen innerhalb der Pflegeheime bleiben nicht ohne Folgen für die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte. Dieser Zusammenhang wird immer noch viel zu selten gesehen und in der derzeitigen Debatte über „den“ Personalbedarf berücksichtigt. Dazu aus dem Pflege-Thermometer 2018:

»Die arbeitsplatzbezogenen Anforderungen und Belastungen steigen den Einschätzungen der Leistungskräfte zufolge für das Pflegepersonal in den Jahren 2016 auf 2017 deutlich an … Als zunehmend werden durch mindestens jede zweite Person die herausfordernden Verhaltensweisen bei Bewohner*innen, die Anforderungen bei den grund- und behandlungspflegerischen Aufgaben und der Aufwand bei der Angehörigenarbeit bzw. die Konflikte mit Angehörigen beschrieben. Eine Zusicherung von freien geplanten Zeiten stellt ein deutliches Problem dar. In gut 2 von 5 Rückmeldungen nimmt das „Einspringen“ an frei geplanten Zeiten zu und in fast jeder dritten Einrichtung steigt die die Anzahl an Sterbefällen … Diese veränderten Anforderungen schlagen sich von 2016 auf 2017 in vermehrten gesundheitsbezogen Belastungen des Pflegepersonals nieder … So geben 43 % an, dass die Krankheitsdauer gestiegen sei, nur 7 % beobachten hier eine Abnahme. Auch die Anzahl der Krankheitstage insgesamt bezeichnen 41 % als steigend … 31 % der Leitungen beobachten eine zunehmende Erkrankungsschwere bei den Mitarbeitenden« (S. 67/68)

Selbst das Eckpunktepapier Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege des Bundesgesundheitsministeriums beginnt mit einer Feststellung, zu was das alles führt: »In den letzten Jahren ist es zu einer enormen Arbeitsverdichtung und damit -belastung für hunderttausende Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege gekommen. In einer gefährlichen Spirale aus zunehmender Belastung, in der Folge davon nicht selten einem Ausstieg von Pflegekräften aus dem Beruf, damit weiter steigenden Belastungen für die verbliebenen Kräfte, hat sich die Situation immer weiter zugespitzt. Im ganzen Berufsstand ist eine tiefe Vertrauenskrise zu spüren.«

Auch das „Pflege-Thermometer 2018“ macht Aussagen zum Thema Personalbedarf in der Altenpflege – und solche Zahlen werden dann gerne von den Medien aufgegriffen.

»Der zusätzliche Bedarf an Pflegefachkräften in der stationären Altenhilfe wird in der vorliegenden Studie deutlich. Insgesamt waren im Mittel in den erfassten Einrichtungen mit einer Rückmeldung zum 30. Oktober 2017 für die Pflegearbeit 1,6 Stellen pro Einrichtung nicht besetzt – der größte Anteil an offenen Stellen findet sich mit einer Vollzeitstelle bei den Altenpflegefachkräften. Fehlendes Personal wird dabei auch durch Leasingfirmen ersetzt. In 21,2 % der Einrichtungen arbeiteten zum Zeitpunkt der Befragung Beschäftigte von externen Dienstleistern.« (S. 64)

Hier wird u.a. über eine für den einen der anderen irritierenden Entwicklung berichtet – die Zunahme der Leiharbeit in der Altenpflege. Dazu auch Thomas Öchsner, der seinen Artikel sogar unter diese Überschrift gestellt hat: Pflegekräfte fliehen in die Leiharbeit.

Das Deutsche Institut für Pflegeforschung resümiert auf der Basis der Befragungsergebnisse: Aktuell sind rund 17.000 Stellen im Pflegebereich in den Einrichtungen nicht besetzt. Zur Deckung würden rund 25.000 zusätzliche Personen benötigt, da vielfach in Teilzeit gearbeitet wird. Die Zahl von 17.000 offenen Stellen wurde sogleich dankbar von vielen Medien aufgegriffen und verbreitet, denn (nicht nur) deren Vertreter wollen immer gerne möglichst eine Zahl, mit der man ein Thema oder Problem illustrieren kann. Aber zuweilen verdeckt die eine griffige Zahl mehr als das sie uns wirklich hilft. Das kann man auch an dieser Schätzung verdeutlichen:

