Heimkinder. Kein Auslaufmodell. Ganz im Gegenteil. Und das in Zeiten des Mangels an Plätzen und Personal

Vor kurzem wurde hier über die beklagenswerte Situation in vielen Jugendämtern berichtet: Die Jugendämter auf verlorenem Posten? Eine neue Studie zu einem alten Problem, so ist der Beitrag vom 16. Mai 2018 überschrieben. Auslöser war eine Studie der Hochschule Koblenz zu den Arbeitsrealitäten in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) der Jugendämter.

Und nun werden wir mit solchen Schlagzeilen konfrontiert: »Die Zahl der Heimkinder wächst seit Jahren stark an. Plätze und Personal sind knapp – darunter leidet die Qualität der Betreuung. Experten warnen vor einem wachsenden Risiko für Übergriffe«, so Tobias Lill in seinem Artikel SOS im Kinderdorf.  Die Zahl der Jungen und Mädchen, die von den Behörden in ihre Obhut genommen werden, ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen – das verdeutlicht auch die Abbildung am Anfang dieses Beitrags. Bereits seit 2006 sehen wir einen deutlichen Anstieg der Zahl der Inobhutnahmen der Jugendämter nach § 42 SGB VIII, so nennt man im Amtsdeutsch die Herausnahme von Kindern und Jugendlichen aus ihren Familien. Der überaus starke Anstieg der Inobhutnahmen in den Jahren 2015 und 2016 ist vor allem durch die „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“, die nach Deutschland gekommen sind.

Dazu hat die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund DJI/TU Dortmund im Dezember 2017 ausführlicher Stellung genommen: Hilfen zur Erziehung 2016 – weiterer Anstieg durch Hilfen für junge Geflüchtete. Mit Blick auf die vom Statistischen Bundesamt präsentierten Zahlen für 2016 schreiben die Wissenschaftler:

»Erneut haben insbesondere die Unterbringungen im Rahmen der Heimerziehung noch einmal erheblich zugenommen. Diese Entwicklung geht – wie auch schon im vergangenen Jahr – hauptsächlich auf den Anstieg unbegleiteter, vor allem männlicher minderjähriger Flüchtlinge in stationären Einrichtungen zurück … Bei den Gründen für die Gewährung einer erzieherischen Hilfe wurde in den letzten Jahren eine Verschiebung in der Zusammensetzung der jungen Menschen in der stationären Unterbringung erkennbar. Wurden Unterbringungen im Rahmen der Heimerziehung bis 2013 hauptsächlich aufgrund einer eingeschränkten Erziehungskompetenz der Eltern bzw. Sorgeberechtigten gewährt, steht seit 2014 mit einem Anteil von 20% erstmalig die Unversorgtheit junger Menschen an erster Stelle. Bis 2016 hat sich dieser Hilfegrund noch einmal erheblich erhöht: Bei mittlerweile fast jedem zweiten jungen Menschen ist dies der Hauptgrund für die Gewährung einer Heimerziehung … Der Anteil der männlichen Jugendlichen im Alter von 15 bis unter 18 Jahren, für die „Unversorgtheit“ als Hauptgrund für die stationäre Hilfe angegeben wurde, fällt im Jahr 2016 mit 71% sehr hoch aus. 2014 betrug dieser bereits 40%.«

Diese Entwicklungen schlagen sich auch nieder in den Zahlen der einzelnen Hilfearten außerhalb des Elternhauses. Besonders markant ist der Anstieg bei der Inanspruchnahme der „Heimunterbringung; sonstige betreute Wohnformen“.

Diese Zuwächse stoßen nun auf ein System, das bereits seit längerem unter erheblichen Druck ist.  Die aktuellen Herausforderungen verdeutlicht Tobias Lill in seinem Artikel am Beispiel der SOS-Kinderdörfer, am Beispiel einer Einrichtung  im oberbayerischen Dießen: »SOS-Kinderdörfer nehmen vor allem Jungen und Mädchen auf, die auf absehbare Zeit nicht mehr zu ihren leiblichen Eltern zurückkönnen. Und das ist immer öfter der Fall. „Die Anzahl der von den Jugendämtern angefragten Plätze übersteigt die Kapazitäten unserer Einrichtung deutlich“, sagt Christoph Rublack, der in Dießen den Bereich der Kinderdorffamilien leitet.«

Aber es sind nicht nur die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die das System fordern – der Anstieg hat ja auch schon in den Jahren vor der großen Zuwanderung stattgefunden. Das muss auch im Kontext der Debatte über Kindesmisshandlungen und Kindstötungen gesehen und eingeordnet werden: Kinder landeten heute schneller im Heim als noch vor einem Jahrzehnt, wird Michael Böwer, Professor für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, in dem Lill-Artikel zitiert: „Die Jugendämter wollen sich absichern und nicht riskieren, dass sich Fälle wie der Tod von Kevin wiederholen.“

2016 haben die Jugendämter fast doppelt so viele Kinder wegen Anzeichen von Misshandlung aus ihren Familien genommen als noch ein Jahrzehnt zuvor. Und: Gut 17.500 Mal begründeten die Behörden 2016 eine Inobhutnahme mit einer Überforderung der Erziehungsberechtigten – so oft wie noch nie seit mindestens 1995.