  • Zum einen ist doch allen klar, dass die Schätzgröße für die derzeit bereits offenen, aus welchen Gründen auch immer nur schwer oder vielleicht gar nicht zu besetzenden Stellen nur eine Untergrenze des Erforderlichen darstellen kann. Selbst jemand wie Erwin Rüddel (CDU), der neue und gerade in Pflegekreisen mehr als umstrittene Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages wird dann in einem anderen Zusammenhang (vgl. Experten für mehr Ärzte und Pflegekräfte) mit solchen Zahlen in Verbindung gebracht: »Rüddel sagte, bundesweit müsse man noch mindestens 70.000 Stellen für Pflegekräfte neu besetzen.« Man achte auch hier auf die Formulierung: mindestens.
  • Ein weiteres und viel zu selten bis nie thematisiertes Problem einer Gesamtzahl: Was bringt es uns, wenn man weiß, wie viele Pflegekräfte bundesweit fehlen? Man kann damit vielleicht das Ausmaß des Problems in groben Umrissen anleuchten, man sollte aber berücksichtigen, dass es keinen nationalen Arbeitsmarkt für Pflegeberufe gibt und geben wird. Gerade viele Altenpflegekräfte sind regional oder gar lokal extrem gebunden und sie werden nicht wegen einer unter den heutigen Bedingungen vergüteten und ausgestalteten Arbeit nach München oder Frankfurt ziehen. Relevant sind also die jeweiligen Angebots-Nachfrage-Verhältnisse auf den regionalen Teilarbeitsmärkten. Das bedeutet aber eben auch, dass es keine bundesweite Lösung geben kann, so sehr man sich das auch wünschen möchte. Das erhöht natürlich die nicht gerade optimistischen Blicke auf mögliche Lösungsansätze.

Fazit: Gerade auch das „Pflege-Thermometer 2018“ belegt wieder einmal neben vielen anderen Studien und Berichten, dass das Altenpflege-System immer stärker ins Rutschen geraten ist und das es uns mittlerweile unterm Hintern wegzubrechen droht. Die notwendigen großen Schneisen, die geschlagen werden müssten, lassen bei allem Sofortprogramm-Verlautbarungen weiter auf sich warten. Damit verlieren wir aber auch viel wertvolle Zeit. Das wird sich rächen, so wie wir ja auch jetzt schon die vergifteten Früchte jahreslanger Ignoranz und Vogel-Strauß-Politik im Pflegebereich serviert bekommen.

Ein Schlag ins Gesicht der Pflege, vor allem der Altenpflege. Nach dem Muster: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

Screenshot BILD Online vom 23.04.2018

»Die Arbeitgeber warnen vor einer Verschärfung des Pflegenotstands, weil die Ausbildung der Pflegekräfte zu anspruchsvoll wird. Viele Bewerber seien damit überfordert, würden die Ausbildung abbrechen.« Das teilt uns Dirk Hoeren in der BILD-Zeitung mit unter der reißerischen und in den üblichen großen Buchstaben gesetzten Überschrift Neues Gesetz überfordert Altenpflege-Azubis! Was soll da mit den armen Azubis passieren, mag der eine oder andere gedacht haben. Und wieso überhaupt warnen hier die Arbeitgeber, die doch ansonsten eher das Schwachmatentum unter den Azubis beklagen? Schauen wir genauer hin.

»Nach dem neuen Pflegeberufegesetz werden die eigenständigen Berufe Altenpfleger, Krankenpfleger und Kinderkrankenpfleger abgeschafft. Ab 2020 soll es nur noch Pflegefachfrau/-mann geben. Sie sollen für alle Bereiche ausgebildet werden – und das auf viel höherem Niveau als bisher.«

Das ist nun schon mal – um es nett zu formulieren – nur in Umrissen richtig. Dazu gleich mehr. Der eigentliche Punkt der Arbeitgeber-Bedenken geht so:

»Laut Ausbildungsverordnung müssen sie z. B. „über ein breites Verständnis von spezifischen Theorien und Modellen zur Pflegeprozessplanung“ verfügen. Und sie sollen „pflegebezogene Daten anhand von pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen erheben und interpretieren“ sowie über „ein integratives Verständnis von psychosomatischen Zusammenhängen verfügen“. Dabei hat über die Hälfte der Altenpflege-Azubis Hauptschulabschluss.«

Und dann wird mit Ingo Kramer der Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) – bislang noch nicht als Pflegeexperte in Erscheinung getreten – höchstselbst zitiert:

„Wir brauchen junge Menschen mit normalen Schulnoten, aber viel Herzenswärme und Geduld gerade in der Altenpflege. Wenn wir sie mit Anforderungen eines Studiums ‚Medizin light‘ abschrecken und überfordern, verschärfen wir den Pflegenotstand.“

Man kann sich vorstellen, wie an dieser Stelle einer Menge Menschen aus der Pflege die Hutschnur hochgeht. Denn die Stoßrichtung der Arbeitgeber-Ausführungen liegt nun wirklich auf der Hand: Man macht sich offensichtlich erhebliche Sorgen um die Personalbeschaffung für die Altenpflege. Und dafür gibt es gute Gründe.

Hintergrund der Besorgnis ist die Reform der Pflegeberufe, die im vergangenen Jahr nach langem Hängen und Würgen das Parlament hat passieren können.

Am 22. Juni 2017 haben die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen für den Gesetzentwurf der Bundesregierung in geänderter Fassung gestimmt. Auf die Formulierung „in geänderter Fassung“ kommt es hier besonders an.

Ursprünglich von der Bundesregierung vorgesehen war ein durchgängig generalistisches Ausbildungskonzept (BT-Drs. 18/7823), das die drei Berufszweige Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege in einer einheitlichen Pflegeausbildung zusammenfassen sollte. Der eigentliche Gesetzentwurf zur Umstellung auf eine generalistische Ausbildung stammt vom 9. März 2016 – mit einer zu dem, was wir dann am Ende bekommen haben, ganz eigenen Klarheit und Stringenz:

»Die bisherigen drei Ausbildungen in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege werden reformiert und zu einem einheitlichen Berufsbild zusammengeführt; die bestehende Dreigliederung der Pflegeberufe wird aufgehoben. Ergänzend zur fachberuflichen Pflegeausbildung wird eine bundesgesetzliche Grundlage für eine primärqualifizierende hochschulische Pflegeausbildung geschaffen. Die neue Ausbildung bereitet auf einen universellen Einsatz in allen allgemeinen Arbeitsfeldern der Pflege vor, erleichtert einen Wechsel zwischen den einzelnen Pflegebereichen und eröffnet zusätzliche Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten. Die Ausbildung wird in ein gestuftes und transparentes Fort- und Weiterbildungssystem eingepasst und die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Qualifikationsstufen in der Pflege verbessert. Die Ausbildung ist für die Auszubildenden kostenlos.«

So stand es auf der Seite 1 der zitierten Bundestags-Drucksache.
Offensichtliches Anliegen des ursprünglichen Entwurfs war ein Systemwechsel weg von der gegebenen versäulten, dreigliedrigen Ausbildung in unterschiedlichen Pflegebereichen (also zum einen der Fokus auf die Krankenhäuser und die Spezialrichtung der Kinderkrankenpflege sowie zum anderen der ganz eigene und separierte Bereich der Altenpflege).

Man muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es die Diskussion um eine generalistische Ausrichtung der Pflegeausbildung schon seit vielen Jahren gab und dabei natürlich auch starke Widerstandslinien gegen die Generalistik entstanden sind.

  • Die eine davon ist tatsächlich primär fachlich motiviert und auch fundiert, da geht es um das ewige Dilemma zwischen Generalisierung und Spezialisierung. In diesem Lager hat man Ängste vor einer fachspezifischen Entleerung der Pflege, einem Downgrading hin zu einer „Von allen etwas, aber nichts ganz richtig“-Ausbildung. Das sind Bedenken, die ihre Berechtigung haben und die man nicht einfach wegwischen kann.

Aber daneben gab und gibt es eine ganz anders gelagerte Widerstandslinie, der es nun wirklich nicht primär um die armen jungen und verwirrten Pflege-Azubis geht, sondern schlicht um monetäre Interessen. Es waren vor allem die privaten Altenheimbetreiber, die massiv gegen die geplante Umstellung der Pflegeausbildung aus allen Rohren geschossen und in der Person des damaligen pflegepolitischen Sprechers der Unionsfraktion im Bundestag, Erwin Rüddel (CDU), einen wirkkräftigen Unterstützer gefunden haben, der zudem auch selbst aus der Branche kommt. Und der jetzt aufgestiegen ist zum Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages.

Und was hat die genau getrieben in ihrem Widerstand gegen die generalistische Reform der Pflegeberufe? Das Sondersystem eine Altenpflege-Ausbildung sollte beibehalten werden, denn eine allgemeine und generalistische Pflegeausbildung würde bedeuten, dass die Absolventen Wahlfreiheit bekommen zwischen dem Krankenhaussektor und dem Altenpflegebereich. Und wenn man dann weiß, dass die Altenpflegekräfte bis zu 30 Prozent weniger verdienen als die Krankenpflegekräfte in den Krankenhäusern, dann ahnt man, warum die privaten Pflegeheimbetreiber hier gleichsam Amok gelaufen sind – im sicheren Wissen, dass es entweder eine Abstimmung mit den Füßen zuungunsten der Pflegeheime geben würde oder sie aber die Vergütungen der Altenpflegekräfte erheblich anheben müssten.

Und die haben das Gesetzgebungsverfahren nicht nur monatelang aufhalten können vor allem über Interventionen bei den Unionsparteien, sondern deren Aktivitäten sind auch mitverantwortlich dafür, was wir dann am Ende bekommen haben: ein echtes deutsches Gesetzgebungsprodukt, nach dem Motto, nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird und wenn es nicht anders geht, dann verwässern wir eben das Gesetz.