Und die Fremdunterbringung hat einen eindeutigen sozialen Bias: Über die Hälfte der Minderjährigen, die in einem Heim oder einer betreuten Wohngruppe leben, kommen aus Familien, die zumindest zum Teil von Hartz IV oder Sozialhilfe leben.

Und natürlich wird auch das Geld angesprochen: »Der Trend zur staatlichen Erziehung ist nicht billig: Rund 4,9 Milliarden Euro kostete die Erziehung in Heimen oder einer sonstigen betreuten Wohnform im Jahr 2016 – doppelt so viel wie ein Jahrzehnt zuvor. Mehrere Tausend Euro im Monat bekommen Heimbetreiber pro Kind von den Behörden.«

An dieser Stelle bricht dann regelmäßig eine intensive und höchst emotional aufgeladene Debatte los, ob sich da nicht was verselbständigt hat, also dass die Heimbetreiber ihre ökonomischen Interessen über die der Kinder und Jugendlichen stellen, ob nicht die Jugendämter froh sind, wenn sie die „Fälle“ auslagern können. Und wenn man in Rechnung stellt, dass in diesem Bereich nicht nur gemeinnützige, sondern auch privat-gewerbliche, also auf Gewinnerzielung ausgerichtete Anbieter unterwegs sind, dann kann man sich durchaus die eine oder andere Interessenskollision vorstellen.

Diese Debatte kann hier nicht geführt werden. Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, dass eine Fremdunterbringung der Kinder und Jugendlichen sinnvoll und angezeigt ist (und dafür kann es durchaus zahlreiche Gründe geben), dann muss das nicht nur finanziert werden, sondern es muss ausreichend finanziert werden, um eine qualitativ den Vorgaben entsprechende Betreuung der Kinder und Jugendlichen in diesem schwierigen Setting zu ermöglichen. So legt auch Lill in seinem Artikel den Finger auf eine offene Wunde: » Experten zufolge (wäre) weit mehr Geld nötig, damit Heimkinder später auch nur ansatzweise dieselben Chancen hätten wie die aus intakten Familien.«

Und schon sind wir beim Thema Personal. In den stationären Einrichtungen arbeiten viele Erzieher/innen. Doch seit Deutschland Hunderttausende Kita-Plätze aus dem Boden gestampft hat (und der Bedarf weiter wächst und durch die Ausweitung der Ganztagsbetreuung an Schulen zusätzlicher Bedarf hinzukommt) und zugleich die Zahl der Heimplätze steigt, werden die Fachkräfte mehr als knapp.

»Es fehle „zunehmend Personal, das bereit und qualifiziert ist, in Wechselschichten, am Wochenende und mit Nachtbereitschaften zu arbeiten“, warnte bereits 2016 der Brandenburger Landesverband privater Kinderheime. Auch die kirchlichen Träger klagen über einen zunehmenden Mangel an Erziehern und Pädagogen. „Vor allem auf dem Land ist das nötige Personal kaum noch zu finden“, sagt Stephan Hiller, Geschäftsführer des Bundesverbands katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen. Man habe deshalb bereits Gruppen schließen müssen.«

Bundesweit waren bei der Arbeitsagentur Mitte 2017 gut 1500 offene Jobs in Kinderheimen gemeldet. Tatsächlich fehlten Tausende Stellen, da viele Träger offene Jobs wegen mangelnder Vermittlungsaussichten gar nicht mehr meldeten, heißt es bei der Bildungsgewerkschaft GEW.

Die Personalsituation sei in vielen Kinderheimen „katastrophal“, wird Norbert Hocke zitiert, der bei der GEW bis 2017 über drei Jahrzehnte den Bereich Jugendhilfe und Sozialarbeit geleitet hat. Und gerade hier greifen mehrere strukturelle Probleme ineinander: Neben den wenig attraktiven Arbeitsbedingungen vor allem angesichts des Schichtdienstes kommen weitere Probleme hinzu: Dass immer mehr Kinder und Jugendliche teils auch ohne Fluchthintergrund nicht oder nur unzureichend Deutsch sprechen, stellt die Pädagogen vor zusätzliche Herausforderungen. Heime müssten zunehmend „auch Mitarbeiter behalten, von denen sie wissen, dass sie nicht geeignet sind“. Sie würden schlicht keinen Ersatz finden. Experten gehen von einer steigenden Zahl an Überbelegungen aus – den Jugendämtern fehlt oft die Zeit zu überprüfen, wie es in den jeweiligen Heimen eigentlich zugeht. Auch bei der Heimaufsicht fehlt häufig Personal. Das alles im Zusammenspiel gefährdet massiv die Betreuung der Kinder und Jugendlichen.

Natürlich darf an dieser Stelle der Hinweis auf politische Ursachen der kritisierten Zustände nicht fehlen: »Aus Sicht von Gewerkschafter Hocke ist eine Ursache der Misere, dass die Jugendämter in der Vergangenheit bei der Auswahl zu wenig kontrolliert und zu oft die für sie günstigsten Heime bevorzugt hätten. Dies habe zu einem Unterbietungswettbewerb zwischen manchen Trägern geführt.«