Die Reformer, die eine generalistisch angelegte Neukonzeption aller Pflegeausbildungen angestrebt haben, durften sich nicht durchsetzen, aber auch nicht die Verteidiger des Status Quo. Also hat man beide konträren Anliegen in einen Topf geworfen und herausgekommen ist das im Schaubild skizzierte „1.+2. (+3.) Generalistik- bzw. (ab 3.) Y-Optionsmodell“. Diese Umschreibung dessen, was man da im Bundestag letztendlich verabschiedet hat, geht auf diesen Beitrag vom 24. Juni 2017 zurück: Reform der Pflegeausbildung: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Von der Dreigliedrigkeit zum 1.+2. (+3.) Generalistik- bzw. (ab 3.) Y-Optionsmodell. Man ahnt schon – das ist nicht leicht zu verstehen und nicht einfach in der Umsetzung in der wirklichen Wirklichkeit. Warum das so ist?

Die zwischenzeitlich durch die Verzögerungen im Bundestag auf das Jahr 2020 verschobene Reform der Ausbildungen soll so umgesetzt werden, dass man den Generalisten entgegenkommt, in dem die ersten beiden Ausbildungsjahre von allen gemeinsam generalistisch absolviert werden sollen. Am Ende des zweiten Ausbildungsjahres müssen sich die Auszubildenden entscheiden – wollen sie generalistisch weitermachen, dann erwerben sie am Ende der Ausbildung des Abschluss „Pflegefachfrau/-mann“. Das ist der Abschluss, den nach dem ursprünglichen Gesetzentwurf alle erwerben sollten und der vom Anspruch her für die Pflege in allen Lebensphasen qualifizieren soll. Man kann sich nun aber nach dem zweiten Ausbildungsjahr auch entscheiden, in die Kinderkrankenpflege zu gehen – oder aber, dass ist der hier nicht nur quantitativ relevante Punkt, in die Altenpflege. Dort würde man dann wie heute den Abschluss Altenpfleger/in erwerben, der aber wiederum nicht zur Arbeit im Krankenhaus berechtigt und damit die Option einer Fortführung der bestehenden Versäulung der Systeme eröffnet.

Wenn sich genügend Interessierte finden. Daran habe ich schon im vergangenen Jahr einige Zweifel angemeldet. Man kann sich diese Zweifel schon auf dem theoretischen Weg der logischen Durchdringung verdeutlichen: Man »packt die Generalistik in die ersten beiden Jahre der Ausbildung, um dann in einem zweiten Schritt aber zu sagen, dass die, die sich dafür entscheiden, im 3. Jahr mit dem bisherigen System weitermachen können, was natürlich schon konzeptionell nicht stimmig ist, hat man doch die neuen ersten beiden, nunmehr aber generalistisch ausgestalteten Jahre überwinden müssen.«

»Man muss sich klar machen, zu was das in der Konsequenz führen kann: Die etablierte Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger mit der für sie so typischen spezialisierenden Ausrichtung auf den Krankenhausbereich wird gleichsam abgeschafft und (theoretisch) durch eine echte generalistische Ausbildung ersetzt, die für alle Pflegebereiche qualifizieren soll. Die bisherige Altenpflege-Ausbildung wiederum wird in den ersten beiden Jahren (theoretisch) von einer im Vergleich zum heutigen Stand weitaus ambitionierteren, weil generalistisch angelegten Ausbildung abgelöst, an der möglicherweise manche scheitern werden (müssen), die bislang die klassische Altenpflege-Ausbildung absolviert haben, um dann im dritten Jahr auf die Altenpflege zurück zu gehen, die zu einem Abschluss führt, der beispielsweise auch deshalb „unterwertig“ ist, weil er anders als der Abschluss in der Gesundheits- und Krankenpflege europarechtlich nicht den gleichen Stellenwert hat und der – wahrscheinlich für die meisten weitaus gewichtiger – auch keine alternativen Berufsfeldperspektiven eröffnet, was ja auch Ziel der intervenierenden Pflegeheimbetreiber war, die ihre Leute „festnageln“ möchten im Feld der Altenpflege.«

Man muss sich in aller Deutlichkeit vor Augen führen, was dieses „Nicht-Fisch-nicht-Fleisch“-Gesetz auslösen könnte: Im Ergebnis kann das möglicherweise dazu führen, dass der Bereich der Altenpflege tatsächlich in einem doppelten Sinne geschwächt wird, zum einen werden möglicherweise die Zugangszahlen in die Pflegeausbildung sinken, da die separate Schiene einer eigenständigen Altenpflege-Ausbildung in den ersten zwei Jahren nicht mehr existiert, zugleich könnten die Auszubildenden, die den gesamtgeneralistischen Weg gehen, angesichts des Attraktivitätsgefälles die Pflegeheime und die ambulante Pflege meiden. Auf der anderen Seite kann aber auch die Gesundheits- und Krankenpflege inhaltlich Schaden nehmen, wenn nämlich am Ende die Anforderungen an die generalistische Ausbildung runtergefahren werden, um möglichst viele mitzunehmen.

Insofern – bei aller berechtigten reflexhaften Empörung – erscheint der Vorstoß der Arbeitgeberseite in diesem Kontext durchaus konsequent. Die ahnen, was auf sie zukommen könnte bzw. wird.

Das ändert natürlich nichts an der Frechheit des Ansatzes. Ja, liebe Arbeitgeber-Funktionäre, man kann und darf und muss erwarten, dass Pflegefachkräfte – und um die geht es hier – in der Lage sein sollten, „über ein breites Verständnis von spezifischen Theorien und Modellen zur Pflegeprozessplanung“ zu verfügen und dass sie „pflegebezogene Daten anhand von pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen erheben und interpretieren“ können sollen sowie über „ein integratives Verständnis von psychosomatischen Zusammenhängen verfügen“. Wenn man den Pflegefachkräften das absprechen will, dann braucht man keine Fachkräfte mehr.

Oder nur noch einige wenige Exemplare – zumindest in der Altenpflege. Und dann wären wir wieder bei diesem Beitrag vom 22. August 2017: Wenn private Pflegeheimbetreiber eine „ideologiefreie Diskussion“ vorschlagen … Die Altenpflege, ihre Personalmisere und die das Geschäft störende Fachkraftquote. So wie jetzt beklagt wird, dass angeblich die neue Ausbildung den Pflegenotstand verstärken wird, ging es damals darum: „Fachkräftequote verschärft Pflegenotstand“. Der Bundesverband privater Pflegeanbieter (bpa) kritisierte »die zu strikte Auslegung der Regel, wonach die Hälfte des Pflegepersonals Fachkräfte sein müssen. Wird die Quote von in der Regel 50 Prozent unterschritten, legt der Betreiber „freiwillig“ Betten still – falls nicht, tun das die Behörden. Neue Patienten dürfen dann nicht aufgenommen werden.« Das ist schlecht fürs Geschäft, keine Frage. Die „Fachkraftquote“ – nach der mindestens die Hälfte der Beschäftigten über eine entsprechende pflegerische Qualifikation verfügen muss – ist den gewinnorientierten Pflegeheimbetreibern ein richtig großer Dorn im Auge. Denn die sind natürlich a) teurer als Hilfekräfte und b) die werden dann zu einem Problem, wenn man nicht genügend entsprechend qualifizierte Pflegekräfte finden kann auf dem Arbeitsmarkt.

Und der bpa-Präsident Bernd Meurer hat dann auch das eigentliche Anliegen auf den Punkt gebracht: „Der Gesetzgeber solle den Heimbetreibern mehr Raum für die Anstellung von – in der Regel auch billigeren – Hilfskräften lassen. Dabei führe der Einsatz von mehr Hilfskräften nicht automatisch zu einer schlechteren Pflege. Es komme daher nicht auf den Stellenschlüssel an, sondern darauf, dass in der Pflege die erforderliche Qualität „zu 100 Prozent“ erreicht werde.“

Und auch die neue Kritik reiht sich ein in diese strategische Linie. Man will den Bereich der Altenpflege weiterhin abgekoppelt lassen von dem, was sich in der Pflege insgesamt tut und was vor allem angesichts der ganz anderen Zusammensetzung der Bewohner von Pflegeheimen heute mehr als je Not tut: die Pflege nach oben zu entwickeln und nicht nach unten.

Offensichtlich geht es den beteiligten Akteuren um die Sicherstellung einer „(kostenbewussten) halbwegs Satt- und (wenn es zeitmäßig nicht anders geht eben auch katheterisierten) Trocken-Pflege“ für die Pflegebedürftigen, die uns anvertraut und die auf unsere Fürsorge angewiesen sind.

Diesem wirklich miesen Spiel sollte man keinen Platz einräumen.

Vielleicht will der eine oder andere einen eigenen Blick werfen in den Referentenwurf für eine Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe (Pflegeberufe-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung – PflAPrV). Der wurde diese Tage erst veröffentlicht.

Reicht eine in der Nacht oder müssen es mehr sein? Die finstere Realität bei den (Nicht-)Personalschlüsseln in Pflegeheimen

Der Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages hat am 18. April 2018 eine öffentliche Anhörung durchgeführt zum Thema „Pflegepersonalmangel in den Krankenhäusern und in der Altenpflege“. Und damit ein derzeit überall diskutiertes Problem aufgegriffen. Auslöser waren in diesem Fall  je zwei Anträge der Fraktionen Die Linke ( Drs. 19/30, Drs. 19/79) und Bündnis 90/Die Grünen ( Drs. 19/446, Drs. 19/447), die darauf abzielen, die Personalausstattung in der Pflege zu verbessern und damit auch die Arbeitsbedingungen der Pflegefachkräfte. Dazu wird eine verbindliche Personalbemessung in Pflegeeinrichtungen eingefordert. Zudem sprechen sich Grüne und Linke dafür aus, den Pflegevorsorgefonds umzuwidmen oder aufzulösen und mit dem Geld das Pflegepersonal aufzustocken. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag ein Sofortprogramm Pflege mit 8.000 neuen Fachkraftstellen in Pflegeeinrichtungen vereinbart – eine Ankündigung, die in den vergangenen Wochen heftig debattiert wurde, zum einen angesichts der von vielen kritisierten Unterdimensionierung vor dem Hintergrund der fehlenden Pflegekräfte insgesamt und zum zweiten, da bereits im bestehenden System in den Pflegeheimen mehr als 17.000 offene Stellen gar nicht besetzt werden können, da es an Bewerber/innen mangelt.

Die Ergebnisse der Anhörung sind nun wirklich nicht überraschend: »Gesundheits- und Sozialexperten sind sich einig: In der Kranken- und Altenpflege werden mehr Fachkräfte gebraucht.« Die Kritik wird seit langem vorgetragen: »Nach Ansicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist die Pflegeversorgung ,,am Limit“. Arbeitsverdichtung und chronischer Personalmangel bestimmten den Alltag der Pflegekräfte. In der Folge drohten vermehrt Behandlungs- und Pflegefehler. Verbindliche Personalschlüssel seien überfällig, wobei eine gute Pflege an den Bedürfnissen der Patienten zu orientieren sei und nicht an Mindestanforderungen.« Das zieht sich durch fast alle schriftliche Stellungnahmen der Organisationen und Einzelsachverständigen.

Hier soll das Grunddilemma an einem Thema illustriert werden, das jedem sofort einsichtig erscheint: den Nachtdiensten in einem Pflegeheim und der personellen Besetzung.

Man kann sich vorstellen, was es bedeuten muss, über eine lange Nacht die Bewohner/innen eines Pflegeheims zu versorgen – von denen viele nicht nur körperlich schwer pflegebedürftig sind und eine entsprechende Versorgung bedürfen, sondern der Anteil der Menschen, die demenziell erkrankt sind, ist in vielen Heimen heute sehr hoch. Nun sind gerade die nachts oft aktiv und benötigen – eigentlich – eine besonders personalintensive Betreuung. Und man muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Pflegeheime aufgrund des hohen Alters und des Gesundheitszustandes vieler Bewohner auch einer der bedeutenden Orte des Sterbens geworden sind – und würde nicht jeder erwarten, wünschen, hoffen, dass man nicht alleine gelassen wird, wenn es zu Ende geht?

Warum eigentlich muss man überhaupt solche Fragen aufwerfen? Weil man immer wieder mit Berichten konfrontiert wird, dass Pflegekräfte in der Nacht 50 oder mehr Menschen zu versorgen haben. Den auch nur halbwegs emphatisch veranlagten Menschen wird bei so einer Vorstellung schwarz vor Augen und man kann sich Nächte unter solchen Bedingungen als das vorstellen, was sie nicht selten sind: ein Horror. Für die betroffenen pflegebedürftigen Menschen und für die Pflegekräfte.

Und wahrlich – das Thema der personellen Besetzung der Nachtdienste in den Pflegeheimen ist kein neues, gerade entdecktes Thema in der Pflegediskussion.

Der eine oder andere wird sich vielleicht noch über diese eine seltene, an die Oberfläche und damit in die öffentliche Aufmerksamkeit gelangte Meldung aus dem Jahr 2015 erinnern: In Berlin hatte ein Notruf aus einem Pflegeheim für Aufregung gesorgt. Im Stadtteil Rudow hatte eine überforderte Pflegehelferin die Feuerwehr gerufen, damit die Notärztin drei Bewohnerinnen ihre Medikamente geben konnte. Sie selber war dazu nicht befugt, eine Fachkraft war nicht da. Eine Angehörige, die zu Besuch war, hatte die Polizei verständigt – und diese hatte die Pflegehelferin angewiesen, sofort den Notarzt zu verständigen. Ein Sprecher des Heimbetreibers begründete den „personellen Engpass“ damit, dass eine medizinisch versierte Fachkraft kurzfristig erkrankt sei.

Im November 2015 berichtete Rainer Woratschka in seinem Artikel: Im Nachtdienst versorgt eine Pflegerin 52 Bewohner. Darin bezog er sich auf diese Studie der Universität Witten/Herdecke:

Bienstein/große Schlarmann (2015): Die Nacht in deutschen Pflegeheimen 2015, Universität Witten/Herdecke: Department für Pflegewissenschaft

Woratschka hat einige Aspekte zusammengefasst:

»In deutschen Pflegeheimen muss sich eine Pflegekraft nachts im Schnitt um 52 Menschen kümmern … Damit stünden für einen Heimbewohner pro Nacht gerade mal zwölf Minuten Zeit zur Verfügung. Für die Pflegekräfte bedeute dies „Stress pur“, sagte Studienleiterin Christel Bienstein dem Tagesspiegel. Mindestens 40 dieser 52 Bewohner benötigten nachts nämlich auch „direkte Unterstützung“ – sei es, dass sie regelmäßig umgelagert werden, Medikamente gespritzt bekommen oder zur Toilette begleitet werden müssten. Allein für die vorgeschriebene Handhygiene seien pro Nacht mindestens zwei Stunden zu veranschlagen … So gaben 8,7 Prozent der Befragten an, nachts sogar für mehr als 100 Heimbewohner zuständig zu sein … Knapp zwei Drittel hätten sich „häufig“ oder „sehr oft“ um herumirrende Patienten mit Demenz zu kümmern. Und jede zweite Pflegekraft kann nachts auch in Notfällen auf keinen Hintergrunddienst zurückgreifen. Aufgrunddessen ist es nicht verwunderlich, dass etwa ein Viertel der Versorgten mit freiheitseinschränkenden Maßnahmen oder Medikamenten ruhiggestellt wird … Am meisten litten die Pflegekräfte darunter, im Nachtdienst keine Zeit für Sterbende zu haben, sagte Bienstein. 66 Prozent der Befragten klagten in der Studie darüber.«

Und wie hatte damals die Politik reagiert? Woratschka zitiert in seinem Artikel aus dem Jahr 2015 diese Stimmen:

»Die Pflegeexpertin der Grünen im Bundestag, Elisabeth Scharfenberg, zeigte sich „entsetzt“ über die Ergebnisse der Studie … Offensichtlich brauche es „engere Vorgaben zur Personalbesetzung im Sinne eines Anwesenheitsschlüssels“ – und entsprechende Kontrollen.«

»Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Hilde Mattheis, sprach von einer „unglaublichen Belastungssituation“, die weder Pflegekräften noch Pflegebedürftigen zuzumuten sei. Das Pflegestärkungsgesetz … verlange deshalb bis zum Jahr 2020 die Erarbeitung eines Vorschlags zur Personalbemessung in Pflegeheimen. Bisher sind für die Personalausstattung der Pflegeheime allein die Länder zuständig.«

Und dann finden wir noch einen Hinweis auf so etwas wie einen Personalschlüssel: »In Bayern beispielsweise dürfe eine Pflegekraft seit Mitte 2015 nachts nur für 30 bis 40 Bewohner zuständig sein.« Darauf werden wir gleich noch zurückkommen.

Diesen Aspekt aus heutiger Sicht im Frühjahr 2018 beleuchtet nun eine neue Veröffentlichung:

Birgitta vom Lehn (2018): Ein oder zwei Nachtwachen? Wo Personalschlüssel am strengsten sind, in: pflegen-online.de, 06.04.2018

Alle 16 Bundesländer wurden befragt, ob und wie bei ihnen die Personalbesetzung der Nachtdienste in Pflegeheime geregelt ist. Alle haben geantwortet – bis auf Hessen.

„Es muss zu jeder Tages- und Nachtzeit mindestens eine Pflegefachkraft anwesend sein.“ Das war die häufigste Antwort auf die Frage, wie es die einzelnen Länder mit Nachtdiensten in Pflegeheimen halten.

Ja, Sie lesen richtig. Das ist in der Mehrzahl der Bundesländer die zentrale Antwort auf die Frage, ob es Vorschriften die personelle Ausstattung der Heime in der Nacht betreffend gibt. Das kann jetzt nicht wirklich sein, wird der eine oder andere denken – es geht hier doch nicht um Möbellager, das man in der Nacht beaufsichtigen muss. Oder doch?

Und erschreckend ist auch der folgende zusammenfassende Befund, der auch in der Tabelle am Anfang dieses Beitrags dargestellt ist:

»Lediglich Baden-Württemberg (1:45), Bayern (1:40 beziehungsweise 30) und Bremen (bislang 1:50, ab Mai 2019 1:40) haben feste Personalschlüssel. Dabei müssen in Baden-Württemberg bei 90 Pflegebedürftigen nachts nicht etwa zwei Pflegefachkräfte eingesetzt werden, wie der Personalschlüssel suggeriert: Es reichen eine Fach- und eine Hilfskraft. Bayern hat die Kriterien genau festgelegt, nach denen die jeweiligen Personalschlüssel anzuwenden und eventuell aufzustocken sind.«

Mit Blick auf die Zukunft kann man an dieser Stelle ergänzen: Thüringen und Sachsen-Anhalt planen gestaffelte Regelungen, wobei es sich hier um Versprechungen bzw. mehr als fragwürdige Personalschlüssel handelt.

  • Thüringen: »Im Rahmen der Erarbeitung der Durchführungsverordnung zum Thüringischen Wohn- und Teilhabegesetz ist geplant, eine gestaffelte Regelung zur personellen Besetzung des Nachtdienstes unter Bezugnahme auf die Zahl der Bewohner zu treffen. Im derzeitigen Stadium der Erarbeitung können aber noch keine detaillierteren inhaltlichen Aussagen dazu getroffen werden.«
  • Sachsen-Anhalt: »Mit dem noch nicht in Kraft getretenen Entwurf der Personalverordnung zum WTG LSA (E WTG-PersVO) ist in Paragraf 8, Absatz 3, Satz 3 vorgesehen, dass in stationären Einrichtungen mit pflegebedürftigen Bewohnern auch in den Nachtdiensten mindestens eine Fachkraft, in stationären Einrichtungen mit 100 und mehr belegten Plätzen mindestens eine weitere Fachkraft (also mindestens 2), in stationären Einrichtungen mit 200 und mehr belegten Plätzen mindestens zwei weitere Fachkräfte (also mindestens 3) ständig anwesend sein müssen.«

Das war es dann auch. Birgitta vom Lehn weist in ihrem Beitrag auch auf diese Antwort aus Schleswig-Holstein hin, die einen im ersten Moment schmunzeln lässt, dann aber mehr als erschrecken sollte: »Die in den Rahmenverträgen vereinbarte und von den Kostenträgern auch refinanzierte personelle Besetzung der Nachtwachen von 1:20 bedeutet nicht, dass diese Pflegekräfte in der Nacht auch tatsächlich grundsätzlich anwesend sein müssen; in dem „Refinanzierungs-Schlüssel“ sind zum Beispiel auch Abwesenheitszeiten durch Urlaub, Krankheit und so weiter berücksichtigt.«

Das kann eigentlich nicht sein, werden viele – und völlig zu Recht – an dieser Stelle denken. Da ist in unserem Land genau geregelt, welchen Mindestplatz in Zentimeter in Legebatterien einzuhalten ist, um das arme Federvieh zu „schützen“, aber es gibt zahlreiche Bundesländer, in denen gleichsam nur die Mindestanforderung vorgegeben ist, dass eine Pflegekraft Anwesens sein muss? In denen oftmals die Sicherstellung der notwendigen Versorgung in die Hände der Heimträger gelegt wird – hoffend, dass die das auch schon machen im Sinne der Betroffenen? Und das alles wohl wissend, dass die Heime sicher davon ausgehen können, dass in den Nächten keiner vorbei kommt und die wirkliche Wirklichkeit in Augenschein nimmt mit der Gefahr für den Träger, zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn man grobe Missstände verursacht? Wenn man sich an den Menschen vergeht – sowohl an den ausgelieferten und unseren Schutz und unsere Sorge bedürfenden Bewohnern eines Heims wie auch dem Personal, das im wahrsten Sinne des Wortes allein gelassen wird?

Und keiner kann wie bereits angesprochen behaupten, dass man jetzt aber überrascht sei über diese Zustände. Immer wieder wurde darüber berichtet, beispielsweise in dieser Reportage des Politikmagazins „Kontrovers“ des Bayerischen Fernsehens aus dem Jahr 2015: Nachts im Pflegeheim:

»Mitgefühl und Menschlichkeit bleiben auf der Strecke, klagen Pflegekräfte. Ältere Menschen schlafen nachts oft nicht mehr gut, besonders dann nicht, wenn sie dement sind, sie stehen auf, irren durch die Gänge. Sie bräuchten dringend Zuwendung, aber Zuwendung braucht Zeit. Die aber hat das Personal oft nicht. Eine ehemalige Nachtwache erinnert sich vor der Kamera: „Es liegt jemand im Sterben, den muss man alleine lassen, da kann man nicht mal stehen bleiben, mal zwei Minuten die Hand halten, also da sterben die Leute dann mutterseelenallein.“ Offensichtlich sparen viele Träger von Heimen gerade in der Nacht an Personal. Kontrovers-Reporter haben Fälle in ganz Bayern recherchiert, in denen Nachtwachen unterbesetzt sind.«

Das war im März 2015. Kurz darauf hat Bayern die in diesem Beitrag beschriebene Regelung, dass eine Pflegekraft für maximal 40 Bewohner zuständig sein darf, eingeführt – und ist damit, wie hier gezeigt wurde, im Vergleich der Bundesländern an der „glänzenden Spitze“. Nicht nur eigentlich ein Trauerspiel, ein Desaster und eine Unerträglichkeit, die nur deshalb funktioniert, weil wir a) in einem System der organisierten Unverantwortlichkeit leben, b) die Zustände im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln der Nacht bleiben, c) die Verantwortlichen glauben und/oder hoffen, sie wird es nicht treffen und d) ja, auch weil es immer noch genügend Pflegekräfte gibt, die aus welchen Gründen auch immer die Schalthebel dieses morbiden Systems bedienen.